Sexuelle Gewalt: Jugendverbände gegen Täter in den eigenen Reihen vom 23.06.2010
Sexuelle Gewalt: Jugendverbände gegen Täter in den eigenen Reihen
Bundesweite BJR-Fachtagung zur Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Jugendarbeit – 80 Teilnehmer/-innen aus ganz Deutschland – Erstmals in bundesweiter Qualifizierungsreihe 18 Führungskräfte zum Thema fortgebildet
„Ich
bin sehr froh, dass wir in der Jugendarbeit mit dem Thema „sexuelle Gewalt
gegen Kinder und Jugendliche“ offen umgehen, klare Strategien zur Abschreckung
von Tätern haben und bei Vorfällen schnell und verantwortungsvoll reagieren
können“, so Martina Kobriger, Präsidentin des Bayerischen Jugendrings (BJR).
Gemeinsam mit Florian Dallmann, dem stellvertretenden Vorsitzenden des
Deutschen Bundesjugendrings (DBJR), übergab sie die Abschlusszertifikate an 18
Absolvent/-innen einer besonderen Fortbildung: Die Qualifizierungsreihe
„PräTect …keine Täter in den eigenen Reihen!“, die aus einem Präventionsprojekt
des BJR hervorging und erstmals bundesweit angeboten wurde, befähigt Führungskräfte
der Jugendarbeit, präventive Strukturen in ihren Organisationen zu schaffen und
auszubauen.
Vertreter/-innen aus Politik und Fachwelt einig: Präventionsprojekt muss
weitergehen
Dallmann
dankte dem BJR für die gute Zusammenarbeit: „Aufgrund des langjährigen Engagements
des BJR gegen sexuelle Übergriffe mit dem Projekt „PräTect“, das seit über zehn
Jahren in Bayern Beratung und Qualifizierung anbietet, konnten jetzt auch
bundesweit wichtige Akzente gesetzt werden. Diese Arbeit muss weitergehen.“
Unterstützung kommt auch aus der Landespolitik: Julika Sandt,
jugendpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, setzt sich beim
bayerischen Kultusministerium für die Finanzierung des Projekts ein und sagte
zu, dies weiterhin zu tun. Auch Prof. Dr. Mechthild Wolff von der
Fachhochschule Landshut, aktuell Mitglied des Runden Tisches der
Bundesregierung gegen Kindesmissbrauch, und Kai Sachs vom Deutschen
Paritätischen Wohlfahrtsverband lobten das Projekt als modellhaft für andere
Bundesländer. Die wichtige Professionalisierung und Qualifizierung von
Institutionen der Jugendarbeit in diesem Bereich, die das Projekt leistet,
müsse unbedingt fortgeführt und auf eine breitere Basis gestellt werden.
Lückenlose Kontrolle nicht zielführend
Die
Absolvent/-innen der Qualifizierungsreihe stellten die Ergebnisse ihrer
einjährigen Arbeit vor und diskutierten mit den Teilnehmenden über mögliche
Wege, Prävention in ihren Jugendverbänden zu verankern. Prof. Wolff und Kai
Sachs als Experten betonten, dass nur durch langfristige Prozesse der
Organisationsentwicklung Missbrauch in Institutionen wirksam verhindert werden
könne. Die aktuelle Krise biete die Chance, solche Prozesse flächendeckend
einzuleiten. Diskussionen um gesetzliche Verschärfungen mit dem Ziel möglichst
lückenloser Kontrolle der Verantwortlichen seien „Stellvertreterdebatten“ und im
Hinblick auf den wirksamen Schutz von Kindern und Jugendlichen nicht
zielführend. Es ginge vielmehr darum, aufbauend auf bewährten Maßnahmen, die es
in vielen Arbeitsfeldern wie z.B. der Jugendarbeit bereits gibt, allgemeine,
verbindliche Mindeststandards für Präventionskonzepte einzuführen. Diese
müssten dann alle Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben,
verpflichtend umsetzen: etwa externe Beschwerdemöglichkeiten oder die feste Verankerung
entsprechender fachlicher Fortbildung.
Offenheit und Transparenz statt Pseudo-Sicherheit durch Führungszeugnisse
BJR-Präsidentin
Kobriger unterstrich, dass eine informierte, transparente Organisationskultur
sowie ein Klima, das die Beteiligung von Kindern fördert und ernst nimmt, sich
als wirksame institutionelle Schutzfaktoren erwiesen hätten. „Kinder und
Jugendliche in ihren Rechten zu achten, Offenheit im Umgang miteinander und transparente
Strukturen tragen ganz wesentlich zu einer Kultur des Hinsehens bei, die wir so
dringend brauchen. Führungszeugnisse – auch das erweiterte – können eine
Pseudo-Sicherheit suggerieren, die genau diese Haltung unterläuft.“ Der BJR
vertritt die Position, dass Führungszeugnisse keinesfalls ausreichende
Sicherheit bieten können, was die persönliche Eignung von (haupt- oder
ehrenamtlichen) Mitarbeiter/-innen angeht. „Eine Verschärfung der geltenden
Gesetze in diesem Punkt ist nicht erforderlich. Sie würde nur den
unverzichtbaren Prozess der Organisationsveränderung, der kontinuierlich
lebendig gehalten werden muss, vorschnell wieder beenden“, so Kobriger. „Allzu
leicht wiegt man sich innerhalb einer Organisation in Sicherheit, wenn überall
nur weiße Westen blitzen. Aber genau diese Einstellung gilt es mit allem
Nachdruck zu bekämpfen.“ Gerade im Bereich des Sexualstrafrechts bestehen hohe
Dunkelziffern, viele Straftaten werden den Ermittlungsbehörden nie oder erst
nach vielen Jahren bekannt.
Seit 1999 befasst sich der
Bayerische Jugendring intensiv mit dem Thema „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und
Jugendliche“. Zunächst in einer landesweiten Arbeitsgruppe und seit 2003 mit
dem Projekt „PräTect“, das Aufklärungs-, Beratungs- und Vernetzungsarbeit
leistet und präventive Strukturen aufbaut. Von 2009 bis 2010 hat der BJR in
Kooperation mit dem Deutschen Bundesjugendring e.V. und gefördert durch die
Stiftung Jugendmarke e.V. die Qualifizierungsreihe „PräTect …keine Täter in den
eigenen Reihen!“ durchgeführt.
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