Zweites Forum Jugendarbeit und Schule: Beiträge zur Öffnung der Schule
Eine facettenreiche Begegnung zweier Bildungsinstanzen mit Gewinnchancen für alle Beteiligten
Seit Mitte 2008 bietet der Bayerische Jugendring eine Fachberatung zu allen Fragen der Kooperationen zwischen Jugendarbeit und Schule für Träger der Jugendarbeit an und fördert Maßnahmen schulbezogener Jugendarbeit. Die Erfahrungen zeigen, wie vielfältig Jugendarbeit mit Schule aktiv ist. Die Unterschiedlichkeit der Praxisbeispiele verdeutlicht, dass die Angebote vor Ort gemäß den vorliegenden Rahmenbedingungen und Zielsetzungen individuell entwickelt werden müssen. Eines ist aber eindeutig: Will Jugendarbeit in der Schule aktiv werden und sich als Bildungspartner positionieren, begibt sie sich auf neues Terrain und muss sich über ihr Bildungsverständnis und ihre Arbeitsformen klar werden und sich mit dem Bildungspartner Schule verständigen. Auch auf Landesebene ist diese Verständigung und Kommunikation wichtig, deshalb führte der Bayerische Jugendring in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, in der Vorbereitung und Durchführung vertreten durch das ISB, das 2. Forum „Jugendarbeit und Schule – Öffnung der Schule“ vom 26.01. – 27.01.10 im Institut für Jugendarbeit in Gauting durch.
Die Resonanz zu dem Tagungsangebot war enorm, über 60 Teilnehmer/-innen beteiligten sich am Erfahrungsaustausch, diskutierten die Thesen der Fachvorträge und arbeiteten in Arbeitsgruppen und Workshops.
Zur Erziehung eines Kindes bedarf es eines ganzen Dorfes.
(afrikanisches Sprichwort)
Prof. Dr. Thomas Rauschenbach plädierte in seinem Eingangsvortrag für eine konzeptionelle Neuausrichtung in Sachen Bildung und für eine bessere Verzahnung der unterschiedlichen Bildungsorte und Lernwelten: Familie, Schule und Jugendhilfe. Er bewarb die Pädagogik der Jugendarbeit als attraktives Angebot in der Schule, als Antwort auf die heute veränderte familiäre Situation von Kindern und Jugendlichen und verwies auf die Stärke der Jugendarbeit, Alltagsbildung zu vermitteln und ihre Möglichkeiten, wichtige Aufgaben in der Erziehungs- und Bildungsarbeit von Kindern und Jugendlichen im Sozialraum Schule zu übernehmen. Er rief die Jugendarbeit auf, ihr Selbstverständnis zu klären, neu zu bestimmen und bewusst zu entscheiden, sich mehr am Prozess des öffentlichen Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen zu beteiligen.
Anschließend stellte Frau Gärtner als Koordinatorin für Ganztagsschulen Erwartungen an Kooperationspartner aus schulischer Sicht dar. Mögliche Handlungsfelder für Kooperationen, notwendige Vereinbarungen und Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit waren Inhalt ihrer Präsentation.
Martina Liebe, Leiterin des Referates Jugendpolitische Grundsatzfragen des BJR, knüpfte an die Thesen von Prof. Dr. Thomas Rauschenbach an und eröffnete den Blick auf die vielfältigen Angebote, die Jugendarbeit als Kooperationspartner für Schule bietet. In ihrem Vortrag „Was kann Jugendarbeit in Kooperationen einbringen?“ gab sie einen Überblick über Schwerpunkte, Akteure, Inhalte und Erfahrungen der geförderten Projekte und Maßnahmen im Fachprogramm „Schulbezogene Jugendarbeit“ des BJR.
In ihrem Referat bezog sie sich auf die vorliegenden Daten: Hauptakteure bei den geförderten Maßnahmen Schulbezogener Jugendarbeit sind bisher die Jugendverbände, gefolgt von den Stadt- und Kreisjugendringen und den Jugendbildungsstät-ten. Die Angebote verteilen sich auf alle Schularten mit Schwerpunkt an den Hauptschulen. Die Angebote finden zumeist nachmittags und am Wochenende statt, während des Unterrichts und bei manchen Angeboten auch während und außerhalb der Unterrichtszeiten. Ein Großteil Schulbezogener Angebote der Jugendarbeit wurden an Jugendbildungsstätten veranstaltet, ein weiterer Großteil an den Schulen selbst, einige Projekte wurden an Einrichtungen der Jugendarbeit und in der Natur angeboten. Die geförderten Maßnahmen befassten sich mit folgenden Inhalten: Soziales Lernen, Tutorenschulungen, Berufsorientierung, SMV, Kunst/Kultur/Medien, Jugend-politische Themen, Freizeitgestaltung und Übernahme von Verantwortung und Engagement. Viele Maßnahmen fanden unter ehrenamtlicher Beteiligung von Verbänden, außerschulischen Experten, Schüler/-innen und Lehrkräften statt. Martina Liebe verdeutlichte die Beiträge der Jugendarbeit zur Öffnung der Schule anhand der Angebotsstruktur während und außerhalb der Unterrichtszeit, im oder außerhalb des Schulgebäudes und durch die Gewichtung von jugendarbeitsspezifischen Lerninhalten, wie z.B. „Soziales Lernen“ als durchgängiges Moment.
„Gegenwelt“ war früher - Voneinander profitieren, sich gegenseitig unterstützen ist der neue gemeinsame Nenner
Workshops boten die Möglichkeit, von den Erfahrungen anderer zu profitieren und sich auszutauschen. Projektbeispiele von verschiedenen Schulformen und aus un-terschiedlichen Arbeitsfeldern der Jugendarbeit, der Kommunalen Jugendarbeit, Ju-gendbildungsstätten, offenen Jugendarbeit, Stadt- und Kreisjugendringen, immer vorgestellt von beiden Kooperationspartnern, bereicherten den Marktplatz der Erfolgsmodelle. Bei allen Projektpräsentationen wurde das persönliche Engagement der Beteiligten und die Freude an den „Früchten“ der gemeinsamen Arbeit, sowie der Mehrwert für die Schüler/-innen sichtbar, dieses Erlebnis konnte jede/r Workshopteilnehmer/-in als Motivation für die eigene Arbeit mit nach Hause nehmen.
Die Öffnung von Schule integriert, was oft getrennt ist, schafft Brücken zwischen Menschen und Institutionen.
Frau Prof. Dr. Speck-Hamdan, Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der LMU, sprach sich in ihrem Vortrag für eine Öffnung der Schule aus, ausgehend von einem konstruktivistischen Lernbegriff, den das Kind als Agent seines Lernens sieht. Sie empfahl:
- eine Öffnung nach innen, die eine Vernetzung von Eltern, Schüler/-innen, Lehrer/-innen, Mitarbeiter/-innen der Jugendhilfe und Jugendarbeit befördert und Schule als Erfahrungsfeld erkennt, indem Bildung, Erziehung und Betreuung eine Einheit bilden.
- eine Öffnung nach Außen durch dauerhafte Kooperationen mit außerschuli-schen Bildungspartnern, die auch die Mitarbeit außerschulischer Personen (Experten, Eltern) ermöglicht und außerschulische Erfahrungs- und Lern-räume für die Bildungsarbeit nutzt.
Als besonders wichtig hob sie die Stärkung von Eigenverantwortung und die Teilhabe der Schüler/innen am Bildungsprozess hervor.
Eine Tagung, die nicht nur reflektiert, sondern auch Weichen für die Zukunft stellt
Die Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit wichtigen Themen aus der alltäglichen Kooperationsarbeit und erarbeiteten Ergebnisse oder auch Handlungsnotwendigkeiten für die Kooperation.
So beschäftigte sich eine der Arbeitsgruppen mit den Erfahrungen, die mit den neuen Richtlinien der offenen Ganztagsschule gemacht wurden, die durch Frau Dr. Weier vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung an das Kultusministerium rückgemeldet wurden.
Eine weitere Arbeitsgruppe hatte den Qualifizierungsbedarf der Pädagoginnen und Pädagogen in der Kooperationsarbeit zum Inhalt. Fortbildungsinstitutionen für Pädagoginnen und Pädagogen der Kooperationsarbeit verständigten sich über den Bedarf an Angeboten und über Zuständigkeiten.
Die Ansichten und Meinungen der Schüler/-innen zum Thema Öffnung der Schule fanden durch eine weitere Arbeitsgruppe Eingang in die Tagungsdiskussion. Die Aussagen der Beteiligten untermauerten Thesen aus den Fachvorträgen, dass Jugendliche Lernorte und -prozesse verantwortlich mit gestalten wollen und Methoden der Jugendarbeit hierzu eine wichtige Hilfestellung bieten.
Den durchweg positiven Rückmeldungen der Tagungsteilnehmer/innen zur Folge hat das 2. Forum Jugendarbeit den Bedarf an Argumentationshilfen und neuen Ideen für die eigene Arbeit getroffen. Es eröffnete die Möglichkeit, sich über Bedingungen der Kooperationsarbeit, die noch verbesserungswürdig sind, auszutauschen und hier erste Veränderungen anzustoßen. Ein drittes Forum wird folgen.



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