Aus der Krise lernen – Verbesserung der Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Die Delegierten der 156. Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings äußern sich zur Situation Jugendlicher mit Migrationshintergrund.

Die Corona-Krise trifft nicht alle gleich! Für Menschen, die schon vorher benachteiligt waren, in prekären Wohn-, Arbeits- und Bildungsbedingungen lebten, hat sich die Situation verschärft.

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind in Deutschland nach wie vor wesentlich stärker von Risikolagen betroffen, als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte. Auch wenn sich die Situation mit der Länge der Aufenthaltsdauer bessert, ist doch noch ein deutliches Ungleichgewicht feststellbar. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und dem Deutschen Jugendinstitut (DJI) sind Menschen mit Zuwanderungsgeschichte am stärksten von Armut betroffen: 58% der unter 6jährigen der ersten Generation, 32% der zweiten und dritten Generation leben in mindestens einer Risikolage, Menschen ohne Migrationshintergrund zu 15%.

In Deutschland haben 34% der jungen Menschen unter 25 Jahren einen Migrationshintergrund. (DJI 2020 Kinder- und Jugendmigrationsreport). Menschen mit Migrationshintergrund leben viel häufiger in beengten Wohnsituationen und befinden sich in prekären Arbeitsverhältnissen und in Berufen, die besonders durch die Coronakrise betroffen sind (z.B. Gastronomie, Industrie, Dienstleistung).

Dadurch werden die Chancen einer gesellschaftlichen Teilhabe immer geringer, da diese nach wie vor an Bildung und sozialen Status geknüpft ist. Gerade in Zeiten von Online-Beschulung und Lockdown ist es unverantwortlich, dass 40% der von Armut bedrohten Kinder keinen Zugang zu Laptops und W-Lan haben. Die Eltern können die Kinder im Onlinelernen oft nicht ausreichend unterstützen. Dies ist Aufgabe der Schule. Auch die zahlreichen außerschulischen Angebote können kaum angenommen werden, so dass hier eine mehrschichtige Benachteiligung stattfindet. Kinder und Jugendliche ohne digitale Zugänge und Unterstützungsangebote sind nicht nur vom schulischen, sondern auch vom sozialen und gesellschaftlichen Leben weitestgehend ausgeschlossen und abgehängt.

Lockdown - Maßnahmen und Kontaktbeschränkungen behindern auch die Zugänge zur offenen Kinder- und Jugendarbeit und Ganztagsangebote, denn die Kinder und Jugendlichen in Risikolagen verfügen kaum über eigene Räume zum Lernen oder zum Rückzug. Es gibt durch den Lockdown und die Kontaktbeschränkungen keine geeigneten Räume oder Angebote, um Stress abzubauen, soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen, sich und seine Kompetenzen zu erleben und diese auszubauen, bewertungsfrei und ohne elterliche Kontrolle zu lernen und sich zu entwickeln. Diese Faktoren sind jedoch für junge Menschen wesentlicher Bestandteil der Entwicklung ihrer Persönlichkeit, unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus oder anderer Merkmale. Um diese Unterschiede auszugleichen, ist die Jugendarbeit, insbesondere die Offene Kinder- und Jugendarbeit, eine wichtige Ansprechpartnerin.

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund brauchen – genau wie alle Heranwachsenden auch - Räume der Jugendarbeit zum Rückzug. Neben dem Zugang zu formaler Bildung ist für Kinder und Jugendliche die soziale und gesellschaftliche Partizipation, das Lernen in peer groups und die Entwicklung in eigenen Erfahrungsräumen zentral für eine gesunde Entwicklung der Persönlichkeit.

Jugendarbeit ist ein starker Partner, wenn es um die Stärkung der Rechte und gleichberechtigte Teilhabe junger Menschen mit Migrationshintergrund geht. Hier bedarf es sowohl einer Stärkung in der Wahrnehmung ihrer Kompetenzen und Handlungsbefähigung, als auch eine Sensibilisierung der Fachkräfte für die besonderen Problemlagen und eine gemeinsame Erarbeitung von Lösungen.

Neben den beschriebenen Zuständen sind Menschen mit Migrationshintergrund weiterhin Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt. Gerade in Krisenzeiten verstärken sich bekannte Mechanismen, um Gruppen der Gesellschaft abzuwerten und ihnen die Schuld an der eigenen Situation zuzuschreiben. Diese Stigmatisierung führt zu weiterer Ausgrenzung.

Verantwortung der Bayerischen Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft

Der BJR stellt fest, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund noch immer geringere Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe und Chancengleichheit haben.

Aktiv setzt sich der Bayerische Jugendring seit Jahrzehnten in seinen Handlungsfeldern dafür ein, dass junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gleichberechtigt an den Strukturen und Angeboten der Jugendarbeit teilhaben können. So werden Vereine junger Menschen mit Migrationshintergrund (VJM) in vielfacher Weise gestärkt und unterstützt. Sie sind wichtige Vertreter:innen und Expert:innen ihrer eigenen Anliegen in den Gremien der bayerischen Jugendarbeit.

Außerdem arbeitet die von der Vollversammlung seit den 1970er Jahren eingesetzte Kommission mit dem Auftrag, Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft zu begleiten und zu beraten. Über ein Fachprogramm ist es dem BJR möglich, auch lokale Projekte der Jugendarbeit zur Integration zu fördern. Flankierend werden Vernetzungstreffen und Fachveranstaltungen angeboten.

Die regionalen Fachstellen „Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft“ setzen sich intensiv mit den sichtbaren und unsichtbaren Hürden auseinander. Ziel ist eine gleichberechtigte Teilhabe und der Abbau von Zugangshürden in die Bayerische Jugendarbeit.

In vielfältigen Positionen und Beschlüssen hat der Bayerische Jugendring Vertreter:innen aus Politik und Ministerien aufgefordert, mit entsprechenden Maßnahmen die gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu stärken. Beispielhaft sei der Beschluss der 152. Vollversammlung: „Gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund“ genannt.

Forderungen des BJR

Der Bayerische Jugendring fordert die bayerische Staatsregierung auf, die durch die Krise sichtbar gewordenen strukturellen Defizite aktiv anzugehen. Ziel aller Bemühungen muss sein, dass junge Menschen nicht weiter abgehängt und soziale bzw. gesellschaftliche Benachteiligungen abgebaut werden.

Stärkung der Antirassismus- und Antidiskriminierungsarbeit

  • Strukturelle und institutionelle Diskriminierung untersuchen und Maßnahmen ergreifen (s. die BJR Position der 152. Vollversammlung)
  • Das Bekenntnis dazu, dass alle Menschen in Bayern gleichwertig Teil der Gesellschaft sind, muss mit entsprechenden Ressourcen untermauert werden. Bei allen Entscheidungen sind die Bedarfe von Menschen mit Migrationshintergrund und von Geflüchteten mitzudenken. Dazu sind die Mitsprache und das Einbeziehen der Menschen mit Migrationshintergrund in die sie betreffenden Entscheidungen immanent. Einschlägige Netzwerke, z. B. AGABY, sollen vor politischen Beschlüssen und Maßnahmen einbezogen werden.
  • Öffentliches, rassismuskritisches Hinterfragen von Entscheidungen, aber auch von gängiger Praxis, Institutionen etc. für ein klares Bekenntnis gegen Rassismus.
    Mit Methoden der rassismuskritischen Migrationspädagogik, aber auch der Demokratie- und gesellschaftspolitischen Bildung, können strukturelle und institutionelle Diskriminierung selbstkritisch analysiert und vermindert werden. Hier sind entsprechend Mittel und Angebote zur Verfügung zu stellen, z.B. verpflichtend in Fortbildungsprogrammen.
  • Eine Antidiskriminierungsstelle, an die sich junge Menschen mit Zuwanderergeschichte dauerhaft wenden können. Dies erfordert eine dauerhafte Sicherstellung der Finanzierung entsprechender Regelangebote, unabhängig von befristet zur Verfügung stehenden Projektgeldern.
  • Auch in Behörden und staatlichen Einrichtungen sind Konzepte zu erarbeiten und Qualifizierungsmaßnahmen durchzuführen, die einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt fördern und Diskriminierung und Rassismus, auch in ihren subtilsten Formen, entgegenwirken. Insbesondere bei Stellenbesetzungen im öffentlichen Dienst sollte sich das vielfältige gesellschaftliche Gesamtbild wiederspiegeln.

Zugang zu digitalen schulischen und außerschulischen Angeboten

  • W-LAN / Internetzugang, Zugang zu Laptops u.ä. ausbauen, Datenvolumen, insbesondere Anleitung, Beratung, Unterstützung sicherstellen. Es braucht mehr als nur Geräte für die Kinder, sondern auch IT Support und Begleitung
  • Angebote auch außerhalb der beengten Wohnräume schaffen, z.B. in Jugendräumen oder an Schulen.
  • Es braucht zentrale ausgewählte Tools für Videokonferenzen, die den Datenschutzrichtlinien genügen, einfach zu bedienen sind und funktionieren
  • Es braucht ein Konzept für die online Beschulung und eine Steuerung für passende Coronakonzepte pro Schule je nach Risikostand
  • Es braucht den Kontakt zu den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern

Stärkung der Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft

  • Einbeziehung der Träger der Jugendarbeit, um praktikable Konzepte zu entwickeln, die eine völlige Schließung der Angebote in Zeiten der Kontakt- und Ausgehbeschränkungen verhindern.
  • Förderung von medienpädagogischen Bildungsangeboten für Fachkräfte, als Ergänzung zu den bestehenden analogen Angeboten, Inhalte könnten z.B.: Einfache Sprache, Übersetzungstools, Social Media und Datenschutz, Umgang mit einer vielfältigen Zielgruppe, Selbstdarstellung und digitale Zugänge sein.
  • Krisensichere Finanzierung der ehrenamtlichen und hauptberuflichen Jugendarbeit in Bayern.