Fachliche Grundlage des Beschlusses „Zum Stellenwert der Jugendkulturarbeit und der kulturellen Jugendbildung in der bayerischen Jugendarbeit“

Bei Jugendkulturarbeit fängt die Jugendarbeit nicht bei null an. Aktionen der Kulturellen Jugendbildung, Qualifizierung im Rahmen der Kulturpädagogik oder das Förderprogramm „culture scene bayern“ stehen beispielhaft dafür.

1. Ein Blick in die Vergangenheit

Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich, weil durch den häufigen Wechsel der Akteure in der Jugendarbeit das Wissen um die eigenen Traditionen oft nicht präsent ist.

Die Bedeutung der Kulturellen Jugendbildung in der Jugendarbeit hat seit den achtziger Jahren eine dauerhafte Aufwertung erfahren, die nicht zuletzt auch Ausdruck gefunden hat in der Neufassung des KJHG. Auch der achte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung befasste sich ausgiebig mit diesem Thema.

Der Hauptausschuss des Bayerischen Jugendrings verabschiedete im Jahre 1988 eine „Denkschrift zur Kulturellen Bildung in der Jugendarbeit“. Ausgehend vom „Zauberwort Kulturarbeit“ wurden dort grundlegende Positionen zu diesem Arbeitsansatz in der Jugendarbeit formuliert. Kulturelle Jugendbildung wurde v.a. bezogen auf die jeweilige verbandliche Identität, d.h. in den Aktivitäten und der Mitgliederwerbung sollten neuartige kulturellen Formen verstärkt einbezogen werden. Mit Blick auf die damals sich gerade ausbreitenden Neuen Medien (v.a. Radio und Video) wurde deren Stellenwert für die Darstellung der Jugendarbeit in der Öffentlichkeit erkannt. Kulturelle Jugendbildung wurde in einem engen Zusammenhang mit der politischen Bildung gesehen, der man sozusagen das Primat auf die Inhalte, der Kulturarbeit das Primat auf die Methoden zugestand. Und schließlich wurde mit dem Begriff der Kulturarbeit auch immer die Auseinandersetzung mit dem überlieferten regionalen Erbe gesehen.

Unter strukturellen Gesichtspunkten betont die damalige Denkschrift die Gesamtverantwortung des BJR für den Bereich der außerschulischen Bildung „als koordinierende und unterstützende Instanz“ und lehnt die Etablierung einer zusätzlichen Struktur in der Jugendarbeit ab, hält aber gleichwohl fest: „Es ist zu prüfen, welche Formen der stärkeren Öffnung des Jugendrings und der Zusammenarbeit mit Initiativen und Gruppen im jugendkulturellen Bereich hierzu geeignet sind.“

Als Aufgaben kultureller Innovation in der Praxis werden festgehalten:

  • eine methodische Erweiterung der Arbeit der Verbände und Einrichtungen der Jugendarbeit
  • eine Überprüfung der Arbeitsformen der Jugendarbeit im Hinblick auf bedürfnis- und zeitgerechte Formen 
  • ein klares Verbandsprofil in kulturellen Ausdrucksformen nach außen
  • Überprüfung der Mitarbeiterfortbildung
  • die Installierung eines qualifizierten Aus- und Fortbildungsangebots in diesem Bereich am Institut für Jugendarbeit 
  • Benutzung zeitgemäßer kultureller Ausdrucksformen im Bereich von Jugendpolitik und Beteiligung 
  • verstärkte und qualifizierte Nutzung der Medien im Sinne einer Öffentlichkeitsarbeit und im Sinne einer kritischen Medienpädagogik 
  • der Versuch, im Freizeitbereich kommerzialisierte Formen von Angeboten zurückzuerobern

...und was daraus geworden ist.

Auch wenn die Hoffnungen, die mit dem Begriff der Kulturarbeit mit Jugendlichen verbunden waren, sich nicht dergestalt erfüllt haben, wie es etliche Jahre vorher mit dem Begriff der „Offenen Arbeit“ gewesen ist, so hat sich dieser Ansatz in der Jugendarbeit inhaltlich wie methodisch entwickelt und bewährt – und zwar auf allen Ebenen, von der kommunalen über die Länder- bis hin zur Bundesebene (s. verschiedene Kinder- und Jugendberichte der Bundesregierung oder die Entwicklung der Bundeszentrale für politische Bildung).

Die Verabschiedung der Denkschrift des BJR im Jahre 1988 hat der Entwicklung der Kulturellen Jugendbildung in Bayern einen deutlichen und inhaltlich akzentuierten Aufschwung gegeben: 

  • erste veranstaltungs- und szenebezogene Aktionen vor Ort 
  • Überprüfung der innerverbandlichen „Kultur“ 
  • Aufnahme von mittlerweile mehr als 100 örtlicher Initiativen in die Stadt- und Kreisjugendringe 
  • Erweiterung des Blicks „Offener Arbeit“ auf jugendkulturelle Szenen als Adressaten ihrer Arbeit 
  • Übergreifende Veranstaltungen auf Bezirksebene (z.B. Jugendkulturtage in Obb.) 
  • Installierung von Medienbeauftragten in einigen Bezirken 
  • „culture scene bayern“ als Modellprojekt von 2001 bis 2004 mit rund 170 geförderten Projekten 
  • Etablierung der Zusatzausbildung „Kulturpädagogik“ als Gemeinschaftsprojekt vom Institut für Jugendarbeit in Gauting, den Jugendbildungsstätten Babenhausen, Königsdorf, Pullach, Waldmünchen, Burg Hoheneck und der Musikakademie in Hammelburg 
  • Beschluss des Landesvorstands des BJR im Mai 2005 zur Stärkung dieses Ansatzes in der Jugendarbeit

Im Zusammenhang mit einer sich ausdifferenzierenden Jugendkulturszene als auch im Zusammenhang mit der Diskussion um das schulische Bildungssystem und die Ausdehnung von Bildung und Betreuung auf den Nachmittag ergeben sich neue Herausforderungen, die eine ergänzende Positionierung zur damaligen Denkschrift durch den BJR notwendig erscheinen lassen.

2. Jugendkulturen heute

2.1. Zur Bedeutung

In ihren Anfangszeiten wurden die jugendkulturellen Szenen vor allem über ihr Verhältnis zur überlieferten Kultur oder der Hochkultur definiert und sie meist als „gegenkulturelle Subkulturen“ (R. Schwendtner) wahrgenommen. Diese Sichtweise wurde in den neunziger Jahren zurückgedrängt zugunsten des sog. „Lebensstilansatzes“ (u.a. Vollbrecht), der besagt, dass Jugendliche über die Zugehörigkeit zu einer jugendkulturellen Szene ihre kollektiven Lebens- und Wertehaltungen herausbilden, stilisieren und darstellen. Mittlerweile sind Jugendkulturen selbstverständlicher Teil des Alltags westlicher Gesellschaften geworden, wobei keine einzige mehr einen Anspruch auf Deutungshoheit beansprucht, sondern von einem stabilen Zustand hunderter von Jugendkulturen gesprochen wird, oder eben auch vom „Mainstream der Minderheiten“ (Diedrich Diederichsen). Jugendkulturen sind Alltag geworden, sie sind wesentlicher Motor kultureller Modernisierung in westlichen Gesellschaften geworden. Jugendkulturellen Szenen anzugehören, wird heute als selbstverständlich angesehen, die frühe Nähe zu Rebellion oder abweichendem Verhalten gehört nicht mehr zum vorherrschenden Kennzeichen von Jugendkulturen.

Im „Mainstream der Minderheiten“ von Jugendkulturen lassen sich drei Strömungen unterscheiden:

™ Jugendkulturen als Vorreiter von Globalisierungsprozessen

Über Jugendkulturen wird das „Projekt einer weltweiten kulturellen Homogenisierung vorangetrieben“ (Roth), vermittelt über Musik und Video, Filme und Internet. Auch ihre unmittelbare Vereinnahmung durch die Medienkonzerne darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Eigensinn, Konkurrenz, Suche nach Ausdruck, Authentizität und Anerkennung auf Seiten der Produzenten wie der Konsumenten dieser jugendkulturellen Stile die treibende Kraft darstellen. So erfährt die globale Vermarktung ihre Ergänzung in aktiven örtliche Szenen, die den „mainstream“ ganz spezifisch ausprägt, umformt und weiterentwickelt. ™

Identitätsorientierte Widerstands- oder Rückzugsbewegungen

Als Antwort auf die von Jugendlichen oft als bedrohliche erlebten Szenarien der Globalisierung haben sich vielgestaltige Rückzugsbewegungen herausgebildet, in deren Mittelpunkt die Suche nach einer unverwechselbaren individuellen Identität steht. Das Wiedererstarken religiöser Strömungen ist so auch als Zeichen einer Sinnsuche zu verstehen angesichts umfassender rein ökonomistischer Orientierungen. Selbst im Entstehen von nationalistischen oder rechtsextremen Milieus kann man ein Rückzugsmotiv erkennen im Sinne von einfachen Antworten angesichts einer komplexen Welt. ™

Politische und globalisierungskritische Bewegungen

Sensibilität in Fragen der Verteilung von arm und reich, Widerstand gegen eine gleichmachende Konsumkultur („No Logo“) sowie Solidarität mit den Globalisierungsopfern kennzeichnet diese Haltung bei Jugendkulturen, die sich häufig in neuen politischen Aktionsformen äußert.

Unabhängig von diesen Beschreibungen und Deutungsversuchen ist allen Jugendkulturen gemein, dass sie einerseits Befreiungen von der Erwachsenenwelt auf ästhetischer Ebene darstellen, andererseits jedoch auch immer wieder vereinnahmt werden auf unterschiedlichen Ebenen. Der Jugendarbeit stellt sich angesichts der vielfältigen politischen und kommerziellen Vereinnahmungsversuchen die Aufgabe, die umfassende Entfaltung der Persönlichkeit des Jugendlichen mittels Jugendkulturen durch geeignete Maßnahmen zu fördern.

Eine Auseinandersetzung der Jugendarbeit mit den Jugendkulturen ist notwendig, um das Verhältnis von Kultureller Jugendbildung, Jugendarbeit und Jugendkulturen neu zu bestimmen.

2.2. Der gesellschaftliche Hintergrund

Jugendkulturen sind mehr als nur eine Ausdrucksform von Gesinnungen, sondern sie bilden eine wesentliche Alltagsrealität von Jugendlichen ab. Diesem Vorgang liegen wesentliche gesellschaftliche Veränderungsprozesse zugrunde:

Globalisierung und Mobilität

Nicht nur die wirtschaftlichen Prozesse, sondern auch die medialen und kulturellen Prozesse werden global entschieden und umgesetzt. Die Welt wird zum globalen Dorf, die Verfügbarkeit über Waren und Dienstleistungen wird von einem globalen Markt geregelt, die Entscheidungsprozesse liegen in den Händen einiger weniger Konzerne.

Die Folgen für die Jugendlichen beschreibt der 12. Jugendbericht:

„Die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen im Rahmen von freizeit-, erwerbs- oder schulbedingten Auslandsaufenthalten, das Erleben kultureller Heterogenität im eigenen Land aufgrund grenzüberschreitender Arbeitskräftemobilität und Flüchtlingsbewegungen sowie die Adaption globaler Marken- und Modetrends ebenso wie internationaler Kulturprodukte gehören heute zu selbstverständlichen Merkmalen der Lebensführung und des Aufwachsens in Deutschland. Für Kinder und Jugendliche ergibt sich mit der zunehmenden Internationalisierung von Lebenswelten eine Ausweitung der Erfahrungs- und Aneignungsmöglichkeiten, die bereichernd für Bildungsprozesse sein können. Gleichzeitig können sich aber auch Gefühle der Überforderung einstellen, die bei jungen Menschen ohne Migrationshintergrund Voreingenommenheiten, Fremdheitserfahrungen, Stereotypisierungen und Verunsicherungen bedingen können, wie sie sich beispielsweise in extremer Form in fremdenfeindlichen Haltungen äußern. Bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund beinhalten unzureichende Anstrengungen zu ihrer Integration in die Aufnahmegesellschaft die Gefahr von Ausgrenzungs- und Benachteiligungserfahrungen.“ ™

Aufwachsen in neuen Strukturen

Viele Kinder wachsen in Ein-Kind-Haushalten mit einer Vielzahl außerfamilialen Beziehungen auf; die Herkunftsfamilie ist nur von für 60 % der Kinder und Jugendlichen auch die Gegenwartsfamilie, das Stichwort Patchwork-Familie weist auf ein ausdifferenziertes und schwieriges Beziehungsgeflecht der modernen Familie hin. Durch diese strukturelle Schwäche und die Folgen des modernen Arbeitslebens (Schichtarbeit, Umzüge) nimmt die Erziehungskraft der Familie tendenziell ab.

Um Familie und Schule herum hat sich ein Gerüst von Sozialen Institutionen (Kinderkrippe, Kindergarten, Hort, Jugendzentrum) aufgebaut, das nicht mehr primär von seiner emotionalen Beziehung zum Kind lebt, sondern in der Regel von einem gesetzlichen Auftrag. Es handelt sich um Beziehungen auf Zeit, Gesellung unter Gleichaltrigen, gefühlsmäßige Bindungen werden ergänzt durch professionelles Handeln.

Im Leben eines Kindes oder Jugendlichen nimmt die Schule den zentralen Platz ein: nicht nur am Vormittag, sondern auch durch Nachmittagsunterricht, Hausaufgabenhilfe, Projekttage usw. Trotz Informationsgesellschaft und "Lebenslangem Lernen" bildet die Schule den entscheidenden Platzierungsmechanismus. Auf dem Hintergrund der Folgen der Globalisierung und Rationalisierung und der damit veränderten Erwerbsarbeitslandschaft kann die Schule diesen Anspruch jedoch immer weniger einlösen. Teilhabe am Konsum und den Erlebnismöglichkeiten der Gesellschaft werden immer wichtiger. ™

Medial vermittelte Erfahrungen

Immer mehr Erfahrungen werden nicht mehr selbst und sinnlich erlebt, sondern stellen sich als medial vermittelte dar. Erfahrungen sind nicht mehr zwin-gend gebunden an den unmittelbaren Erfahrungsraum von Kindern und Jugendlichen, was einerseits ein neues Potential von Ressourcen bildungsmäßig nutzbar macht (erweiterter Zugang zu Informationen, tendenziell unabhängig von Lebensort und Bildungsschicht), andererseits aber auch mit dem Verlust sinnlicher Unmittelbarkeit, mit dem Verlust von Kreativität und einem Verlust unmittelbarer sozialer Beziehungen verbunden ist. ™

Der flexible Mensch

Eindeutige Werteaussagen, eindeutige Lebenshaltungen, lebenslanges Ausüben eines Berufs oder Beibehaltung eines Lebensentwurfs werden immer seltener. Mehrdeutigkeit, Aushalten von Differenzen, und Flexibilität sind entscheidende persönliche Fähigkeiten geworden (Biografiemanagement). Begleitet wird diese Entwicklung von einer Verringerung der Deutungsmacht der großen Wertesysteme wie Kirchen, Arbeiterbewegung, nachbarschaftliche oder kulturelle Milieus. Selbst gesetzliche Regeln verlieren in Teilen der Bevölkerung an Deutungsmacht für das Normgefüge unserer Gesellschaft – Regeln und Normen gelten nicht mehr als unabänderliche Größen, sondern werden immer wieder gesellschaftlich thematisiert und neu ausgehandelt (z.B. Altersbeschränkung bei Filmen, Raubkopien).
Was für die Gesellschaft insgesamt zutrifft, spielt sich für Kinder und Jugendliche in besonderen Formen der Entgrenzung ab, wie der 12. Jugendbericht festhält:

„Mit der Inanspruchnahme vielfältiger institutioneller Angebote ist ein Wechsel von sozialen und räumlichen Settings verbunden, die einerseits soziale und kognitive Integrationsleistungen von den Kindern und Jugendlichen erfordern, andererseits zusätzliche Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten beinhalten. Neben Familie, Kindergarten und/oder Schule sind sie als separierte Lern- und Lebenswelten durch je spezifische Rollenerwartungen, räumliche Verortungen, zeitliche Vorgaben sowie Teilhabe- und Handlungsmöglichkeiten charakterisiert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht alle Angebote allen Kindern und Jugendlichen gleichermaßen zugänglich sind. Soziale, ökonomische und kulturelle Ressourcen sowie Milieuzugehörigkeiten kanalisieren die Teilnahmemöglichkeiten und führen deswegen häufig zu relativ sozial homogenen Zusammensetzungen der Nutzergruppen“.

Ergänzend bleibt festzuhalten, dass diese Entwicklung nicht alle Jugendlichen in gleicher Weise betrifft: sie gilt in wesentlich stärkerem Maße für urbane Milieus als für noch relativ stabile ländliche Milieus.

Der Rückgang der Bedeutung traditioneller Sicherheiten, verbunden mit vielfältigen Wahloptionen, sowie die Zunahme von individuell zu bewältigenden Aufgaben, verbunden mit einem raschen sozialen Wandel, bilden die unmittelbare Grundlage für die Entstehung der Gleichaltrigengruppen (Peer-Groups). Die Peer-Groups sind nicht nur eine mehr oder weniger selbstbestimmte Gesellungsform der Jugendlichen, sondern sind zu einer zentralen Sozialisationsinstanz zur Bewältigung von Gegenwart und Zukunft für die Jugendlichen geworden. Und mehr als dies – sogar eine Bildungsinstanz. Der 12. Jugendbericht hebt ausdrücklich hervor, dass Jugendkulturen selbst zu einer Ebene des Bildungsgeschehens geworden sind. Es heisst dort:

„Wichtige Lebenswelten (...) sind die Peers und die Medien. Die Gleichaltrigen-Gruppen stellen einen spezifischen Lern- und Erfahrungsraum für Heranwachsende dar, deren Potenziale vor allem im Bereich der sprachlich-kommunikativen, sozialen und Selbstkompetenzen liegen. Im rezeptiven vor allem aber im aktiven Umgang mit den Medien erwerben Heranwachsende beiläufig oder auch gezielt technische Fertigkeiten, kulturelles Wissen sowie Orientierung zur Entwicklung von Persönlichkeits- und Lebenskonzepten. Beide Lernwelten haben aber auch ihre Schattenseiten (z. B. Mitgliedschaften in ag-gressiven Strassencliquen, exzessiver Medienkonsum)...“

2.3. Die Peer-Group

Unübersehbar bildeten sich seit Anfang der sechziger Jahren Cliquen oder Peer-Groups, deren Gemeinsamkeit in einem eigenen Wertekanon, einem gemeinsam gelebten Stil besteht. Die Jugendzeit ist zu einem reichhaltigen Erlebensraum geworden, die nicht mehr nur – risikoreiches – Zwischenstadium auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen darstellt, sondern ein ausgedehntes Lebenszeitalter mit relativ wenig Verantwortung für Andere (später Berufseintritt, späte Heirat, usw.), aber um so mehr Verantwortung für sich selbst. Finanzielle und soziale Abhängigkeit korrespondieren auf merkwürdige Weise mit einer Phase der kulturellen Autonomie. Jugendzeit wurde die – lange und durchaus schwierige – Zeit des Weichenstellens für die berufliche Entwicklung, wurde die Zeit der Orientierung unter Gleichaltrigen. Im Kern der Jugendzeit steht heute für den Einzelnen die Aufgabe um eine gelingende Identität, für die mehr denn je jeder/jede Einzelne verantwortlich ist. Der dynamische Wandel der Gesellschaft hat verlässliche Zukunftsorientierung erschwert, die abnehmende Überzeugungskraft herkömmlicher politischer, gesellschaftlicher und kultureller Organisationen, die Freiheit der Konkurrenz sinnstiftender Systeme (Religionen, Esoterik, Technik) führen zur individuellen Auseinandersetzung über die Fragen: "Wer bin ich" und "Wer will ich sein".

In dieser Situation wird die Peer-Group zum entscheidenden Hort der emotionalen Geborgenheit, zum Ort der sozialen Auseinandersetzung, zum Ort des spielerischen Erprobens vielfältiger Rollen und zum Ort der Werteorientierung: kurzum: die Peer-Group ersetzt in vielen Fragen des Alltags die Familie, die Schule und die Kirchen.

2.4. Identitäts- und Subjektbildung

Wo der Erziehungsprozess nicht mehr nur geprägt ist von der Weitergabe des Wissens der älteren an die jüngere Generation, wo Gegenwartsorientierung und ein rascher sozialer Wandel das Leben charakterisieren, ist die Periode des Erwachsen-Werdens nicht nur viel länger und im Kern ohne einen Endzeitpunkt, sondern auch viel mehr mit Risiken behaftet, in dem längst nicht nur die klassischen Erziehungsinstitutionen allein das Feld bestimmen. Der Prozess des Erwachsen-Werdens kann erschlossen werden mit dem Begriff der Identitätsbildung, verstanden als eine lebendige und lebenslange Kraft, als ein Prozess oder ein Zustand, in welchem der Mensch sich selbst und seine kulturelle und soziale Welt mehr oder weniger geordnet in Wort und Tat, Bild und Geste zur Darstellung bringt.

In ähnlicher Weise bezieht sich die Vorstellung von Jugendarbeit als Subjektbildung dabei auf den Prozess der Persönlichkeitsbildung mit den Bestandteilen Selbstachtung, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Identitätensuche oder Subjektbildung entfalten sich im Wesentlichen in einer kulturellen Dimension, die geprägt ist durch die Beschäftigung mit verschiedenen Symbolen und Zeichen (neue musikalische Ausdrucksformen, neue Formen darstellender Kunst usw. bis hin zu speziellen alltäglichen codierten Umgangsformen). Wo es weniger einfache Antworten auf schwierige Fragen gibt, wo die Eindeutigkeit immer seltener wird, wo sich die Lebensverhältnisse beschleunigen und wo der soziale Zusammenhalt schwindet, erfolgt eine Orientierung an gemeinsamen Symbolen und Zeichen.

Diese Zeichen besitzen eine doppelte Funktion, die man mit Inklusion und Exklusion bezeichnen kann, d.h. sie bezeichnen sowohl die Zugehörigkeit als auch das Ausgeschlossensein. Bezugspunkt der sich neu bildenden Cliquen, Peer-Groups, Szenen ist in allererster Linie ein gemeinsamer Lebensstil, unabhängig von sozialer Herkunft und geografischem Wohnort. Begünstigt durch die Mobilität der Jugend und die Kommunikationsmöglichkeiten der Neuen Medien bilden sich laufend, virtuell und real neue Szenen und Treffpunkte heraus. Musikpräferenzen, Kleidung, Körperhaltung, die Gestaltung der persönlichen Homepage sind – oft codierte – Zeichen der Jugendkulturen, mal nur dem Eingeweihten verständlich, mal als demonstrative Ablehnung öffentlich gemacht. Diese Szenen usw. erfüllen primäre Bedürfnisse von Akzeptanz, Lustgewinn und Probehandeln, nur finden sie nicht mehr im von Erwachsenen gestalteten Raum statt, sondern in einer vonJugendlichen definierten Welt. Der Umgang mit diesen Symbolen erlaubt den Jugendlichen einen spielerischen Umgang, ein Tun-als-ob. Aneignung der Lebenswelt und Selbstdarstellung verzahnen sich dabei, Kreativität, Ironie und Spiel begleiten ihn.

Neben den verständlichen/unverständlichen Symbolen sind es die Rituale, die die Jugendkulturen von anderen Lebensorten unterscheiden. Diese Rituale sind geprägt von einer emotionalen Intensität, vom Wunsch, unter Gleichgesinnten im Hier und Jetzt zu bleiben, vom Wunsch, Raum und Zeit zu vergessen, vom Wunsch nach ekstatischem Erleben, z. B. mit Musik, Tanz, Computer oder Drogen.

Neben der Intensität sind die jugendkulturellen Rituale gekennzeichnet vom Wunsch nach Zugehörigkeit, nach Ähnlichkeit, vom Wunsch: hier kann ich sein, wie ich heute will. Ging man früher davon aus, dass man Lebensstil als klassen- oder schichtübergreifende Kategorie verstehen könnte, so ist dieser Optimismus der achtziger Jahre heute passé. Soziale Unterschiede finden immer deutlicher ihren Ausdruck in der kulturellen Praxis; Verfügbarkeit, Zugang und Ausdrucksmöglichkeiten sind durch soziale oder durch kulturelle Milieus vermittelt.

3. Zur Begrifflichkeit: Kulturelle Jugendbildung und Jugendkulturarbeit

Sowohl in der Fachliteratur als auch in der Umgangssprache werden die Begriffe Kulturarbeit, Kulturpädagogik, Kulturelle Jugendbildung und Jugendkulturarbeit mit teils unterschiedlichen, teils synonymen Bedeutungen verwandt. Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, eine klare Terminologie zu verwenden, auch wenn es im Einzelfall sicherlich Überschneidungen gibt. In der Begriffsbestimmung wird auch eingegangen auf die Form der Lernprozesse in den verschiedenen Arbeitsansätzen.

3.1. Kulturarbeit mit und für Kinder und Jugendliche

Unter diesem Begriff sind vor allem Angebote zu verstehen, die von kulturellen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche angeboten werden, wie z.B. „Junges Theater“ oder Projekte aus dem musischen Bereich. Hier werden die Kinder und Jugendlichen vor allem als Zielgruppe begriffen, für die man altersadäquate Angebote bereit stellt. Ein institutionelles Interesse nach aktivem Nachwuchs (z.B. Volksmusik) oder einem jüngeren Publikum sind entscheidende Motive dieser Tätigkeit. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen überlieferte Formen des künstlerischen oder kulturellen Ausdrucks, das Erlernen handwerklichen Könnens oder die Ausbildung von Rezeptionskompetenzen.

3.2. Kulturpädagogik

Kulturpädagogik hat zum Ziel die Vermittlung von „handwerklichen Kompetenzen“ in verschiedenen Handlungsfeldern der Kunst und Kultur. Kunst und Kultur sind der bildende Gegenstand, der altersadäquat mit einer bestimmten pädagogischen Qualität umgesetzt wird. Die Lebenslage der Jugendlichen wird in diesem Konzept ebenso wie der Rückgriff auf jugendkulturelle Strömungen in unterschiedlichem Maße berücksichtigt. Mit den unterschiedlichen Einflüssen von Hochkultur, Volkskultur, Soziokultur und Popkultur wird sich meist kritisch und kreativ auseinandergesetzt (z.B. moderne Formen der „Geierwally“).

Kulturpädagogische Projekte sind immer produktorientiert, am Ende eines solchen Projektes steht immer ein irgendwie geartetes Abschlussprojekt (Aufführung, jam, Festival u.a.m.). Die Bildungsabsichten gehen nicht aus von der Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit von Kindern und Jugendlichen, sondern von einer altersadäquaten Auseinandersetzung mit dem jeweiligen kulturellen Ansatz.

3.3. Kulturelle Jugendbildung

Als eine Form und Aufgabe der Jugendarbeit ist die Kulturelle Jugendbildung in § 11 KJHG ausdrücklich benannt und bedeutet im Einzelnen: 

  • Zielgruppenspezifische Angebotsformen nach Alter, entsprechend den jeweiligen Entwicklungsaufgaben 
  • Zielgruppenspezifisch nach Interesse und Bildungsvoraussetzungen 
  • Selbstbestimmte und ästhetisch geprägte Kommunikations- und Lernprozesse 
  • Widerspiegelung und Thematisierung der Vielfalt von Jugendszenen, auch ethnisch und kulturell vermittelter Vielfalt 
  • Widerspiegelung und Thematisierung von Differenzerfahrungen, v.a. geschlechtsspezifischer und interkultureller Unterschiedlichkeiten

Die Zielbestimmung kultureller Jugendbildung ergibt sich aus den Vorgaben in § 1 des KJHG, dient also ausdrücklich der Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit von Kindern und Jugendlichen. Kulturelle Jugendbildung kann in formalen (z.B. Workshops) als auch in informellen Lernprozessen vermittelt werden (Offene Arbeit, Gruppenstunden). In vielen Verbänden der Jugendarbeit weist die kulturelle Bildung eine lange Tradition auf und kann auf vielfältige Erfahrungen zurückgreifen.

Im Unterschied zu einer von institutionellem Interesse geleiteten Kulturarbeit und im Unterschied zu einer mehr produktorientierten Kulturpädagogik ist bei der kulturellen Jugendbildung das Kind/der Jugendliche selbst mit seinem Anspruch auf eine ganzheitliche Entwicklung seiner Persönlichkeit Ausgangspunkt aller Aktivitäten.

3.4. Jugendkulturarbeit

Jugendkulturarbeit beinhaltet Elemente dieser drei beschriebenen Ansätze und verbindet sie in besonderer Weise mit den bestehenden Ausdrucksformen und ästhetischen Präferenzen der Jugendlichen. Im Einzelnen kennzeichnet sie:

  • eine lebensweltbezogene Jugendarbeit, was Inhalt und Stil betrifft 
  • sie orientiert ihr Angebot im Spannungsfeld von Lebenslagen/Bildung/Kultur 
  • sie operiert mit dem erweiterten Kunstbegriff (in jedem Menschen steckt die Fähigkeit zum Künstler / als Kunst wird auch das verstanden, was noch nicht allgemein anerkannt ist) 
  • damit operiert Jugendkulturarbeit ausdrücklich mit dem Können und den Stärken von Jugendlichen 
  • sie nimmt ausdrücklich Bezug auf jugendkulturelle Stilrichtungen und Gesellungsformen 
  • sie ist gleichzeitig avantgardistisch, d.h. erweitert tendenziell den vorhandenen Kulturbegriff, Jugendkultur ist gleichzeitig Schock wie auch Schöpfung 
  • sie gibt Orientierungshilfen beim Aufbau der jugendlichen Identität

Das Konzept der Jugendkulturarbeit setzt eine gewisse jugendkulturelle Orientierung bei Jugendlichen voraus und kann somit auf kulturelle Vermittlungsprozesse von Kindern nicht angewandt werden. Grundlage jeglicher Jugendkulturarbeit bildet eine annehmende Haltung zu jugendkulturellen Äußerungsformen, womit sowohl der Unterschied als auch die besonderen Stärken im Verhältnis zu rein formellen Lernprozessen beschrieben ist.

Seit Jahrzehnten finden sowohl Jugendkulturarbeit als auch die kulturelle Bildung ihren Platz in der Jugendarbeit. Mal stärker orientiert am Hintergrund des jeweiligen Verbandes bzw. Einrichtung, mal mehr an den Einstellungen und Lebenswelten der Jugendlichen, sind diese beiden Formen häufig in der Jugendarbeit anzutreffen. Ob absichtsvoll geplant oder sich als geheimer Lehrplan durchsetzend: jugendkulturelle Ausdrucks- und Aktionsformen sind vielfältig in der Jugendarbeit anzutreffen. Jugendkulturarbeit hat sich dabei zu einem eigenen Bereich in der Jugendarbeit mit einem spezifischen fachlichen Profil entwickelt.

Da es in der Praxis jedoch vielfältige Berührungspunkte und Überschneidungen zwischen Jugendkulturarbeit und kultureller Jugendbildung gibt, werden beide Begriffe parallel benutzt.

3.4.1. Der Nutzen der Kulturellen Jugendbildung/Jugendkulturarbeit für die Gesellschaft

Kinder und Jugendliche werden in einem Erziehungs- und Bildungssystem für eine Zukunft vorbereitet, von der niemand aufgrund ihrer sehr komplexen Entwicklungen genau wissen kann, wie sie aussieht. Die Vermittlung von Bildung auf der Grundlage eines definierten Kanons und eines gesellschaftlichen Konsens ist an seine Grenzen gestoßen. Die Vermittlung rein kognitiver Bildung hält den Herausforderungen der Zukunft nicht stand – sie müssen ergänzt werden durch die Bereitschaft zu lernen, die Bereitschaft zu persönlichen Veränderungen und die Entwicklung kreativer Fähigkeiten.
Schlüsselkompetenzen sind gefragt: 

  • Menschen in die Lage versetzen, dynamische Entwicklungen produktiv verarbeiten zu können,
  • im Team arbeiten zu können, 
  • Verantwortung selbständig zu übernehmen und 
  • seine Tätigkeit selbstreflektiv zu gestalten.

Nicht nur die Berufswelt verändert sich rasch, auch Fragen von Moral und Ethik sind einem Prozess der laufenden Veränderung unterworfen, ebenso die notwendigen zivilisatorischen Fähigkeiten eines toleranten und demokratischen Zusammenlebens.

Kulturelle Jugendbildung/Jugendkulturarbeit: 

  • thematisiert alle Fragen des menschlichen Zusammenlebens, 
  • regt den Diskurs an über individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen, 
  • gibt Angebote zur Wertorientierung.

Kulturelle Jugendbildung/Jugendkulturarbeit unterstützt somit eine Identitäts- und Persönlichkeitsbildung mit Orientierungs-, Reflexions- und Urteilsvermögen, mit sozialer und moralischer Kompetenz; sie ist Menschenbildung im Sinne eines humanistischen Bildungsideals.

3.4.2. Vom Wert der Kulturellen Jugendbildung/Jugendkulturarbeit für die Jugendlichen

Kulturelle Jugendbildung/Jugendkulturarbeit unterstützt die Entwicklung der Ausdrucksmöglichkeiten durch Förderung handwerklicher, ästhetischer und künstlerischer Kompetenzen. Die Ausbildung dieser Gestaltungskompetenz wird ergänzt durch Vermittlung von Kenntnissen über Kunst und Kultur und durch die immer wiederkehrende Thematisierung ethisch-moralischer Normen.

Kulturelle Jugendbildung/Jugendkulturarbeit setzt auf die Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen. Jugendkulturelle Ausdrucksformen werden im Sinne von „Schock und Schöpfung“ als Ausgangspunkt kultureller Tätigkeits- und Aneignungsprozesse gesehen.

Kulturelle Jugendbildung/Jugendkulturarbeit erweitert den Lebensraum der Jugendlichen, der einem erheblichen Leistungsdruck unterworfen ist mit all seinen festgelegten Rollen und Rollenerwartungen, damit schafft sie Platz für spielerisches Ausprobieren, für Probehandeln – kurz: bietet Raum zur Identitätsbildung und Erleben im Gruppenzusammenhang.

3.4.3. Welchen speziellen Nutzen hat die Jugendarbeit von der Arbeit mit Jugendkulturen?

Jugendkulturarbeit ergänzt den organisatorischen Rahmen bisheriger Jugendarbeit, sie arbeitet szenenah, zeitnah und nimmt die Lebensweise der Jugendlichen als Ausgangspunkt, um ihnen Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich selbst ausdrücken und verständlich machen zu können.

Jugendkulturarbeit kann in besonderer Weise Jugendliche ansprechen, die oft immer noch in der Jugendarbeit zu kurz kommen; sie ist als Methode besonders für geschlechtsspezifische Angebote sowie Angebote für ethnische und kulturelle Minderheiten geeignet.

Jugendkulturarbeit ist geeignet für alle Jugendlichen einen bezahlbaren Zugang zur Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen. Darüber hinaus kann sie mit ihren besonderen Methoden diejenigen Jugendlichen ansprechen, denen aufgrund sozialer Benachteiligung eine Teilhabe kaum möglich ist.

Jugendkulturarbeit kann nicht nur von den bisherigen Mitarbeiter/-innen in der Jugendarbeit betrieben werden. Notwendig ist eine Mischung von künstlerisch kompetenten, pädagogisch erfahrenen und flexiblen Mitarbeiter/-innen sowie Jugendlichen, die in ihrer Szene anerkannt werden. Indem die Jugendarbeit aktiv auf informelle Strukturen der Jugendlichen zugeht, schafft sie diesen Strömungen eine breitere Resonanz.

4. Bestandteile von Kultureller Jugendbildung/Jugendkulturarbeit

Kulturelle Jugendbildung/Jugendkulturarbeit ist gekennzeichnet von einer sehr unterschiedlichen Dichte der pädagogischen Interaktion: von formloser Überlassung von Lebensräumen über künstlerisch-pädagogisch begleitete Projekte bis zu existentieller Begegnung bei der Schaffung eines gemeinsamen Werks

4.1. Serviceleistungen

Unter diese Art von Leistungen fallen die Vermietung oder Überlassung von Räumlichkeiten, das Bereitstellen von Material oder die Vermittlung von Mietmöglichkeiten von Material und Ausstattung.

4.2. Szeneorientierte Arbeit

Szene unterscheidet sich von der Clique im wesentlichen darin, dass sie ihre Mitglieder nach bestimmten kulturellen Mustern rekrutiert bzw. ausschließt. Szenen bilden sich in der sozialen Interaktion ihrer Mitglieder, dazu ist eine gewisse Infrastruktur sowie eine interne Öffentlichkeit notwendig. Szeneorientierte Formen der Jugendarbeit können sein: Schaffung von Rückzugsorten, räumliche Angebote, Programmangebote, Gestaltung von Räumen und Flächen mit der notwendigen Infrastruktur, von der Minianlage bis zur PA, von der Wandfarbe bis zur Half-Pipe.

4.3. Organisation von Events

"Events" stellen im klassischen Sinne "Ein-Punkt-Aktionen" dar. In der Jugendkulturarbeit sind sie jedoch häufig eingebettet in Szenearbeit oder sind der Startschuss für weiterfolgende und nachhaltige Aktivitäten. Diese Merkmale bilden in der Jugendkulturarbeit geradezu Qualitätsmerkmale der Arbeit. Inhalte solcher Tätigkeiten können sein: Festivals, Konzerte, Partys und Wettbewerbe aller Art. Häufig sind diese Aktivitäten auch eingebettet in übergreifende Aktivitäten auf Stadt-, Kreis- oder Bezirksebene.
Events bieten darüber hinaus die Möglichkeit zu publikumswirksamer Öffentlichkeit, entsprechen diese Veranstaltungen doch den Bedingungen mediengerechter Darstellung.

4.4. Eigenproduktion

Eigenproduktionen beweisen oftmals die Nachhaltigkeit von Events, indem diese die Funktion als Auslöser oderhervorragendes und motivierendes Beispiel innehaben. Als Eigenproduktionen können angeführt werden: Theaterstücke, Musicals, Hip-Hop-Jams, Graffiti-Aktionen, Musik- und Multimedia-CDs , Video- oder Web-Clips. Eigenproduktionen sind diejenige Angebotsform in der Kulturellen Jugendbildung/Jugendkulturarbeit, die am deutlichsten die "Produktorientierung" aufweist, weil wirklich auf ein vorzeigbares und messbares Ergebnis hin gearbeitet wird. Unter Bildungsgesichtspunkten werden reichhaltige Prozesse formellen und informellen Lernens initiiert.

4.5. Formelle Bildungsangebote

Während für die Produktionen die Partizipation und Beteiligung der Jugendlichen im Mittelpunkt jugendarbeiterischen Bemühens stehen, überwiegt bei den Bildungsangeboten die Form des "nicht-formalen" Lernens. Die Angebote sind einerseits freiwillig, andererseits besteht bei den Lehrenden wie bei den Lernenden eine klare Absicht, den Bildungsprozess nach einem gewissen Plan mit verteilten Rollen zu durchlaufen (in der Terminologie des 12. Jugendberichts: „Nebenschulen“). Zu diesen Bildungselementen gehören die klassischen Formen der Kulturellen Jugendbildungsarbeit wie Kurse, Seminare und Workshops, die teils selbst von den Mitarbeiter/-innen angeboten werden, teils bei Fachleuten "eingekauft" werden. Im Unterschied zur "Produktion" steht nicht unbedingt das Ergebnis im Mittelpunkt der Bemühungen, sondern auch der Lernprozess an sich, der Gruppenprozess oder die Eröffnung besonderer Zugangschancen für Jugendliche, die wenig Zugang zu kulturellen Ausdrucksformen besitzen.

4.6. Planung und Profilierung

Die Ausdifferierungsprozesse in der Jugendarbeit haben dazu geführt, dass manche Einrichtungen sich als solche mit ausdrücklich jugendkulturellem Profil verstehen. Diese Schärfung des eigenen Profils als jugendkulturelle Einrichtung findet ihren Niederschlag in bestimmten Gestaltungsmerkmalen im Inneren wie auch im gesamten äußeren Erscheinungsbild und beinhaltet darüber hinaus die Initiierung oder Mitarbeit an entsprechenden Netzwerkstrukturen. Einrichtungen, die in diesem Bereich tätig sind leisten überwiegend oder ausschließlich jugendkulturelle Arbeit und verstehen sich auch bewusst als solche.

Beschlossen vom 128. Hauptausschuss des Bayerischen Jugendrings vom 23. bis 25. März 2006