Geschlechtergerechtigkeit in der Jugendarbeit in Bayern – Zwischenbericht 2005

Das Anliegen der Gestaltung und Verbesserung von Geschlechtergerechtigkeit wird seit einigen Jahren mit dem Begriff und Konzept des Gender Mainstreaming überschrieben.

Kurz formuliert ist die Grundidee dieser Gender Mainstreaming-Strategie, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern durchgängiges Prinzip des Handelns werden soll, vorrangig das Handeln von Organisationen soll in diesem Sinne verbessert werden. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang, den Auftrag der Gleichstellung sowie des Abbaus von Benachteiligung zwischen den Geschlechtern als Leitidee einer Organisation zu verankern, daraus folgend Umsetzungsschritte in allen Aufgabenbereichen in die Wege zu leiten und diese zu evaluieren. Diese Leitidee und der Querschnittsauftrag für alle Aufgabenbereiche wurde im Bayerischen Jugendring bereits 1993 vom Hauptausschuss beschlossen, ist aber immer noch bzw. – wie die Gender Mainstreaming Strategie zeigt – wieder aktuell.

„Geschlechtsspezifische Ansätze sind in allen Bereichen der Jugendarbeit konzeptionell aufzunehmen und weiterzuentwickeln. .. Die Beteiligung von Mädchen und Frauen in den Gremien der Jugendarbeit auf allen Ebenen soll von den Verantwortlichen kontinuierlich auch zahlenmäßig erfasst und daraufhin ausgewertet werden, wo Veränderungen notwendig und Verbesserungen möglich sind. ...Gleichstellung beider Geschlechter ist als eine Aufgabe der Jugendpolitik zu begreifen, die Förderung entsprechender Maßnahmen, Aktivitäten und Träger ist zu gewährleisten.“ (Bayerischer Jugendring 1993, Mädchen und Frauen in der Jugendarbeit in Bayern. Bestandsaufnahme und Empfehlungen, München).

Durch (Re-)organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung von Entscheidungsprozessen sollen die Wirkungen von politischen Entscheidungen und von Verwaltungshandeln im Hinblick auf dieses Gleichstellungsprinzip kontrolliert werden. In Umsetzung dieses Beschlusses bzw. der dort formulierten Empfehlungen wurde u.a. die Quotierung des Landesvorstands in der Satzung verankert, die Kommission Mädchen- und Frauenarbeit durch den Hauptausschuss eingesetzt, Mädchenpolitische Konferenzen, das Fachprogramm FAMtotal, das Projekt PräTect gestartet usw.. Nicht zuletzt werden seit diesem Beschluss eine Reihe von Daten geschlechtsspezifisch erfasst. Auf diese Daten sowie eine zusätzlich durchgeführte Befragung der Jugendverbände auf Landesebene stützt die folgende Analyse.

1. Darstellung und Analyse fehlender Geschlechtergerechtigkeit

1.1 Förderung unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten

Ein Aspekt der Überprüfung des Handelns des Bayerischen Jugendrings bzw. der Jugendverbände unter der Fragestellung der Geschlechtergerechtigkeit ist, inwieweit Männer und Frauen bzw. Mädchen und Jungen an öffentlicher Förderung teilhaben.

Hier zeigt sich seit Jahren, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowohl bei Jugendbildungsmaßnahmen als auch bei Mitarbeiterbildungsmaßnahmen mehr oder weniger gleichverteilt sind (siehe Tabellen 1 und 2).

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei den Referent/-innen und verantwortlichen Mitarbeiter/-innen:
Der Anteil der Männer unter den Referenten ist deutlich höher als der der Frauen, besonders gilt dies mit einem Anteil von 43% Frauen bei den Referenten der Mitarbeiterbildung (siehe Tabellen 3 und 4).

Die deutlichste Ungleichverteilung der Förderung zeigt auf die Verteilung der Zuschüsse zur Erstattung von Verdienstausfall 33 % der geförderten Personen sind Frauen, obwohl sie mindestens 43% der Referenten stellen. Diese Ungleichverteilung ist allerdings im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass von den 321 geförderten Personen insgesamt 121 Personen einem Antragssteller zuzuordnen sind, der 78 % männliche Antragssteller aufweist (siehe Tab. 5).

1.2 Beteiligung

Die Zusammensetzung von Gremien auf den verschiedenen Ebenen und in den Strukturen der Jugendarbeit, der Jugendverbände und der Jugendringe ist ein wesentliches Indiz für den Umfang der Beteiligung und Teilhaben von Frauen und Männern. Die Entwicklungen zeigen Folgendes: ƒ

Jugendverbände auf Landesebene:

Die Mitgliederversammlungen der Verbände ermöglichen die breiteste Beteiligung für Mädchen und Frauen. Von insgesamt 1113 Jugendverbandsdelegierten waren 2005 481 oder 43 % weiblich (Tab. 8. ). In der Befragung der Jugendverbände 1991 wurde ein durchschnittlicher Anteil von 37% weiblicher Delegierter ermittelt.

In den Vorstandspositionen der Jugendverbände insgesamt waren 2005 Frauen mit knapp 36% vertreten, 1991 wurde ein Anteil von 33% ermittelt (siehe Tab. 6).

Etwa im gleichen Umfang, nämlich zu 37 % waren Frauen als Vorsitzenden vertreten, dieser Anteil betrug 1991 34 %. 20% der zweiten Vorsitzenden waren 2005 Frauen. Insgesamt entspricht dieser Anteil dem Anteil der Frauen in den Vorständen der Verbände (siehe Tab. 7).

Jugendringstrukturen auf Stadt-/ Kreis-, Bezirks- und Landesebene

Da die Besetzung der Jugendringgremien im Zusammenhang mit den Mandaten und Funktionen in Verbänden stehen kann, werden diese insgesamt im Vergleich dargestellt:

Betrachtet man die Entwicklungen seit 1991 zeigt sich mit Blick auf die Vorstandspositionen bzw. die Vorsitzendenpositionen:
Die deutlichste Verbesserung ist bei den Stadt- und Kreisjugendringen zu verzeichnen, der Anteil der Frauen in Vorständen stabilisiert sich bei gut einem Drittel und entspricht damit dem Anteil der Frauen in Gremien der Verbände. Als Vorsitzende sind Frauen bei den Stadt- und Kreisjugendringen im Vergleich zu den Verbänden noch weniger beteiligt, allerdings mit steigender Tendenz. Ins Auge fällt, dass mehr Frauen in der Stellvertreterposition zu finden sind als bei den Jugendverbänden (siehe Tab. 9 – 11).

Für die Beteiligung auf Landesebene ist die Zusammensetzung der Vertreter/-innen und Delegierten im Hauptausschuss sowie an der Zusammensetzung der Kommissionen, Arbeitsgruppen und Beiräte von Bedeutung. Hier zeigt sich:

Der Anteil der weiblichen Delegierten im Hauptausschuss seit 1996 bewegt sich zwischen 43% und 26 %, die relativ großen Schwankungen sind im wesentlichen auf die kleinen absoluten Zahlen zurückzuführen. Nimmt man die Gesamtzahl der Delegierten zur Grundlage, errechnet sich ein durchschnittlicher Anteil von 30% weiblicher Delegierter. Das heißt, der Anteil von Frauen ist im Hauptausschuss geringer als in anderen Gremien der Jugendarbeit, insbesondere im Vergleich zu Delegiertenversammlungen der Verbände, aber auch zu Vorständen von Verbänden und Jugendringen (siehe Tab. 12).

Zwischen 2000 und 2004 ist bei den Verbänden, die aufgrund ihrer zwei Delegiertenplätze selbst eine Gleichverteilung anstreben können, eine bemerkenswerte Veränderung zu verzeichnen. Unter den 10 möglichen war im Jahr 2000 eine Frau vertreten, 2004 dagegen waren es 6 von 10 (siehe Tab. 13).

Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen, Beiräte und Kommissionen ist häufig verbunden mit Funktionen oder bestimmten Tätigkeitsschwerpunkten, erfolgt aber häufig auch auf Vorschlag der entsendenden Stellen bzw. durch Beschluss des Landesvorstands. Folglich kann hier keine einheitliche Tendenz hervorgehoben werden. Auffällig ist allerdings, dass es zwischen den einzelnen Gruppen sehr große Unterschiede hinsichtlich der Vertretung von Männern und Frauen gibt (siehe Tab. 14), die sich ggf. themen- oder arbeitsfeldspezifisch erklären lassen.

1.3 Zusammensetzung des hauptberuflichen Personals

Dieser Aspekt ist in der Regel der zentrale in Gleichstellungsberichten, kann aber für die Jugendarbeit, die überwiegend ehrenamtlich betrieben wird, nur einer von vielen sein. Allgemein geht es darum, abzubilden, ob und in welchem Umfang sich geschlechtsspezifische Verteilungen zum Beispiel mit Blick auf bestimmte Berufsfelder oder Eingruppieren oder berufliche Positionen erkennen lassen. Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass die geschlechtsspezifische Verteilung der Fachkräfte auch Auskunft über die Verteilung öffentlicher Förderung in diesem Punkt gibt.

Aussagekräftig sind solche Darstellungen für den Einzelfall im Wesentlichen dann, wenn Vergleichsmaßstäbe vorhanden sind, für das Folgende werden deshalb zwei Bezüge hergestellt:

Betrachtet man das gesamte Berufsfeld der Jugendhilfe, sind lt. Jugendhilfestatistik 85 % der Fachkräfte weiblich. Dies hängt damit zusammen, dass der größte Teil aller Jugendhilfe-Fachkräfte im Bereich der Kindertagesbetreuung tätig ist.

Das Berufsfeld der Jugendarbeit unterscheidet sich von den anderen Feldern der Jugendhilfe dadurch, dass hier traditionell ein höherer Anteil von Männern als in anderen Berufsfeldern der Jugendhilfe arbeitete. 1991 betrug ihr Anteil noch 47%, 2002 hat sich dieser auf 33% reduziert. Das heißt, 2002 waren bundesweit 67% der Fachkräfte in der Jugendarbeit weiblich.

Ein zweiter Bezugsrahmen kann die Zusammensetzung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst sein, die zum Beispiel im Gleichstellungsbericht der Bayerischen Staatsregierung geschlechtsspezifisch beobachtet wird, um u.a. die Auswirkungen des bayerischen Gleichstellungsgesetzes zu erfassen. Die dort erhobenen Daten zeigen zur Personalsituation im öffentlichen Dienst des Freistaates, dass sich der Frauenanteil von 44,5% im Jahr 1996 auf 48,4 % im Jahr 2004 erhöht hat. Der Anteil der Frauen in Leitungspositionen hat sich von 15% im Jahr 1997 auf fast 23% deutlich erhöht. Der Anteil der Frauen im höheren Dienst hat sich von 24,5% im Jahr 1996 auf knapp 32% im Jahr 2004 erhöht. In der gesamten öffentlichen Verwaltung sind 82% der Teilzeitbeschäftigten Frauen gegenüber 18% Männern, hiervon knapp die Hälfte in Altersteilzeit. ƒ

Fachkräfte auf geförderten Stellen

Betrachtet man nun die geschlechtspezifische Verteilung der aus Mitteln des Jugendprogramms geförderten Stellen für Fachkräfte der Jugendverbände, Jugendbildungsstätten und Bezirksjugendringen zeigt sich Folgendes: Mit gut 40 % weiblicher Stelleninhaber 2004 ist ihr Anteil an den Fachkräften deutlich geringer als ihr Anteil im bundesweiten Durchschnitt (67%).

Der Anteil der weiblichen Stelleninhaber in Teilzeit liegt mit knapp 73% deutlich über dem der Männer in Teilzeit mit 42% .

Vergleicht man die Stelleninhaber der Stellen, die dem höheren Dienst zugerechnet werden können, zeigt sich, dass der Anteil der Frauen hier nur noch 32% beträgt. Dieser Anteil entspricht dem Frauenanteil in der gesamten öffent-lichen Verwaltung, aber nicht dem Anteil der weiblichen Beschäftigten in der Jugendarbeit insgesamt (67%), auch nicht dem Anteil der Frauen auf den geförderten Stellen (40%) (siehe Tab. 16). ƒ

Beschäftigte in der Geschäftsstelle und den Einrichtungen des BJR auf Landesebene

Der Anteil weiblicher beschäftigter Personen mit 72% liegt 2005 deutlich über dem Anteil der beschäftigten Frauen im öffentlichen Dienst beim Freistaat (48%). Der Anteil der Frauen mit Eingruppierungen, die dem höheren Dienst entsprechen würden, liegt aktuell bei 42% im Vergleich zu 32% im öffentlichen Dienst insgesamt. Er entspricht aber nicht dem Anteil der in der Geschäftsstelle und den Einrichtungen beschäftigten Frauen insgesamt (siehe Tab. 17).

Betrachtet man die Stelleninhaber/-innen, die im engeren Sinne Leitungsfunktionen ausüben, beträgt der Frauenanteil aktuell 50% . Aufgrund der kleinen Zahl könnte eine Veränderung bei einer Stelle entweder den Anteil auf 62,5 % erhöhen oder auf 37,5 % reduzieren.

Eine Darstellung in Vollzeitstellen und nicht in Personen würde die Proportionen zu ungunsten der Frauen verschieben. Denn insbesondere in den niedrigeren Gehaltsgruppen sind die Teilzeitkräfte fast ausnahmslos Frauen, aber auch in den höheren sind die Teilzeitkräfte eher weiblich.

2. Vorschläge und Empfehlungen zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit

2.1 Geförderte Maßnahmen

Die quantitative Gleichverteilung hinsichtlich der Teilnehmenden sagt zunächst nichts darüber aus, inwieweit inhaltlich in den jeweiligen Maßnahmen die Aspekte geschlechtsspezifischer Lebenslagen Berücksichtigung finden. Der Landesvorstand betont deshalb, dass in „jeder Maßnahme eine vom Träger erarbeitete Zielvorstellung zugrunde liegen muss, die in geeigneter Weise umgesetzt wird, auch unter Berücksichtigung von Geschlechtergerechtigkeit.“ (Verwaltungsvorschrift zu den Förderrichtlinien)

Insbesondere Fachprogramme und Modellprojekte, die der BJR unmittelbar verantwortet, sollen bei Ausschreibung und Auswahl auf qualitative Unterschiede der Lebenslagen von Mädchen und Jungen Bezug nehmen.

2.2 Beteiligung in Gremien

Betrachtet man die Gremienzusammensetzung der Jugendverbände auf Landesebene, so ist festzustellen, dass der Anteil der weiblichen Vorstände bzw. Vorsitzenden seit 1991 nicht wesentlich zugenommen hat, obwohl Mädchen und Frauen häufig mindestens 50% der Mitglieder stellen und ihre Vertretung in den Delegiertenversammlungen sich deutlich verbessert hat. Das heißt, für die Jugendverbände stellt sich weiterhin die Aufgabe, in eigener Verantwortung eine gleichberechtigte Partizipation zu ermöglichen.

Gleiches gilt für die Stadt- und Kreisjugendringe, obwohl diese, vergleicht man die heutige Situation mit den Zahlen von 1991, die Beteiligung von Frauen wesentlich verbessert haben.

Der Anteil der Frauen unter den Delegierten des Hauptausschusses ist gemessen an den anderen Gremienzusammensetzungen am geringsten. Alle Mitglieder des Hauptausschusses werden deshalb aufgefordert, sich weiterhin und gezielt für die Förderung einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern, wie dies die Satzung des BJR vorsieht, auch in diesem Gremium ein-zusetzen.

Um die Geschlechtergerechtigkeit in Arbeitsgruppen, Kommissionen, Beiräten zu verbessern, sollte der Landesvorstand bzw. der Hauptausschuss bei der Besetzung auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis achten. Bereits in den Besetzungsverfahren bzw. Anschreiben sollte der entsprechende Hinweis deutlich zum Ausdruck gebracht werden. Insbesondere bei der Nachbesetzung soll dies auch ein Kriterium für die Auswahl sein.

2.3 Fachkräfteförderung

Die Anstellungsträger der geförderten Stellen werden dazu aufgerufen ihre Einstellungspraxis zu überprüfen, um die Ungleichverteilung zwischen Männern und Frauen auf den geförderten Stellen abzubauen.

2.4 Beschäftigte in der Geschäftsstelle und den Einrichtungen des BJR

Die Bemühungen der Verantwortlichen, die Beteiligung von Frauen an höheren Stellen und in Leitungsfunktionen zu verbessern, sind deutlich erkennbar. Aktuelle Aufgabe ist es, dieses Niveau zu halten bzw. – wo erforderlich – Verbesserungen der Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen.

2.5 Regelmäßige Fortschreibung der Darstellung der Ist-Situation zur Geschlechtergerechtigkeit

Die vorliegende Datenerhebung für die Aufgaben auf Landesebene wird fortgeführt, um in einem regelmäßigen Turnus von 3 bis 5 Jahren Informationen über Veränderungen und Verbesserungen zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit darstellen zu können. Auch den Jugendverbänden und Jugendringen wird empfohlen, eine für ihren Aufgabenbereich angemessene Form der Selbstbeobachtung und Auswertung zur gleichberechtigten Beteiligung und Teilhabe von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern zu entwickeln.

Beschlossen vom 128. Hauptausschuss des Bayerischen Jugendrings vom 23. bis 25. März 2006