Gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in der Jugendarbeit

Die Delegierten der 154. Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings beschließen einige Forderungen und Maßnahmen, wie die Vielfalt in Angeboten und Maßnahmen der Jugendarbeit stetig verbessert werden kann.

Jugendarbeit steht für Vielfalt, gleichberechtigte Teilhabe und Demokratie. In der gelebten Vielfalt der Jugendorganisationen und der in ihnen zusammengeschlossenen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bringen wir zum Ausdruck, dass ein Miteinander gelingt, in dem Respekt, Akzeptanz und Achtsamkeit Ausdruck unserer gemeinsamen Werte sind (vgl. Präambel der Satzung des BJR). Je mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund in der Jugendarbeit gleichberechtigt sichtbar werden und je stärker sich Jugendarbeit aktiv zu dieser Vielfalt bekennt, umso glaubwürdiger und wirkungsvoller kann Jugendarbeit agieren. Gleichberechtigte Teilhabe ist elementar für eine funktionierende freiheitlich-demokratische Gesellschaft.

Die aktuellen gesellschaftlichen Debatten um Religion, Flucht und Migration haben einen Einfluss auf das demokratische und friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Menschen mit Migrationshintergrund stehen hier besonders kritisch im Fokus, werden oft öffentlich diskreditiert und für gesellschaftliche Problemstellungen verantwortlich gemacht. Vor allem Muslime und Menschen, denen ein muslimischer Hintergrund zugeschrieben wird, sind stärker von Diskriminierung betroffen [1]. Das fordert die Jugendarbeit heraus.

Der veränderte Diskurs macht es noch wichtiger, die Werte der bayerischen Jugendarbeit stärker nach außen zu tragen. Um das glaubhaft und authentisch tun zu können, ist es notwendig, den Blick auch nach innen zu richten. Dabei ist darauf zu achten, wie sich die Vielfalt, für die Jugendarbeit steht, in deren eigenen Strukturen, Angeboten und Maßnahmen wiederfinden kann und wie diese sich stetig verbessern können.

1. Gleichberechtigte Teilhabe im Rahmen der Strukturen von Jugendarbeit

Jugendarbeit engagiert sich seit Jahrzehnten im Bereich Integration auf verschiedenen Ebenen. Besonders in den letzten ca. zehn Jahren konnten einige wichtige Weichen gestellt und Erfolge erzielt werden. Manche Jugendverbände zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen hauptsächlich junge Menschen mit Migrationshintergrund organisiert sind (VJM). Diese erlangen immer häufiger Vertretungsrechte in den Stadt- und Kreisjugendringen und Bezirksjugendringen und engagieren sich in den Vorstandschaften. VJM sind aus der Jugendverbandslandschaft nicht mehr wegzudenken.

Die Jugendarbeit lebt von ihrer vielfältigen Expertise der Jugendverbände, Jugendringe, kommunalen Jugendarbeit (KOJA), offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) und weiterer Akteur_innen. Gemeinsam können sie dazu beitragen, Barrieren zu erkennen und Zugänge zu erleichtern. So kann der Schulterschluss aller noch besser vollzogen werden. Dies führt zu einem Mehr an Solidarität, Vielfalt und Gleichberechtigung in der Jugendarbeit und stärkt diese.

1.1 Jugendringe

Als Zusammenschluss der Jugendorganisationen in Bayern stellt der Bayerische Jugendring mit seinen Untergliederungen eine wichtige politische Kraft dar. Unter anderem hat er die Aufgabe, die Bedürfnisse, Meinungen und Interessen aller jungen Menschen in seinem Wirkungsraum gegenüber der Öffentlichkeit und Politik zu repräsentieren. Dabei achten die Jugendringe darauf, Jugendliche in ihrer Vielfalt zu vertreten und das Diversitätsbewusstsein in der gesamten Gliederung zu fördern.

Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Teilhabe in den Jugendringen in Bayern schaffen

Jugendringe haben auf allen Ebenen ein großes Potential, um junge Menschen mit Migrationshintergrund für die Gremienarbeit zu gewinnen und sie zu unterstützen. Um dieses Potential optimal nutzen zu können, braucht es Öffnungsprozesse von der Orts- bis zur Landesebene. Dazu bedarf es zum einen des aktiven Austauschs zwischen den Jugendringen und den Vereinigungen junger Menschen mit Migrationshintergrund. Zum anderen sollten gemeinsam Vorurteile und Stereotypen abgebaut werden sowie Verständnis für die vielfältigen und unterschiedlichen Arbeitsweisen und Strukturen der Verbände entstehen. Das Fachprogramm Integration des BJR kann genutzt werden, um tragbare Konzepte umzusetzen. Die VJM sollen sich hier als Expert_innen in eigener Sache einbringen (können), da sie sehr gut die Hürden beschreiben können, auf die sie stoßen.

Professionalisierung und Qualifizierung

Für ein Agieren auf Augenhöhe ist es wichtig, gleiche Ausgangsbedingungen zu schaffen. Dies geschieht zum einen durch die Förderung von Personal und zum anderen durch Qualifizierung und Schulung der haupt- und ehrenamtlich Tätigen. Dabei ist besonders der spezifische Qualifizierungsbedarf zu beachten, z.B. Organisationsentwicklung, Train-the-Trainer-Schulungen, antirassistische und diskriminierungsfreie Ansätze etc. Die Landesebene setzt Impulse für ausreichende Angebote auf allen Ebenen.

Feste Ansprechpartner_innen einrichten

Integration, interkulturelle Öffnungsprozesse und Teilhabe bringen vielfältige Fragen mit sich und dürfen nicht allein vom Engagement Einzelner abhängen. Um hier nachhaltig agieren zu können, sind feste hauptberufliche oder ehrenamtliche Ansprechpartner_innen, z.B. im Vorstand unverzichtbar. Sie wirken vertrauensbildend und sorgen dafür, dass die Themen und Anliegen präsent bleiben. Die sehr unterschiedlichen Möglichkeiten in den verschiedenen Jugendringen sind dabei zu beachten. Hierzu sind die Fachstellen „Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft“ des Aktionsprogramms Flüchtlinge werden Freunde ein wichtiger erster Schritt in die richtige Richtung.

Unterstützung und Förderung von VJM

Verbände, die von jungen Menschen mit Migrationshintergrund organisiert werden, verfügen selten über gewachsene Strukturen, auf die sie aufbauen können. Diese müssen erst geschaffen und ausgebaut werden. Sie brauchen Plattformen, um sich zu präsentieren. Unwissenheit über diese Verbände führt zu Verunsicherung und Diskriminierung. Andererseits besteht auch bei den VJM teilweise Unwissenheit bezüglich der Jugendarbeit. VJM werden besonders häufig als Expert_innen in eigener Sache angefragt, sie begleiten und beraten oftmals Projekte und Prozesse. Auch dafür benötigen sie zusätzliche Ressourcen, die nicht nur projektgebunden vorhanden sind.

Fördermöglichkeiten überprüfen

Auf allen Ebenen der Jugendarbeit gibt es unterschiedliche Fördermöglichkeiten, die die Jugendarbeit in ihrer Vielfalt unterstützen. Damit diese auch wirklich von allen genutzt werden können, ist es wichtig, kritisch zu prüfen, von wem sie bisher genutzt werden und ob möglicherweise unbeabsichtigte Hürden abgebaut werden können. Prozesse der interkulturellen Öffnung hin zu einer gleichberechtigten Teilhabe erfordern Ressourcen bei allen Beteiligten.

1.1.1 Landesebene

Öffnungsprozesse ermöglichen

Die interkulturelle Öffnung von Jugendverbänden und Jugendringen, Organisationen und Einrichtungen stellt einen langen Prozess dar, der viele Anforderungen an die Akteure und deren hauptberuflich und ehrenamtlich tätigen Kräfte stellt. Eine wichtige Aufgabe stellt hierbei eine Qualifizierung dieser Kräfte dar. Förderprogramme wie das Fachprogramm Integration des Bayerischen Jugendrings schaffen hierfür finanzielle Ressourcen. Darüber hinaus bieten Projekte und Kooperationen Möglichkeiten, Begegnungen zu schaffen, Vorurteile abzubauen und neue Perspektiven einzunehmen. Hier verbirgt sich die Chance, das eigene Handlungsspektrum zu erweitern. Durch erfolgreiche Öffnungsprozesse gelingt es, Handlungsräume in einer sozial und kulturell ausdifferenzierten Gesellschaft zu schaffen, die von Gleichberechtigung geprägt sind und die gesellschaftliche Realität widerspiegeln.

Interkulturelle Öffnung in der Satzung und Gremien des BJR

In der Vollversammlung wurden bereits viele sehr wichtige und richtungsweisende Beschlüsse gefasst. Auch die VJM haben ihren Beitrag dazu geleistet, indem sie ebenfalls Anträge eingebracht und alle Anträge mitdiskutiert haben. Diesen erfolgreichen Weg wollen wir gemeinsam weitergehen. Die Förderung der interkulturellen Öffnung durch die Satzung ist von großer Bedeutung. Möglichkeiten der Teilhabe und Partizipation von jungen Menschen mit Migrationshintergrund an Gremien, an denen sie noch nicht ausreichend beteiligt sind, werden hierdurch geschaffen. Diese Teilhabe beschleunigt den Prozess der interkulturellen Öffnung enorm. In der Satzung des BJR sind bereits verschiedene solcher Regelungen enthalten. Diese Regelungen sollten regelmäßig auf ihre Notwendigkeit und Wirksamkeit hin überprüft und angepasst werden. Hier sind insbesondere die VJM als Expert_innen in eigener Sache einzubinden und ihre Bedarfe ernst zu nehmen.

VJM stärker in Programmplanung einbinden

Gleichberechtigte Teilhabe, Integration und interkulturelle Öffnung sollen als Themen bei der Programmplanung im Institut für Jugendarbeit stärker berücksichtigt werden. Mitunter stehen VJM als Expert_innen in eigener Sache zur Verfügung.

Interkulturelle Öffnung verstetigen

Das Thema der interkulturellen Öffnung ist gesellschaftspolitisch zu wichtig, als dass es von aktuellen Kassenlagen oder kurzfristigen politischen Überlegungen abhängig sein darf. Um dies sicherzustellen, ist jugendpolitisch weiter darauf hinzuwirken, dass eine Schwerpunktsetzung in diesem Bereich in den Kinder- und Jugendprogrammen und Jugendhilfeplanungen mit entsprechender Ressourcenausstattung erfolgt.

Förderprogramme beibehalten

Finanzielle Förderprogramme, welche den Aufbau von VJM ermöglichen und VJM mit landesweiter Relevanz eine angemessene Finanzmittelausstattung gewährleisten, sollen beibehalten werden. Zusätzliche Projekte, die wie z.B. Potential Vielfalt spezielle Förderbedarfe bedienen, sind sinnvoll, da es durch sie möglich ist, VJM in ihrem Engagement und ihrer Organisation sichtbar und als mögliche Partner wahrnehmbar zu machen. Beides bildet einen wichtigen Schutz vor gesellschaftlichen Angriffen.

Entwicklung eines Monitorings

Um Veränderungen bezüglich der gleichberechtigten Teilhabe in der Jugendarbeit sichtbar zu machen, braucht es belastbare Zahlen zur aktuellen Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Jugendarbeit.

Bisher werden die Veränderungen in den Vertretungen der VJM auf allen Jugendrings-Ebenen sowie die Struktur und Anzahl der Anträge im Fachprogramm Integration erhoben. Dies gibt jedoch nur einen Ausschnitt der Integrationsarbeit in der Jugendarbeit wieder. Sinnvoll wäre daher, darüber hinaus ein standardisiertes Monitoring zu entwickeln, welches in wiederkehrenden Abständen durchgeführt werden kann und zu vergleichbaren Ergebnissen führt. Anhaltspunkte könnten zusätzlich zu den Vertretungen und den Projekten im Fachprogramm Integration sein: Vertretungen von VJM in Vorständen und Gremien, Anzahl der Befassungen mit dem Thema, (Qualifizierungs-) Maßnahmen und Aktionen über das Fachprogramm Integration hinaus, Selbsteinschätzung bzgl. Teilnehmer_innen, Merkmale für Integration und Teilhabe, Mitglieder und Funktionär_innen mit Migrationshintergrund in den Jugendverbänden, Selbsteinschätzung bzgl. Möglichkeiten und Grenzen etc.

1.1.2 Bezirksjugendringe

Fachstellen für das Thema Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft in allen Bezirksjugendringen

Die flächendeckende Umsetzung der interkulturellen Öffnung bedarf auch einer strukturellen und personellen Verankerung auf Bezirksebene. Daher wird empfohlen, für das Thema Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft Fachstellen bei allen Bezirksjugendringen einzurichten und die dafür notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen, um sich bedarfs- und strukturgerecht des Themas anzunehmen.

Der Themenkomplex "Integration, Inklusion und Interkulturelle Öffnung" ist zu groß, zu vielschichtig und gesellschaftspolitisch zu bedeutend, um alleine von der Landesebene, ergänzt durch einige lokale, städtische Jugendringe, bearbeitet zu werden. Die Bezirksebene kann hier analog zur Arbeit der Medienfachberatungen eine Fachstelle sein, die die Schnittstelle zwischen der Landes- und der kommunalen Ebene darstellt, und die auf die unterschiedlichen Situationen und Bedarfe von Städten und ländlichen Gemeinden eingehen kann und vor Ort das Thema bedarfsgerecht bearbeiten und fördern kann. Die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen bei den Bezirksjugendringen und deren Eigenständigkeit sind bei der Planung, Umsetzung und Unterstützung zu berücksichtigen. Arbeitsgruppen oder Netzwerke aus Menschen mit Fachexpertise zur Integration und interkulturellen Öffnung können hier sehr hilfreich sein. Die Landesebene bietet hier gute Beratungs- und Fördermöglichkeiten.

Vernetzungsangebote und Austauschplattformen für VJM schaffen

Politische Entscheidungen auf Bezirksebene betreffen alle dort lebenden jungen Menschen. Die VJM-Landschaft ist in den verschiedenen Bezirksjugendringen unterschiedlich stark ausgeprägt und an einigen Stellen unterrepräsentiert. Für eine gleichberechtigte Teilhabe und im Sinne der jugendpolitischen Lobbyarbeit ist es wichtig, ihre Belange und Bedarfe zu sammeln und zu Gehör zu bringen. Hierfür braucht es Vernetzungs- und Aussprachemöglichkeiten sowie Schulungs - und Empowermentangebote.

1.1.3 Stadt- und Kreisjugendringe

Vernetzungs-, Informations- und Kennenlernangebote

Die Zahl der Vertretungen von VJM in den Stadt- und Kreisjugendringen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Vor allem die durch Projekte schnell gewachsenen Landesverbände konnten hier die Jugendverbandslandschaft bereichern und auch in den Vorständen der Stadt- und Kreisjugendringe aktiv werden. Diese positive Entwicklung stellt die Strukturen der Jugendringe jedoch vor verschiedene Fragen und Herausforderungen. Beispielsweise sind die neuen Mitgliedsverbände oft inhaltlich unbekannt, so dass hier Vernetzungs- und Kennenlernangebote hilfreich sein können. Ebenso sinnvoll ist es, die neuen Gruppen über die Möglichkeiten der Partizipation zu informieren.

Auf neue Initiativen zugehen

Neben den Gruppen, die bereits Mitglied sind, gibt es viele Initiativen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die oft aus den unterschiedlichsten Gründen, z.B. weil die Strukturen nicht bekannt sind, noch nicht vertreten sind. Ein aktives Zugehen auf diese Initiativen zum gegenseitigen Kennenlernen ist sehr hilfreich. Hier können Mitglieder mit Migrationshintergrund Brücken bauen.

Reflexion und Veränderung von Sitzungsritualen

Immer mehr neue Mitgliedsgruppen machen es notwendig, Gewohnheiten und Rituale in Gremiensitzungen, z.B. in der Vollversammlung, selbstkritisch zu hinterfragen und immer wieder gemeinsam mit allen Mitgliedern zu besprechen und erneuern. So können Maßnahmen entwickelt werden, die den Einstieg für die neuen Mitglieder erleichtern und die hohe Bedeutung von Gremienarbeit verständlich machen. Beispielhaft könnten das sein: ein Patensystem, mit dem neue Vertreter_innen in der ersten Vollversammlung begleitet werden, ein Get-together im Vorfeld, Erklärvideos zum Prozedere, die Vorstellung aller vertretenen Verbände etc.

1.2 Jugendverbände

Die Jugendverbandslandschaft ist gekennzeichnet durch eine Pluralität von verschiedenen Zielen, Wertorientierungen und Weltanschauungen. Unter dem Dach des Bayerischen Jugendrings sind vielzählige Verbände vereint, die trotz ihrer Vielfältigkeit das gemeinsame Ziel verfolgen, für alle Kinder und Jugendlichen einen Ort für ihre Persönlichkeitsentwicklung zu bieten und deren Interessen zu vertreten. Oft hat die Jugendverbandsarbeit gezeigt, dass sie aufgrund ihrer basisdemokratischen und weltoffenen Arbeitsweise Pionierarbeit leistet und neue Wege einschlägt, anstatt gesellschaftliche Ausschlussmechanismen zu reproduzieren. Angesichts der demographischen Entwicklung und des Anspruchs der Jugendverbandsarbeit, für alle Kinder und Jugendliche offen zu sein, hat eine Auseinandersetzung mit der Interkulturellen Öffnung schon lange Einzug in die Jugendarbeit gehalten [2].

Um dem Ziel der gleichberechtigten Teilhabe aller Jugendlichen an den Strukturen der Jugendarbeit in den nächsten Jahren kontinuierlich näherzukommen, sind folgende Voraussetzungen notwendig:

Noch stärkere Partizipation und Repräsentation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Viele Jugendverbände haben in den letzten Jahren mit ihren Angeboten mehr Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erreicht und diese erfolgreich in ihren Verband integriert. Trotzdem sind diese in der Regel unterrepräsentiert. Dies gilt insbesondere für die politischen Gremien [3]. Neben der tatsächlichen Erhöhung der Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zielt die interkulturelle Öffnung vor allem auf eine kritische und selbstreflexive Betrachtung der eigenen Strukturen und Angebote im Hinblick auf mögliche Zugangsbarrieren ab. Ziel ist es, alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen, die sich mit den Zielen und Inhalten des Verbandes identifizieren [4].

Individuelle Auseinandersetzung im eigenen Verband

Jugendverbandsarbeit ist geprägt durch Freiwilligkeit, Selbstorganisation, Ehrenamtlichkeit und Demokratie. Dadurch ergeben sich für junge Menschen Möglichkeiten zur Selbsterprobung, zur gemeinsamen Verantwortungsübernahme und zur Schaffung von neuen Perspektiven [5]. Dazu müssen alle aktiven Verbandsakteur_innen bereits in die Planungen einbezogen werden. Die Schaffung von Angeboten sollte dabei ebenso im Mittelpunkt stehen wie die konsequente Beteiligung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund [6]. Dabei können keine allgemeinen Vorgaben zur interkulturellen Öffnung eines Verbandes entwickelt werden, da das Jugendverbandssystem zu pluralistisch geprägt ist und genau diese Vielfalt die Jugendverbandsarbeit ausmacht. Eine individuelle Auseinandersetzung im eigenen Verband ist daher unverzichtbar.

Schulterschluss aller Jugendverbände, um gelebte Vielfalt nach außen zu tragen

Als kompetente Akteur_innen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit stellen die Vertreter_innen von VJM einen Teil der deutschen Gesellschaft dar [7]. Sie ermöglichen vielen jungen Menschen einen wichtigen Zugang zur Gesellschaft und fördern eine Partizipation aller Jugendlichen. Über VJM werden Kinder und Jugendliche erreicht, die sich bisher von den Angeboten der Jugendverbandsarbeit nicht angesprochen und/oder repräsentiert fühlen [8]. Allerdings wird jungen Menschen mit Migrationshintergrund und ihren Verbänden häufig mit Misstrauen begegnet oder sie stehen unter dem Generalverdacht, nicht freiheitlich-demokratisch agieren zu können. Es ist sehr wichtig, dass sich hier Jugendarbeit in ihrer Gesamtheit zusammenfindet und für ihre Mitgliedsverbände einsteht. So kann eine Spaltung in „erwünschte“ und „unerwünschte“ Jugendverbände vermieden werden. Derartige Spaltungsversuche sind aus anderen Bundesländern bekannt, in denen rechtspopulistische Parteien im Landtag vertreten sind.

Die VJM nehmen ihre Verantwortung und Mitgestaltungsmöglichkeiten wahr

VJM sind in den Kommissionen, in den Vollversammlungen und bei den Arbeitstagungen vertreten und gestalten diese aktiv mit. Sie nutzen die Gelegenheiten, um auf Barrieren und erschwerte Zugänge hinzuweisen und gehen in den gemeinsamen Dialog und Aushandlungsprozess. Sie stehen im Rahmen ihrer Möglichkeiten als Expert_innen in eigener Sache zur Verfügung und nutzen viele Gelegenheiten für Kooperationsprojekte.

Gemeinsam Jugendarbeit fortschreiben

Viele Jugendverbände haben ähnliche Problemstellungen, ob sie nun von Jugendlichen mit Migrationshintergrund organisiert sind oder nicht: sie sind überwiegend ehrenamtlich strukturiert, verfügen über kein oder sehr wenig Eigenkapital, haben eine erschwerte Planungssicherheit und schaffen es aus ihren ehrenamtlichen Kapazitäten heraus schwer, für alle nötigen Ämter Delegierte zu akquirieren. Der Aufbau neuer Strukturen ist eine Herausforderung. Es ist daher wichtig, an einem zu Strang ziehen und gemeinsame Hürden auch gemeinsam anzugehen. Das betrifft die Mittelsicherung, aber auch die sog. Projektitis. Hier können gemeinsame Forderungen formuliert werden.

Beratung bei Strukturaufbau und Professionalisierung

Die verschiedenen Jugendverbände verfügen über eine vielfältige Expertise, wenn es um Strukturaufbau und Professionalisierung geht. Hier sind diejenigen mit besonders vielen Erfahrungen auf diesem Gebiet gefordert, ihr Wissen zu teilen und im Sinne der Solidarität andere Jugendverbände auf ihrem Weg dahin zu beraten und begleiten.

Schaffung von Zugängen: Information für Eltern ausbauen und Geh-Struktur aufbauen

Für alle Bereiche der Jugend(verbands-)arbeit ist es zentral, Kinder und Jugendliche zunächst über Angebote zu informieren und für diese zu werben. Die Angebote der Jugendarbeit sind oft nicht bekannt und es kann nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass Eltern Akteur_innen im außerschulischen Bereich vertrauen und die Wege zu ihnen finden. Daher ist es entscheidend, Eltern einzubeziehen, um ihnen so die Möglichkeit zu geben, sich mit den Angeboten und Strukturen vertraut zu machen, die Chancen und den Wert von Jugendarbeit für ihre Kinder zu erkennen und über die gegebenen Qualitätsstandards zu informieren. Damit zusammenhängend ergibt sich auch der Bedarf, Geh-Strukturen aufzubauen, gezielt junge Menschen mit Migrationshintergrund anzusprechen und über die Angebote zu informieren. Nicht alle haben die Möglichkeit, über ihre Familien in Jugendverbände eingeführt bzw. auf deren Angebote aufmerksam gemacht zu werden. Über eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit, die ggf. auch neue Wege (gut gewählte Orte / Schlüsselpersonen etc.) gehen muss, kann hier viel erreicht werden [9].

1.3 Kinder- und Jugendarbeit mit hauptberuflichen pädagogischen Fachkräften in Städten und Gemeinden

Die Arbeitsfelder, die mit pädagogischen Fachkräften Jugendarbeit anbieten, sind mit ihren Angeboten in den kommunalen Strukturen wichtiger Bestandteil in der Umsetzung von Teilhabe. Die Angebote im Sozialraum richten sich an alle jungen Menschen. Dort, wo Menschen sich begegnen, kann es zu unterschiedlichen Sichtweisen kommen. Eine pluralistische Herangehensweise ist notwendig, um die konstruierten Abgrenzungen abzubauen. Die Sensibilisierung hinsichtlich gruppenbezogener Fremdenfeindlichkeit und Rassismus muss durch die Fachkräfte vorangetrieben werden.

1.3.1 Kommunale Jugendarbeit

Vielfalt in Jugendhilfeausschüssen

Kommunale Jugendpfleger_innen sind grundsätzlich leitende Fachkräfte in der Verwaltung des Jugendamtes (§ 72 Abs. 1 SGB VIII) und zur Durchführung der gesetzlichen Aufgaben der Jugendarbeit im Sinne der Gesamtzuständigkeit eingesetzt. Der Bereich „Kommunale Jugendarbeit“ hat in den Jugendämtern eine Schlüsselfunktion für die Planung, Förderung und Koordinierung der Leistungen der Kinder- und Jugendarbeit.

Kommunale Jugendarbeit hat im Rahmen des Aufgabenbereiches der örtlichen Träger der Jugendhilfe dafür zu sorgen, dass die erforderlichen Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen der Jugendarbeit im Zuständigkeitsgebiet des Jugendamtes rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung stehen. Somit ist die kommunale Jugendarbeit eine wichtige Schnittstelle zwischen Amt und freien Trägern und kann hier den besonderen Zugang nutzen, Brücke und Vermittler zu sein und gemeinsam mit Jugendringen, Jugendverbänden, VJM und anderen Trägern der Jugendarbeit für Vielfalt einzustehen. Hier können Veranstaltungen stattfinden mit Jugendringen, Jugendverbänden, jungen Menschen mit Migrationshintergrund und Abgeordneten in den Wahlkreisen. Ziel sollte sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, im Gespräch zu bleiben und die unverzichtbare Vielfalt jugendlicher Interessen und jugendlichen Engagements aufzuzeigen und zu unterstützen.

1.3.2 OKJA

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit bietet Räume zur Entfaltung, zum Selbsterleben, Gestaltung von Freizeit und Freundschaft. Die Pluralität, mit einem besonderen Augenmerk auf Mädchen mit und ohne Migrationshintergrund, sollte durch die Fachkräfte weiterentwickelt werden. Zugänge zu schaffen und Hürden abzubauen sind hier die zentralen Themen.

In die Einrichtungen kommen viele Jugendliche mit ihren eigenen Vorurteilen. Das Fachpersonal kann mit gezielten Aktionen, Projekten und Programmen ins Gespräch kommen und neue Erlebniswelten öffnen. Bei der Fortschreibung der Standards der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und den Einrichtungskonzepten sind Fragen der interkulturellen Öffnung, gleichberechtigten Teilhabe und rassismus- und diskriminierungskritischer Jugendarbeit konsequent mitzudenken und umzusetzen.

1.3.3 Streetwork/Mobile Jugendarbeit

Als Schnittstelle zwischen Jugendarbeit (§11 SGB VIII) und Jugendsozialarbeit (§13 SGB VIII) sucht die Streetwork Jugendliche und junge Erwachsene mit vielfältigen kulturellen Hintergründen im öffentlichen Raum auf. Sie bietet sich ihren Adressat_innen langfristig als vertrauensvoller Partner an und hält niederschwellige Hilfen in Form von Beratung, Begleitung und Unterstützung zum Ausgleich von Benachteiligung bereit. In ihrer parteilichen Sprachrohrfunktion im Gemeinwesen bietet sie Chancen zur (Re)integration durch Abbau von Hürden, vermittelt zwischen konkurrierenden Bedürfnissen im öffentlichen Raum des Gemeinwesens, um Verdrängung vorzubeugen und regt Veränderungen hin zu einer inklusiven Gesellschaft an, die Platz für eine Vielfalt von Menschen bietet. Die akzeptierende Haltung der Streetwork gegenüber ihren Adressat_innen führt zum Aufbau tragfähiger Beziehungen, so dass im kritischen Dialog auch Wertvorstellungen der Mitarbeiter_innen kommuniziert werden können. Somit bietet sie im zwanglosen Kontext die Rolle eines Gegenmodells zu bestehenden Vorurteilen, an dem sich Adressat_innen orientieren können.

Die Umsetzung bayerischer Fachstandards für Streetwork/Mobile Jugendarbeit, insbesondere in der Aufstellung der Teams nach Gender- und interkulturellen Aspekten, sollte zukünftig noch intensiver vertreten werden. Von Seiten der Träger ist auf den fachgerechten Einsatz der Streetwork zu achten, die nicht ordungspolitisch tätig werden darf, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.

2. Gleichberechtigte Teilhabe im Rahmen exemplarischer Themenfelder der Jugend(verbands)arbeit

Neben den Bedarfen im strukturellen Bereich zeigt sich auch in vielfältigen Themenfeldern von Jugend(verbands-)arbeit, dass eine gleichberechtigte Teilhabe noch nicht sichergestellt ist. Anhand von drei Beispielen wollen wir diesbezüglich darstellen, was entscheidende Gelingensfaktoren hierfür sein können und was es dazu bedarf.

2.1.Kooperationsprojekte

Kooperationsprojekte sind besonders wertvoll, da sie verschiedene Expert_innen in eigener Sache und mit gemeinsamen Zielen zusammenbringen. Dadurch können sich die verschiedenen Akteur_innen mit ihrer spezifischen Expertise unterstützen. Damit Kooperationen für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation darstellen, empfiehlt es sich, Folgendes zu bedenken:

Offenes und ehrliches Verhältnis bei Kooperationen, hohe Lernbereitschaft und gleichberechtigte Teilhabe in allen Projektphasen

In den letzten Jahren haben viele Kooperationen stattgefunden. Besonders erfolgreich waren dabei jene Projekte, bei denen die Kooperationspartner_innen von Anfang an, bereits bei der Konzipierung, beteiligt waren. Eine gleichberechtigte Partnerschaft und Beachtung aller Bedürfnisse und Fähigkeiten ist dadurch möglich. Kooperationen stellen keine Selbstläufer dar, sondern bedürfen klarer Rahmenbedingungen. Bewährt haben sich auch Qualifizierungselemente, um gegenseitige Wissenslücken auszugleichen. Kooperationen setzen somit eine hohe Sensibilität, Wertschätzung und Lernbereitschaft seitens aller Partner_innen voraus. Ein offener und ehrlicher Umgang sowie eine gleichberechtigte Einbindung in allen Projektphasen beugen Missverständnissen vor und sichern den Erfolg einer Kooperation.

Wichtig ist es, die unterschiedlichen Bedingungen und die vorhandenen Stärken und Schwächen zu benennen und zu vereinbaren, wie die Zusammenarbeit erfolgen soll.

Erstellung einer Arbeitshilfe für interkulturelle Kooperationen

Erfolgreiche Kooperationsprojekte stellen hohe und vielfältige Anforderungen an die jeweiligen Kooperationspartner_innen. Um diese in diesem Prozess zu unterstützen und einen stärkeren Anreiz für Kooperationen zu schaffen, fordern wir eine Erstellung einer Arbeitshilfe für (lokale) interkulturelle Kooperationen, in denen gesammelte Erfahrungen praxisorientiert und übersichtlich zusammengestellt sind.

2.2. Internationale Jugendarbeit

Internationale Jugendarbeit stellt einen wichtigen Bestandteil der Jugendarbeit dar. Mit Hilfe des besonderen Charakters und der spezifischen Methodik Internationaler Jugendarbeit können politische und kulturelle Lernprozesse für junge Menschen erlebbar gemacht werden. Diese wichtigen Impulse zur politischen Sozialisation stärken die gesellschaftliche Mitverantwortung, die Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Zudem hat Internationale Jugendarbeit das Ziel, zur „Völkerverständigung“ und zur Förderung eines friedlichen und demokratischen Miteinanders beizutragen. Gerade in diesem Kontext erscheint die gleichberechtigte Teilhabe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund wichtig und selbstverständlich. Zieht man jedoch die Auswertungen der Praxis zu Rate, ist dies leider (noch) nicht der Fall. Daher gilt es, bestehende Konzepte und Strukturen der Internationalen Jugendarbeit auf mögliche Barrieren zu untersuchen und Zugänge für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen.

Darstellung von Deutschland als dynamische Migrationsgesellschaft im internationalen Kontext

Internationale Jugendarbeit lebt von der Auseinandersetzung mit Diversität und heterogenen Gruppen. Gleichzeitig bergen das ursprüngliche Konzept der Völkerverständigung und die nach Herkunftsländern kategorisierende Zuweisung von Eigenschaften an die teilnehmenden Gruppen bei Internationalen Jugendbegegnungen die Gefahr, die jeweiligen Gruppen aus einem Land zu homogenisieren und damit im Zweifel Stereotypen zu reproduzieren, die wiederum ausschließend wirken können. Mit dem Ziel der gleichberechtigten Teilhabe wird deutlich, dass ein bewusster Blick auf die innere Heterogenität der (meist zwei) sich begegnenden Gruppen ebenso zur Differenzierung beiträgt wie ein bewusster Umgang mit anderen für die Begegnung relevanten Differenzlinien. Ziel muss es sein, auch im internationalen Kontext das Bild von Deutschland als dynamischem Einwanderungsland zu transportieren. So kann Stereotypen entgegengewirkt und Teilnehmer_innen mit Migrationshintergrund ein wichtiger und berechtigter Platz in den Programmen eingeräumt werden.

Sensibilisierung für Bezüge von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu Partnerländern

Unabhängig von inhaltlichen Schwerpunkten der jeweiligen Begegnungen löst Internationale Jugendarbeit politische Denkprozesse aus und leistet somit einen Beitrag zur politischen Bildung. Immer wieder ergeben sich dabei Fragen, deren Diskussion einen unverzichtbaren Bestandteil der Internationalen Jugendarbeit darstellt. Welche Länder sich als Partnerländer qualifizieren und wie ein qualitativ hochwertiger Austausch auf der Grundlage der verschiedenen Rahmenbedingungen der Länder gestaltet werden kann, ist Thema des Eckpunktepapiers und der Leitlinien des BMFSFJ. In seinem Eckpunktepapier beschreibt der Bayerische Jugendring darüber hinaus auch die Notwendigkeit des Austauschs mit Ländern, die noch keine Jugendarbeitsstrukturen haben und die sich im Aufbau oder noch in Krisensituationen befinden. Im Kontext der gleichberechtigten Teilhabe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist die Sensibilisierung für die Frage, ob das Partnerland vielleicht Bezüge zu den Biographien der Teilnehmer_innen hat und ob diese als schwierig erlebt werden können, bei der Qualifizierung der Fachkräfte wichtig. An dieser Stelle braucht es auch eine Sensibilisierung für die Frage, wie Ressourcen und Kompetenzen, die aus biographischen Bezügen zum Partnerland bestehen, einbezogen werden können.

Hindernisse überwinden und Zugangsmöglichkeiten über Fördergelder schaffen

Angebote müssen nach Möglichkeit so gestaltet werden, dass auch wirklich alle Jugendlichen davon profitieren können. Es empfiehlt sich, die bisherige Teilnehmer_innenstruktur zu analysieren und zu überprüfen, welche gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert sind und welche nicht. So können mögliche Hürden erkannt und Anpassungen vorgenommen werden. Mögliche Barrieren sind sprachliche Anforderungen, der Teilnahmebeitrag oder auch die Art des Zugangs zur Information über die Angebote. Damit Jugendliche teilnehmen können, die von frei ausgeschriebenen Angeboten nicht erreicht werden, haben sich in diesem Zusammenhang Kooperationsprojekte mit anderen Trägern der Jugendarbeit bewährt [10]. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei der Geschlechtergerechtigkeit gewidmet werden. In einigen Kulturen ist der Jugendaustausch kein traditioneller Bestandteil des Lebens und benötigt ggf. auch besonderer Elternarbeit. Weitere Ideen sind mehrsprachige Ausschreibungen und/oder spezifische Fördermöglichkeiten für sozial benachteiligte Teilnehmer_innen.

2.3 Erinnerungsarbeit, -kultur und -politik

Die Förderung und aktive Gestaltung von Erinnerungsarbeit, -kultur und -politik ist ein wesentlicher und unverzichtbarer Bestandteil der Jugend(verbands-)arbeit in Deutschland. Wir sprechen uns für eine Weiterführung und Stärkung der Auseinandersetzung mit Geschichte und der daraus resultierenden Verantwortlichkeiten aus. Indem Erinnerungsarbeit den kritischen Umgang mit Geschichte fördert, trägt sie dazu bei, demokratische Strukturen und die bedingungslose Anerkennung der Würde des Menschen und der Menschenrechte zu stärken. Jugendverbände und -ringe sehen es als ihre Aufgabe an, das Gedenken an den Holocaust wachzuhalten und setzen sich (auch) aufgrund der bewussten Reflexion deutscher Geschichte gegen Rassismus, Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit sowie für den Schutz von Minderheiten ein [11]. Umso wichtiger ist es, Erinnerungsarbeit im Sinne diversitätsbewusster Zugänge für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund weiterzudenken. Dabei gilt es, im Wesentlichen zwei Bereiche zu berücksichtigen:

Öffnung traditioneller Formen von Erinnerungsarbeit

Etablierte Formen von Erinnerungsarbeit müssen im Hinblick auf Fragen nationaler Verantwortung und familienbiographischer Bezüge reflektiert und diversitätsbewusste Zugänge für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund geschaffen werden. Jugendliche in Deutschland haben keinen einheitlichen (familienbiographischen) Zugang zum Erinnern an die NS-Zeit. Wichtig ist es daher, eine Form der Erinnerungsarbeit zu etablieren, mit der man sich – fern von persönlichen Bezügen – identifizieren kann und die über nationale Kontexte hinausgeht. Insbesondere eine Form der Erinnerungsarbeit, die auf Grundlage ethischer Grundsätze der international anerkannten Menschenrechte basiert, ist notwendig [12]. Durch einen solchen Ansatz geht auch die Stärkung einer wertebasierten, grenzübergreifenden, europäischen und globalen Dimension von Erinnerungsarbeit, -kultur und -politik einher.

Erinnerungsbedürfnisse gleichwertig gestalten

Durch die Einwanderung nach Deutschland haben Familien ihre Geschichte, ihre Traditionen und Erinnerungen und ihre Religion mitgebracht und bereichern damit unsere Gesellschaft. Nach wie vor spielen diese Identitäten in unserer Erinnerungsarbeit jedoch kaum eine Rolle. Um von gleichberechtigter Teilhabe sprechen zu können, ist es unabdingbar, ernst zu nehmen, dass auch junge Menschen mit Migrationshintergrund Geschichte und Geschichten mitbringen, die in eine Erinnerungsarbeit der deutschen Migrationsgesellschaft inkludiert werden müssen.

3. Zusammenfassung der Forderungen

Jugendringe allgemein

  • Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Teilhabe in den Jugendringen in Bayern schaffen und Öffnungsprozesse ermöglichen
  • Professionalisierung und Qualifizierung der hauptberuflichen und ehrenamtlichen Fachkräfte
  • Feste Ansprechpartner_innen und Zuständigkeiten in diesem Bereich
  • Unterstützung und Förderung von VJM
  • Fördermöglichkeiten überprüfen

Landesebene

  • Interkulturelle Öffnung in der Satzung und Gremien des BJR
  • VJM stärker in Programmplanung des Instituts für Jugendarbeit in Gauting einbinden
  • Interkulturelle Öffnung verstetigen
  • Förderprogramme beibehalten
  • Entwicklung eines Monitorings

Bezirksjugendringe

  • Fachstellen für das Thema Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft in allen Bezirksjugendringen
  • Vernetzungsangebote und Austauschplattformen schaffen

Stadt- und Kreisjugendringe

  • Vernetzungs-, Informations- und Kennenlernangebote ausbauen
  • Auf neue Initiativen zugehen
  • Reflexion und Veränderung von Sitzungsritualen

Jugendverbände

  • Noch stärkere Partizipation und Repräsentation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
  • Individuelle Auseinandersetzung im eigenen Verband
  • Schulterschluss aller Jugendverbände, um gelebte Vielfalt nach außen zu tragen
  • Die VJM nehmen ihre Verantwortung und Mitgestaltungsmöglichkeiten wahr
  • Gemeinsam Jugendarbeit fortschreiben
  • Beratung bei Strukturaufbau und Professionalisierung
  • Schaffung von Zugängen: Information für Eltern ausbauen und Geh-Struktur aufbauen

Kinder- und Jugendarbeit mit hauptberuflichen pädagogischen Fachkräften in Städten und Gemeinden

  • Grundsätzliche Standards für die professionelle Jugendarbeit in allen Aktionsfeldern erarbeiten
  • Interkulturelle Öffnung als selbstreflexiver Prozess in den Behörden und Einrichtungen
  • Qualifizierung des hauptamtlichen Personals zu antirassistischen und diskriminierungsfreien pädagogischen Ansätzen
  • In hauptamtlichen Teams bei Neubesetzungen auf Pluralität Wert legen

Kommunale Jugendarbeit

  • Vielfalt in Jugendhilfeausschüssen

Streetwork / Mobile Jugendarbeit

  • Es ist stärker darauf hinzuwirken, dass Streetwork aufgrund der konzeptionellen Potentiale eingesetzt wird und weniger unter ordnungspolitischen Aspekten

Offene Kinder- und Jugendarbeit

  • Fortschreibung von Standards im Sinne der gleichberechtigten Teilhabe
  • Weiterentwicklung der Einrichtungskonzepte im Sinne der gleichberechtigten Teilhabe
  • Schulungskonzepte für antirassistische und diskriminierungsfreie pädagogische Ansätze, speziell im Kontext der offenen Kinder- und Jugendarbeit

Kooperationsprojekte

  • Offenes und ehrliches Verhältnis bei Kooperationen, hohe Lernbereitschaft und gleichberechtigte Teilhabe in allen Projektphasen
  • Erstellung einer Arbeitshilfe für interkulturelle Kooperationen

Internationale Jugendarbeit

  • Darstellung von Deutschland als dynamische Migrationsgesellschaft im internationalen Kontext
  • Sensibilisierung für Bezüge von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu Partnerländern
  • Hindernisse überwinden und Zugangsmöglichkeiten über Fördergelder schaffen

Erinnerungsarbeit, -kultur und -politik

  • Öffnung traditioneller Formen von Erinnerungsarbeit
  • Erinnerungsbedürfnisse gleichwertig gestalten

[1] vgl. „Mitte“studie: Decker, Oliver, Kiess, Johannes, Brähler, Elmar: Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016
[2] vgl. Thimmel, Andreas/Bruhns: Perspektiven Interkultureller Öffnung in der Jugendverbandsarbeit. In: Drücker, Ansgar (Hrsg.): Die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit, Düsseldorf 2013, S. 33ff
[3] vgl. Thimmel, Andreas/Bruhns, Kirsten: Perspektiven Interkultureller Öffnung in der Jugendverbandsarbeit. In: Drücker, Ansgar (Hrsg.): Die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit, Düsseldorf 2013, S. 33
[4] vgl. Drücker, Ansgar: Die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit, Düsseldorf 2013, S.18
[5] vgl. u.a. Kreher, Thomas: Jugendverbände, Kompetenzentwicklung und biographische Nachhaltigkeit & Corsa Mike: „...dass ich einen Ort habe, wo ich Sachen ausprobieren kann....“ Sichtweisen junger Menschen zur Kinder- und Jugendarbeit, in: Werner Lindner (Hrsg.) Kinder- und Jugendarbeit wirkt. Wiesbaden 2009
[6] vgl. DBJR: Jugendverbandsarbeit mit jungen Geflüchteten, Berlin 2014, S. 31
[7] Bundschuh in: Bayerischer Jugendring. Vielfalt fördern. Interkulturelle Öffnung der Jugendarbeit in Bayern. Dokumentation der Evaluation des Fachprogramms Integration, München 2012, S. 24
[8] vgl. Drücker, Ansgar in: Drücker, Ansgar (Hrsg.): Die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit, Düsseldorf 2013, S. 4
[9] vgl. Thimmel, Andreas In: Drücker, Ansgar (Hrsg.): Die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit, Düsseldorf 2013, S.17
[10] Sinoplu, A.: Eine diversitätsbewusste Haltung in der internationalen Jugendarbeit in: Drücker, A.; Reindlmeier, K u.a. (Hrsg.): Diversitätsbewusste (internationale) Jugendarbeit, Düsseldorf 2015, S.21
[11] vgl. DBJR: Perspektiven der Jugendverbände auf Erinnerungsarbeit, -kultur und -politik in der Einwanderungsgesellschaft, 2015
[12] vgl. Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München 2013