Jugendarbeit ist Bildung(sarbeit) - Jugendarbeit im Kontext anderer Bildungsinstitutionen

Die Delegierten der 154. Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings setzten sich im Schwerpunktthema mit der Verortung der Jugendarbeit im Bildungskontext auseinander. Dazu beschlossen die Delegierten sieben Forderungen.

In der Reaktion auf die Ergebnisse der PISA Studie der OECD im Jahre 2000, in welcher internationale Schulleistungsuntersuchungen verglichen wurden, definierte das Bundesjugendkuratorium den Bildungsbegriff wie folgt:

„Bildung heißt immer: „Sich bilden“. Bildung ist stets ein Prozess des sich bildenden Subjekts, zielt immer auf Selbstbildung ab. Sie ist zu verstehen als Befähigung zu eigenbestimmter Lebensführung, als Empowerment. Als Aneignung von Selbstbildungsmöglichkeiten. (…) Bildung kann nicht erzeugt oder gar erzwungen, sondern nur angeregt und ermöglicht werden, als Entfaltung der Persönlichkeit : Es geht um einen Prozess, bei dem eigene Potentiale entwickelt werden und sich Individualität herausbildet.“ [1]

Der 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung diagnostiziert, „dass durch die gestiegene öffentliche und fachliche Beschäftigung mit dem Thema Bildung auch die Kinder- und Jugendarbeit damit konfrontiert ist, sich verstärkt mit ihrem eigenen Bildungsverständnis auseinanderzusetzen. Kinder- und Jugendarbeit steht dabei in einer langen Tradition, sich als Bildungsort zu verstehen und Gelegenheitsstrukturen für Bildungsprozesse bereitzustellen, die sich jenseits von Zertifizierungsfragen bewegen“[2].

Jugendarbeit sieht den Bedarf zur Veränderung und Verbesserung ganzheitlicher Bildung für mehr Kinder und Jugendliche und setzt diesen in seinen Bildungsangeboten auch um. Die Potentiale der außerschulischen Jugendarbeit sind von besonderer Bedeutung. Jugendarbeit ist in der Lage, als gleichberechtigte Partnerin mit anderen Bildungsinstitutionen zu wirken.

Jugendverbandsarbeit ist ein zentrales Betätigungs- und Engagementfeld, und ein eigenständiges Angebot zur außerschulischen Bildung für junge Menschen. Sie bietet das geeignete Umfeld, das auch für soziales Lernen und Verantwortungslernen von besonderer Bedeutung ist. 

Neben der Jugendverbandsarbeit stellen Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, die Jugendtreffs und Freizeitstätten sowie die Jugendbildungsstätten ein unverzichtbares Element der Bildungsinfrastruktur für junge Menschen dar. 

Die wahrnehmbar zunehmende Fokussierung der Politik, Verwaltung, Öffentlichkeit und Medien auf Schule als alleinigen Ort für Bildung ist nicht zeitgemäß und längst überholt. Jugendarbeit hat eine hohe Qualität und ist gleichberechtigt neben anderen Bildungsinstitutionen zu sehen. Insofern ist ein gegenseitiges Verständnis der unterschiedlichen Bildungsansätze sowie die Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf Augenhöhe wichtiger denn je. Jugendarbeit darf sich nicht als Dienstleisterin für schulische Aufgaben verzwecken lassen.

Bildungsarbeit in der Jugendarbeit hat Chancengleichheit und soziales Lernen als Prämisse, welche nicht auf Aufteilung und Ausgrenzung abzielt. Jugendarbeit will gleichermaßen alle, d.h. auch benachteiligte junge Menschen mit all ihren Bildungsangeboten erreichen und qualifizieren. Dabei sind junge Menschen auch selbst bei der Planung von Bildungsangeboten und als Teamer_innen aktiv in der Bildungsarbeit tätig.[3]

Außerschulische Bildung und schulische Bildung

Jugendarbeit und Schule sind unterschiedliche Bildungssysteme mit unterschiedlichen Grundstrukturen. Jugendarbeit ist ein System, dessen Grundlage Mitbestimmung bzw. Selbstbestimmung ist. Schule ist ein System mit nur partiellen Mitgestaltungsmöglichkeiten und wenig Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Wenngleich Schule auch demokratische Spieregeln theoretisch vermittelt, setzt sie diese im Schulbetrieb aufgrund ihrer Rahmenbedingungen nur bedingt um. Deshalb ist die Jugendarbeit der Ort des Demokratielernens und nicht die Schule.

Jugendarbeit und Schule betrachten junge Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven. Während Jugendarbeit an den Fähigkeiten und Potentialen junger Menschen ansetzt, muss Schule eher vom fehlenden curricularen Wissen bei jungen Menschen ausgehen. Diese unterschiedlichen Bilder haben in der praktischen Arbeit Auswirkungen und führen zu unterschiedlichen pädagogischen Leitlinien und Methoden.

Jugendarbeit versteht sich dabei auch als Raum, in dem ausprobiert und experimentiert werden kann und in dem unmittelbare und authentische Erfahrungen mit anderen jungen Menschen gesammelt und reflektiert werden können. Das gegenseitige und gleichberechtigte Lernen unterscheidet Jugendarbeit von anderen Bildungsinstanzen.

Sowohl Jugendarbeit als auch Schule haben als Anspruch ein ganzheitliches Bildungsverständnis umzusetzen. Kinder- und Jugendarbeit hat in ihrer Bildungsarbeit dahingehend einen Vorsprung, dass ihre Angebote freiwillig von jungen Menschen besucht werden, sowie bei der Umsetzung freier in ihren Inhalten und Methoden sein kann.

Jugendarbeit ist an den Interessen und Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen und an der Befähigung einer gemeinschaftlichen Zusammenarbeit orientiert. Schule orientiert sich hingegen oft an der reinen Wissensvermittlung und zu sehr an der direkten Verwertbarkeit für den Arbeits- und Wirtschaftsbereich.

Formale, non-formale und informelle Bildung

Bei formaler Bildung wird ein bestimmtes Thema didaktisch aufbereitet, vermittelt und in der Regel anschließend abgeprüft und bewertet, was in der Regel eine Selektion zur Folge hat. 

Informelles Lernen findet zumeist selbstgesteuert, freiwillig und aufgrund von individuellen Interessen und Präferenzen statt. Daraus ergibt sich ein hohes Maß an Motivation und Lernbereitschaft des Einzelnen – eine ideale Grundlage für Bildung, an die in der Jugendarbeit angeknüpft wird. Die Auseinandersetzung mit Themen kann im non-formalen und informellen Bereich dort ansetzen, wo es die jungen Menschen direkt betrifft. Im Idealfall werden in der Jugendarbeit die Bildungsinhalte, Bildungsmaßnahmen und Methoden von den Kindern und Jugendlichen selbst ausgewählt und mitgestaltet. 

Auch in der Jugendarbeit findet formale Bildung statt, wie zum Beispiel bei JuLeiCa-Schulungen der Jugendverbände/Jugendringe/Jugendbildungsstätten, wo feststehende definierte Inhalte mit vorgegebenen Zielsetzungen vermittelt werden. Umgekehrt bietet Schule Formate und Gelegenheiten zu non-formaler und informeller Bildung für Kinder und Jugendliche. Eine Abgrenzung von Jugendarbeit gegenüber Schule entlang der Unterscheidung in formale und non-formale Bildung wird weder dem Charakter der Bildungsarbeit von Jugendarbeit gerecht, noch ist es empirisch korrekt.

Die Bedeutung der formalen Bildung und die Rolle von Schule/Hochschule darin ist gesellschaftlich anerkannt. Die Domäne der Jugendarbeit, die non-formale und informelle Bildung als „Lernwelten“  junger Menschen, steht allerdings unter Rechtfertigungsdruck. Der Zeit-aufwand hierfür wird leider häufig nur als Abzug vom „eigentlich Wichtigen“ – dem formalen Lernen in Schule, Ausbildungsstätte oder Hochschule betrachtet. Dabei ist der Bereich der non-formalen und informellen Bildung eine wesentliche und unerlässliche Ergänzung zur formalen Schul- /Hochschulbildung. 

Die non-formale Bildung ist in verschiedener Hinsicht freier als die formale Bildung, was gleichermaßen Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt. Eine zentrale Herausforderung ist die Darstellung der Wirksamkeit, der Nützlichkeit, und der Notwendigkeit non-formalen und informellen Lernens. Unter dem Stichwort „Social Skills“ ist es im Hinblick auf Arbeitgeber weitgehend unbestritten, dass in der Jugendarbeit bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen vermittelt werden, die über die Lernerfahrungen in der Schule hinausgehen und eine positive Auswirkung auf das Arbeitsleben als Ort des gemeinsames Handeln haben. Hier muss Jugendarbeit offensiv und konkret ihre Wirkung kommunizieren, Nachweise über Qualifikationen und Kompetenzen ausstellen und sich der Frage der Messbarkeit ihrer Arbeit konstruktiv stellen.

Forderungen>

  1. Jugendarbeit steht in einer langen Tradition, sich als Bildungsort zu verstehen und Gelegenheitsstrukturen für Bildungsprozesse bereitzustellen. Die Bildungsleistung der Kinder- und Jugendarbeit mit ihren Kompetenzen und Qualifikationen muss sichtbar und nachweisbar gemacht werden. Von Politik, Verwaltung, Öffentlichkeit und anderen Bildungsinstanzen muss die einzigartige Bildungsleistung der Kinder- und Jugendarbeit entsprechend anerkennt und gefördert werden.
  2. Kinder und Jugendliche brauchen neben dem System der formalen Bildung Freiräume als selbst gestaltbare Spiel- und Erprobungsräume, denn auch Freizeit ist Bildungs- und Qualifikationszeit. Dazu gehört, Jugendliche an andere Themen und Inhalte als die, die ihnen in der Schule vermittelt werden, heranzuführen; ihnen Möglichkeiten für andersartige Bildungserfahrungen zu eröffnen und diese zugleich in lebensweltliche Zusammenhänge einzubinden.
  3. Kinder- und Jugendarbeit bleibt auch durch Ganztagsangebote der Schule im Aufwachsen vieler junger Menschen bedeutsam. Jugend(verbands)arbeit erreicht einen erheblichen Teil der Jugendlichen. Angebote der Kinder- und Jugendarbeit, insbesondere im freiwilligen Engagement, stellen einen vielfältigen Möglichkeitsraum für Lern- und Bildungsprozesse Jugendlicher dar. Deshalb sind auch weiterhin die Strukturen der Jugendarbeit angemessen und im ausreichenden Maße finanziell zu fördern um ihrem eigenständigen Bildungsauftrag umfassend und flächendeckend nachkommen zu können.
  4. Im Rahmen der schulbezogenen Jugendarbeit muss Jugendarbeit auf gleicher Augenhöhe agieren und darf sich nicht zum Dienstleister für Schulen entwickeln. Projekte in diesem Bereich müssen der Weiterentwicklung und dem Zugang in die Angebote der Jugendarbeit dienen.
  5. Bildungsarbeit in der Jugendarbeit hat als Prämisse Chancengleichheit und soziales Lernen. Eine inklusive Jugendarbeit will gleichermaßen alle, d.h. auch benachteiligte junge Menschen mit all ihren Bildungsangeboten erreichen und qualifizieren. Dabei sind junge Menschen auch selbst bei der Planung von Bildungsangeboten und als Teamer_innen aktiv in der Bildungsarbeit tätig. 
  6. Bildung in der Jugendarbeit bedeutet oft auch politische Bildung und Demokratiebildung, also die Vermittlung und das Erleben politischer Partizipationsformen. Es geht um das aktive und verbindliche Teilhaben, Mitwirken und Mitbestimmen von jungen Menschen an Planungen, Entscheidungen und deren Verwirklichung. Dies stellt ein Wesensmerkmal der Jugendarbeit dar und findet dort bereits in besonderem Maße statt. Dies muss auch weiterhin aktiv unterstützt und gefördert werden.
  7. Die fachlich-konzeptionellen Planungsprozessen der Schulentwicklungsplanung und der Jugendhilfeplanung müssen zu einer umfassenden Bildungsplanung, insbesondere auf kommunaler Ebene, verschränkt werden.

[1] Bundesjugendkuratorium 2001, Zukunftsfähigkeit sicher – für ein neues Verhältnis von Bildung und Jugendhilfe
[2] 15. Kinder- und Jugendbericht der Bunderegierung - Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland / Bundesministerium für Familie, Senioren und Frauen; Deutscher Bundestag Drucksache 18/11050 vom 01.02.2017
[3] Laut 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung gelten die bekannten Befunde zur sozialen Selektion weiterhin: „Je höher der Sozialstatus der Eltern, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihre Töchter und Söhne einen gymnasialen Bildungsgang besuchen. Gemessen an der Bildungsmobilität zwischen den Generationen zeigen sich eher geringe Aufstiegschancen: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen erreicht keinen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Dies betrifft insbesondere den Aufstieg in akademische Ausbildungen.“