Jugendarbeit und Digitalisierung

Die Delegierten der 156. Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings beschließen zum Schwerpunktthema "Digitalisierung und Jugendarbeit" eine gleichnamige Position mit Forderungen für die Strukturen und Gliederungen.

Die Digitalisierung von Jugendarbeit stellt neben der technischen auch eine inhaltliche Herausforderung dar: Was heißt es heute „jung“ zu sein? In welche Welt wachsen junge Menschen hinein? Welche Auswirkungen haben neue Technologien? Fragen wie diese benötigen Antworten, damit passende Konzepte von heutiger Jugendarbeit entwickelt und ausgebaut werden können und Jugendarbeit ihre Aufgabe als Mitgestalterin in der Gesellschaft wahrnehmen kann.

Bereits 2016 hat die Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings mit seiner Position „Jugend-Medien-Politik“ ein Papier zur Gestaltung von Rahmenbedingungen des Aufwachsens in einer mediatisierten Gesellschaft vorgelegt. Diese Position stellte eine Bestandsaufahme dar, wie Medien(pädagogik) in der Jugendarbeit in Bayern vorkommt und stellte weitreichende Forderungen, um die vorhandenen Strukturen der Medienarbeit in der bayerischen Jugendarbeit verstetigen und weiterentwickeln zu können. Dieses Papier bietet die Basis für den Umgang der Jugendarbeit in Bayern mit Medien, Medienpädagogik, Jugendmedienschutz und Medienpolitik und ist Grundlage des vorliegenden Papiers.

Vier Jahre später befinden wir uns bereits mitten in einem hybriden Zeitalter, in dem sich die Jugendarbeit in Bayern positionieren muss. Digitalisierung ist zu einem neuen wichtigen und fundamentalen Querschnittsthema geworden, das alle Bereiche der Jugendarbeit betrifft. Aus diesem Grund wurde 2019 eine Arbeitsgruppe des Landesvorstands ins Leben gerufen, um sich mit Fragen der Digitalisierung zu beschäftigen. In 10 Sitzungen haben sich Vertreter:innen der Jugendverbände, Jugendringe, Medienfachberatungen, Jugendbildungsstäten, kommunale und offene Jugendarbeit unter Beratung durch Expert:innen des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis sowie der Aktion Jugendschutz dem Thema „Jugendarbeit und Digitalisierung“ gewidmet. Vorliegendes Papier basiert auf den in der Arbeitsgruppe entwickelten Überlegungen und Forderungen.

Ziele dieses Papiers ist es, den grundsätzlichen epochalen Wandel des digitalen Zeitalters aus Sicht der Jugendarbeit zu beschreiben und eine Standortbestimmung vorzunehmen: Was bedeutet dieser Wandel für uns, wo verortet sich Jugendarbeit und welche Forderungen stellen wir an unsere eigenen Organisationen? Durch die SARS-CoV-2-Pandemie, die im März 2020 begann, haben sich viele Fragen der Digitalisierung verschärft und vieles, was zuvor nur diskutiert wurde, musste schnell umgesetzt werden, um Jugendliche weiter erreichen und vernetzen zu können. Es wurden Chancen aber auch Grenzen des digitalen Wandels in der Jugendarbeit dramatisch sichtbar.

Wie muss sich Jugendarbeit ändern, um den veränderten Herausforderung eines digitalen Zeitalters Rechnung zu tragen? Die Stärke der Jugendarbeit liegt ihrer Vielfalt. So vielfältig die verschiedenen Teile der Jugendarbeit sind, so vielfältig sind auch ihre Herausforderungen im Zusammenhang mit Digitalisierung. Aus diesem Grund ist das Papier in Kapitel unterteilt für Jugendverbände, Jugendringe, Medienfachberatungen mit Jugendradiostationen, Jugendbildungsstätten und Institut für Jugendarbeit in Gauting, Kommunale und Offene Jugendarbeit. In diesen Kapiteln werden die jeweiligen Ausgangssituationen, Chancen und Herausforderungen sowie Forderungen für die einzelnen Bereiche der Jugendarbeit beschrieben und benannt.

Was bedeuten die Veränderungen, die Digitalisierung mit sich bringt für die Jugendarbeit?

Die tiefgreifenden Veränderungen, die der digitale Wandel für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit sich bringt, spiegeln sich naturgemäß auch in allen Bereichen der Jugendarbeit wider. Ziel der Bayerischen Jugendarbeit ist es, diese Wandlungsprozesse aktiv mitzugestalten, problematische Entwicklungen zu erkennen und ihnen gegenzusteuern sowie Jugendarbeit auf innovative Weise weiterzuentwickeln. Hierzu werden im Folgenden die Dimensionen (vgl. Abbildung), in denen der digitale Wandel auch Veränderungen für die Ausgangsbedingungen, Arbeitsweisen und (Selbst-) Organisation von Jugendarbeit impliziert, dargestellt und mit den für die Jugendarbeit spezifischen Werten reflektiert.

  • So ist zu betrachten, welche Bedeutung die Digitalisierung in der Lebenswelt von Jugendlichen zeitigt und hierzu ist eine Haltung zu entwickeln.
  • Dann ist zu betrachten, welche inhaltlichen und methodischen Implikationen dies für die Angebote der Jugendarbeit hat.
  • Ferner ist zu betrachten, welche Potenziale aber auch Herausforderungen für die Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen und/oder Hauptamtlichen in den Organisationen der Jugendarbeit zu erkennen sind.
  • Mit Blick auf die Arbeitsweisen in Organisationen ist zu betrachten, welche Optionen digitale Tools für die interne Arbeitsorganisation bieten und hier ggf. auch die Arbeitsweisen verändern. Insbesondere sind hier institutionelle wie auch rechtliche Vorgaben für die Arbeit von Relevanz und werden als anpassungsbedürftig gesehen. Dies kann sich auf die eigene Institution (Jugendverband, Jugendring), auf die Trägerebene aber auch auf die Landesebene bzw. der politischen Vertretung der Jugendarbeit beziehen.
  • Auch die Zusammenarbeit von Organisationen der Jugendarbeit untereinander wie auch mit Blick auf andere Institutionen (Mittelgeber etc.) kann durch den digitalen Wandel verändert werden und somit sind Prozesse der Antragstellung, Berichterstattung etc. mithin zu betrachten.
  • Schließlich ist auch die Relation zwischen Organisationen und Adressat:innen der Arbeit in den Blick zu nehmen, wo mit digitalen Mitteln neue Formen der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit über digitale Plattformen (digitale Bayernkarte mit Angeboten der Jugendarbeit) möglich ist.

1.1 Jugendarbeit allgemein

Wie alle gesellschaftliche Veränderungsprozesse wirkt sich auch die Digitalisierung auf die Lebenswelt der Jugendlichen und damit auf die Jugendarbeit aus. Auch die „Selbstorganisation von Jugendlichen“ als eines der Grundprinzipien von Jugendarbeit findet heute zunehmend direkt auf digitalen Internetplattformen statt. Die Präsenzgruppe als tragende Säule bekommt mit digitalen Communities in sozialen Netzwerken zum ersten Mal ein ähnlich leistungsfähiges Gegenüber. Gleichzeitig wird das Internet von Jugendlichen für Persönlichkeits- und Identitätsbildung genutzt.

Zudem haben sich vielfältige Formen von digitalem Engagement entwickelt. Neben digitalen Plattformen z.B. im Bereich Crowdfunding oder der Vermittlung von Freiwilligentätigkeiten im Nachbarschaftsbereich auch neue Engagementtypen: Beispielsweise ist Fridays for Future ein digital gestütztes und niedrigschwelliges Netzwerk.

Vor allem junge Menschen engagieren sich digital. So geben laut Gutachten der Sachverständigenkommission 43 Prozent von ihnen an, ihr Engagement zum Teil, überwiegend oder vollständig mittels digitaler Medien auszuüben. Sosehr die Veränderung des Engagements durch die Digitalisierung Realität ist: Das klassische Engagement hat auch im digitalen Zeitalter ihren Platz, denn nur wenige entscheiden sich ausschließlich für digitales Engagement. Vielmehr sind die meisten, die sich digital engagieren, auch im klassischen Ehrenamt tätig und häufig werden Formen des digitalen Engagements mit analogen Angeboten verknüpft. Zivilgesellschaftliche Akteur:innen sollten aus diesem Grund Chancen der Digitalisierung nutzen und ihre Stärken dafür gebrauchen, junge Menschen zu erreichen und sich für die Herausforderungen der Digitalisierung zu wappnen.

Rechtliche Rahmenbedingungen, die zum Teil nicht den veränderten Lebenswirklichkeiten der Gesellschaft angepasst sind oder diese nur unzureichend abbilden, führen in Pädagogik und Jugendarbeit zu Unsicherheiten, Grauzonen und Problemen. Als Beispiel sei Whats App genannt: Diese in der Zielgruppe Kinder und Jugendliche weit verbreitet und findet dort ihre Anwendung. Allerdings ist eine datenschutzkonforme Nutzung defacto unmöglich. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Jugendarbeit aus. Der Grundsatz „Wir müssen die Jugendlichen da abholen, wo sie sind“ ist unter solchen Voraussetzungen kaum oder nur schwierig umsetzbar. Aber auch Jugendarbeiter:innen selbst definieren nicht selten das Smartphone als störend für die angestrebten Gemeinschaftserlebnisse, z.B. auf Zeltlagern und Freizeiten, und verbietet die Nutzung daher mit dem Argument ein „Gegenangebot“ zur digitalen Lebenswirklichkeit zu schaffen. Diese ausschließende Konkurrenz zwischen analogen und digitalen Erfahrungen und Erlebnissen ist nicht mehr zeitgemäß.

Die Mediatisierung durch digitale Werkzeuge schreitet schon seit mehreren Jahren kontinuierlich voran und erfuhr durch die SARS-CoV-2 Pandemie 2020 einen immensen Schub. Durch den Ausbruch der Pandemie fand in weiten Teilen der Welt ein Lockdown statt. In Deutschland wie in anderen Ländern wurden strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen beschlossen und alle Schulen und Kindertagesstätten geschlossen. Somit wurde innerhalb kürzester Zeit die Arbeit vieler Menschen ins Homeoffice verlagert und für Kinder und Jugendliche fand der Unterricht zu Hause statt. Die Beschränkungen wirkten sich auch immens auf die Jugendarbeit aus, da alle Einrichtungen innerhalb kurzer Zeit geschlossen wurden und Veranstaltungen abgesagt wurden. Wenn bisher bereits die Präsenz von Jugendlichen im öffentlichen Raum häufig problematisiert wurde und es wenige Räume zur Begegnung von Jugendlichen gab, so wurde die Situation in der Pandemie noch schwieriger, während in der Öffentlichkeit junge Menschen vor allem als zu beschulend wahrgenommen wurden.

Jugendliche sind selbst Experten für das Internet. Hier müssen Fachkräfte offen sein für neue Ideen junger Menschen, deren Wissen und Fähigkeiten als Ressource für die Fachkräfte verstanden werden können.

Um Jugendliche weiter erreichen zu können, mussten weite Teile der Jugendarbeit ihre Arbeitsweisen grundsätzlich umstellen. Jugendarbeit, so wie sie ihrem Selbstverständnis nach stattgefunden hat, wurde von einem Tag auf den anderen unmöglich. Digitale Gruppenstunden, Webinare und Umwandlungen von Projekten ganz oder teilweise in den Onlinebereich mussten schnell umgesetzt werden – weite Teile der Jugendarbeit mussten sich mit Digitalisierungsprozessen auseinandersetzen, über die sie bestenfalls nur diskutiert hatten. Der kreative Umgang der Jugendarbeiter:innen mit dieser Krise zeigte einmal mehr die Chancen, aber auch die Grenzen der Digitalisierung in der Jugendarbeit.

Deutlich wurde, dass die Möglichkeiten zu Partizipation und Mitgestaltung bisher unterschätzt und gestalterische Möglichkeiten durch digitale oder digital gestützte Tools von Jugendarbeit bislang kaum genutzt wurden. Auch die Potentiale im kreativem Ausdruck als auch in Öffentlichkeitsarbeit wurden kaum umgesetzt. Gerade Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation sind jedoch zu einem großen Teil digital oder crossmedial gestaltet. Hier gilt es in Zukunft noch stärker und gezielter Tools auszuprobieren, zu bewerten und wo möglich mitzugestalten, um Jugendarbeit effizienter und besser zu machen.

Auch die Verwaltung und Organisation von Jugendarbeit kann enorm von den neuen Möglichkeiten profitieren. Durch gesteigerte Effizienz in der Verwaltung und durch kollaborative Arbeitsmethoden z.B. Dokumentenbearbeitung oder Videotelefonie, kann die ohnehin sehr knappe Ressource ehrenamtlicher (Arbeits-)Zeit besser genutzt werden. Mit neuen Methoden der Wissensvermittlung etwa durch e-Learning- oder Blended Learning-Modelle kann Fachwissen orts- und oftmals sogar zeitunabhängig vermittelt werden. Die so gewonnene Zeit von Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen kann gezielter in die Arbeit mit Menschen fließen. Da beim Umgang mit solchen digitalen Hilfsmitteln aber noch Hemmnisse auftreten, teilweise Wissen fehlt und große Unsicherheit herrscht, brauchen sowohl Angestellte als auch ehrenamtliche Mitarbeitende in den Jugendorganisationen Hilfestellungen.

Während der SARS-CoV-2 Pandemie hat sich gezeigt, in welchen Bereichen Jugendarbeit über digitale Medien geleistet und fortgesetzt werden kann, aber auch wo Ansprüche nicht erfüllt werden können. Zwar können bestehende persönliche Beziehungen vom analogen in den digitalen Bereich verlagert werden, aber sie sind schwer über Medien aufzubauen. Der schnelle Lock down aufgrund steigender Fallzahlen führte zu einer massiven Dringlichkeit analoge Inhalte oder Treffen in den digitalen Bereich zu verlagern. Auf der Suche nach geeigneten Mitteln zur Organisation von Onlinetreffen- und Tagungen wurden auf eine Vielzahl von Plattformen zurückgegriffen, die teilweise den Ansprüchen der Jugendarbeit nicht entsprechen. Vielfach wurden hier geltende Datenschutzaspekte missachtet. Die Entscheidung, entweder bei Jugendlichen beliebte Plattformen wie z.B. Discord zu nutzen und sie somit zu erreichen oder unserem Anspruch gerecht zu werden und Tools zu nutzen.

Heranwachsende haben ein Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung. Entgegen dem öffentlichen Eindruck wollen junge Menschen gerade im digitalen Bereich keinen rechtsfreien Raum. Die Mediatisierung des Alltags junger Menschen erfordert ein Engagement der Jugendarbeit und des BJR im Bereich des Jugendmedienschutzes. Die Kooperation mit Fachstellen und Expertinnen und Experten im Bereich Jugendmedienschutz ermöglicht es, dem BJR Anregungen zum präventiven Jugendschutz in die Jugendarbeit weiterzugeben. Sie führt auch dazu, das Jugendschützer:innen auf die Belange junger Menschen besser eingehen können. Enger Kooperationspartner der Jugendarbeit in Bayern ist hier die Aktion Jugendschutz Bayern e.V..

Digitalisierung und ihre Auswirkungen sind kein bayerisches Thema, sondern stehen in der Europäischen Union weit oben auf der Agenda. Nicht zuletzt während der EU-Ratspräsidentschaften der beiden digitalen Vorreiter-Länder Estland und Finnland wurde das Thema Digitalisierung auf prominenter Stelle auf die Tagesordnung der EU gehoben. Unter der estnischen Ratspräsidentschaft wurde erstmals auch Digital Youth Work bzw. Smart Youth Work thematisiert, wobei „Digital Youth Work“ bedeutet, proaktiv Medien und Technologie in der täglichen Jugendarbeit zu gebrauchen. „Smart Youth“ Work“ bedeutet, neue Medien intensiv in Feldern der Jugendarbeit zu nutzen und Innovationen zu schaffen, um mehr junge Menschen zu erreichen.

Die Debatte um die Urheberrechtsreform Anfang 2018 hat gezeigt, dass junge Menschen das politische Geschehen aufmerksam verfolgen und bereit sind, für Ihre Interessen einzustehen. Innerhalb kurzer Zeit wurden Millionen Unterschriften gesammelt, Demonstrationen gegen Art. 17 (vormals Art. 13) organisiert und wichtige Diskussionen geführt. Für junge Menschen erscheint die Urheberrechtsreform als Rückschlag für das freie Netz und ein Signal, dass ihre Meinung nicht gehört und ihre Interessen in diesem politischen Handlungsfeld nicht vertreten werden.

Digitale Medien sind ein selbstverständlicher Bestandteil im Leben junger Menschen. Digitalisierung erfordert nicht nur ein Wandel in unserer pädagogischen Praxis. Vielmehr muss der digitale Wandel auch in unserer politischen Agenda und unseren politischen Forderungen sichtbar werden.

Allgemeine Forderungen für die gesamte Jugendarbeit

Bekenntnis zur Digitalisierung und Reflexion

  • Das Soziale und Engagement findet inzwischen ganz selbstverständlich sowohl analog, als auch digital statt und oft sogar gleichzeitig, dementsprechend wird Jugendarbeit zukünftig digital und analog stattfinden, wobei das digitale nicht nur der Weg zum analogen ist, sondern ein eigener gleichberechtigter Ort für Jugendarbeit, der z.B. im Bereich Jugendberatung/Jugendinformation völlig neuer Möglichkeiten eröffnet.
  • Ziel muss ein, dass sich die gesamte Jugendarbeit mit Digitalisierung beschäftigt. Hierfür ist eine Sensibilisierung aller ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter:innen in der Jugendarbeit nötig.
  • Die medienpädagogische Arbeit ist eine Querschnittsarbeit über viele Bereiche. Deshalb müssen sich Personen in Leitungsfunktionen und Jugendarbeiter:innen auf allen Ebenen digitale Kompetenzen aneignen und dementsprechend eine Haltung entwickeln.
  • Die Medienpädagogik übernimmt hierbei vielschichtige Vermittlungsaufgaben in der Jugendarbeit. Denn insbesondere Jugendarbeit muss stets den Fokus dahingehend setzen, jungen Menschen die grundlegenden Kompetenzen zu vermitteln, die es braucht, um in einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft ihr Leben kompetent und selbstbestimmt zu gestalten. Gleichzeitig geht es in medienpädagogischen Projekten um die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Dabei sollen Bildungs- und Lernprozesse nicht nur im technischen und medialen Bereich angestoßen werden, sondern primär in der Person des/der Teilnehmenden selbst (z.B. Persönlichkeitsbildung und Demokratiebildung).
  • Die pädagogischen Konzepte müssen dahingehend geprüft werden, wie Digitalisierung integriert werden kann. In der Ausführung sind die Bereiche der Jugendarbeit frei, um der Vielfalt der Jugendarbeit gerecht zu werden.
  • Statt mobile Endgeräte auf Maßnahmen und Freizeiten zu verbieten, sollten funktionierende Konzepte und pädagogische Methoden entwickelt werden.
  • Im Umgang der Jugendarbeit mit digitalen Tools wird auch deutlich, dass viele Organisationen der Jugendarbeit weder über nötigen Ressourcen verfügen, um Lizenzen für kostenpflichtige Plattformen zu erwerben noch genug Medienkompetenz besaßen, um diese schnell bedienen zu können. Nach der SARS-CoV-2 Pandemie Krise sollte daher dringend der Umgang der Jugendarbeit mit Medien und Digitalisierung reflektiert werden, um Rückschlüsse für die Zukunft zu schließen.

Vernetzung

  • Allgemein sollte der BJR als Landesebene eine vernetzende Funktion z.B. für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung haben, digitale Lösungen für die Jugendarbeit anbieten und beraten.
  • Auf der BJR Website sollten im Bereich Digitalisierung Best Practice Beispiele vorgestellt werden (Fachprogrammprojekte, Projekte der Medienfachberatungen).

Förderwesen

  • Die Anpassung von Zuschussförderungen und Anerkennung von Maßnahmen als (teil)digitalisierte Formen während der SARS-CoV-2 Pandemie war ein erster Schritt in diese richtige Richtung und sollte in den Rahmenrichtlinien des Bayerischen Jugendrings sowie der Förderrichtlinien der Jugendringe vor Ort verstetigt werden.
  • Auch in der Antragsstellung ist eine digitale Form zeitgemäß und für alle Beteiligten hilfreich.

Tools und digitale Lösungen

Die Bedarfe der jungen Menschen sind in allen Facetten von Jugendarbeit spür- und sichtbar. Um ein Wachsen von Insellösungen zu verhindern und zeitliche Ressourcen zu bündeln, müssen Jugendarbeiter:innen von Anfang an gute und weitestgehend umfassende digitale Lösungen angeboten und darin geschult werden.

Qualifizierung und Fortbildung

  • Aufgrund der zu geringen Zahlen bei bestehenden Fortbildungen im Bereich Medienpädagogik ist eine Standortbestimmung aller Bereiche der Jugendarbeit notwendig.
  • Medienpädagogik und Digitalisierung der Jugendarbeit muss ein fester Bestandteil der Ausbildung Fachkräften der Jugendarbeit werden. Dies beinhaltete sowohl die Aufnahme in die Juleica als auch die Bereitschaft und Möglichkeit einer regelmäßigen Fortbildung, um auf aktuelle Trends im digitalen Bereich reagieren zu können.
  • Auch der Partizipationsbegriff innerhalb der Juleica Ausbildung muss auf digitale Partizipation ausgeweitet werden.
  • Die Aus- und Fortbildungsmaßnahmen müssen hierbei auch virtuell oder semivirtuell angeboten werden, um eine Zukunftsfähigkeit zu gewährleisten und eine Teilnahme von Fachkräfte in ländlichen Räumen zu ermöglichen.
  • Auch auf Europaebene gibt es zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten im Bereich Digital Youth Work. Sie gilt es in allen Bereichen der Jugendarbeit bekannt zu machen und entsprechend zu beraten.

Jugendschutz

  • Ziel des pädagogischen Handelns in der Jugendarbeit muss sein: Kinder und Jugendliche entsprechend §14 SGB VIII zu befähigen d.h. Anleitung, Begleitung bei dem risikoarmen, sicheren und verantwortungsbewussten Umgang mit den digitalen Medien. Pädagogisches Handeln braucht hierbei:
  • Eine professionelle Haltung gegenüber den digitalen Medien und die Sensibilisierung der Fachkräfte für digitale Fragen.
  • Basiswissen zum Umgang mit Technologien und digitalem Wandel sowie einen Überblick kontinuierlichen und flexiblen über aktuelle Medienphänomene aus der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen
  • Reflexion der jeweiligen Bedeutungszuschreibung für Kinder und Jugendliche und die Bereitschaft und die Möglichkeit, sich im Feld der digitalen Medien fortzubilden

Inklusion / Barrierefreiheit

Digitale Jugendarbeit ist fähig den Zugang zu Kindern und Jugendlichen zu vergrößern. Deswegen muss eine Barrierefreiheit digitaler Angebote in der Jugendarbeit stets mitgedacht werden.

Forderungen an die Politik

  • Neben einer Absenkung des Wahlalters sind Methoden der E-Partizipation im politischen Bereich eine geeignete Form, um junge Menschen zu beteiligen. Hier sollte zwischen transitiven und intransitiven Ansätzen der E-Partizipation unterscheiden werden, da es bei E-Partizipation nicht nur um formale Verfahren geht. Vielmehr umfasst E-Partizipation auch die Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung (intransitive Formen der E-Partizipation).
  • Gerade in ländlichen Räumen ist der Ausbau hochleistungsfähiger fester und drahtloser Breitbandnetzanbindungen dringend notwendig.
  • Der Digitalpakt Schule investiert in den nächsten Jahren Milliarden in die formelle Bildungsarbeit. Die Jugendarbeit holt die Jugendlichen in ihrer wirklichen digitalen Lebenswelt ab. Daher braucht es dringend auch einen vergleichbaren Ressourcenaufwand für die außerschulische Jugendarbeit.
  • Junge Menschen möchten digital agieren und dies nicht in einem rechtsfreien Raum. Um dies sicherzustellen ist ein rechtssicherer Rahmen für ihr digitales Handeln zu schaffen.
  • Was die DSGVO angeht, sollten junge Menschen wie in unserem Nachbarland Österreich bereits ab 14 Jahren über ihre eigenen Daten bestimmen dürfen.
  • Heranwachsende brauchen einen zeitgemäßen, lebensweltorientierten, altersdifferenzierten Jugend(medien)schutz, technischen Schutz vor allem für die Jüngsten durch die Betreiber für Kinder/Jugendliche geeignete Angebote, Erwachsene, die sie begleiten und fördern. Obwohl der technische Schutz oder Filter nicht die alleinige Lösung sein können, sollten die Betreiber:innen von Anfang an in die Verantwortung genommen werden.

Europäische Dimension

Um die Interessen junger Menschen auch im Bereich digitaler Medien adäquat vertreten zu können und die Prozesse des schnellen Wandels optimal begleiten zu können bedarf es eines verstärkten Austauschs guter Praktiken der digitalen Jugendarbeit in ganz Europa, um eine Vernetzung, eine verbesserte Praxis und Innovation innerhalb der europäischen Jugendarbeitsgemeinschaft zu ermöglichen. In diesem Feld gilt es vor allem über den eigenen Tellerrand zu sehen und gemeinsam im europäischen Verbund den Weg ins digitale Zeitalter und in die digitale Jugendarbeit zu suchen, zu erproben und zu reflektieren. Um passgenaue Lösungen zu finden gilt es, die verschiedenen Bereiche von Jugendarbeit genauer in den Blick zu nehmen, denn Digitalisierung wirkt sich in diesen unterschiedlich aus und stellt sie vor unterschiedlichen Herausforderungen.

1.2 Jugendverbände

Der Bayerische Jugendring ist die Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände in Bayern. Aktuell sind im BJR 36 landesweit tätige Jugendverbände zusammengeschlossen. Die im Bayerischen Jugendring organisierten Jugendverbände haben aufgrund ihrer Vielfalt in der Struktur und der inhaltlichen Ausrichtung unterschiedliche Voraussetzungen im Umgang mit Digitalisierung. Die Mediennutzung der Jugendlichen in der Freizeit nimmt zu und wird somit automatisch auch in die Jugendverbandsarbeit hineingetragen. Bei Akteur:innen der Jugendarbeit entstehen oftmals inhaltliche Bedenken, z.B. dass die Nutzung digitaler Technologien eine bestimmte Atmosphäre stören könnte oder die Erreichung bestimmter inhaltlicher Ziele behindert würden. Bei Aktivitäten beziehen sich die Bedenken häufiger darauf, dass die Konzepte nicht mehr zur Lebenswirklichkeit der Jugendlichen passen. Digitaler Wandel in der Jugendverbandsarbeit bedeutet daher auch eine Veränderung der Kultur der Vereine.

Die Frage dabei ist: Inwieweit hat sich dieser Wandel der Kultur schon versteckt im Verständnis der Mitglieder vollzogen oder inwieweit wurde er bewusst seitens des Verbandes gestaltet? Wo gibt es rote Linien und welche Ängste und Barrieren können einem begegnen?

Die SARS-CoV-2 Pandemie hat den akuten Handlungsbedarf aufgezeigt. Das Verbands- und Vereinsleben ist für viele Kinder und Jugendliche integraler Bestandteil ihres sozialen Umfelds. Diese Freundeskreise und Aktivitäten sind durch die Kontaktbeschränkungen Großteils sehr eingeschränkt worden, auch und vor allem durch die Kurzfristigkeit kaum bekannte und erprobte digitalen Alternativen verfügbar waren. An vielen Stellen wurden mutig neue Konzepte und Tools ausprobiert. Wichtig ist hier eine Reflexion dazu, was übernommen werden kann, was zu überprüfen ist und wo es weitere Ressourcen zur Entwicklung und Verbesserung braucht. Fragen zu Datenschutz und rechtlicher Nutzbarkeit von Plattformen konnten in der Krisenzeit vernachlässigt werden. In vielen Verbänden werden diese Fragen aber im Nachgang zu beantworten sein. Onlinesitzungen, Blended-Learning Plattformen und andere Konzepte schaffen den notwendigen Spagat zwischen der Vermittlung von Inhalten und dem zumeist spielerischen Ansatz nicht. Gamification könnte hier ein möglicher, zukünftiger Weg sein. Der angesprochene Wandel hat vielfach neue Denkperspektiven geöffnet, die für einen nachhaltigen digitalen Wandel allerdings in ein Konzept mit Betreuung und neuen Ressourcen für die Verbände umgesetzt werden müssen. Dazu gehört zunächst eine anfängliche Beurteilung der verwendeten Mittel und die rechtliche Eignung für den Einsatz in der Verbandsarbeit.

Forderungen

  • Wandlungsprozesse in Organisationen können sowohl von der Leitungsebene angestoßen werden als auch von den Mitgliedern. Bisher ist der Digitale Wandel eher von letzteren ausgegangen. Daher ist es für Verbände wichtig ihm mit einer Standortbestimmung zu begegnen. Es geht darum, eine Haltung zu entwickeln, wie Digitalisierung innerhalb des Verbandes aussehen kann, wo sich Chancen ergeben oder Risiken bestehen, wo digitale Prozesse Verbesserungen bringen können und wo analoge Konzepte gleich gut greifen oder besser sind. Ziel dabei soll ein neuer Mut sein, digitale Konzepte auszuprobieren und zu implementieren. 
  • Gerade in der SARS-CoV-2 Pandemie haben viele Jugendverbände schnell digitale Tools genutzt. Diesen Mut gilt es in die „normale“ Zeit mitzunehmen, aber zeitgleich auch die Ansätze der SARS-CoV-2 Pandemie zu reflektieren.
  • Dieses Ziel kann jedoch nur von außen inspiriert werden und es liegt an den Jugendverbänden die entsprechenden Prozesse selbstgesteuert zu übernehmen. So kann eine viel tiefgreifendere Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglicht werden, die der thematischen Bandbreite der Vereine gerecht wird.
  • Neben einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Strukturen der Verbände hat. Nicht nur die Basisarbeit ist betroffen, auch die Dachverbände müssen sich mit digitalisierten Arbeitsformen beschäftigen und reflektieren, ob ihre Arbeit noch zeitgemäß und gewinnbringend ist.
  • Doch wie sieht eine ideale, digitalisierte Jugendarbeit überhaupt aus und mit welchen Mitteln kann man diese erreichen? Langfristig wird durch die Aufnahme bestimmter Kriterien in die Juleica Ausbildung die nächste Generation dazu befähigt digitale Bildungskonzepte vermehrt in der Jugendarbeit einzusetzen.
  • Vor allem eine bessere Vernetzung der Verbände ermöglicht das Arbeiten mit Lösungen und Konzepten, die sich bereits bewährt haben. Durch eine solche gemeinschaftliche Arbeit kann auch der Entwicklungsaufwand für Neues einfacher bewältigt werden.
  • Die SARS-CoV-2 Pandemie hat aber auch gezeigt, dass notwendige Mittel für sichere und innovative Onlineplattformen in den Verbänden fehlen. Viele Überlegungen wie man Jugendverbandsarbeit online stattfinden lassen kann wurden aufgrund finanzieller Hürden nicht realisiert. Um dort Innovationen zu schaffen, ist daher vor allem eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Vereine notwendig, darüber hinaus muss auch vermehrt konzeptionelle Beratung und methodische Begleitung stattfinden.

1.3 Jugendringe

Unterhalb der Landesebene des Bayerischen Jugendrings gibt es in Bayern 7 Bezirksjugendringe (BezJR) sowie 96 Stadt- und Kreisjugendringe (SJR/KJR). Sie alle sind die jugendpolitische Interessensvertretung der Jugendgruppen und -Verbände der jeweiligen Ebene und unterstützen diese durch Angebote und in aller Regel (finanzielle) Förderung. Darüber hinaus sind die Jugendringe (JR) in vielerlei Hinsicht vielfältig.

Während an alle 7 Bezirksjugendringe (in unterschiedlichen Konstellationen) Medienfachberatungen angebunden sind ist das Arbeitsfeld Medienpädagogik bei SJR/KJR nur vereinzelt ein mit eigenen personellen Ressourcen ausgestattetes Arbeitsfeld. Einige Jugendringe verfügen über eigene Einrichtungen, Projekte oder andere Trägerschaften und haben so eigene Angebote für Kinder und Jugendliche, andere JR haben hingegen haben lediglich Angebote für ehrenamtlich und/oder hauptberuflich Verantwortliche in der Jugendarbeit.

Die Geschäftsstelle ist in einigen Fällen in den Räumlichkeiten des Rathauses bzw. des Landratsamtes und entsprechend auch an die (IT-) Infrastruktur angeschlossen. In anderen Fällen haben die JR eigene Räumlichkeiten. Es gibt JR mit überstellten Mitarbeiter:innen, welche dann den Dienstvereinbarungen ihres Arbeitgebers, z. B. in Hinblick auf die Nutzung von Social Media, unterliegt, sowie JR mit eigenen Mitarbeiter:innen.

Aus dieser Unterschiedlichkeit resultieren unterschiedliche Herausforderungen und Möglichkeiten in Hinblick auf digitale Jugendarbeit.

Forderungen

  • Das sich stetig verändernde Arbeitsfeld macht es nötig, der verbandlichen Jugendarbeit unterhalb der Ebene der bezirklichen Medienfachberatungen Angebote der Fort- und Weiterbildung sowie der Beratung und Unterstützung in Fragen der Medienpädagogik, Digitalisierung der Jugendarbeit sowie zum Umgang mit digitalen Medien in der Jugendarbeit generell (Datenschutz…) anzubieten sowie Impulse in Richtung neue Formen von Angeboten oder gar von Jugendarbeit. Hier sind die SJR/KJR geeignete Stellen.
  • Die Schnelllebigkeit digitaler Techniken und Lebenswelten aber auch der gesetzlichen Rahmenbedingungen (welcher Dienst ist gerade viel genutzt, welche Rechtlichen Rahmenbedingungen gelten…) machen es jedoch schwer, diesen Bedarfen ohne ausreichende spezialisierte Personalressourcen zu decken, weswegen dieses Arbeitsfeld flächendeckend eine bedarfsgerechte Ausstattung erreichen muss.
  • Digitale Veranstaltungs- und Sitzungsformate können Präsenzveranstaltungen bzw. Sitzungen sinnvoll ergänzen. Die SARS-CoV-2 Pandemie hat hier deutlich die Chancen aber auch Grenzen aufgezeigt, vor allem aber auch zur grundsätzlichen Akzeptanz solcher Angebote beigetragen. Hier bieten sich Chancen für die Jugendringe für eigene Angebote, sowie der Bedarf aus den Verbänden- auch dies hat die SARS-CoV-2 Pandemie gezeigt- nach diesbezüglicher Beratung und Unterstützung durch die Jugendringe. Diese Angebote für Jugendverbände sollen im Rahmen des Auf- und Ausbaus des Arbeitsfeldes, soweit noch nicht vorhanden, geschaffen werden.
  • Viele Jugendringe stehen hier vor der Herausforderung technische und strukturelle Hürden überwinden zu müssen: Amtsrechner, auf denen die Installation bestimmter Programme oder der Zugriff auf bestimmte Webdienste verunmöglicht ist oder Geschäftsstellen mit unzureichender Bandbreite. Hier ist es notwendig, dass die Jugendringe für ihre eigenen Angebote die notwendige digitale Infrastruktur aufbauen. Hindernisse in Hinblick auf die Integration in ein Amtsnetzwerk müssen bei Bedarf, gemeinsam und unterstützt durch die BJR Landesebene, auch politisch thematisiert werden.
  • Es soll in einen Diskussionsprozess eingetreten werden, welche Gremien und Organe des BJR unter welchen Bedingungen auch virtuell tagen können.
  • Auch jenseits rein virtueller Sitzungen bieten sich in Hinblick auf Sitzungen auch Chancen zum Abbau von Barrieren. Sei es durch maschinenlesbare (und somit für Sehbeeinträchtig zugängliche) Sitzungsdokumente oder Livestreams mit Transkription/ Untertiteln. Die Jugendringe müssen diese Chance der Digitalisierung auch im Hinblick auf den Abbau von Barrieren nutzen. Zu ihrer Unterstützung der kleineren KJR/SJR müssen hierzu Beratungs- und Unterstützungsstrukturen auf Bezirks- und/ oder Landesebene vorgehalten werden.
  • Ein weiteres Handlungsfeld ist die Digitalisierung des Antragswesens. Hier bietet sich die Chance viele Prozesse barriereärmer zu gestalten und für die, auf Kreis- und Ortsebene oftmals rein ehrenamtlichen, Antragsteller:innen relevante Vereinfachungen zu schaffen.
  • Darüber hinaus könnten zusätzliche Synergieeffekte, vor allem in Hinblick auf statistische Auswertung und Sichtbarmachung der Angebote der verbandlichen Jugendarbeit erzielt werden. Hier böte eine landeseinheitliche Regelung auf der eine Seite viele Vorteile. So könnte diese z. B. die Grundlage für eine landesweite Angebotslandkarte sein. Die Pluralität und weitreichende Selbständigkeit der Jugendringe mit ihren unterschiedlichen Rahmenbedingungen, Förderrichtlinien und Bedarfen erschwert jedoch andererseits eine solche einheitliche, für alle passende, Lösung.
  • Jenseits der Digitalisierung der Antragsprozesse bedarf es vielerorts eine Anpassung der Förderrichtlinien. Von der Förderfähigkeit von rein virtuellen Sitzungen, theoretisch wie praktisch - oft sind es auch Dinge wie die Notwendigkeit unterschriebener Teilnehmer:innenlisten die eine Förderung de facto verhindert, bis hin zur Deckung von Bedarfen in Hinblick auf die Anschaffung notwendiger Hard- und Software reicht hier die Spannbreite.
  • Auch weitere Angebote der Jugendringe, wie der Verleih oder das Buchungssystem für das Jugendübernachtungshaus, können von Digitalisierungsprozessen profitieren. Gerade kleine Jugendringe sind jedoch selten hier aus eigener Kraft professionelle Lösungen auf der Höhe der Zeit anzubieten. Durch die Zusammenarbeit mehrerer Jugendringe können auch kleinere Jugendringe in die Lage versetzt werden, professionelle Lösungen anzubieten. Politik und Verwaltung hat nicht selten einem gefahren- und defizitorientierten Blick auf die Mediennutzung. In ihrer politischen Interessensvertretung sind müssen Jugendringe daher verstärkt in der Lage den Blickwinkel junger Menschen, ihre Lebensrealität sowie einen chancen- und ressourcenorientierten Blick auf Medien(nutzung) in den Diskurs einzubringen. Auf Grundlage dieser Haltung können im Jugendring selbst Öffnungsprozesse hin zu neuen Formen organisierter Jugendarbeit, wie zum Beispiel aus dem E-Sport erwachsende Gruppen angestoßen werden. Diese haben oftmals, obwohl sie Jugendarbeit betreiben, oft kein Selbstverständnis als Jugendgruppe und keine gewachsenen Zugänge zur organisierten Jugendverbandsarbeit. Hier braucht es eine proaktive Kultur von Seiten der Jugendringe.

1.3.1 Medienfachberatungen und Jugendradiostationen

Die Medienfachberatungen in Bayern sind eine Struktur der Bezirke beziehungsweise der Bezirksjugendringe. In allen sieben Bezirken gibt es hauptberufliche Stellen mit mindestens 100% Stellenumfang. In einigen Bezirken beträgt der Stellenumfang bis zu 200%. Anstellungsträger sind entweder die Bezirke oder die Bezirksjugendringe. Die bezirkliche Eigenständigkeit führt dazu, dass die Medienfachberatungen inhaltlich in ihren Schwerpunktsetzungen durchaus sehr unterschiedlich agieren.

Aufgabe aller Medienfachberatungen ist es, ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeiter:innen der Jugendarbeit zu vernetzen und zu qualifizieren. Ziel ist es letztlich, junge Menschen zu einem selbstbestimmten und souveränen Leben mit Medien zu befähigen. Dazu sollen medienpädagogische Angebote in der Jugendarbeit etabliert und eine hohe Fachlichkeit ermöglicht werden. Wichtig ist hierbei unter anderem, bei Multiplikator:innen und Entscheidungsträgern ein Verständnis für die alltägliche Mediennutzung von Jugendlichen zu wecken. Multiplikator:innen der Jugendarbeit in Bayern können auf Beratung, Unterstützung und Serviceleistungen wie die Vermittlung von Referent:innen oder Geräteverleih zurückgreifen.

Der BJR stellt eine Vernetzung der Medienfachberatungen unter fachlicher Begleitung des JFF durch Kooperationsverträge sicher. Gleichzeitig kooperieren BJR und JFF bei gemeinsamen bayernweiten Projekten wie z.B. dem Bayerischen Kinder & Jugendfilmfestival mit den Medienfachberatungen. Die Vernetzung und fachliche Begleitung sichert eine hohe Professionalität und Weiterentwicklung in einem sich stetig veränderndem Arbeitsfeld. Diese Veränderung ist eine der wesentlichen Herausforderungen der Medienfachberatungen. Waren bis vor einigen Jahren die audiovisuellen Medien (Audio, Video, Foto, Print) noch zentraler Bestandteil der Medienarbeit, sind mit Social Media, Multimedia, Gaming, Making, Coding, Virtual Reality, Augmented Reality, mediale Bildungsformen wie MOOCs usw. viele neue und für die Jugendarbeit relevante Medienbereiche dazugekommen.

Auch rechtliche Neuerungen wie z.B. die DSGVO oder ein sich (nicht) änderndes Urheberrecht haben Einfluss auf die medienpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Gesellschaftliche Fragen, die sich durch Big Data u.a. im Bereich Datenschutz ergeben, sind für die Jugendarbeit ebenfalls höchst relevant. Ebenso spielen weitere gesellschaftlich und wissenschaftlich bedeutsame Thematiken wie Diversity-Mainstreaming eine Rolle. Zunehmend gibt es Verwebungen mit dem Bereich Politische Jugendbildung/Demokratiebildung. Themen wie Fake News, Big Data, Hate Speech oder aber auch digitale Jugendbeteiligung und Demokratiebildung sind von hoher Relevanz für Jugendarbeit und Gesellschaft und machen tragfähige Konzepte, Vernetzung und eine intensive Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen unabdingbar.

Der enorm wachsende Bedarf an medienpädagogischen Angeboten und Themenfeldern ist eine große Herausforderung, die Expertise der Medienfachberater:innen ist gefragter denn je – sowohl qualitativ als auch quantitativ. Das verlangt nach einer guten und professionellen Vernetzung sowie fachlicher Begleitung.

Aktuell sind die Medienfachberatungen intensiv in die Durchführung konkreter Vorhaben vor Ort eingebunden, nicht selten auf Kosten von zukunftsweisender Konzept- und Netzwerkarbeit. In allen Bezirken müssen aufgrund mangelnder Ressourcen Projektanfragen abgewiesen werden. Hinzu kommen Anfragen aus Aufgabenfeldern, die nicht Kernbereich der BJR-Strukturen sind (Schulen, Jugendhilfe…), die auch dringend auf einen Ausbau ihrer medienpädagogischen Strukturen angewiesen sind.

Forderungen

  • Die Medienfachberatungen sollten im digitalen Zeitaltre zentrale Netzwerkknoten in den zu stärkenden medienpädagogischen Netzwerken der außerschulischen Jugendarbeit sein. So könnte sie bei den Kreis- und Stadtjugendringen, aber auch in großen Verbänden oder Jugendzentren arbeiten Medienpädagog:innen, ihre Projekte durchführen und beraten diese bei eigenen, kreativen Medienprojekten begleiten.
  • Eingebunden in ein europäisches bzw. weltweites Netz von Medienpädagog:innen sollten sich die Medienfachberatungen mit Fachleuten aus anderen Ländern austauschen und sich gegenseitig fortbilden. Die entstehenden Verbindungen wiederum würden es den Medienpädagog:innen bei den Stadt- und Kreisjugendringen oder Verbänden ermöglichen Maßnahmen internationaler Jugendarbeit mit ihren Jugendlichen durchzuführen.
  • Grundlage für eine Medienarbeit mit hoher Fachlichkeit ist unter anderem auch eine funktionierende technische Infrastruktur, die sowohl den Medienfachberatungen zur Verfügung stehen muss, als auch der Jugendarbeit vor Ort (u.a. durch Verleih durch die Medienfachberatungen).
  • Es braucht medienpädagogisches Fachpersonal bei Stadt- und Kreisjugendringen, Verbänden und Jugendzentren.
  • Um einen gestiegenen Bedarf an Fortbildung, Beratung, Technikleihe und Vernetzung der bei den Kreis- und Stadtjugendringen tätigen Medienpädagog:innen zu gewährleisten, ist eine Ressourcenaufstockung bei den Medienfachberatungen nötig.

Jugendradiostationen

Die Arbeit in den derzeit 15 Jugendradiostationen in Bayern ist in den letzten Jahren multimedialer geworden: Plattformen wie Soundcloud und Spotify oder Facebook werden genutzt, um Beiträge als Podcast zum Download zur Verfügung zu stellen und Hintergrundinformationen anzubieten. YouTube wird stark als Recherchemedium eingesetzt und wie auch Instagram und andere Social Media Kanäle genutzt, um auf Sendeinhalte und Programmpunkte aufmerksam zu machen. Im Zeichen der Trimedialität sind einige Jugendradioredaktionen dazu übergegangen, verschiedene pädagogische Angebote zu einer gemeinsamen Jugendredaktion zusammenzulegen.

Das Interesse an radiojournalistischen Präsentationsformen, aber auch an neuen Formaten und kreativen Umsetzungen ist in vielen Redaktionen groß und wird von den Jugendlichen in vielfältiger Form umgesetzt. Oft gibt es aber auch ein Bedürfnis nach Konzentration auf ein Medium und die klassische On-Air-Sendung steht im Mittelpunkt des Interesses.

In der aktuellen Krisensituation hat sich gezeigt, dass Jugendradio auch über den Austausch in diversen Onlinekanälen, dezentrale Produktion und die Zusammenführung durch die Fachkräfte funktioniert. Gleichzeitig war Jugendradio gerade in der Ausnahmesituation ein wichtiges Medium der Artikulation, des Austausches, der Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und des gemeinsamen Erlebens. Jugendradio konnte somit auch während der SARS-CoV-2 Pandemie alle vereinbarten Sendeleistungen erbringen und hat wertvolle neue Erfahrungen gesammelt. Gleichzeitig ist das Bedürfnis der Jugendlichen in ein gewohntes, gemeinsames Produzieren zurückzukehren groß.

Forderung

Die Nachfrage nach Radioarbeit und Audioprojekten ist sowohl im schulischen Bereich als auch im außerschulischen Arbeitsfeld sehr groß. Unabhängig von künftigen Innovationen der medialen Digitalisierung benötigt die Jugendradiolandschaft in Bayern finanzielle und personelle Ressourcen für hochqualitative, intensive, innovationsoffene und inklusive Arbeit. Das gilt für Medienzentren gleichermaßen wie für Jugendringe und auf Bezirksebene die Medienfachberatungen.

1.4 Kommunale Jugendarbeit

Eine der zentralen Aufgaben der kommunalen Jugendarbeit ist die Schaffung von bedarfsgerechten Angeboten und einer Infrastruktur der Jugendarbeit. Im Zeitalter der Digitalisierung bedarf es neuer digitaler Angebotsformen, in den Jugendliche sich weiterhin ausprobieren und sich entwickeln können. Wie in anderen Lebensbereichen auch ist dies bei digitalen kommerziellen Angeboten nur bedingt möglich. Im Sinne einer jugendgerechten Kommune muss die kommunale Jugendarbeit z.B. darauf hinwirken, dass alle Kinder und Jugendlichen einer Kommune die gleichen Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft haben, also auch im Bereich der Digitalisierung. Dort müssen z.B. Zugangsmöglichkeiten geschaffen und Benachteiligungen abgebaut werden.

Jugendarbeit vor Ort in den Gemeinden und den Einrichtungen der Jugendarbeit sind Begegnungsorte, die viele Möglichkeiten und Unterstützung bieten. Der Wunsch sich zu Begegnen und mit Peers zu treffen ist bei einem Großteil der Jugendlichen ungebrochen hoch. Grundlegend haben sich allerdings die Art der Kommunikation und die Kommunikationskanäle verändert. Jugendliche kommunizieren und informieren sich inzwischen sehr viel über soziale Netzwerke.

Für die Akteur:innen in der Jugendarbeit ist es deshalb unabdingbar den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen auch über diese Kanäle aufrecht zu erhalten. Dies ist jedoch mit noch offenen Fragestellungen verknüpft. Bei vielen weit verbreiteten Apps in den sozialen Medien gibt es nach wie vor datenrechtliche Unklarheiten. Die Personalisierung der Accounts und damit einhergehend eine Vermischung von privaten und dienstlichen Zugängen ist für Fachkräfte der Jugendarbeit oftmals problematisch. Daraus resultieren auch Unsicherheiten bei den Fachkräften, wie eine sinnvolle und notwendige Nutzung von Social Media überhaupt möglich ist.

Forderungen

  • Vor allem im Bereich der Partizipation von Kindern und Jugendlichen bietet die Digitalisierung enorme Chancen und ein entsprechendes Tool ist wünschenswert. Grundlagen für eine gelungene Partizipation wird aber weiterhin eine gute Infrastruktur der Jugendarbeit bleiben. Der Türöffner für die Nutzung dieser Mitbestimmungsmöglichkeiten ist der direkte Kontakt und die Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen. Die Zurverfügungstellung eines E-Partizipationsangebotes ohne es in einen Rahmen der Jugendarbeit einzubinden ist wenig erfolgversprechend. Die technischen Voraussetzungen für ein geeignetes Onlinetool für E-Partizipation sind hoch, da unter anderem Fragen des Datenschutzes und der Niederschwelligkeit, zu beachten sind. Dabei kann auf zahlreiche Erfahrungen, wie z.B. dem Modellprojekt beim BJR zurückgegriffen werden.
  • Hierfür ist auch die notwendige technische Ausstattung wie dienstliche Smartphones o.ä. zu stellen und zukünftig als Standard für die Jugendarbeit zu etablieren.

1.5 Offene Kinder- und Jugendarbeit

Besonders die OKJA bietet auf Grund ihrer Prinzipien wie Offenheit, Niedrigschwelligkeit, non-formales Lernen und Freiwilligkeit den geeigneten Raum, um der digitalen Lebenswelt junger Menschen näher zu kommen und bietet gute Voraussetzungen für eine gelungene Medienpädagogik.

Fachkräfte der OKJA sind durch ihre Angebote und Arbeitsformen am „Puls der Zeit“. Auf Grund ihrer Nähe zu jungen Menschen können die Fachkräfte, die Veränderungen und Herausforderungen der Heranwachsenden frühzeitig wahrnehmen und entsprechend begleiten.

Die digitale Welt bietet globale Zugänge und eine Vielzahl von Möglichkeiten, um die Identitätsfindung zu fördern und bei der Entwicklung des Selbstbildes zu helfen. Hier wird ebenso wie in der realen Welt die Selbstwirkung erprobt und Fremdwirkung erlebt. Der Abgleich mit der Wirkung in der realen und digitalen Welt ist eine wichtige Erfahrung und fordert die Selbstreflexion junger Menschen.

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit nutzt die zunehmende Digitalisierung, um niedrigschwellige Zugänge zu Informationen und kultureller Bildung zu ermöglichen. Diese Zugänge unterstützen und begünstigen nicht nur die Persönlichkeitsfindung, sondern auch die Förderung von Jugendkulturen. Denn jugendkulturelle Bildung findet auch in online Communitys wie zum Beispiele der Gaming-Szene, der Korean-Pop- Musik-Szenen, der Manga-Comic-Szene oder andere kulturellen Strömungen statt, die durch ihre internationale Vernetzung und damit ihrem digitalen Miteinander wachsen und sich weiterentwickeln.

Empowerment durch Vernetzung, wie es jugendkulturelle Gruppierungen wie z.B. Fridays For Future nutzen, trägt zudem zu politischer Bildung und Demokratiebildung bei.

Der digitale Raum kann als Möglichkeit gesehen werden Beziehungen aufzubauen, zu pflegen und auszubauen. Hier finden sich Gruppen von Gleichgesinnten, deren Austausch keine Risiken bergen, sondern neue Möglichkeiten der Entwicklung bieten.

Auch bei der Berufsfindung ergeben sich aus der digitale Welt neue Möglichkeiten, besonders bei der Entwicklung zukunftsorientierter Berufe. Besonders im Jugendalter ist die Frage der Zukunftsperspektive und der Berufswahl präsent. Die OKJA bietet aufgrund ihrer offenen Gesprächskultur und der professionellen Beziehung zu den Besuchern:innen die Möglichkeit mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und moderne Berufe, wie zum Beispiel Influencer:innen oder Social Media-Manager:innen zu thematisieren.

Jugendliche sind selbst Experten für das Internet. Hier müssen Fachkräfte offen sein für neue Ideen junger Menschen, deren Wissen und Fähigkeiten als Ressource für die Fachkräfte verstanden werden können.

Die Nutzung der Angebote in den Bereichen Apps und Social Media ist geprägt durch eine große Vielfalt und Schnelllebigkeit und erfordert eine ständige Auseinandersetzung der Fachkraft mit Trends, Veränderungen und Neuerscheinungen, aber auch Möglichkeiten und Potentialen in der digitalen Lebenswelt junger Menschen. Bei manchen Fachkräften herrscht daher eine Unsicherheit im Umgang mit digitalen Anboten. Die Nutzung von digitalen Medien ist stark abhängig von den vorhandenen Kompetenzen der Fachkräfte. Die personellen Voraussetzungen begünstigen oder erschweren einen selbstverständlichen Umgang mit digitalen Angeboten. Die Sprache und Haltung der Fachkräfte ist in der Arbeit mit jungen Menschen ausschlaggebend um als Fachkraft ein:e Ansprechpartner:in in Angelegenheiten der digitalen Welt für Kinder und Jugendlichen zu sein und gelungene medienpädagogische Angebote durchführen zu können.

Soziale Wirklichkeit im digitalen Raum fordert Reaktionen in der realen Lebenswelt. Auch hier haben Emotionen und Reize Einfluss auf die Entwicklung und Identitätsfindung junger Menschen. Die „Filter-Bubble“ beeinflusst den Zugang, die Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen und erfordert eine ständige Reflexion und Abgleich mit weiteren Informationen. Zudem sind jugendgefährdende Inhalte leichter zugänglich und die Flut an Netzinhalten, sowie deren schnelle Veränderung stellen nicht nur junge Menschen, sondern auch den Jugendschutz vor besondere Herausforderungen. Zum Beispiel bekommen Fachkräfte in der pädagogischen Praxis aufgrund ihrer Nähe zu den Jugendlichen frühzeitig mit, welche Online- Spiele im Trend sind. Die Vorgaben zum Jugendschutz sind jedoch zum Veröffentlichungszeitpunkt des Online-Spiels noch nicht geregelt und es wurden keine pädagogischen Handlungsempfehlungen von den zuständigen Fachstellen veröffentlicht. Die Fachkraft steht vor der Frage, wie sie selbst die Inhalte des Online-Spiels bewertet und ob die Nutzung unter bestimmten Vorgaben im Jugendzentrum erlaubt ist. Solche Diskrepanzen verursachen Unsicherheit bei den Fachkräften im Umgang mit jugendrelevanten Medien.

Die flächendeckende freie Internetversorgung in Bayern ist lückenhaft und auch in Einrichtungen der OKJA nicht nur durch bauliche Gegebenheiten, sondern auch aufgrund fehlender finanzieller Mittel eingeschränkt. Zudem wird in vielen Einrichtungen der OKJA auf Grund bürokratischer Hürden bereits der Aufbau einer Infrastruktur erschwert. Besonders kleine Jugendräume im ländlichen Raum, sowie selbstverwaltete Jugendtreffs, die nicht auf die Infrastruktur eines Trägers, bspw. der Kommune, zurückgreifen können, haben mit der mangelnden Versorgung und den erschwerten Bedingungen zu kämpfen.

Die pädagogisch-professionelle Beziehung zu Kindern und Jugendlichen und der persönliche Kontakt in der Einrichtung werden auch in Zukunft die Grundlage für gelingende Angebote in der OKJA sein. Dieser Beziehungsaufbau wird durch den persönlichen Austausch gefestigt und kann durch die Nutzung digitale Medien nur unterstützt, jedoch nicht ersetzt werden.

Forderungen

  • Flächendeckende Grundausstattung: Auch hier sollte es von den Medienzentren eine Empfehlung z.B. für eine entsprechende Bandbreite für Jugendeinrichtungen geben. Die bürokratischen Hürden für den Aufbau einer digitalen Infrastruktur müssen abgebaut werden.
  • Medienpädagogik umfasst nicht nur punktuelle Angebote, sondern braucht eine konsequente Auseinandersetzung mit der digitalen Welt junger Menschen. Hier ist ein Austausch auf Augenhöhe und keine lehrhafte Haltung der Fachkraft erforderlich. Medienpädagogik muss mit jungen Menschen in den Austausch gehen und muss im Konzept der Einrichtung verankert sein.
  • Kinder und Jugendliche müssen über dir die rechtlichen Grundlagen von digitalen Angeboten aufgeklärt werden. Dies ist auch eine Aufgabe der Fachkräfte der OKJA.
  • Die Qualität der medienpädagogischen Angebote bzw. die konzeptionelle Umsetzung und Nutzung digitaler Medien sollte nicht von den personellen Kompetenzen, sondern an der fachlichen Qualifizierung abhängig sein. Somit bedarf es eine gezielte Weiterbildung und Aufklärung der Fachkräfte der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

1.6 Jugendbildungsstätten

Die vom Bayerischen Jugendring (BJR) anerkannten Jugendbildungsstätten und das Institut für Jugendarbeit Gauting sind zentrale Einrichtungen der außerschulischen Jugendbildung in Bayern und in jedem Regierungsbezirk vertreten. Sie sind ein wichtiger Baustein der Infrastruktur der Jugendarbeit im Freistaat.

Ehrenamtliche und hauptberuflich Beschäftigte der Jugendarbeit finden an den Jugendbildungsstätten geeignete (Lern-)Orte außerhalb der Schule für die persönliche Entwicklung, für ihre Aus-, Fort- und Weiterbildung und für soziales und gesellschaftliches Engagement.

Die Jugendbildungsstätten in Bayern sowie das Institut für Jugendarbeit Gauting nehmen sich der Digitalisierung auf mehreren Dimensionen an. In ihrer inhaltlichen und pädagogischen Ausrichtung wollen und müssen sich alle Jugendbildungsstätten weiterhin an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen orientieren. Ein rein analoges Arbeiten entspricht somit in vielen Settings nicht mehr der Realität der Jugendlichen. Die Voraussetzung um Bildungsangebote weiterhin an den Interessen und der Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausrichten zu können, ist die Befähigung aller pädagogischen Mitarbeitenden zum Einsatz digitaler Medien als Lernwerkzeuge.

Damit wird Medienpädagogik nicht nur als Bildungsschwerpunkt in einigen Jugendbildungsstätten stattfinden sondern als Querschnittsaufgabe in allen Bildungsschwerpunkten in den Jugendbildungsstätten und am Institut für Jugendarbeit etabliert. Wie wichtig dieser Schwerpunkt ist, hat sich währen der SARS-CoV-2 Pandemie deutlich gezeigt. Deswegen sind nachfolgende Forderungen umso wichtiger:

Forderungen

  • Weiter sollen diese besonderen außerschulischen Lernorte als Anlaufstationen bei medienpädagogischen Fragen dienen und somit auch Fachkräfte und ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit verstärkt im Bereich Medienpädagogik ausbilden. Um der Schnelllebigkeit der medialen Trends gewachsen zu sein, ist eine Intensivierung der Kooperation mit den Medienfachberatungen in den Regierungsbezirken Bayerns notwendig.
  • Plattformen für den Austausch mit den Medienfachberatungen aber auch anderen Aktiven in der Kinder- und Jugendarbeit können und sollen initiiert, besucht und zum Austausch sowie der gemeinsamen Weiterbildung genutzt werden.
  • Diesen inhaltlichen Diskussionen geht die technische Ausstattung der Einrichtungen auf mindestens Schulniveau voran. Eine hohe Bandbreite für die Versorgung der Tagungshäuser ist die Grundvoraussetzung um (medienpädagogische) Bildungsprozesse initiieren zu können und digitale Welten erlebbar zu machen. Angelehnt an die Größe der Bildungshäuser sind verschiedene Bandbreiten nötig um die Versorgung der genutzten Endgeräte zu gewährleisten. Auch die Bereitstellung eines, mit technischen Hilfsmitteln, jugendgerechten Internetzuganges für die Teilnehmenden der Bildungsangebote muss angedacht und dafür ein pädagogisches Konzept entwickelt werden.
  • In Folge dieser Überlegungen ergeben sich ideale Voraussetzungen für die weitere und intensivere Zusammenarbeit mit den im Bayerischen Jugendring zusammengeschlossenen Jugendverbänden, -initiativen und -gemeinschaften. Ergebnisse dieser Kooperationen können neue, innovative und für Kinder und Jugendliche inhaltlich attraktive Bildungsangebote, sein.
  • Neben einer ausreichenden Bandbreite gehört auch die Ausstattung mit digitalen Medien zu den Voraussetzungen um im medienpädagogischen Diskurs nicht abgehängt zu werden. Im Einzelnen betrifft dies die Anschaffung von Multimedia-PCs, mobilen Endgeräten wie z.B. Tablet, iPads und Video-Kameras sowie das benötigte Zubehör wie z.B. Stative, Tonangeln und Mikrofone. Lizenzen und Software gehören zudem zu einer kompletten Medientechnik. Um diese Ausstattung auch finanziell zu ermöglichen ist es notwendig, dass außerschulische Bildungsorte und vor allem die Jugendbildungsstätten mit der Breite ihrer Angebote als wichtige Lernorte und (Weiterbildungs-)Orte von Politik und Gesellschaft wahrgenommen werden. Eine Investitionsunterstützung angelehnt an den Digitalpakt des Kultusministeriums ist eine sinnvolle Maßnahme.
  • Eine gemeinsame Lernplattform, die im Sinne eines Blended Learning Modells neue Lernmöglichkeiten für die Kinder- und Jugendarbeit schafft, könnte ein Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen der Jugendbildungsstätten und des Instituts für Jugendarbeit Gauting sein. Ressourcen für die didaktische Aufbereitung einzelner Module und die Betreuung einer solchen Plattform müssen geschaffen werden. Für Präsenzveranstaltungen sind die Jugendbildungsstätten und das Institut für Jugendarbeit in Gauting mit entsprechender medialer Ausstattung und der Verteilung über ganz Bayern ideale Orte zur Vertiefung, dem Transfer und dem eigenen Erleben sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für die Weiterbildung und Qualifizierung der ehren- und hauptamtlich Tätigen in der Kinder- und Jugendarbeit.
  • Ergänzende Online-Seminarformen mittels Videokonferenz können mit den o.g. Ausstattungen Einzug in die außerschulische Jugendbildung halten. Mit den entsprechenden Softwarelizenzen ist dann die Medienpädagogische Arbeit als Querschnittsaufgabe in der Jugendbildung umfänglich durch die Jugendbildungsstätten selbst und als Dienstleister für die Jugendverbände möglich.

Literaturverzeichnis