Positionspapier zur nachhaltigen Entwicklung in der Jugendarbeit

In Zeiten von Klimawandel, großen weltweiten Flüchtlingsbewegungen und zunehmender Ressourcenverknappung sehen wir Bildung und Handeln für eine nachhaltige Entwicklung als Schlüsselfaktor zur Lösung dieser Probleme.

Unserem Denken und Handeln liegt der Wunsch zugrunde, dass auch zukünftige Generationen die gleichen Wahlmöglichkeiten zur Gestaltung ihres Lebens haben sollen und dass die Chancen für alle Menschen auf der Welt fairer verteilt werden müssen.

1 Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit

Wir, die Delegierten des 147. Hauptausschusses des Bayerischen Jugendrings, beschließen das vorliegende „Positionspapier zur nachhaltigen Entwicklung in der Jugendarbeit". In Zeiten, in denen der Begriff „Nachhaltigkeit" beinahe schon inflationär und mit unterschiedlichster Bedeutung verwendet wird, müssen wir ein deutliches Bekenntnis zur Wichtigkeit und Aktualität dieses Themas in der Jugendarbeit ablegen und zeigen, dass „Nachhaltigkeit" für uns nicht nur ein modisches Füllwort, sondern an vielen Stellen die Triebfeder unseres Handelns war, ist und auch zukünftig sein soll. Wir möchten dazu beitragen, das nachhaltige Profil von Jugendarbeit zu schärfen und unsere Anstrengungen der letzten Jahrzehnte fortsetzen, um die gesamtgesellschaftliche Aufgabe einer nachhaltigen Entwicklung aktiv mitzugestalten.

In Zeiten von Klimawandel, großen weltweiten Flüchtlingsbewegungen und zunehmender Ressourcenverknappung sehen wir Bildung und Handeln für eine nachhaltige Entwicklung als Schlüsselfaktor zur Lösung dieser Probleme. Unserem Denken und Handeln liegt der Wunsch zugrunde, dass auch zukünftige Generationen die gleichen Wahlmöglichkeiten zur Gestaltung ihres Lebens haben sollen und dass die Chancen für alle Menschen auf der Welt fairer verteilt werden müssen. Dies beinhaltet sowohl die Gerechtigkeit zwischen den Generationen, als auch die Gerechtigkeit im partnerschaftlichen Dialog auf Augenhöhe zwischen den verschiedenen Weltreligionen, Nationen und Kulturen.

Wir verstehen Nachhaltigkeit als ein Handlungsprinzip mit sowohl ökologischen, als auch ökonomischen sowie sozialen Aspekten.

Ökologische Nachhaltigkeit bedingt für uns eine Lebensweise, die die natürlichen Lebensgrundlagen nur in dem Maße beansprucht, wie diese sich regenerieren und es somit ermöglicht, diese auch für nachfolgende Generationen zu erhalten. Dies beinhaltet für uns u.a. den Erhalt der Artenvielfalt, einen aktiven Klimaschutz, die Pflege und den Erhalt von Kultur- und Landschaftsräumen sowie einen schonenden Umgang mit unserer natürlichen Umgebung.

Soziale Nachhaltigkeit verstehen wir als Organisation einer Gesellschaft, die die Partizipation für alle ihre Mitglieder ermöglicht. Dies umfasst auch einen Ausgleich sozialer Kräfte mit dem Ziel, eine auf Dauer zukunftsfähige, lebenswerte Gesellschaft zu erreichen, in der sich soziale Spannungen in Grenzen halten und in der Konflikte auf friedlichem und zivilem Wege ausgetragen werden.1

Ökonomische Nachhaltigkeit setzt für uns eine Wirtschaftsweise voraus, die so angelegt ist, dass sie dauerhaft eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand bietet. Heutige Generationen sollen nicht über ihre Verhältnisse leben und somit nachfolgende Generationen schädigen.

Im Wissen darüber, dass ökologische, ökonomische und soziale Belange von Nachhaltigkeit nicht immer in gleichem Maße berücksichtigt werden können, verstehen wir Nachhaltigkeit in vielen Fällen im Sinne eines Vorrangmodells2, welches die einzelnen Säulen in Beziehung und Abhängigkeit zueinander setzt. Auch im Hinblick auf die Geschichte und Verdienste der Jugendarbeit im Bereich der Umweltbildung wollen wir der ökologischen Nachhaltigkeit besondere Bedeutung beimessen:

Bereits Im März 1991 hat der Bayerische Jugendring folgende Aufgabe in seine Satzung übernommen: "Aufgabe des Bayerischen Jugendrings auf allen Ebenen ist es im Besonderen, sich für den Erhalt der natürlichen Umwelt einzusetzen, dazu beizutragen, dass junge Menschen lernen, umweltbewusst zu leben, und sie zu motivieren, jetzigen wie zukünftigen Schädigungen der Umwelt entgegenzuwirken."

Diese Grundsätze müssen nach außen und innen spürbar und sichtbar werden. Der BJR und seine Mitgliedsorganisationen müssen sich an diesen Werten in all ihrem Handeln orientieren und Vorbild sein, um die Debatte über eine Veränderung der Lebensstile glaubhaft vorantreiben zu können.

Der Jugendarbeit kommt sowohl in der persönlichen als auch der gesellschaftlichen Meinungs-bildung eine besondere Bedeutung zu. Fragen des Lebensstils, der Nachhaltigkeitsbildung, der Werteerziehung für Natur und Umwelt müssen bewusst in der Jugendarbeit an oben beschriebenen Grundsätzen ausgerichtet werden. Innere Haltungen müssen mit Leben gefüllt und in der Praxis umgesetzt werden.
Am 19. Dezember 2014 hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution zu Folgeaktivitäten der UN-Dekade „Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)" (2005 – 2014) beschlossen. Darin ruft sie die Staatsregierungen der Welt auf, ein „Weltaktionsprogramm  Bildung für Nachhaltige Entwicklung" umzusetzen. Eines der fünf dabei von den UN priorisierten Handlungsfeldern lautet, „Die Jugend als wichtigen Akteur des Wandels besonders zu unterstützen".
Als Interessensvertretung aller jungen Menschen in Bayern sehen wir es als unsere Aufgabe, sowohl durch politische Forderungen, als auch durch eigenes aktives Handeln die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass junge Menschen interdisziplinäres Wissen erwerben können, zu vorausschauendem Denken und autonomem Handeln befähigt werden und somit an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilhaben können.

2 Wir informieren und bilden

Als Schlüssel zur Verwirklichung nachhaltiger Entwicklungsprozesse sehen die Vereinten Nationen Bildung und insbesondere den Erwerb von Gestaltungskompetenz3. „Mit Gestaltungskompetenz wird (hierbei) die Fähigkeit bezeichnet, Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können. Das heißt, aus Gegenwartsanalysen und Zukunftsstudien Schlussfolgerungen über ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit ziehen und darauf basierende Entscheidungen treffen, verstehen und individuell, gemeinschaftlich und politisch umsetzen zu können."4

In Deutschland wurde während der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)" (2005-2014) vieles initiiert, umgesetzt und strukturell verankert. Bildung ist hierbei ein wichtiger Schlüssel, um die Ziele globaler nachhaltiger Entwicklung zu erreichen. BNE ist hierbei als Querschnittsaufgabe unverzichtbar, da sie in viele Bereiche hineinwirkt und Handlungskompetenzen fördert:

  • BNE fördert Gestaltungskompetenz, Dialogfähigkeit, Orientierungswissen und das Erkennen von systematischen Zusammenhängen.
  • BNE zielt auf Lebensstile, Partizipation, Werthaltungen, globale Verantwortung sowie Konsum- und Produktionsmuster.
  • BNE befähigt zum nachhaltigen Handeln und fördert die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.
  • BNE markiert eine teilnehmerzentrierte Bildungskultur, eine neue inhaltliche und methodische Richtung für das Lehren und Lernen.
  • BNE betont kreatives und kritisches Denken, langfristige Ansätze, Innovationen und die Befähigung, mit Unsicherheiten umzugehen, komplexe Probleme zu lösen sowie an der Gestaltung der demokratischen und kulturell vielfältigen Gesellschaft mitzuwirken. Lehren und Lernen werden dabei von den Lernenden aus gedacht, Lehrende verstehen sich stärker als Lernende, partizipative Lernprozesse und Methoden werden neu gestaltet.5

Wir, als Interessenvertretung junger Menschen, sind gefordert, ein Nachhaltigkeitsprofil in allen Bereichen der Jugendarbeit zu erstellen, es mit realistischen Zielen und Qualitätsindikatoren zu entwickeln und es zu leben.

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sollen befähigt und ermutigt werden, eigeninitiativ Verantwortung für BNE zu übernehmen. Sie sollen vielfältige, innovative und von ihnen mitzugestaltende Lernangebote und Freiräume erhalten. Sie müssen mehr Mitsprache bei der bayerischen Umsetzung des Weltaktionsprogramms erhalten, um ihren Bedarf an eine Bildung und an Lerngelegenheiten zu artikulieren, die ihrer wichtigen und bereits aktiven Rolle als Akteur nachhaltiger Entwicklung gerecht werden. Dies muss vor Ort im Tun der jungen Menschen geschehen. Hierfür bedarf es geeigneter Strukturen und Prozesse, die den Lebenswirklichkeiten junger Menschen entsprechen, damit diese sich beteiligen und mitwirken können. Alle BNE-Akteure sind aufgerufen, die nachfolgende Generation zur Mitbestimmung und Mitgestaltung zu befähigen und selbstgestaltete BNE-Aktivitäten zu unterstützen.

3 Handlungsfelder

Den Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung kann sich eine Gesellschaft nur als Ganzes stellen. Die folgenden Handlungsfelder erachten wir für besonders wichtig, um den gesamtgesellschaftlichen Prozess einer nachhaltigen Entwicklung auf den unterschiedlichen Handlungsebenen voranzutreiben.

3.1 Mobilität

Unsere heutige moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft wäre ohne Mobilität nicht vorstellbar. Gleichzeitig entstehen durch Güter- und Personenverkehr erhebliche Umweltbelastungen, die einen wesentlichen Beitrag zum vom Menschen verursachten Klimawandel leisten. Durch die fortschreitende Urbanisierung und den zunehmenden Individualverkehr entstehen im städtischen Bereich zunehmend hohe Verkehrsaufkommen auf engstem Raum. Stetig zunehmende Beförderungszahlen stellen den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vor große Herausforderungen. Nachhaltige Mobilitätskonzepte sind nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes notwendig, sie tragen durch Minderung von Lärm und Stress (Stau) auch dazu bei, zwischenmenschliche Konflikte zu vermeiden.

Wir stellen fest:
Die Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren Mobilität stellt uns auch in der Jugendarbeit vor große Herausforderungen. Nicht immer liegen Einrichtung der Kinder- und Jugendarbeit verkehrstechnisch so günstig, dass die An- und Abreise ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich ist. Darüber hinaus nehmen die Beförderungszeiten zwischen Wohnort, Schule, Ausbildungsplatz etc. zu. Gerade im ländlichen Raum ist Mobilität inzwischen häufig der Schlüsselfaktor und unbedingte Voraussetzung für Jugendarbeit und ehrenamtliches Engagement. Ein wesentliches Problem für die Mobilität junger Menschen stellt in Bayern die fehlende einheitliche Tarifstruktur dar. Neben der Deutschen Bahn gibt es bayernweit über 30 weitere Anbieter im ÖPNV.

Wir appellieren:
Akteure der Jugendarbeit sollten mit gutem Beispiel vorangehen und vorrangig klimaschonendere Verkehrsmittel nutzen. Bereits bei der Planung von Veranstaltungen sollten nachhaltige Aspekte der An- und Abreise berücksichtigt werden.

Wir fordern:
Um dem existenziellen Bedürfnis junger Menschen nach Mobilität gerecht werden zu können, fordern wir ein kostengünstiges, bayernweit gültiges „Jugendticket" für alle jungen Menschen. Außerdem müssen gerade im ländlichen Raum Angebote des ÖPNV flächendeckend ausgebaut und um zusätzliche Angebote ergänzt werden, so dass sich daraus kostengünstige und praktikable Mobilitätsoptionen wie z.B. Nachtbusse für junge Menschen ergeben.
In ländlichen Räumen müssen Versorgungsstrukturen und Angebote, von der Kinderbetreuung über Schule hin zu täglichen Einkaufsmöglichkeiten erhalten und wiederhergestellt werden. Das Prinzip der Fußläufigkeit und regionalen Nahversorgung muss in Entscheidungsprozessen verstärkt durchgesetzt werden, da es entscheidend zur Lebensqualität beiträgt.

3.2 Konsum

Unser an vielen Stellen von übermäßigem Konsum geprägter Lebensstil belastet zusätzlich zu der ständig wachsenden individuellen Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen die Ressourcen der Erde über die Maßen, wohingegen in anderen Teilen der Welt Hunger, Not und Armut herrschen. Dies trägt an vielen Stellen global nicht nur dazu bei, den Energieverbrauch, die Treibhausgas-Emissionen und die Abfallproduktion ungebremst in die Höhe zu treiben, es verschärft außerdem weltweit Ungerechtigkeit und schürt Konflikte.

Wir stellen fest:
Obwohl wir es oft besser wissen, ist unser Konsumverhalten oft wenig nachhaltig und unvernünftig. Das liegt auch daran, dass uns die große Bandbreite an Definitionen des Begriffs „Nachhaltigkeit" ermöglicht, unsere Konsumentscheidungen vor uns selbst und vor anderen zu rechtfertigen. Wir spielen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gegeneinander aus, um unsere Konsumentscheidungen zu rechtfertigen.

Wir appellieren:
Im Wissen um die Komplexität des Themas „Konsum" und in der Erkenntnis, dass unser Handeln Auswirkungen auf das heute und morgen hat, wollen wir unseren Konsum stärker kritisch hinterfragen. Neben der Qualität, dem Preis und der Herkunft von Produkten, sind für uns auch ökologische und soziale Aspekte wie die Produktionsstandards oder die Menschenrechtssituation vor Ort von Bedeutung.

Effizienz und Suffizienz sollen zukünftig stärker unsere Konsumentscheidungen beeinflussen.
Unser Konsum soll regionaler, saisonaler, biologischer und fairer werden. Diese Aspekte müssen miteinander abgewogen werden. Durch Sensibilisierung und Bildung wollen wir dazu beitragen, dass unsere Mitglieder in den Stand versetzt werden, Kontexte zu erkennen und zu berücksichtigen.
Das soll sich auch bei der Auswahl von Tagungshäusern und der generellen Planung von Veranstaltungen bemerkbar machen.

3.3 Energie

Ein Großteil der von Menschen verursachten Treibhausgase fällt bei der Energieerzeugung an. 37 Prozent des weltweit produzierten CO2 entsteht bei der Stromerzeugung. Ein Anteil von knapp 40 Prozent der weltweit produzierten Energie basiert zudem noch auf dem fossilen Brennstoff Kohle. Auch wenn der Anteil erneuerbarer Energien in Bayern inzwischen bereits 35 Prozent beträgt, so ist der CO2-Ausstoß in den letzten 20 Jahren weltweit um 40 Prozent angestiegen, in aufstrebenden Schwellenländern wie China und Indien sogar um 120 Prozent bzw. 80 Prozent. 6 
Auch in Deutschland ist der Energiesektor mit knapp 41Prozent Hauptverursacher für den CO2-Ausstoß und somit auch für den vom Menschen verursachten Klimawandel verantwortlich.

Wir stellen fest:
Der Bayerische Jugendring hat sich in der Vergangenheit immer wieder für klimaschonende und erneuerbare Energieträger stark gemacht. Die Beschlüsse „Frischer Wind für die Energiewende" und „Fracking verbieten" sind deutliche Bekenntnisse zu einem verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und unterstreichen die Forderungen nach einem ganzheitlichen, konsequenten und zukunftsfähigen Energiekonzept.
Neben politischen Forderungen und Beschlüssen trägt der BJR auch durch geeignete Förderinstrumente dazu bei, dass z.B. durch energetisches Bauen und Sanieren von Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit über die gesamte Nutzungsdauer der Gebäude große Mengen Energie eingespart werden können.
Durch die frühzeitige Entwicklung eines Energiekonzeptes bereits in der Vorantragsphase sollen die Senkung des Energiebedarfs und die nachhaltige Gestaltung der Energieversorgung gewährleistet werden.

Wir appellieren:
Viele Akteure der Jugendarbeit sind auch Träger von Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit. Gerade im Gebäudebereich besteht oftmals noch großes Energieeinsparpotential. Um dieses effizient nutzen zu können, ist beim Bau oder der Sanierung u.a. eine frühzeitige Energieberatung nötig. Durch die Erstellung von flexiblen Nutzungskonzepten unter Berücksichtigung späterer Ergänzungsbauten oder Umnutzungen kann außerdem die Langlebigkeit der Gebäude erhöht werden.
Kinder- und Jugendarbeit soll nicht nur einen ökologischen Effekt haben, sie muss darüber hinaus auch eine pädagogische Botschaft vermitteln. Aus Sicht des Bayerischen Jugendrings genügt bei Baumaßnahmen eine Bilanzierung der stofflich energetischen Aspekte alleine nicht. Der sinnvolle Umgang mit Ressourcen beim Bau und Betrieb der Häuser muss gleichzeitig als hautnah erlebbares Lernfeld im Sinne der Umweltpädagogik verstanden und anschaulich dargestellt werden7.

Wir fordern:
Um das Ökosystem Erde als Lebensgrundlage auch für zukünftige Generationen zu erhalten, sind tiefgreifende Veränderungen nötig. So gilt es zum einen, den Energieverbrauch grundsätzlich zu reduzieren und die Energieeffizienz sowohl von Produzenten8 als auch Verbrauchern deutlich zu erhöhen. Zum anderen muss der Anteil erneuerbarer Energien weiter ausgebaut werden, so dass mittel- bis langfristig weitestgehend auf den Einsatz fossiler Energieträger verzichtet werden kann. Das bedingt die konsequente Umsetzung eines zukunftsfähigen und ressourcenschonenden Energiekonzepts auf Landes- und Bundesebene.

3.4 Ernährung

Unsere Ernährung beeinflusst nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Umwelt, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft. In Deutschland ist der Bereich „Ernährung" für etwa 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich9. Die Abholzung großer Waldflächen, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, zur Schaffung von Anbauflächen, der wachsende Schadstoffeintrag durch Überdüngung oder auch die Überfischung der Weltmeere verändern dramatisch das Antlitz unserer Erde.
Obwohl der Ernährungsbereich der drittgrößte Wirtschaftszweig weltweit ist, können sich vor allem in den Entwicklungsländern viele Menschen keine Lebensmittel leisten, obwohl weltweit gesehen ausreichend, ja sogar zu viel produziert wird. Auch die Produzenten von Nahrungsmitteln sind vielerorts zunehmend in ihrer Existenz bedroht, da die Preise für Lebensmittel nicht die tatsächlichen Produktionskosten widerspiegeln. Und während in den sogenannten Entwicklungsländern die Menschen in Folge von Nahrungsmittelknappheit an Unterernährung leiden, kämpfen die Gesundheitssysteme der Industrieländer mit den typischen Problemen von Bewegungsmangel und Überernährung wie bspw. Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen.

Wir stellen fest:
Die immensen Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung werden beim Thema Ernährung im Kontext globaler Gerechtigkeit besonders deutlich. Während jedes Jahr weltweit gesehen mehr Menschen an Hunger sterben, als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen10, landen allein in Deutschland jährlich 18,4 Millionen Tonnen Nahrung im Müll. Theoretisch würde die Menge aller produzierten Lebensmittel ausreichen, um 12 Milliarden Menschen zu ernähren11.

Wir appellieren:
Eine nachhaltige Ernährung setzt das Wissen um globale Zusammenhänge und die Bereitschaft zu eigenen Veränderungen voraus. Wir alle sind dazu angehalten, die gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen unseres Ernährungsstils möglichst positiv zu gestalten. Dies bedingt u.a. eine bewusste Entscheidung für regionale, saisonale, ökologisch und fair produzierte Lebensmittel.
Eine nachhaltige Ernährung leistet einen wesentlichen Beitrag zum Gesundheits-, Klima- und Ressourcenschutz und fördert soziale wie globale Gerechtigkeit.

Wir fordern:
Übergeordnetes Ziel einer nachhaltigen Ernährung muss es sein, unsere Erde dauerhaft gerecht zu bewirtschaften. Deshalb fordern wir den kritischen Konsum von Lebensmitteln. In den Entwicklungsländern stehen Nahrungssicherung, eine gerechte und langfristig rechtlich abgesicherte Ressourcenverteilung, humane Arbeitsbedingungen sowie eine wesentlich bessere Unterstützung bei Bildung und Ausbildung im Vordergrund. In den Industrieländern muss zudem ein Umdenken stattfinden, was die Wertschätzung von Lebensmitteln anbelangt. Diesen muss der tatsächliche Wert ihrer Erzeugung beigemessen werden. So kann zum einen die Lebensmittelverschwendung reduziert werden und zum anderen die Existenzgrundlage gesichert werden. Im Kontext neuer Märkte und internationaler Handelsabkommen wie z.B. TTIP und CETA muss verhindert werden, dass existierende Standards zur Herstellung und Kennzeichnung von Lebensmitteln ausgehöhlt werden.

3.5 Freiräume und Gestaltungsräume

Junge Menschen sind von den Folgen einer nicht nachhaltigen Entwicklung in besonderem Maße betroffen. Allein schon durch die ihnen noch verbleibende Lebensspanne werden sie von mittel- bis langfristigen Folgen heutiger Fehlentscheidungen in deutlich größerem Ausmaß betroffen sein, als die heute erwachsenen Entscheidungsträger. Zu Recht werden junge Menschen daher auch im Weltaktionsprogramm BNE als besonders wichtige Akteure im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung benannt. Ziel muss es sein, die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass junge Menschen ein entsprechendes Bewusstsein und die notwendigen Kompetenzen entwickeln können, um als Entscheidungsträger von morgen nicht nachhaltige Entwicklungen erkennen und gegensteuern zu können. Hierbei spielt der Bereich der außerschulischen und non-formalen Bildung eine wichtige Rolle.

3.5.1 Räumliche Freiräume

Wir stellen fest:
Demografischer Wandel, Gentrifizierung und andere Strukturveränderungen führen vielerorts zu einem Strukturwandel zu Lasten junger Menschen. Bei städtebaulichen Planungen spielen die Interessen und Bedürfnisse junger Menschen oftmals nur eine untergeordnete Rolle.

Wir fordern:
Jugend braucht unverzweckte Räume, die nicht von Konsum und Kommerz gekennzeichnet sind und die keinen Eintritt o. ä kosten. Junge Menschen brauchen Räume, die sie selbstverantwortlich nutzen und gestalten können, und wo sie bei Bedarf von Hauptamtlichen / Hauptberuflichen unterstützt werden.
Solche Räume müssen dauerhaft geschaffen werden und dürfen nicht mittel- und langfristig anderen Zwecken gewidmet werden. Öffentliche Flächen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene müssen trotz Gentrifizierung und anderen Strukturveränderungen innenstadtnah vorgehalten werden und dürfen nur im Einvernehmen, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse junger Menschen vor Ort, auf Konversionsflächen (Militär, Bahn, Fabrik) verlegt werden.
Auch in Zukunft braucht es sowohl städtische als auch ländliche naturnahe Gebiete, zu denen junge Menschen einen Zugang haben und wo sie sich ausprobieren können. Diese müssen bspw. in Flächennutzungsplänen entsprechend ausgewiesen werden.
Das Prinzip der Fußläufigkeit muss auch in der Flächennutzungsplanung Beachtung finden, um einer „Verinselung" von Kindheit und Jugend entgegenzuwirken.

3.5.2 Zeitliche Freiräume

Wir stellen fest:
Junge Menschen werden heutzutage zunehmend von Schule, Ausbildung und Studium vereinnahmt. Neben Ganztagesschule, verkürztem Gymnasium (G8) und der Bologna-Reform sorgt auch ein gestiegener gesellschaftlicher Leistungsdruck dafür, dass junge Menschen immer weniger Zeit zur freien Verfügung und Gestaltung haben.

Wir fordern:
Gerade in Anbetracht der zunehmenden Vereinnahmung junger Menschen durch formale Bildungsformate muss sichergestellt werden, dass es jungen Menschen auch in der heutigen Leistungsgesellschaft weiterhin möglich bleibt, einen Teil ihrer Zeit selbst und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Nachhaltiges Handeln bedeutet in diesem Zusammenhang sicherzustellen, dass auch an den Übergängen von Schule zu Ausbildung, Schule zu Studium, Ausbildung / Studium zu Beruf und bei Familiengründung ehrenamtliches Engagement möglich bleibt um Kontinuitätsbrüche zu verhindern.
Vor allem für ein längerfristiges Engagement wie bspw. die Gründung und Leitung einer Jugendgruppe müssen geeignete Rahmenbedingungen und Zeiträume vorhanden sein.

4 Perspektive

Den Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung muss sich eine Gesellschaft als Ganzes stellen. Große Ziele wie Klimaschutz, Energiewende oder globale Gerechtigkeit lassen sich nicht über Nacht erreichen, sondern erfordern einen anstrengenden und langwierigen Prozess.
Jugendarbeit verändert sich ständig. Neue Themen tauchen auf und auch die Interessen und Rahmenbedingungen der Akteure verändern sich. Vermeintlich „Alte Hüte" drohen manchmal im Strudel neuer Themen und Veränderungen unterzugehen.
Es ist uns daher ein wichtiges Anliegen, „Nachhaltigkeit" nicht nur als Thema dieses Hauptausschusses zu bearbeiten, sondern dauerhaft als unverzichtbares Querschnittsthema und Handlungsmaxime zu etablieren. Hierbei wollen wir die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahrzehnte gemeinsam fortsetzen, unser Wissen teilen und uns gegenseitig ermutigen, neue Strukturen, Lehr- und Lernformen auszuprobieren.
Es geht um nicht weniger, als darum, die Lebenssituation der heutigen Generation zu verbessern, ohne gleichzeitig die Lebenschancen zukünftiger Generationen zu gefährden.
Wir alle können einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten und versuchen, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als wir sie vorgefunden haben12.
Deshalb fordern wir, als logische Konsequenz, den Auseinandersetzungsprozess aller Untergliederungen, Verbände und des BJR zu etablieren.
Der BJR hat dabei die Aufgabe, den Prozess zu begleiten, moderieren und zu forcieren und dabei Impulsgeber und Vorbild zu sein. Er stellt dazu die notwendigen „Werkzeuge" und Kommunikationsstrukturen zur Verfügung.

Fußnoten:
1 Andere Nachhaltigkeitsmodelle beinhalten außerdem noch eine kulturelle oder soziokulturelle Dimension, quasi als querliegende und verbindende Säule.
2 Das Vorrangmodell der Nachhaltigkeit geht davon aus, dass es ohne Gesellschaft keine Wirtschaft gibt und ohne Ökologie erst gar keine Gesellschaft.
3 Die Vereinten Nationen haben im Sinne einer Post-2015-Agenda 17 nachhaltige Entwicklungsziele (sustainable development goals) formuliert. Unter anderem eine „inklusive, gerechte und hochwertige Bildung zu gewährleisten und die Möglichkeit des lebenslangen Lernens für alle zu fördern".
4 BNE-Portal
5 Bonner Erklärung zum Abschluss der UN-Dekade BNE September 2014, Bonn
6 Quellen: Energieatlas Bayern 2015 und World Resource Institute 2015
7 Bspw. durch die Visualisierung der Leistung einer Photovoltaik-Anlage über eine Anzeige.
8 Ältere Kohlekraftwerke sind besonders energieineffizient. Gerade einmal ein Viertel der eingesetzten Energie (Kohle) kann in Strom umgewandelt werden.
9 Studie „Zukunftsfähiges Deutschland" Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie
10 World Hunger and Poverty Statistics, WHO 2013
11 Studie global food losses and food waste, FAO 2011
12 Frei nach Robert Baden-Powell

Beschlossen vom 147. Hauptausschuss des Bayerischen Jugendrings vom 16. bis 18. Oktober 2015