Zurück in die Zukunft: Chancengleichheit für Mädchen* trotz Corona!

Die SARS-CoV-2-Pandemie hat seit Anfang 2020 die gesamte Welt verändert und alle Menschen vor immense Herausforderungen gestellt. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas und hat ungleiche soziale Voraussetzungen verstärkt. Schon lange leiden viele Menschen unter den unterschiedlichsten Arten der Diskriminierung, wie zum Beispiel auf Grund ihrer (sozialen) Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts oder einer Behinderung. Besonders für Kinder und Jugendliche sind die Auswirkungen und Folgen der Pandemie verheerend. Mädchen* und junge Frauen* sowie transidente, nicht-binäre und intergeschlechtliche junge Menschen sind in diesem Zusammenhang im Besonderen und mehrfach betroffen. Trotzdem ist die Datenlage über die Situation von Mädchen* und jungen Frauen* gering. Aus diesem Grund hat die Kommission Mädchen- und Frauenarbeit am 28.04.2021 einen Fachtag veranstaltet, bei dem die KiCo und JuCo Studien – Befragungen von jungen Menschen und Eltern während der Corona Pandemie1 – nach Geschlechteraspekten betrachtet wurden, mit folgenden Ergebnissen:

  • Mädchen* haben im Vergleich mehr Angst vor der Zukunft.
  • Mädchen* und Frauen* sorgen sich mehr um die eigene Sicherheit und Gesundheit sowie die ihrer Familien. Sie nehmen daher die Hygiene- und Abstandsregeln sowie die sonstigen durch die Pandemie bedingten Einschränkungen sehr ernst und im Vergleich ernster als Jungen* und Männer*.
  • Die körperliche, emotionale und sexualisierte Gewalt gegen Frauen* und Kinder hat während der Pandemie zugenommen.
  • Männliche* Befragte bei den KiCo und JuCo-Studien nutzen häufiger offizielle Stellen für Beschwerden und Hilferufe als weibliche* Jugendliche.
  • Mädchen* bleiben mehr zu Hause und gehen weniger nach draußen als ihre männlichen* Altersgenossen. Daher sind Mädchen* im öffentlichen Raum weniger sichtbar als Jungen*.
  • Mädchen* übernehmen zu Hause häufiger Hausarbeiten und Care Tätigkeiten wie zum Beispiel auf jüngere Geschwister aufpassen. Sie haben somit weniger Zeit für Schule, Ausbildung und Freizeit.
  • Weibliche* Befragte sind signifikant unzufriedener mit der Schulsituation während Corona. Ihnen macht es mehr aus nicht in die Schule gehen zu können und sie sind mit dem Erlernten während des Homeschoolings unzufriedener.
  • Mädchen* und junge Frauen* zeigen sich weniger zufrieden mit der Art, wie sie ihre Freizeit verbringen. Auch Mitarbeiter:innen aus der Offenen Kinder- und Jugendarbeit melden, dass Mädchen* schwieriger zu erreichen sind.
  • Gerade junge LGBTIQA+ Jugendliche können Kontaktbeschränkungen und Aufforderungen während der Lockdowns zu Hause zu bleiben, sehr belasten, vor allem, wenn sie sich noch nicht geoutet haben oder ihre Eltern ihre sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identität nicht akzeptieren.
  • Mädchen* fühlen sich durch Corona häufiger psychisch belastet als Jungen*. Die Belastungen zeigen sich dabei auf unterschiedliche Weise: Während bei Mädchen* vermehrt emotionale Probleme auftreten sind es bei Jungen* Hyperaktivitätsprobleme.
  • Corona ist weiblich*: Frauen* übernehmen immer noch einen Großteil der Care Arbeit in Deutschland, bezahlt oder unbezahlt. Zudem ist in „weiblichen“ Berufen Home-Office nicht immer möglich, sei es bei der Pflege und allgemein in Sozialberufen oder im Einzelhandel. Es sind vor allem Frauen* (75 %), die in den nun als systemrelevant und unverzichtbar geltenden Berufen arbeiten und somit einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind.
  • Insgesamt hat sich die Chancengleichheit für Mädchen* und junge Frauen* während der Pandemie verschlechtert. Auch wenn sich Männer leicht verstärkt im Haushalt und in der Betreuung engagiert haben, so übernehmen in der Realität doch den Großteil der Aufgaben Frauen* und Mütter. Es gab einen Rückfall in veraltete, überholt geglaubte Rollenbilder bei Hausarbeit, Care Arbeiten und in beruflichen Zusammenhängen. So haben beispielsweise weibliche Wissenschaftler:innen während der Corona Zeit weniger publiziert als männliche, obwohl beide Gruppen ähnlich häufig im Homeoffice gearbeitet haben.2

Die aktuellen Auswirkungen und Folgen der Corona Krise wird alle Kinder und Jugendlichen die kommenden Jahre begleiten und alle Akteur:innen der Jugendhilfe vor große Herausforderungen stellen. Aus diesem Grund sind die Bedürfnisse und das Wohl junger Menschen im Krisenmanagement aller politischen Ebenen an vorderster Stelle zu platzieren. Die Auswirkungen der Corona Krise können die Bestrebungen nach Chancengleichheit von Mädchen* und jungen Frauen* um Jahre zurückwerfen. Gerade der bayerischen Jugendarbeit kommt während der Pandemie und ihrer Folgejahre eine wichtige Rolle zu: Sie muss Mädchen* und junge Frauen* auf dem Weg zur Chancengleichheit unterstützen.

Deshalb fordert Kommission Mädchen- und Frauenarbeit die BJR Vollversammlung auf, folgende Maßnahmen zu beschließen:

  • Alle Aspekte beim Neustart der Jugendarbeit nach den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen gendergerecht zu vollziehen, sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung. Insbesondere das von der Bayerischen Staatsregierung angekündigte Projekt „Digitale Streetworker:innen“ muss Bedürfnisse und Sorgen von Mädchen* und jungen Frauen* und LGBTIQA+ Jugendlichen in den Blick nehmen und zielgerichtete Angebote bereitstellen.
  • Alle der bayerischen Jugendarbeit zugesagten Gelder zur Bekämpfung der Folgen der Pandemie geschlechtergerecht zu verteilen und zu verwenden.
  • Ein Fachprogramm für geschlechtergerechte Jugendarbeit wiedereinzusetzen, welches Projekte speziell für Mädchen* oder Jungen* oder LGTBIQA+ Jugendliche in allen Bereichen der Jugendarbeit während und nach der Corona-Krise finanziell fördert.
  • Mädchen* Räume bereitzustellen: Freiräume, Räume zum Austausch mit anderen Mädchen* und Unterstützungsräume. Alle Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sollten, falls möglich, einen Mädchen*raum einrichten. Weiterhin empfiehlt die Kommission die Einrichtung von mobilen Mädchen*räumen mit angemessener digitaler Ausstattung in allen bayerischen Bezirken, um Mädchen* auch außerhalb der bestehenden Infrastruktur der Jugendarbeit erreichen zu können.
  • Bei Planung und Durchführung von bundesweiten Aktionen, wie z. B. Kampagnen ist die Situation von Frauen und Mädchen sichtbarer zu machen.
  • Den intersektionalen Aspekten von Corona entgegenzuwirken: Falls mehrere Diskriminierungsfaktoren bei jungen Menschen zusammenkommen, sind die Folgen von Corona verheerend. Hier muss der BJR entgegenwirken, indem er diese Gruppen von jungen Menschen noch stärker in den Fokus seines Wirkens und Handelns nimmt.
  • Chancengleichheit als kontinuierliches Thema zu etablieren und die notwendigen Maßnahmen für Mädchen* und junge Frauen*, sowie weitere vulnerable Gruppen wie jungen Menschen mit Migrationshintergrund, LGBTIQA+ Jugendlichen, Kinder- und Jugendlichen mit Behinderungen in regelmäßigen Abständen auf die politische Agenda des BJR zu setzen.

[1] OPUS 4 | „Die Corona-Pandemie hat mir wertvolle Zeit genommen“ – Jugendalltag 2020 (bsz-bw.de): https://hildok.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/1166
[2] Alle Ergebnisse des Fachtags unter https://www.bjr.de/index.php?id=1966