Jugendpolitische Grundsatzrede

Im Rahmen der 151. Vollversammlung erneuert Präsident Matthias Fack anlässlich des 70-jährigen Jubiläums den Standpunkt des BJR: "Wir sind ein Ring."

BJR-Präsident Matthias Fack, Jugendpolitische Grundsatzrede bei der 151. Vollversammlung. Quelle: BJR
- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Vorsitzender der 151. Vollversammlung, lieber Michael,
liebe Kolleginnen und Kollegen im Vorstand,
liebe Delegierte der 151. Vollversammlung,
liebe Freundinnen und Freunde,

ich danke Euch, dass ich auch heute die Gelegenheit erhalte, zu euch zu sprechen. Zu sprechen über Grundsätzliches. Über das, was euch, was mich bewegt. Und was uns beeinflusst.

In der Vorbereitung und der Auswahl der Themen ist mir klar geworden, dass heute wohl die Reden der beiden letzten Jahre leider fortgeschrieben werden. Fortgeschrieben werden müssen.

Vor zwei Jahren beendete ich meine Rede mit „Wir haben keine Angst!“. Letztes Jahr wandte ich mich mit den Worten „Wir haben eine Haltung!“ an euch.

Und heute, am 20. Oktober 2017 will ich das bekräftigen. Denn mir scheint, angesichts der hinter uns liegenden Bundestagswahl und angesichts der vor uns liegenden Landtags-, Bezirkstags-, Europa- und Kommunalwahlen sind diese Standortbestimmungen noch nötiger als vor zwei Jahren und als vor einem Jahr.

Dabei wollte ich über Anderes mit euch sprechen.

Ich wollte  zu euch sprechen, die ihr das erste Mal eine Vollversammlung abbildet, wie sie der Bayerische Jugendring seit 70 Jahren nicht gesehen hat und die Ergebnis eines bisher einzigartigen demokratischen und partizipativen Miteinanders aller Ebenen, Größen und Bereiche der Jugendarbeit in Bayern ist. Ich wollte zu euch sprechen über die Verantwortung, die nun für uns alle beginnt, diesen Weg des Satzungsreformprozesses weiterzugehen. Einen Weg der Partizipation und Demokratie, die wir weitertragen wollen in alle jugendpolitischen Felder.

Und ich wollte zu euch sprechen über 70 Jahre Jugendringsarbeit, die uns verpflichtet, uns in die Verantwortung nimmt, uns dabei nicht niederdrückt, sondern aufrichtet, motiviert und nach vorne und in die Zukunft unbekannter Welten und Weiten trägt.

Ich wollte zu euch sprechen über den Wert der Vielfalt und des Geschenkes der Internationalität und unserer internationalen Angebote und Programme. Ich wollte mich mit euch ausschließlich über deren Weiterentwicklung mit unseren Internationalen Partnerinnen und Partnern unterhalten.

Ich wollte mich mit euch freuen.

Und dann kamen die Bundestagswahlen. Ein Donnerschlag für die deutsche parlamentarische Demokratie. Sechs Parteien im Bundestag. Große Volksparteien mit dem Gefühl, pulverisiert zu werden. Das Erstarken einer politischen Kraft, die mit Angstmacherei und Hassparolen Erfolg hat. Die es mit Angstmacherei und Hass geschafft hat, in fast allen Teilen Deutschlands ein zweistelliges Wahlergebnis zu erreichen. Wir erleben eine neue Partei im parlamentarischen Gefüge, die mit einem solchen Wahlkampf in Bayern das höchste Wahlergebnis in allen westlichen Bundesländern eingefahren hat.

Wir haben einen Wahlkampf erlebt, der sich in vielen Auseinandersetzungen genau gegen die Werte wendete, für die wir eintreten.

Wir erleben eine Demokratie, die auf dem Prüfstand steht. Die sich selbst unter Beweis stellen muss. Und wir erleben den Beginn eines Wahlkampfes, bei dem die Einen sagen: „Alles schon mal da gewesen“, wir uns aber zu fürchten beginnen angesichts dessen, was da wohl noch auf uns noch zu kommen wird. Denn wir denken uns: Ja, so etwas war schon mal da.

Und da erkannte ich, dass es genau darum geht. Heute und hier. Am Vorabend des Festaktes zum 70. Geburtstag des Bayerischen Jugendrings. Angesichts der 151. – und es soll wenigstens einmal gesagt sein – angesichts der 1. Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings: Heute geht es darum, dass uns genau wegen unserer Geschichte solche Wahlergebnisse und das, was da auf uns zukommen wird, nicht kalt lassen.

Denn wir sind 70 Jahre alt. Wir sind das oberste jugendpolitische Gremium im Freistaat Bayern und heute wie damals wollen wir uns einsetzen für das, wofür sich damals junge Menschen in einer zerbombten und zerrissenen Welt aufgemacht haben. Mit einem unbeirrbaren Willen in die Zukunft.

Es geht heute wie damals schlicht um die Frage: Wer sind wir?

Heute wie damals müssen wir uns diese Frage stellen. Wir alle, die wir heute zusammentreten.

Vergleichen wir uns mit vor 70 Jahren, wissen wir schnell, Vieles ist anders, Vieles gleich geblieben. Auf Weisung der Millitärregierung wurde 1946 ein Landesjugendausschuss gegründet, der sich am 24. Mai 1946 von neun bis zwölf Uhr im Sitzungssaal des Kultusministeriums traf. Der Landesjugendausschuss sah seine Aufgaben darin:

  • „die Lebensbedingung der Jugend zu verbessern, um die geistigen und körperlichen Folgen der vergangenen Zeit zu überwinden,
  • die Bildung von Jugendverbänden unabhängig von politischen Festlegungen, sozialen Schranken und wirtschaftlichen Interessen zu gewährleisten,
  • diesen Verbänden die Arbeit zu erleichtern und sie in der Durchführung hier Programm durch Anregungen und praktische Hilfe zu unterstützen, …
  • die Entwicklung eines freien Jugendlebens und damit die Bildung eigenständiger Lebensgemeinschaften der Jugend zu ermöglichen…“

Damit war die Grundlage für den Bayerischen Jugendring gelegt. Ein Jahr später fuhren am Donnerstag, den 17. April 1947 zwei Omnibusse zum Jugendhaus am Sudelfeld, wo am 18. April um acht Uhr dreißig der Hauptausschuss des Bayerischen Jugendrings zum ersten Mal zusammentrat und seine Präambel und seine Satzung beriet.

Damit begann unsere Geschichte. Damit begann das, was wir in unserer Satzungsberatung wieder entdeckten: Unseren unteilbaren Willen, diese Grundlage weiter mit Leben zu füllen, zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Aus dem Hauptausschuss ist die Vollversammlung geworden. Die Präambel haben wir fortgeschrieben und sie ist nun Teil der Satzung und fester Ausdruck dessen, was uns eint. Wir sind in der Bayerischen Jugendarbeit und Jugendverbandslandschaft größer und vielfältiger geworden.

Das alles kann zu jeder Zeit gesagt werden. Aber zu dieser Zeit, zu unserer Zeit ist es umso wichtiger. Denn aus diesem Geist heraus hat der Bayerische Jugendring über sieben Jahrzehnte hinweg Demokratie aufgebaut. An einer friedlichen und freien Gesellschaft mitgearbeitet und -gewirkt. Und wir waren und sind erfolgreich in dem, was wir tun und wofür wir gemeinsam eintreten.

Wir haben gerade vorhin die Ditib-Jugend in diese Tradition gestellt, als sie die Stimmkarte erhielt. In diese Tradition, die uns bis heute prägt und eint. Uns alle. Große und mittlere Verbände. Jugendringe auf allen Ebenen. Ehrenamtliche und Hauptberufliche. Juden, Christen, Muslime, Buddhisten, Atheisten, Agnostiker und Suchende.

Denn: Wir sind der Bayerische Jugendring und wir gestalten von Anfang an Demokratie und Gesellschaft. Und wir wissen – bei allen Fragen, die wir zu den Einstellungen des jeweils Anderen haben:

„Notwendige Auseinandersetzungen führen wir in offener Weise unter Achtung der Überzeugung und der Ehre des Anderen.

In der gelebten Vielfalt der Jugendorganisationen und damit der in ihnen zusammengeschlossenen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bringen wir zum Ausdruck, dass ein Miteinander gelingt, in dem Respekt, Akzeptanz und Achtsamkeit Ausdruck unserer gemeinsamen Werte sind.

Damit engagieren wir uns weiterhin im Kleinen wie im Großen lokal und global für Demokratie und gestalten unsere Gesellschaft.“

Ja, wir sind überzeugte Demokratinnen und Demokraten, wir sind leidenschaftlich im Einsatz für unsere Interessen, wir sind aber respektvoll und achtsam im Umgang miteinander. Und damit sind wir, und damit ist Jugend ein Vorbild gerade für die, die sich angeblich für die Gesellschaft einsetzen, dabei aber Anderes im Schild führen.

Gerade ihnen sagen wir:

Demokratie lebt vom Respekt und vom Ringen miteinander. Sie lebt von Kompromissen, die aber Alle im Blick haben. Sie lebt von der Vielfalt der Meinungen und der Menschen, die sie vertreten.

Ihnen, die das immer wieder in Zweifel ziehen und auch immer wieder gerade Jugendliche und ihre Zusammenschlüsse für ihre Anliegen zu instrumentalisieren versuchen, gerade ihnen sagen wir:

Die Verbände und Gemeinschaften im Bayerischen Jugendring und in seinen Gliederungen sind demokratische Zusammenschlüsse junger Menschen:

Die Musliminnen und Muslime bei uns werden nicht aus der Türkei gelenkt, sie sind keine Terroristen oder Salafisten, sie sind auch nicht aus Amerika von Gülen und die Falken nicht aus Russland gesteuert, die Katholik_innen nicht aus Rom vom Papst und die Protestant_innen nicht von Luther...

Wenn ihr uns fragt, wer wir sind, dann wissen wir heute mehr denn je:

Wir sind die Vertreterinnen und Vertreter der Jugend – damals vor 70 Jahren wie heute. Wir sind diejenigen, für die Respekt und Menschlichkeit keine hohlen Begriffe sind. Wir sind diejenigen, die vereint in dieser Haltung miteinander ringen und zu Lösungen kommen.

Wir sind ein Ring, in dem alle, die diese Werte vertreten, zusammenkommen und sich zu diesen Werten verpflichten: Respekt und Toleranz, Demokratie und Menschlichkeit, Vielfalt und Einigkeit.

Wir sind ein Ring.

Ein Ring hat keinen Anfang und kein Ende. Er ist Symbol für eine Kraft des Zusammenwirkens. Des Einsatzes füreinander.

Wir zeigen Allen gerne, wie Demokratie geht, was Einigkeit in der Vielfalt bedeutet. Und denjenigen, die mit Angstmache Politik betreiben wollen und damit erfolgreich wurden, sagen wir:

Wir sind nicht euer Volk, das ihr zurückerobern müsst, denn bei euch wollen und werden wir niemals sein. Wir treten ein für einen Staat, von dem wir überzeugt sind: für einen sozialen Rechtsstaat. Wir wollen keinen rechten Staat.

Wir sagen euch, wenn ihr uns angreift, dass wir zusammenstehen und dass, wenn einer von uns angegriffen wird, wir alle aufstehen werden. Wenn ihr also nach 70 Jahren Einsatz für diese freie Gesellschaft immer noch nicht begreift, wer wir sind, dann hört uns hier und heute:

Wir sind wir. Wir sind gemeinsam der Bayerische Jugendring. Wir haben keine Angst und wir haben eine gemeinsame Haltung, die uns festigt und nach vorne trägt. Und an uns kommt ihr nicht vorbei, denn wir sind Wer.

Vielen Dank.