Jugendpolitische Grundsatzrede 2020

Im Rahmen der 156. Vollversammlung thematisiert Präsident Matthias Fack in seiner Jugendpolitischen Grundsatzrede die aktuelle Situation in der Jugendarbeit. Wesentliche Themen sind dabei die BJR-Initiative #jugendarbeithältzusammen, das Sonderprogramm Ferienangebote und die SARS-CoV-2 Pandemie.

- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Frau Vorsitzende der 156. Vollversammlung, liebe Paula,
liebe Kolleginnen und Kollegen im Vorstand,
liebe Delegierte der 156. Vollversammlung,
liebe Freundinnen und Freunde,

was für ein Jahr und was für eine Zeit, in der wir leben.

Niemand von uns hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir uns heute in einem solchen Rahmen zusammenfinden. Niemand hätte gedacht, dass es ein Jahr gibt, wo wir nicht zwei Vollversammlungen miteinander verbringen, um uns zu begegnen, Anträge miteinander zu beraten und uns jugendpolitisch einbringen. Niemand hat sich vorstellen können, dass es eine Zeit gibt, in der die Welt zum Stillstand kommt.

Ich bin außerordentlich dankbar, dass wir uns heute überhaupt begegnen, dass wir an diesem Wochenende miteinander jugendpolitisch agieren können und ich bin äußerst dankbar für all die Vorüberlegungen und Planungen und dann wieder gemachten Veränderungen der Planungen, die es uns aber ermöglichen, zumindest eine Vollversammlung in diesem Jahr zu gestalten. Und angesichts des Mammutprogramms, das vor uns liegt, bin ich euch allen für euer Vertrauen dankbar, dass wir unter Wahrung der Vorgaben aber v.a. im Bewusstsein unserer Verantwortung für euch und eure Gesundheit alles uns mögliche tun, dass wir uns treffen und ich bin dankbar, dass ihr gekommen seid.

Was für ein Jahr. Und auch wenn ich heute in meiner jugendpolitischen Grundsatzrede eigentlich hätte reden müssen über den Ausgang der Kommunalwahlen und ihre Bedeutung für eine junggerechte Gesellschaft, wenn ich eigentlich hätte reden müssen über die vor uns liegende Bundestagswahl und ihre Bedeutung für eine junggerechte Gesellschaft, so kann es heute nur ein Thema geben:

Die Auswirkungen der Pandemie auf uns, auf Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene, auf die Gesellschaft an sich.

Wir müssen uns nur umblicken und sehen die Veränderungen, die uns ein Virus aufnötigt. Wir sitzen getrennt voneinander, in einer Formation, die wir nicht kennen. Wir müssen dieses Wochenende miteinander verbringen, wie wir es eigentlich nicht wollen. Denn neben all den Gesprächen und der Arbeit, die wir zu leisten haben, ist eine Vollversammlung immer ein Ort der Begegnung, der Gemeinschaft, auch des Feierns. All das findet sehr beschränkt oder überhaupt nicht statt. Das alles wegen eines kleinen Virus, das nach wie vor lebens- und gesellschaftsbedrohend ist. SARS-CoV-2 ist nicht ein beliebiger Grippevirus, der alle Jahr auftaucht. Er hat eine zerstörerische Kraft in sich, die, ist sie erst einmal entfesselt, die schlimmsten Auswirkungen hat.

Bei all den Debatten und den lauten Schreien sogenannter Querdenker scheint mir, dass die Bilder vom März diesen Jahres in Vergessenheit geraten sind. Ich sehe sie aber noch vor mir. Überlastete Krankenhäuser in anderen Ländern, Leichensäcke und -transporte. Anonyme Massengräber. Leidende und sterbende Menschen, die aufgrund eines Pandemiegeschehens in der Anzahl sprunghaft zunehmen. Und die es notwendig machten, dass unsere Gesellschaft komplett heruntergefahren wurde und nun schon seit Monaten nur eingeschränkt leben darf.

Was viele aber auch vergessen sind die Erfolgsgeschichten, die es auch zu erzählen gilt: Dass durch ein diszipliniertes Miteinander und  durch entsprechende Maßnahmen es gelungen ist, die erste Welle nach unten zu drücken, ganz nach dem damaligen Motto #flattenthecurve. Dass es gelungen ist, in kürzester Zeit handlungsfähig zu bleiben. Dass es uns gelungen ist, uns politisch und fachlich so einzubringen, dass es mit und in der Jugendarbeit weiter gehen konnte. Natürlich sind sofort Rettungsschirme für die Wirtschaft und Arbeitsplätze aufgespannt worden und auch wenn es bedauerlich ist, dass nicht von Anfang an alle Bereiche der Gesellschaft in den Blick genommen wurden mit Rettungsschirmen, so ist es doch gelungen, dass in Bayern auch der gemeinnützige Sektor wahrgenommen wurde, dass es eigene Rettungsschirme gab für die soziale Infrastruktur - auch für die Jugendarbeit. Es ist gelungen, dass Jugendbildungsstätten und Jugendherbergen als elementare Orte außerschulischer Jugendbildung, genauso wie Jugendübernachtungshäusser die Möglichkeit erhalten haben, durch diese Monate zu kommen. Diese gesamte Struktur würde heute nicht mehr existieren, wenn es nicht den Rettungsschirm „Soziales Bayern“ gegeben hätte. Weit vor der Bundesregierung wurde die Notwendigkeit und die Verantwortung erkannt. Und dafür gilt es Danke zu sagen den Verantwortlichen, allen Voran dem Sozialministerium, Ministerin Trautner an der Spitze, aber auch den Mitarbeiter:innen des StMAS, die schneller und zügiger gearbeitet haben als andere.

Die soziale Infrastruktur wäre nichts ohne das, was in ihr stattfindet, nämlich außerschulische Jugendbildung, also Jugendarbeit. Und diese findet nicht nur dort - an diesen Orten der Jugendbildungsstätten, Jugendhäusern und Jugendherbergen statt, sondern an so vielen Orten und in so vielen Bereichen, dass es natürlich auch wichtig war, dass sie im Lockdown auch wieder hat hochfahren können. Und davor hatten wir geklärt, dass die Förderung weiter laufen kann, selbst wenn Maßnahmen coronabedingt nicht haben stattfinden können. Wir haben uns unermüdlich eingesetzt und mit Beginn der Pfingstferien war und ist Jugendarbeit wieder möglich. Die Empfehlungen des Bayerischen Jugendrings „Jugendarbeit in Zeiten von Corona verantwortungsvoll gestalten“ haben auch aufgezeigt, wie in den unterschiedlichsten Bereichen, Jugendarbeit unter erschwerten Bedingungen gestaltet werden kann. Und deshalb will ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei den Mitarbeiter:innen des BJR bedanken, die solche Empfehlungen erst möglich gemacht haben, obwohl sie auch alle daheim waren, in ihren Homeoffices. Ich will mich bedanken beim Krisenstab, der Geschäftsführerin Gabi Weitzmann und meinem Büroleiter Patrick Wolf und dem erweiterten Krisenstab, der bestand und besteht aus allen Leitungskräften und dem Personalrat, die uns handlungsfähig bleiben ließen und die auch ein Auffangbecken in schwierigen Zeiten waren. Neben dem, was ich hier nur lediglich anreißen kann, galt es z.B. auch, wieder vor anderen, Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt zurückzuholen und das angesichts der Tatsache, dass noch nicht in allen Ländern ein Lockdown war. Die Mitarbeiter:innen des internationalen Schüleraustausches haben enormes geleistet. Und wir haben - auch wenn es eine der härtesten Entscheidungen bleiben wird, den individuellen Schüler:innenaustausch erstmalig in der Geschichte des BJR vorzeitig zu beenden, jeden und jede einzelne heimgeholt.

Die Empfehlungen und unser Tun konnte aber auch erst möglich werden, weil Jugendarbeit selbst stattfinden wollte und wir im Miteinander, in unzähligen Videokonferenzen, mit den Arbeitsbereichen der Jugendarbeit im Gespräch waren und blieben.

#jugendarbeithältzusammen war unser Schlachtruf von Anfang an. Wir haben uns gegenseitig Mut zu gesprochen und wir haben gezeigt, dass Jugendarbeit möglich ist, auch alternativ, dass es aber auch der Orte für Kinder- und Jugendliche bedarf. Wir haben die Möglichkeiten der Digitalisierung von Anfang an genutzt und ich kann nicht behaupten, dass es ein social distancing gegeben hätte. Ich für meinen Teil war mehr im Gespräch mit unzähligen Partner:innen als jemals zuvor, wenn auch lediglich digital. Deshalb darf und will ich mich bei allen Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen in der Jugendarbeit bedanken, dass ihr im wahrsten Sinne des Wortes unter Beweis gestellt habt, was Jugendarbeit ist: Ein verläßliches, solidarisches und verantwortliches Miteinander. Ihr wart unser Motor und ihr wart unser Antrieb und auf diese neue Qualität des Miteinanders können wir alle stolze sein.

Wir haben aber alle dann nicht nur Jugendarbeit unter den Bedingungen von Corona gestaltet und Kindern und Jugendlichen Räume für sich zur Verfügung gestellt, wir haben noch mehr Verantwortung übernommen. Innerhalb kürzester Zeit haben wir ein Sonderprogramm Ferienmaßnahmen aus dem Boden gestampft, das jetzt auch auf die Herbstferien ausgeweitet wurde. Mein Dank gilt dem Kultusministerium mit Kultusminister Piazolo an der Spitze und den Mitarbeiter:innen des StMUK, die das Vertrauen in uns hatten, dass wir als BJR dieses Sonderprogramm gestalten durften. Und auch den Mitarbeiter:innen des BJR gilt wiederum mein Dank. Ein Programm mit Richtlinien aufzulegen, mit unzähligen Ungewissheiten, bedeutet einen unbändigen Willen, Verantwortung für Kinder und Jugendliche zu übernehmen. Das Ferienportal des BJR hat deutlich belegt, welche Kraft wir haben und wieviele Angebote Jugendarbeit vorhält, in den „normalen“ Ferienprogrammen aber auch in den zusätzlichen Angeboten. Ich weiß sehr wohl, dass alles sehr kurzfristig war, ich weiß sehr wohl, dass es schwierig und teilweise unmöglich war, Programme aufzulegen. Es gilt aber vor allem anzuschauen, was möglich war und wurde. Deshalb gilt mein Dank auch all denjenigen, die nicht klassische Jugendarbeit sind für das Engagement.

Was für ein Jahr.

Es fordert uns alles ab, es bringt uns an unsere Grenzen, teilweise darüber hinaus. Es ist aber - bei allen Schwierigkeiten - erfolgreich und wir können stolz auf das Geleistete sein.

Ich will aber nicht nur davon reden, was wir alles erreicht haben. Denn ich will auch deutlich meine Kritik vortragen. Es gibt und gab Punkte, die für mich schwer bis gar nicht auszuhalten sind.

Neben all dem was ermöglicht wurde, gilt kritisch zu hinterfragen, welches Bild von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft eigentlich vorherrscht. Gleich zu Beginn der Pandemiekrise wurden Bilder in den Medien produziert von Jugendlichen, die sich an nichts halten, und die rücksichtslos feiern. Mag sein, dass es solche gegeben hat. Ich habe auch Bilder von älteren Menschen, die feiern, weil es schön draußen ist, die keinen Abstand einhalten und die keine Masken tragen. Ich sehe Demos, die entstehen, und Querdenken behaupten und in Wirklichkeit nichts anderes tun, als zu spalten und unverantwortlich und unsolidarisch mit Verschwörungstheorien unsere Gesellschaft gefährden.

Was mich aber am meisten umtreibt ist die Tatsache, dass von Kindern und Jugendlichen nur als Schüler und Schülerinnen gesprochen wird. Dass wir wahrnehmen mussten, dass es lediglich um Schulen geht oder um  Kindergärten und Kindertagesstätten. In der gesellschaftlichen Debatte wird nur davon gesprochen, wie belastend das Homeschooling für die Eltern ist, weil sie ja nicht Schule machen können. Nicht Eingang gefunden in die Debatte hat die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche unter der Situation von Corona besonders leiden. Dass sie ihre Räume der Begegnung brauchen, die es eigentlich gibt und die nötiger sind denn je. Und dass wir diese Räume verantwortlich gestalten. Dass dies so ist, macht doch deutlich, dass es keine Ansteckungen in Jugendarbeitsangeboten oder aus ihnen heraus gegeben hat. Die Ansteckungen mit denen wir jetzt kämpfen waren Reiserückkehrer und unverantwortliche Feiernde - aller Generationen. In der Jugendarbeit handeln wir äußerst erfolgreich und verantwortungsbewusst und das gilt es endlich wahrzunehmen, zu begreifen und nicht ständig in Frage zu stellen.

Corona zeigt viel mehr denn je auf, dass Kinder und Jugendliche nicht aufbewahrt werden wollen und lediglich betreut werden dürfen. Sie brauchen Räume der Gemeinschaft, der Begegnung und der Gestaltung. Kinder und Jugendliche sind nicht Kindergartenkinder und Schüler:innen. Sie sind Menschen. Und sie erwarten zu Recht, dass sie mit ihren Anliegen, Sorgen und Möglichkeiten in den Blick genommen werden und nicht lediglich verwaltet. Ich erwarte von der Regierung und dem Parlament, dass dieser Perspektivwechsel endlich stattfindet. Und dass wir schon lange warten, macht deutlich, dass immer noch kein Gesamtkonzept Jugendbeteiligung vorliegt, obwohl bereits 2018 durch den Landtag beschlossen. Es steht zu befürchten, dass wieder nicht bei jungen Menschen angesetzt wird, sondern bei staatlichen Institutionen und ihren Blick auf junge Menschen. Ich erwarte, dass das SGB VIII tatsächlich so reformiert wird, das es ein wirkliches Kinder- und Jugendstärkungsgesetz wird - so der geplante Titel - das an den tatsächlichen Bedürfnissen aller Kinder und Jugendlicher ansetzt und dieses großartige Vorhaben nicht aufgegeben wird in unsinnigen Geld- und Zuständigkeitsdebatten.

Ich erwarte und fordere, dass offen gelegt wird, was die Bundesregierung mit dem Ganztagsanspruch im Grundschulalter wirklich meint. Denn ich sage ganz deutlich: „Die Ferien gehören uns“, den Jugendverbänden, den Jugendringen, der kommunalen Jugendarbeit, überhaupt  der Jugendarbeit an sich.

Erste Berechnungen weiten diesen Ganztag nämlich auch auf die Ferien aus und bei aller Dankbarkeit für alle, die in den Sommerferien mitangepackt haben werden zwei Dinge deutlich: Die bisherigen Angebotsmöglichkeiten sind nicht ausreichend und die Planungen in die Zukunft dürfen nicht Verwahranstalten von Kindern sein, in denen Kinder lediglich betreut im Sinne von beaufsichtigt werden. Da müssen sich Bund, Länder und Kommunen schon mehr einfallen lassen. Ich erwarte und fordere, dass bei den Planungen zu öffentlichen Haushalten, die freilich unter Druck geraten, das Wort „freiwillige Leistung“, das wie ein Gespenst aus der Mottenkiste bereits wieder die Runde beginnt zu drehen, dass eben dieser Begriff aus dem Zusammenhang mit Kinder- und Jugendarbeit gestrichen wird. Dass wir nicht bedarfsgerecht ausgestattet sind, machen die hinter uns liegende Monate mehr als deutlich.
Und ich erwarte und fordere, dass endlich wieder Schulfahrten stattfinden können und ich erwarte, dass mit uns ein ehrliches Miteinander gesucht wird in der Frage, wie wir die nächsten Monate weiter erfolgreich gestalten können.

Kinder und Jugendliche sind nämlich keine Kindergartenkinder und Schüler:innen, sie sind Menschen.

Was für ein Jahr und was für eine Zeit, in der wir leben.

Sie hat uns vieles, manchen auch alles, abverlangt und die nächsten Monate werden uns noch mehr abverlangen. Bevor nicht ein Serum entwickelt ist und zumindest die Vernünftigen sich impfen lassen, wird es kein Zurück geben, wenn wir nicht gleichzeitig Gefahr laufen wollen uns wieder über Wellen, nicht ausreichend Intensivplätze und Massengräber unterhalten zu müssen. Wir werden seitens des Bayerischen Jugendrings weiter daran arbeiten, dass ihr eure Arbeit machen könnt. Wir werden weiter daran arbeiten, dass junge Menschen gehört werden.

Wir sind eins und haben einmal mehr bewiesen, was in uns steckt und dass wir verantwortlicher mit schwierigen Situationen umgehen können, als viele andere. #jugendarbeithältzusammen ist nicht nur ein hipper # Slogan. Er bedeutet, dass wir uns nicht spalten lassen und werden und gemeinsam mit und für Kinder und Jugendliche für deren Recht eintreten, als Menschen wahrgenommen und beteiligt zu werden. Und wir erwarten, dass wir gehört werden.

Vielen Dank.