Jugendpolitische Grundsatzrede 2022

Im Rahmen der 161. Vollversammlung macht Matthias Fack in der letzten jugendpolitischen Grundsatzrede seiner Amtszeit klar, dass Jugendarbeit, dass Jugendverbände sich dem stetigen Wandel stellen, im Einsatz für eine lebenswerte, bunte, lebendige und menschliche Gesellschaft, als Ort, wo junge Menschen sein dürfen, egal wie sie sind.

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- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Herr Vorsitzender,
lieber Frederik,
liebe Kolleg:innen im Vorstand,
liebe Delegierte der 161. Vollversammlung,
liebe Freund:innen,

vielen Dank, dass ihr mir die Gelegenheit gebt, ein letztes Mal vor die Vollversammlung zu treten, und meine grundsätzlichen jugendpolitischen Gedanken vorzutragen. Ein letztes Mal - das benennt schon die Herausforderung an sich: Soll ich - ein mittlerweile 50 jähriger - es überhaupt wagen, in die Zukunft aus jugendpolitischer Sicht zu blicken? Sollte ich nicht lieber auf die vergangenen Jahre schauen im Sinne eines Resümees? Habe ich überhaupt etwas beizutragen, als Orientierung, aus der Sicht und Perspektive junger Menschen? Oder bin ich nicht doch das, was einige mal offen, mal verdeckt sagen: Funktionär, vermessen, Berufsjugendlicher oder gar alles drei zusammen.

Nun ja, selbst nach 11,5 Jahren als Präsident des BJR, nach 35 Jahren Jugendverbandsarbeit, und auch im Alter von 50 -  meine ich, ich habe noch einiges zu sagen, was mit Zukunft, mit Grundsätzlichem zu tun hat, und was sich zugegebenermaßen auch aus der Vergangenheit speist. Auf jeden Fall genug, was ich euch, liebe Freund:innen, gerne sagen möchte. Deswegen: schenkt mir noch einmal etwas von eurer kostbaren Zeit.

Als erstes will ich euch danke sagen. Danke für all das, was ihr leistet, und  was gerne nicht gesehen, nicht wirklich anerkannt wird, was aber umso wichtiger ist für junge Menschen. Denn die haben es immer noch verdammt schwer. Im 75. Jahr des Bayerischen Jugendrings nehme ich wahr, dass die Unbeschwertheit der Jugend, wie sie viele so lange Zeit propagiert haben, vorbei ist.

Junge Menschen müssen sich mit einer Krise nach der anderen beschäftigen. Blieben Krisen früher scheinbar weit aussen vor, so sind sie jetzt hautnah erlebbar: Flüchtlingsbewegungen und Entdemokratisierung in Gesellschaften, Corona-Krise und Einengung, Krieg in der Ukraine, Klimawandel und immer größere Verunsicherung.

Eines haben diese Krisen gemein: Erwachsene haben es verbockt. Immer und immer wieder schaffen es Erwachsene, die Zukunft sauber zu vergeigen, die Verantwortung auf andere abzuwälzen und fest zementiert in den eigenen Machtstrukturen dafür zu sorgen, dass sich möglichst wenig verändert. Wie lange soll das noch gut gehen? Was verdammt noch mal, soll noch passieren, bis sich etwas ändert? Aber was soll sich eigentlich ändern? Ich habe häufig den Eindruck, und das geht - glaubt mir - seit 35 Jahren so, dass sich vor allem eines ändern soll: Nichts! Immer auf Sicht fahren, möglichst nur in der Legislatur denken, niemals Macht abgeben, vor allem nicht im Hinblick auf die eigene Person.

Das sind Leitplanken, die ich in der Politik und in der Gesellschaft ausmache und an denen sich nicht wirklich etwas ändert. Und das Ganze in einer Zeit, in der die laute Minderheit schreit, es soll sich nichts ändern. Und sie scheint ja auch erfolgreich zu sein; aber eben nicht erst seit gestern oder kurzem:

Beispiel: Dass dieser Planet bereits mehrfach vor die Hunde gegangen wäre, wenn die gesamte Welt so leben würde, wie wir auf der Nordhalbkugel der Erde, wissen wir seit 50 Jahren. Seit der Club of Rome immer wieder darauf hinweist, wann die Erde verbraucht wäre. In diesem Jahr war das bereits Ende Juli der Fall. Und das nicht nur wegen des Klimas.

Beispiel: Dass wir ein Problem mit dem Umgang mit Asylbewerber:innen und ausländischen Mitbürger:innen haben, v.a. aber ein rechtsextremes Problem, wissen wir spätestens seit 1991, als ein Mob tagelang auf ein Asylbewerber:innenheim in Rostock-Lichtenhagen losging. Ich kann mich noch deshalb so gut daran erinnern, weil ich die Liveberichterstattung am Abend während meines Ferienjobs im  Behindertenheim, so hieß das damals noch, mit den Menschen um mich herum mitansehen musste. Mir kamen die Tränen.
Ein konsequentes Vorgehen gegen Rechtsextremismus blieb aus. Die Antwort in der Politik war die Änderung des Grundgesetzes und die Einschränkung des Asylrechts zwei Jahre später.

Das sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen: Erwachsene haben es verbockt. Immer und immer wieder. Es soll sich eben möglichst wenig ändern.

Aber ist das richtig? Eigentlich wissen wir es seit 2.500 Jahren besser. Heraklit von Ephesos wird die verkürzte Formel zugeschrieben „Panta Rhei“ - „Alles fließt“. Alles ist im Werden und im Wandel. Das Flussbett, in das man einsteigt, bleibt, aber das Wasser eben nicht.
Und diesem steten Wandel sollten sich viele Erwachsene endlich einmal stellen. Wie? Ganz einfach: Sie könnten auf Kinder und Jugendliche hören.

Dass der Einsatz für die Umwelt und die Erde schon immer ein Anliegen von jungen Menschen war, zeigen nicht nur Studien, sondern auch der Einsatz von Jugendorganisationen. Ohne junge Menschen würden wir in Deutschland immer noch keinen Müll trennen, ohne junge Menschen wäre es nicht dazu gekommen, dass in den letzten Jahren verstärkt und hoffentlich nicht zu spät, über den Erhalt des Klimas diskutiert wird.
Kinder- und Jugendverbände haben sich seit ihrer Gründung für eine menschenfreundliche und bunte Gesellschaft stark gemacht, gegen Ressentiments, Hass und Hetze.

Kinder- und Jugendorganisationen setzen sich für Menschen, die aus Not zu uns kommen ein, und für Menschen, die Unterstützung brauchen.
Ganz nach dem Motto zum Jubiläumsjahr des BJR #machwasausmorgen machen es junge Menschen seit jeher  vor!
Und die Jugendorganisationen und die Jugendarbeit in allen Feldern machen es vor. Sie nämlich, und damit Ihr - liebe Freund:innen - gebt nicht auf.

Ihr macht weiter. Gegen allen Gegenwind. Mit grundsätzlicher Überzeugung. Einer Überzeugung von Vielfalt, von Freiheit, von Menschlichkeit und Achtsamkeit, die Erwachsene auf ihrem Weg häufig vergessen zu haben scheinen. Denn Jugendarbeit in allen Schattierungen ist noch mehr als Wirk- und Werkstätten der Demokratie. Jugendarbeit ist der Ort,

  • in dem junge Menschen sein dürfen,
  • sich mit Gleichaltrigen austauschen dürfen,
  • sich engagieren dürfen,
  • erfahren, dass sie grundsätzlich willkommen sind, egal wie sie sind. Egal was andere über sie sagen. Egal, wie verrückt die Welt ist.

Irgendwo sind junge Menschen immer richtig. Bei uns – bei euch!

Genau das drücken wir ab heute als Gedanke in die Öffentlichkeit. Neben den vielen regulären Angeboten in der Jugendarbeit und den besonderen Aktionen im Rahmen der Aktivierungskampagne, zeigen wir es zusätzlich in unserer Medienkampagne, mit echten Aktiven und im wahrsten Sinne des Wortes echten Orten. Und damit zeigen wir auch eines:

Jugendarbeit leistet Enormes!

Und das ist die Kraft, das ist die Energie, die etwas bewegt, die etwas ändert. Und wenn ich Eingangs ein düsteres Bild gezeichnet habe, so muss und will ich auch sagen, dass sich bereits, eben wegen dieser Energie, wegen Euch, etwas ändert:
Das Wahlalter in den meisten Bundesländern wurde bereits abgesenkt. Das Wahlalter auf Bundesebene und Europaebene soll abgesenkt werden. Der Kampf gegen Rechtsextremismus wurde endlich konsequenter aufgenommen. Die Vielfalt in der Gesellschaft wird stärker berücksichtigt. Und jungen Menschen wird verstärkt zugesagt, dass sie in den Blick und nicht mehr vergessen werden sollen.
Auf euch und auf uns kommt es also an, wenn sich etwas ändern soll in den Köpfen und Herzen, und zwar im Miteinander nicht im Gegeneinander.

Wir schaffen das, weil uns seit 75 Jahren und mit Sicherheit in den letzten Jahren im BJR bewusster wurde, dass es auf uns ankommt. Darauf, dass auch wir wissen, wir verändern uns und gehen auf Neues ein. Wir leben es vor, indem wir Herausforderungen annehmen.
Wir waren die, die sich für Kinder und Jugendliche von Anfang an stark gemacht haben in der Corona-Krise.
Wir sind es, die frühzeitig über sexualisierte Gewalt und unsere eigenen Strukturen gesprochen haben.
Wir haben Projekte der Inklusion aus der Taufe gehoben, während andere noch nicht einmal darüber nachgedacht haben.
Wir haben uns für eine Bildung nachhaltiger Entwicklung eingesetzt. Bald mit einem neuen Fachprogramm.
Wir haben deutlich gemacht, dass rechtsextremes Gedankengut á la AfD mit uns nichts gemein hat. Nicht zuletzt mit einer eigenen Einrichtung – der LKS.
Wir waren und wir sind international unterwegs und beugen uns keinen Nationalismen.
Wir haben die Zeit erkannt, sich dem Arbeitsfeld queerer Jugendarbeit zu öffnen. Als hauptverantwortlicher Träger ermöglichen wir die Arbeit im Queeren Netzwerk Bayern.
Wir waren als Jugendarbeit auf allen politischen Ebenen - von der Kommunal bis zur Europaebene - unterwegs. Sogar als erster und einziger Landesjugendring mit einem eigenen Büro in Brüssel. Und einem Bayerischen Tag der Jugend, der zum fünften Mal in der europäischen Hauptstadt statt findet.
Wir haben uns eingesetzt und setzen uns ein für Menschen, die auf der Flucht sind.

Wir alle, als BJR, sind es, die Organisationen junger Menschen mit Migrationshintergrund konsequent begleitet und aufgenommen haben. Unabhängig von der Geschichte und der politischen Situation in den unterschiedlichsten Herkunftsländern, ist es unsere Überzeugung, dass unter unserem Dach alle zusammenwirken,  da uns die gemeinsamen Ziele junger Menschen vereinen und stark machen, und nicht die Vorurteile Erwachsener.

Und noch mehr als bisher wird es auf uns ankommen. Denn wir sind noch lange nicht dort angelangt, wo wir hinwollen. Die nächste Krise rollt heran, die Energiekrise und die Inflation wird spürbar sein. Und wir werden uns damit auseinandersetzen müssen in der Zeit von Landtagswahlen. Wir werden deutlich machen müssen, welche Bedarfe bei jungen Menschen da sind. Das Begonnene wollen wir weiterführen:

  • Wir wollen, dass das neue Arbeitsfeld „Digital Streetwork“ etabliert und anerkannt wird.
  • Wir wollen, dass unsere Förderung in den Fachprogrammen, die alle Themen junger Menschen abbilden, weiterlaufen können.
  • Wir wollen Inklusion und Buntheit leben und noch besser werden.
  • Und wir wollen, dass Jugendverbände bedarfsgerecht ausgestattet sind und bleiben.

Einige meinen, wir hätten in die Landtagswahl ganz wenig einzubringen. Die irren sich: Wir wollen, dass sich in der Mobilität etwas ändert, in der Wohnungspolitik auch für junge Menschen etwas ändert - ja. Wir wollen aber aber wesentlich mehr. Vor allem wollen wir endlich eins:
Dass sich in der Beteiligung junger Menschen etwas ändert und auch in Bayern endlich das Wahlalter abgesenkt wird!

Und wir fordern nicht nur: Wir machen es vor. Wir hinterfragen uns stetig selbst und stellen uns dem Wandel. Wir haben ein Verständnis dafür entwickelt, oder besser gesagt, wieder entdeckt, was Jugendorganisationen sind: der Zusammenschluss von jungen Menschen, die sich mit Gleichgesinnten für etwas einsetzen. Und da gibt es eine neue Organisation - der Dachverband der bayerischen Jugendvertretungen (DVBJ). Neben allen möglichen und wirklich guten Beteiligungsstrukturen setzen sich über 100 Jugendparlamente in Bayern dafür ein, dass auf der unmittelbaren örtlichen Ebene etwas passiert. Das ist keine Konkurrenz zum Jugendring, das ist eine Ergänzung, eine weitere Bereicherung. Und ich bin sehr dankbar, dass wir das so begreifen und auch da in einen neuen Fluss einsteigen können.

Und wir machen noch etwas anderes vor: Nämlich, dass Macht in einer lebendigen Demokratie immer wieder abgegeben werden muss.
Und so schmerzhaft, das für mich persönlich ist und sein wird: Ich freue mich, dass nächstes Jahr jemand anders hier stehen wird und mit euch den Weg weitergehen wird, der so wertvoll für junge Menschen ist.

Denn ich weiß, dass ihr den Weg konsequent weitergehen werdet. Bei aller Ungewissheit. Wie auch in den letzten 75 Jahren zeigt der Bayerische Jugendring und damit ihr: Die Zukunft mag immer wieder ungewiss sein, alles mag im Wandel sein, „Panta Rhei“ - Alles fließt.

Und dennoch bleibt: Dass Jugendarbeit, dass Jugendverbände sich diesem Wandel stellen, im Einsatz für eine lebenswerte, bunte, lebendige und menschliche Gesellschaft, als Ort, wo junge Menschen sein dürfen, egal wie sie sind. Dafür setze ich mich auch noch den nächsten sechs Monaten mit aller Kraft ein.

Vielen Dank.