Wahlrede

des BJR-Präsidenten Matthias Fack bei der 154. Vollversammlung

Matthias Fack bei seiner Wahlrede
Matthias Fack bei seiner Wahlrede

Sehr geehrte Frau Vorsitzende, liebe Luisa, liebe Delegierte der 154. Vollversammlung,

ich gestehe: Ich bin nervös, sehr sogar. Zum letzten Mal, seit dem ich Jugendarbeit mache und verantworte, stelle ich mich zur Wahl. Ich bitte das höchste jugendpolitische Gremium in Bayern um das Vertrauen, eine letzte Legislatur als Präsident des Bayerischen Jugendrings gestalten zu dürfen.

In der Vorbereitung habe ich mir noch einmal vor Augen geführt, was ich vor 8 Jahren bei meiner ersten Wahl dem 138. Hauptausschuss in Kloster Roggenburg vorgetragen habe. Ich habe mir überlegt, was in den letzten Jahren davon umgesetzt wurde, und ob ich und was ich für die Zukunft daraus erkenne, was vor uns liegt, entweder, weil es noch nicht erreicht, oder weil es dazugekommen ist. Und ich habe mir überlegt, ob dafür meine Motivation reicht. Und ja, mehr denn je bin ich motiviert. Warum will ich euch gleich sagen, aber - und weil es zum letzten Mal sein wird - und weil viele unter euch mich zwar persönlich kennen, aber vielleicht doch nicht so viel von mir persönlich wissen zunächst einige biographische Daten:

Matthias Fack

  • Gebürtiger Oberfranke,
  • Jahrgang 1972,
  • verheiratet,
  • zwei wundervolle Kinder, die auch gar keine Kinder mehr sind,
  • aufgewachsen in Burgkunstadt,
  • nach dem Zivildienst in einem Behindertenheim Studium von Sozialpädagogik, Philosophie, Theologie in Benediktbeuern und Bamberg,
  • Marketingstudium berufsbegleitend und Zeit meines Berufslebens Jugendarbeiter,
  • zunächst bei der DPSG als Projektreferent und seit 2000 in Wahlämtern,
  • BDKJ Diözesanvorsitzender, Landesvorsitzender,
  • und seit 2011 eben Präsident.
  • Verbandlich komme ich selbst aus der DPSG, wo ich vor 30 Jahren meinen Stamm gründete, in dem ich dann als Gruppenleiter, Stammesvorstand und Bezirkskurat tätig war. Und mit dem Jugendring verbindet mich meine eigene persönliche Erfahrung, denn der Kreisjugendring Lichtenfels, in dem ich als DPSGler engagiert war, ermöglichte mir die ersten Fahrten als Kind und Jugendlicher von den Eltern weg, sowohl in Deutschland, als auch international. Vielleicht wurde da auch meine Reiseliebe zu Grunde gelegt, die mich bis heute ausmacht.

Warum aber jetzt noch mal antreten. Nach 30 Jahren Jugendverbandsarbeit ist es doch genug - werden vielleicht einige sagen, vielleicht andere: ist er nicht langsam zu alt?

Dem kann ich nur entgegenhalten, dass ich motiviert bin und dass mich gerade die letzten Jahre umso mehr motivieren, als dass ich sehe, was alles erreicht wurde, aber auch, welche Verantwortung wir in der Jugend für die Zukunft tragen und was ich demzufolge anpacken will.

Keine Frage: der Satzungsreformprozess war einer der markantesten Meilensteine auf diesem Weg. Und die Präambel, die seitdem fester Bestandteil, ja ideelles Zentrum unserer Satzung und unseres Tuns ist, ist Ausgangs- und Zielpunkt, wie ich finde, für die Arbeit und das Wirken des Landesvorstandes und mir als Person.

Lasst mich deshalb kurz anhand zentraler Aussagen der Präambel zeigen, was ich meine, dass wir gemeinsam erreicht haben und was ich dennoch als weitere und künftige Herausforderungen auf unserem Weg sehe:

Jugendverbände, Jugendgruppen, Schul- und Hochschulgemeinschaften des Landes Bayern schließen sich aus freiem Willen zum Bayerischen Jugendring zusammen, um in Einmütigkeit alle gemeinsamen Aufgaben der Jugendarbeit durchzuführen.

Dieser Satz drückt nichts anderes aus, als dass Jugendarbeit gestärkt werden muss. Und in ihrer zentralen Form der Beteiligung von jungen Menschen müssen v.a. Jugendverbände gestärkt werden. Da ist vieles passiert. Wir haben erreicht, dass das Gesetz zur Freistellung zum Zwecke der Jugendarbeit nach über 30 Jahren endlich reformiert wurde. Zentrale Anliegen der Vollversammlung wurden umgesetzt. Es gilt, die Veränderungen wahrzunehmen und nicht an den Klippen der zerschellen zu lassen, die allein deshalb Veränderungen untersagen wollen, damit keine höhere Förderung entsteht.

Apropos Förderung: 2011 ist im Protokoll des 138. Hauptausschusses die vollkommen zutreffende Bemerkung zu lesen, dass man endlich nicht mehr wegen weniger Kürzungen applaudieren wolle, sondern auch einmal wegen mehr Geld für Jugendarbeit. Wir haben gemeinsam in den letzten Jahren erreicht, dass die Mittel für Jugendarbeit deutlich erhöht wurden. Wir haben auch die Art und Weise, wie der BJR fördert fundamental verändert, immer mit einem Blick: Es gilt nicht, dass wir kein Geld ausgeben - was viele gerne sähen - sondern dass wir es richtig ausgeben, mit dem Ziel, Jugendarbeit zu stärken.

Standen 2010 4,97 Mio. Euro für die Jugendverbände zur Verfügung, sind es für 2019 6,48 Mio. Euro, hatten wir für investives, d.h. für Räume der Jugendarbeit damals 1,25 Mio. Euro sind es 2019 3,29 - und damals hatten wir zudem eine Riesen Halde, die mittlerweile auch abgebaut ist.

Hatten wir damals kaum Fachprogramme, sind es jetzt Fachprogramme in zentralen Feldern Demographie, Medienpädagogik, Integration, schulbezogene Jugendarbeit.

Was bleibt als Herausforderung? Wir müssen deutlich machen, dass es damit nicht getan ist. Denn es ist wahr, wir haben die Kürzungen wieder hereingeholt, wir haben den Inflationsausgleich im Vergleich zu 2003 geschafft, aber: Der Anteil des Jugendprogramms am Staatshaushalt sinkt im Vergleich, denn: der Staatshaushalt wächst stärker, stärker als das Jugendprogramm.

Es wird also darum gehen, weiter dafür zu kämpfen, dass wir mit den Mitteln aus dem Staatshaushalt gestärkt werden.

Und ich weiß auch, wofür wir das Geld brauchen, denn wir benötigen weiter Fachprogramme in zentralen Fragestellungen: Zum Thema Inklusion, zum Thema Nachhaltigkeit. Und auch für Räume. Ich möchte mir ansehen und bewerten, wie wir investiv fördern und ich möchte kritisch hinterfragen, ob das System der Jugendbildungsstätten nicht auch erweitert werden muss.

Wenn Jugendarbeit gestärkt werden muss und soll, dann muss sie auch sichtbar werden, deshalb - und auch das hat mit Geld zu tun, werden wir zentraler Motor bleiben bei der erfolgreichen Umsetzung eines bundesweiten Fachkongresses Kinder- und Jugendarbeit, in Bayern, in Nürnberg, im September 2020.

Als verantwortliche Mitglieder der dem Bayerischen Jugendring angeschlossenen Gruppen, Verbände, Schul- und Hochschulgemeinschaften verpflichten wir uns, die Jugend im Geist der Freiheit und der Demokratie zu erziehen.

Jugendarbeit an sich hat einen Bildungsauftrag, und zwar einen eigenständigen, ausserhalb der Schule. Und dennoch verändert sich die Gesellschaft. Dies nicht wahrzunehmen, wäre mehr als fahrlässig. Denn Jugendarbeit geht immer noch von jungen Menschen aus und ist für sie zu gestalten. Und wenn massgebliche Kräfte dafür sorgen, dass der Raum Schule um sich greift, müssen wir diese Herausforderung annehmen. Und das haben wir getan. Nach wie vor gelten die 15 Punkte, die der Hauptausschuss 2012 beschrieben hat. Nach wie vor ist Jugendarbeit kooperativ, aber eben auch eigenständig. Denn an Orten des Informellen und des Nonformalen findet wichtige Bildung statt. Deswegen gilt es, unser Fachprogramm Jugendarbeit und Schule konsequent weiter zu entwickeln. Das eigenständige Angebot in der Kooperation ist dabei zu betonen und nicht die Serviceleistung für Schule.

Und in diesem Zusammenhang ist es massgeblich wichtig, dass wir unsere eigene Wirkmächtigkeit als Werkstätten und Wirkstätten der Demokratie herausstellen. Wir haben zunehmend erfolgreich die Wahlen in den vergangenen Jahren begleitet. Wir haben deutlich gemacht, wie wichtig uns Demokratiebildung ist, die in unsere DNA ein gebrannt ist. Aber wir müssen deutlicher machen, wie wirksam wir selbst sind. Nicht die Schule wird den Erfahrungshorizont für wesentliche Lernprozesse für Demokratie wirksam bilden, das können andere besser, und dafür sind sie, sind wir da. Ich will mich dafür weiterhin stark einsetzen, dass wir Wahlen und Demokratie gemeinsam angehen und gestalten.

Denn nach wie vor gilt die Präambel auch hier.

Wir treten ein für eine vielfältige, demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaft, in der die Würde des Einzelnen und der Respekt voreinander Gültigkeit haben. Im konstruktiven Ringen um gemeinsame Positionen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bringen wir ihre Anliegen und Bedürfnisse in die Öffentlichkeit, leihen ihnen unsere Stimme und bauen damit weiter an einer Gesellschaft, die Zukunft hat. 

Wir verstehen uns als jugendpolitisches Sprachrohr aller Jugendlichen. Deshalb bringen wir uns ein, wenn es darum geht, das SGB VIII zu reformieren, so dass es Sinn macht und Jugendliche in ihrem Aufwachsen gestärkt werden. Der § 72 a gehört dabei selbstverständlich gestärkt, und zwar richtig, in der Art und Weise, wie wir es beschlossen haben. Eben nicht als Scheinlösung. Die Prävention sexualisierter Gewalt ist nach wie vor auf der Agenda des Bayerischen Jugendrings und muss es auch bleiben. Ich will die Möglichkeit aber nutzen, uns selber stärker zu hinterfragen und die Prävention weiter zu stärken.

In diesem Eintreten für alle junge Menschen haben wir in den letzten Jahren erreicht, dass die Forderung des Landesheimrats zumindest anfanghaft aufgenommen wurde, nämlich auf Erleichterung bei der Heranziehung eigener Einkünfte für die Kosten des Heimes. Aber 75% sind immer noch zu hoch und somit gehört in eine Novellierung des SGB VIII die komplette Streichung dieser Heranziehung.

Wenn wir uns einbringen, hat aber auch der Staat endlich seine Aufgabe zu erledigen. Insofern ist erreicht worden, dass der Bayerische Landtag in der letzten Periode viele Beschlüsse gefasst hat für die Lebenswirklichkeit junger Menschen. Unter anderem im September 2018 ein jugendpolitisches Gesamtkonzept. Immerhin soll das jetzt anlaufen und wir müssen uns dabei einbringen. Und wer a) sagt muss auch b) sagen: Wer Jugend beteiligen will, muss sich auch für ein Absenken des Wahlalters aussprechen. Bayern ist dabei absolutes Schlusslicht. Und es wird Zeit, dass die Absenkung erfolgt.

In diesem Gesamtkonzept geht es nicht um Kinderschutz, es geht nicht um Jugendschutz, es geht darum, die Lebenswirklichkeit wahrzunehmen, in der junge Menschen aufwachsen und aufwachsen wollen.

Nationalismen und Diskriminierungen jeglicher Art erteilen wir eine deutliche Absage. Wir stehen zu einem solidarischen Europa, das Garant für Frieden und Zusammenhalt ist. Gemeinsam setzen wir uns aktiv für den Erhalt und die jugendgerechte Weiterentwicklung der Europäischen Union ein. 

Der BJR steht für Internationalität, mehr denn je. Unser Engagement in den Ländern wurde ausgebaut, neue Partnerschaften aufgebaut. In den postsowjetischen Republiken erfahren wir, was es heißt, wenn junge Menschen eine freie Gesellschaft aufbauen wollen. Mit Israel haben wir eine Partnerschaft, die uns auszeichnet und in der wir wirksam an Zukunft mit jungen Menschen arbeiten dürfen und dabei eine schwierige Vergangenheit nicht vergessen dürfen. Die neuen Projekte und die neuen Partnerschaften will ich stärken, genauso wie unser Engagement im Schüler_innenaustausch. Und viel gibt es da noch zu entdecken. Allein wenn ich das Engagement vieler Jugendverbände auch in Asien, auch in Afrika ansehe - umso mehr begrüße ich das Vorhaben der Bayerischen Staatsregierung, ein Auslandsinstitut für Jugendaustausch neu gründen zu wollen. Dafür kann es in Bayern - gerade im Verweis des Koalitionsvertrages auf Tschechien nur eine Institution gibt, die die Verantwortung tragen kann für ein solches, wie immer geartetes Institut - den Bayerischen Jugendring. Wir wissen, wie unterschiedlichste Angebote funktionieren - Tandem macht das seit Jahrzehnten vor. Und wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass wir international sind und bleiben wollen.

Deswegen lasst mich ganz zum Schluss mich vor allem bei denen bedanken, die in den letzten Jahren, den BJR zu seinem Erfolg geführt haben: Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bayerischen Jugendrings, sowohl in der „Zentrale“ als auch in den Einrichtungen Institut, in Tandem, in der LKS, im Max-Mannheimer-Haus und in RIAS. Und v.a. bei den Kolleginnen und Kollegen im Landesvorstand, bei denen ich mich auch gleichzeitig entschuldigen möchte, wenn ich manchmal unbedarfte Äusserungen gemacht habe, womit der Eindruck hätte entstehen können, mir sei nicht daran gelegen, meinen Wissensvorsprung zu teilen. Ganz im Gegenteil, nur im Team, in einem beispielgebenden Engagement ist das gelungen, was gelungen ist. Und ich habe Lust mit euch allen weiter gemeinsam unterwegs zu sein.

Gemeinsam haben wir Haltung gezeigt. Gemeinsam will ich weiter Haltung zeigen. Ob in der Arbeit für und mit geflüchteten und jungen Menschen, ob in der Arbeit für und mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund genauso wie in der Arbeit für Kinder und Jugendliche, die immer noch behindert werden und damit sind.

Ob es unsere jugendpolitische Interessensvertretung in Brüssel ist oder ob es der Ausbau der LKS als Einrichtung war oder der Aufbau der Recherche- und Informationsstelle Antisemititsmus: Ich stehe weiterhin in der Überzeugung, das nur eine internationale, bunte, offene Gesellschaft, in der die Jugend zu Wort kommt, eine zukunftsfähige Gesellschaft ist. Und deshalb ziehe ich daraus am meisten Motivation, denn die Hindernisse sind derzeit auf diesem Weg am größten. Aber nur in unserem Einsatz und mit uns, wird es gelingen

weiterhin im Kleinen wie im Großen lokal und global einzusetzen für Demokratie und unsere Gesellschaft gestalten. 

Darum bitte ich euch um weitere vier Jahre, und zum ersten und letzten Mal für vier Jahre, um euer Vertrauen.

Vielen Dank.