Antisemitismus ist in Bayern Alltag

Meldestelle RIAS registriert 96 antisemitische Vorfälle in sechs Monaten

96 Vorfälle sind der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) seit ihrem Bestehen bekannt geworden. „Wir gehen von einer weit größeren Dunkelziffer aus. Die antisemitischen Denkmuster des Attentäters von Halle finden wir bei vielen der registrierten Vorfälle. Es ist nur die Frage, inwieweit dieses Denken auch in die Tat umgesetzt wird“, warnt Annette Seidel-Arpacı, Leiterin von RIAS Bayern.

Der Attentäter von Halle leugnet unter anderem den Holocaust. Auch RIAS sind 40 Vorfälle bekannt geworden, bei denen die Abwehr der Schoah eine Rolle spielt. Der Attentäter macht Juden für alles Böse in der Welt verantwortlich. Dieses Element des Antisemitismus hat RIAS Bayern in 14 Fällen registriert. Ein eindeutiger politischer Hintergrund ist jedoch in vielen Fällen nicht zu bestimmen. 17 Vorfälle wurden mit dem Hintergrund „rechts“, sechs mit dem Hintergrund „links“ erfasst. Über 40 Prozent der Vorfälle bewegen sich nach Einschätzung von RIAS Bayern unterhalb der Strafbarkeitsschwelle. „Das ist kein Grund zur Erleichterung. Denn diese Zahl zeigt auch, wie weit Antisemitismus im Alltag, in der Mehrheitsgesellschaft verankert ist“, so Seidel-Arpacı.

Antisemitismus zieht sich in die Gegenwart

Im strafbaren Bereich sind RIAS Bayern am häufigsten antisemitische Beleidigungen und Fälle von Volksverhetzung bekannt geworden, aber auch eine Bedrohung und mehrere Körperverletzungen. Dass es zu massiver Gewalt gegen Jüdinnen und Juden in Bayern auch nach 1945 kommen konnte, zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte: 1970 starben bei einem ungeklärten Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Münchner Reichenbachstraße sieben Menschen. 1980 erschoss ein Mitglied der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann den Erlanger Rabbiner Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke. 2003 planten Neonazis der „Kameradschaft Süd“ einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung für das jüdische Gemeindezentrum in München, der von der Polizei vereitelt wurde. 2016 stieß ein Nürnberger einen Mann in das Gleisbett der Nürnberger U-Bahn und versuchte ihn nach eigenen Angaben aus antisemitischer Motivation zu töten. Der Antisemitismus war nach der Schoah nie verschwunden.

Es braucht niedrigschwellige Angebote

„Die Zahlen der ersten sechs Monate belegen den großen Bedarf an Dokumentation und Bekanntmachung antisemitischer Vorfälle durch eine zivilgesellschaftliche Organisation“, sagt Seidel-Arpacı. Zahlreiche Betroffene und Zeug_innen haben sich zwischen dem 1. April und dem 1. Oktober 2019 unter anderem über das Online-Portal www.rias-bayern.de an die neue zivilgesellschaftliche Stelle gewandt. RIAS Bayern registriert im Gegensatz zur Polizei auch strafrechtlich nicht relevante Vorfälle und ist ein niedrigschwelliges Angebot für Betroffene und Zeug_innen. „Betroffene von Antisemitismus beschäftigt das Erlebte oft sehr. Gerade nach Halle sind viele noch weiter verunsichert. Sie und die wenigen Beratungsstellen in Bayern müssen deshalb stärker unterstützt werden“, so Seidel-Arpacı. RIAS Bayern vermittelt Betroffene bei Bedarf an Beratungseinrichtungen, die zum Beispiel im juristischen oder psychosozialen Bereich aktiv sind.

RIAS Bayern ist aktuell beim Bayerischen Jugendring (BJR) angesiedelt, mit dessen Unterstützung die Stelle in einen eigenständigen Verein überführt wird. Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales finanziert die Einrichtung. RIAS Bayern beteiligt sich an der Bundesarbeitsgemeinschaft des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus, der bundesweit ein Netzwerk von Meldestellen für antisemitische Vorfälle aufbaut.

Antisemitische Vorfälle können unter www.rias-bayern.de oder 0162 29 51 961 gemeldet werden.

Stimmen von Beratungseinrichtungen, mit denen RIAS Bayern zusammenarbeitet:

Anja Spiegler, Opferberatung rechte, gruppenbezogen menschenfeindliche Gewalt bei der Münchner Beratungsstelle BEFORE:

„Wir sehen in unserer Beratungspraxis Tag für Tag, wie hoch auch in München die Dunkelziffer bei antisemitischen Diskriminierungen und Angriffen ist. Die Arbeit von RIAS hilft, diesen toten Winkel auszuleuchten und die Erlebnisse von Betroffenen sichtbar zu machen. Die Erfassung von Angriffen und die Vermittlung an Beratungsstellen durch RIAS sind ein wichtiger Beitrag in der Unterstützung von Betroffenen antisemitischer Taten.“

Steffen Huber, fachlicher Leiter von BUD – Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in Bayern:

„Durch den spezialisierten Ansatz und das niedrigschwellige Meldesystem von RIAS Bayern ist es möglich, das große Dunkelfeld an einigen Stellen aufzuhellen. Als Opferberatung können wir Betroffene im Bereich Antisemitismus durch die Kooperation mit RIAS besser unterstützen und erreichen. Mit der weiteren Entwicklung von RIAS Bayern wird für uns eine Mehrarbeit entstehen, für die wir ausgestattet sein müssen."

Eine Dokumentation ausgewählter antisemitischer Vorfälle findet sich unter facebook.com/RIASBayern

Kontakt
Felix Balandat
presse@rias-bayern.de
Tel. 0162 29 51 961