„Es ist ein Fehler, Jugendlichen alles zu verbieten“

Jugendforscher Simon Schnetzer erläutert die Ergebnisse der Sonderauswertung „Jugend & Corona: Wie rücksichtsvoll verhalten sich die jungen Generationen?“

Der Jugendforscher Simon Schnetzer erläutert im Interview mit dem BJR Hintergründe und zentrale Aussagen der vor Kurzem vorgestellten Sonderauswertung „Jugend & Corona: Wie rücksichtsvoll verhalten sich die jungen Generationen?“. Die Ergebnisse leisten einen wichtigen Beitrag, die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Menschen sowie ihr Verhalten gegenüber anderen besser zu verstehen. 

Nur 4 Prozent der in der Studie befragten jungen Menschen halten es nicht für wichtig, die AHA-Regeln einzuhalten. Gibt es vergleichbare Zahlen aus Befragungen von Erwachsenen? Stechen die jungen Menschen hier als besonders diszipliniert bzw. einsichtig hervor? 

Es gibt meines Wissens aktuell keine Studie, die vergleichbare Daten für die Gesamtbevölkerung bzw. unterschiedliche Altersgruppen über 39 Jahren bietet. Meine Beobachtung ist allerdings, dass junge Menschen sich im Vergleich weder durch besonders diszipliniertes oder undiszipliniertes Verhalten hervortun. Doch sie sind sichtbarer als ältere Jahrgänge, wenn sie im Park statt im Privaten feiern. Viele Jugendliche und junge Erwachsene haben den Eindruck, dass gerade Ältere sich weniger an Quarantäne-Regeln und Abstandsmaßnahmen halten als sie – weswegen die Themen Vertrauen und Gerechtigkeit im Kontext von Corona an Brisanz gewinnen. 

Den Befragungen der Studie zufolge schätzen besonders die unter 25-Jährigen ihre Zukunftsperspektiven schlechter ein als noch vor der Pandemie. Diese Gruppe befindet sich oft noch in der Ausbildung oder beim Einstieg ins Berufsleben. Um welche konkreten Sorgen geht es dabei und was könnte die Jugendarbeit beitragen, um diese jungen Menschen zu unterstützen?

Es sind gerade junge Menschen in den Übergängen von Schule, Ausbildung und Studium in den Beruf oder die Festanstellung. Ihr Problem ist, dass vielfach der erhoffte Plan für die Zeit nach dem Abschluss geplatzt ist oder sich die Chancen auf eine Lehrstelle oder einen guten Berufseinstieg dramatisch verschlechtert haben. Diese jungen Menschen stehen jetzt tatsächlich vor einem Corona-Loch, vor dem wir sie entweder bewahren oder aus dem wir sie schnellstmöglich wieder rausholen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Zeiten von demografischem Wandel und Fachkräftemangel es diese Menschen sind, die einmal das Rentensystem tragen und die Schulden der Krisenbewältigung abtragen sollen. Daher ist es eine gesellschaftliche Notwendigkeit, diesen jungen Menschen Perspektiven zu bieten. 

Wie kann das funktionieren? Und welchen Beitrag könnte die Jugendarbeit dazu leisten? 

Aus meiner Sicht benötigen wir eine Art Corona-Stipendium. Anstatt jungen Menschen zu signalisieren, dass wir als Gesellschaft sie nicht benötigen, was verheerende Folgen für deren Selbstwertgefühl und berufliche Entwicklung hat, geben wir ihnen die Wertschätzung eines Stipendiums, um wichtige Herausforderungen für ihre Region, Branche, ihr Unternehmen oder ihre Engagement-Bereiche zu entwickeln. Im Rahmen dieses Stipendiums könnte die Jugendarbeit in Kooperation mit Arbeitgebern, Kammern, Kommunen und Vereinen strategische Herausforderungen definieren und gemeinsam mit Stipendiat:innen in Innovations- und Start-up-Workshops Konzepte für deren Umsetzung entwickeln und pilotieren. Damit könnten junge Menschen einen Beitrag zur Problemlösung leisten und sich als kompetent beweisen. Die Herausforderung für die Jugendarbeit ist dabei nicht gering: Es geht um nicht weniger, als sich selbst neu zu erfinden, weiterzuentwickeln und schnell auf die akute Problematik zu reagieren.  

Die Institutionen und Einrichtungen der Jugendarbeit haben in den letzten Monaten in ihren Angeboten erleben dürfen, dass sich Jugendliche zum größten Teil sehr verantwortungsbewusst verhalten und ihren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie leisten. Dennoch wurden außerschulische Bildungsangebote in Präsenzform zum 1. Dezember durch die 9. bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung untersagt. Ist das aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Aus meiner Sicht als Jugendforscher ist es ein Fehler, Jugendlichen alles zu verbieten, was aus entwicklungspsychologischer Sicht den Bedürfnissen dieser Entwicklungsphase entspricht. Da die Entwicklung einer Persönlichkeit nicht zufällig und im stillen Kämmerlein passiert, sollten Politik und Behörden ergänzend zu den Verboten genauso viel Geld und Energie in hygienekonforme Angebote für Jugendliche stecken. Jugendliche brauchen gerade jetzt Angebote, um sich zu treffen, Unterstützung zu finden und Perspektiven zu entwickeln. Jugendzentren und -angebote, die das leisten, sind aus meiner Sicht systemrelevant.