„Vielfalt ist der Normalzustand und nicht die Ausnahme“

IDAHOBIT 2020: BJR fordert einen ehrlichen Diskurs zum Thema queere Lebensweisen

Anlässlich des Internationalen Tags gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT) am 17. Mai 2020 erneuert Matthias Fack, Präsident des Bayerischen Jugendrings (BJR) seine Forderungen gegenüber politisch Verantwortlichen im Bayerischen Landtag, die Situation von queeren jungen Menschen stärker in den Blick zu nehmen und betont, dass dringender Handlungsbedarf zu den Themen sexuelle Vielfalt und queere Lebensweisen bestehe.

„Wir stellen uns entschieden und in aller Klarheit gegen jede Form von Diskriminierungen: egal ob durch Zuschreibungen oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, etwa aufgrund von Herkunft, Glauben, geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung“, so Fack.

Junge lesbische, schwule, bi-, trans- oder intergeschlechtliche (LSBTI) Menschen bereichern die Jugendarbeit. In der Präambel der Satzung des BJR ist das Engagement für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft, in der sich alle jungen Menschen frei entwickeln und verwirklichen können, seit jeher fest verankert: „In der gelebten Vielfalt der Jugendorganisationen und damit der in ihnen zusammengeschlossenen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bringen wir zum Ausdruck, dass ein Miteinander gelingen kann, das von Respekt, Akzeptanz und Achtsamkeit geprägt ist.“

Büroleiter und Queerbeauftragter Patrick Wolf betont anlässlich des IDAHOBIT: „Vielfalt ist der Normalzustand und nicht die Ausnahme. Die Ausgrenzung queerer Menschen, Mobbing und andere Formen von Diskriminierung verurteilen wir zutiefst.“ Er fordert, dass sich die Gesellschaft wie auch Freizeitangebote diversitätssensibel für junge nicht-heterosexuelle und nicht-cis-geschlechtliche Nutzer_innen öffnen müssten. Bei allen Bemühungen um Inklusion brauche es aber auch zielgruppenspezifische Angebote wie Jugendgruppen für jugendliche LSBTI oder Informations- und Beratungsstrukturen, z. B. zu Fragen des inneren oder äußeren Coming-outs.

Dass Bayern noch Nachholbedarf hat, zeigte neben der heute erscheinenden Studie „Queeres Leben in Bayern“ auch die Anhörung im sozialpolitischen Ausschuss des Bayerischen Landtags Ende 2019. Anlässlich des IDAHOBIT 2020 erneuert der BJR daher seine Forderungen nach

  • einem offenen und ehrlichen Diskurs zum Thema sexuelle Vielfalt und queere Lebensweisen,
  • einem Ausbau der Strukturen und die Anerkennung von zivilgesellschaftlichem Engagement in diesem Themenfeld, v.a. durch den Ausbau bisher fehlender Beratungsangebote in ländlichen Räumen,
  • einer Einrichtung eines Aktionsplans für Bayern nach dem Vorschlag des Schwulen- und Lesbenverbands,
  • einem Beitritt Bayerns zur „Koalition gegen Diskriminierung“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes[1], um für das Thema Diskriminierungsschutz zu sensibilisieren und es als Querschnittsaufgabe politisch zu verankern,
  • einer Klärung einer Zuständigkeit für eine ressortübergreifende Antidiskriminierungspolitik innerhalb der Bayerischen Staatsregierung, z. B. durch eine_n bei der Bayerischen Staatsregierung angesiedelten Queer Beauftragte_n mit dem Ziel, den Dialog von Politik und Verwaltung mit Vertreter_innen außerschulischer Organisationen, zivilgesellschaftliche_n Akteur_innen, Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften und kulturellen Institutionen zu fördern und damit die Akzeptanz queerer Lebensweisen zu stärken,
  • die Einrichtung einer Koordinierungsstelle auf Landesebene, um die bestehenden Angebote in der Jugendarbeit zu vernetzen, Akteur_innen zu begleiten und Qualifizierungen für Multiplikator_innen anzubieten bzw. zu vermitteln.

Hintergrundinformationen: Diskriminierung im Alltag
Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle (LSBTI) sind in ihrem Alltag nach wie vor mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt konfrontiert, wie die heute veröffentlichte Studie „Queeres Leben in Bayern“ von Bündnis90/Die Grünen in Kooperation mit der Hochschule Landshut zeigt. Von den knapp 900 Teilnehmer_innen ab 16 Jahren hat demnach jede_r zweite (48%) in den letzten drei Jahren Diskriminierung erlebt, knapp 42% seien beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht und 20% sogar sexuell belästigt worden. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Wenigsten entsprechende Vorfälle bei der Polizei melden oder Beratungsstellen aufsuchen: nur insgesamt 20 Personen (davon 15 schwule Männer) haben Anzeige erstattet, 46 queere Menschen suchten eine Beratungsstelle auf.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich dagegen in der Bundeshauptstadt: nach der Einrichtung einer speziellen Abteilung für homo- und transfeindliche Kriminalität innerhalb der Staatsanwaltschaft im Jahr 2012 hat sich die Zahl von Strafanzeigen von anfangs 153 (2016) auf 331 im Jahr 2019 gesteigert. Die bundespolizeiliche Statistik wies 2018 hingegen für ganz Deutschland nur 351 Delikte gegen die sexuelle Orientierung aus.

Informationen
Patrick Wolf
tel 089 / 51458-19 __ mobil 0151 / 276277-19 __ wolf.patrick@bjr.de

Kontakt
Karin Fleissner
tel 089 / 51458-21 __ mobil 0151 / 276277-21 __ fleissner.karin@bjr.de


[1] Bisher sind die Bundesländer Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Thüringen und Sachsen beigetreten.