Wenn alle nur gewinnen können

Spielen sollte immer zweckfrei sein – zugleich können Spiele in der Jugendarbeit viel Positives bewirken. Je vielfältiger die Angebote sind, desto besser. Und ideal ist es, wenn Jugendliche selbst neue Spiele erfinden

von Uli Geißler

Das Spielen ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Es sollte stets freiwillig und zweckfrei sein. Und doch können Spiele dabei helfen, bestimmte Ziele zu erreichen, Inhalte leichter zu vermitteln und Gruppenprozesse zu initiieren, zu begleiten, zu verändern, zu klären. Es stellt sich nicht die Frage, ob Spielen in der gruppenpädagogischen Praxis eine Rolle spielen soll. Vielmehr sind es didaktisch-methodische Überlegungen, die sich den Leiter:innen in der Praxis stellen.

Das gemeinsame Spiel in Gruppen motiviert zum Miteinander und es ermöglicht eine gemeinsame Erfahrung. Dabei lassen sich anhand von Rollenoder Simulationsspielen Konflikte erkennen und bearbeiten, die entsprechenden Lösungsmodelle können in die Realität umgesetzt werden. Zudem könen Verhaltensmuster und Handlungsideen erprobt, reflektiert und an die Wirklichkeit angepasst werden. Dabei ist eine reflektierte und moderierende Spielleitung hilfreich.

Die Herausforderung und die Pflicht für Personen, die zum Spiel motivieren und es anleiten, besteht darin, Spielenden in aller Diversität zu ermöglichen, sich selbst und ihre Grenzen, aber auch ihre Kompetenzen zu entdecken und zu erleben. Es geht darum, dass sie die Wirksamkeit ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie ihre emotionale Befindlichkeit erfahren und einordnen lernen.

VERLIEREN LERNEN?

Häufig ist zu hören, im Spiel könne das Verlieren gelernt werden. Dies sollte jedoch nicht das Ziel des Spielens sein, sondern es geht darum zu lernen, mit den sich aus einer Niederlage ergebenden Gefühlen und vielleicht auch Verletzungen umzugehen. Einen Gewinn allein aus der Niederlage anderer zu ziehen soll durch das gemeinsam Erreichte relativiert werden. Das wäre ein Vorteil für alle und die bewährte „Hilfe zur Selbsthilfe“, das Empowerment.

Konkret heißt das, es braucht ein vielfältiges Angebot unterschiedlicher Spielarten: Sinnes- und Naturerfahrungsspiele, Deduktionsspiele, Lauf- und Sportspiele, Sprach- und Musikspiele, vielleicht historische und selbstverständlich neue Spiele, beispielsweise New Urban Games. Bücher mit Vorschlägen und Anleitungen sind in einer Vielzahl auf dem Markt. Das Angebot, eigene Spiele in der Gruppe gemeinsam zu entwickeln, ist mit Blick auf die pädagogischen Ziele sehr förderlich.

Beispiel für ein New Urban Game: „STADTMARKER“

Die Gruppe teilt sich in kleine Teams auf, jedes braucht als Material ein Smartphone oder eine Digitalkamera und bekommt einen de’finierten Teil eines Ortes, Stadtteils oder Gebäudes zugeordnet (Foto eines Stadtplans, eines Grundrisses). Jedes Team erkundet das entsprechende Gebiet und fotogra’ ert z. B. zwölf Details, Kunstobjekte, Gegenstände oder Wandzeichnungen in Ausschnitten und markiert und dokumentiert für sich die jeweiligen Fundorte dieser Aufnahmen.

Die Fotos werden dann in einer Datei (pdf, Foto-Collage) zusammengesetzt. Nach einer vereinbarten Entdeckungszeit, zum Beispiel 45 Minuten, treffen sich alle Teams und übertragen sich gegenseitig die „Stadtmarker“-Dateien. Nun gilt es, die entsprechenden Fundorte der jeweils anderen Teams zu finden und in ihrer Lage zu dokumentieren (erneutes Foto, Lagebeschreibung oder Kennzeichnung im Plan).

Nach 30 Minuten Suche finden sich die Teams zusammen und präsentieren sich gegenseitig ihre Funde.

SPIEL DARF NIEMALS PFLICHT SEIN

Spielverderber:innen gibt es nicht! Vielmehr gibt es Gründe für jemanden, nicht mitspielen zu wollen. Für eine Spielleitung gilt es sensibel herauszufinden, worin diese liegen können. Und sie ist gefordert, gegebenenfalls darauf einzugehen und zu überlegen, auf welche Weise neu zum Mitspielen motiviert werden kann, zum Beispiel mit einer veränderten Spielform oder angepassten Spielregeln.

Wie ein Spiel entsteht? Dafür gibt es zahllose Möglichkeiten und Abläufe. Häufig ergibt sich ein Spiel durch ein attraktives Material, das dazu einlädt, etwas damit anzufangen – beispielsweise eine große Menge Tücher, Kugeln, Schlauchstücke, Vorhangringe, Holzklötzchen und Ähnliches.

Vor der Spielentwicklung sind einige Kriterien zu bedenken, darunter:

  • Zielgruppe (Alter, Größe, Entwicklungsstand, Fähigkeiten)
  • Zu erreichendes Ziel (Zusammenhalt, Kooperation, Kreativität, Fertigstellung, Schnelligkeit, Genauigkeit etc.)
  • Lebenswirklichkeit und Interessen
  • Entwicklungsstand der Gruppe, Gruppenphase (Hemmnisse, Konflikte)
  • Zeit
  • Örtliche Gegebenheiten
  • Sicherheit
  • Materialeinsatz und Nachhaltigkeit

DIE QUELLE ALLES GUTEN

Spiel stellt ein lebensumfassendes und -begleitendes Phänomen dar. Es ist Abbild der Gesellschaft und des Lebens. Spiel erfolgt in einem geschützten Rahmen und ist doch stets realistisch und wirklich, zudem eine elementare und grundlegende Lebensbewegung. Ohne Spiel kann der Mensch nicht werden und nicht sein. Oder wie es der Pädagoge Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782–1852) formulierte: „Die Quelle alles Guten liegt im Spiel.“


Zum Weiterlesen

Spielmobile e.V. (Hg.): Perspektiven des Spiels. Spielpädagogisches Lesebuch. Freiburg 2015.
gruppe & spiel. Zeitschrift für kreative Gruppenarbeit. Friedrich Verlag, Hannover, vier Ausgaben jährlich.

Uli Geißler: Spielpädagogik. In: Yvonne Kaiser, Matthias Spenn, Michael Freitag, Thomas Rauschenbach, Mike Corsa (Hg.): Handbuch Jugend. Evangelische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich, Opladen, Berlin, Toronto 2013, S. 441 ff.
Uli Geißler: New Urban Games. In: gruppe & spiel. Zeitschrift für kreative Gruppenarbeit, Heft 4/2020, Friedrich Verlag, Hannover, S. 37 ff.


Der Autor

Uli Geißler
ist Spiel- und Kulturpädagoge, Spiele- und Buchautor und Diakon i. R. Er war langjähriger Ausbildungsleiter im Bundesverband Kulturarbeit in der evangelischen Jugend e.V. (bka) sowie Referent für Spielpädagogik in der Ausbildung Kulturpädagogik des Instituts für Jugendarbeit Gauting des BJR
uli.geissler@gmx.net