„Reflexionsräume bieten, Rahmen erarbeiten“

Jugendarbeit und ihre politische Kommunikation müssen sich auf die mediatisierten Lebenswirklichkeiten von jungen Menschen einstellen. Ein Gespräch mit Matthias Fack und Michael Voss über den „digitalen Ermöglichungsraum“ (15. Kinder- und Jugendbericht), der Teilhabe bietet, die außerschulische Bildungs- und Beziehungsarbeit aber auch vor neue Herausforderungen stellt

Interview: Cornelia Freund

Medien prägen die Lebenswelt von Jugendlichen. Welchen Einfluss hat das auf die Jugendarbeit?

Voss: Für Jugendzentren kommt es zu einer Konkurrenzsituation: Nutze ich als Besucher_in das analoge Angebot oder den Computer, etwa für Online-Spiele. In Finnland bieten Jugendzentren beides: Dort können junge Leute den 3-D Drucker nutzen, und dazu können sie auch die Technik lernen.

Fack: Wir hängen in Deutschland fachlich hinterher. Die Herausforderung ist, Berührungsängste von Fachkräften der Jugendarbeit und Jugendhilfe abzubauen und Medien als Teil der Lebenswirklichkeit junger Menschen anzusehen. Ich glaube, dass beide Welten sich durchaus auch spreizen, dass die digitale für manche Fachkräfte eine neue Welt ist. Dazu gibt es noch keine überragenden Ansätze, aber erste Überlegungen: Die Kommission des Bundesfamilienministeriums beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Engagement-Bereich auch in der Jugendarbeit, erste Doktorarbeiten untersuchen Ansätze in dem Themenfeld. Aber wir sind weit davon entfernt, von einer Digitalisierung der Jugendarbeit zu sprechen. Das nehme ich nur im Bereich der Kommunikation und Organisation wahr, und da stellen sich schon viele Grundsatzfragen. Es gibt – für mich unverständlicherweise – das Verbot in einigen Kommunen, Einrichtungen und Trägern, mit WhatsApp zu agieren, was völlig konterkarierend zum Medienverhalten von Jugendlichen ist. Das heißt letztlich, als Fachkraft bewege ich mich nicht dort, wo auch meine Zielgruppe ist.

Wie wirkt sich das auf die pädagogische Arbeit aus?

Fack: Gerade im Flächenland Bayern gibt es immer noch große Unterschiede in der Breitbandversorgung. Deswegen plädiere ich schon seit Jahren dafür, den digitalen Raum als öffentlichen Raum zu verstehen. Das heißt, dass der Staat die Aufgabe hat, diesen Raum sicherzustellen, Regeln aufzustellen und so zu gestalten, dass junge Menschen partizipieren können. Jugendschutz ist ein bedeutendes Thema, auch Medienkompetenz muss gestärkt werden. Nur weil Jugendliche sich in der mediatisierten Welt aufhalten, heißt das noch lange nicht, dass sie kompetent in allen Bereichen sind. Reflektiert mit Medien umgehen, das ist eine Kernkompetenz, die zukünftig immer wichtiger wird.

Voss: Medienkompetenz-Angebote und Jugendschutzmaßnahmen leben von der Qualifizierung der Pädagog_innen. Nach Hard- und Software zu rufen ist die eine Sache. Diejenigen in die Lage zu versetzen, dass sie damit auch arbeiten können, eine andere. Hier muss außerschulische Bildung auf Augenhöhe stattfinden können, beispielsweise wenn ein Jugendlicher den Pädagog_innen Medienpraktiken zeigt und erklärt.
Hate Speech ist nur ein Thema von vielen, mit denen junge Menschen im Netz konfrontiert sind. Jugendarbeit kann dazu Reflexionsräume bieten, Rahmen erarbeiten. Generell gilt: Wenn ich digitale Medien nutze, sollte ich die Technologien kennen und Gefahren betrachten – aber auch die Chancen sehen und Ängste nehmen.

Fack: Die Perspektive von Erwachsenen auf diese jugendlich geprägte und sozialdurchdringende Medienwelt ist oft eine veraltete. Was Jugendliche sich wünschen und fordern, besonders Mitbestimmungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten, ist kaum berücksichtigt. Mediatisierte Lebenswelten zeichnen sich auch dadurch aus, dass Jugendliche nicht nur konsumieren und sich weiterbilden, sondern auch produzieren, sich darstellen. Um diese Identitätsarbeit zu erfassen, ist ein massiver Einstellungswandel der Erwachsenen notwendig.

Im Interview mit euch beiden in der juna 2/2014 habt ihr mehr Raum für Jugend in den Medien gefordert. Haben sich diese Erwartungen erfüllt? Sind sie überholt?

Voss: Eine wichtige Errungenschaft ist das Fachprogramm Medien. Es ist Grundlage dafür, dass Antragsteller_innen aus verbandlichen oder offenen Kinder- und Jugendarbeit ihre Ideen umsetzen können und niederschwellig beim BJR dafür Geld erhalten.

Fack: Es setzt bei den Bedürfnissen von Jugendlichen an und nicht bei der Vorstellung von Erwachsenen davon, was Jugendliche lernen sollten. Ich bin glücklich, dass wir es geschafft haben, Geld dafür zu erhalten und zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung zu vereinbaren, wie wir die Mittel verteilen. 2014 hatten wir noch andere spannende Fragen. Ich erinnere mich an PULS, mein Leib-und-Magen-Thema, das im Radio über UKW empfangbar sein sollte, aber nach wie vor via DAB+ sendet. Allerdings ist die Zeit nicht stehen geblieben, die Digitalisierung im Hörfunk ist vorangeschritten. PULS hat sich etabliert und gibt wesentliche Impulse. Und der Jugendsender FUNK funkt dort, wo junge Menschen sind, nämlich auf sozialen Plattformen – ein Riesenerfolg. 
Ich nehme auch wahr, dass die Berichterstattung über die Lebenswirklichkeit Jugendlicher und deren Engagement zugenommen hat. Spannend wird es in diesem Jahr, weil der Rundfunkbeitrag immer noch unter Druck steht und die Politik nicht in der Lage ist, den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Gesellschaft zu kommunizieren. Ich hoffe, dass Jugend nicht aus dem Fokus der Medien fällt. In den letzten Jahren haben Medienhäuser verstanden, dass junge Menschen immer weniger Radio und Fernsehen linear konsumieren, sondern sich im Internet z.B. über Mediatheken bedienen. Insofern entsteht auch hier Kostendruck, der Fragen und Forderungen mit sich bringt. Es wird spannend werden, wohin das Geld in einer sich demografi sch wandelnden Gesellschaft geht und wie Jugendliche berücksichtigt werden.

Voss: Eine der wesentlichen Forderungen auch des privaten Rundfunks ist, den Rundfunkbeitrag anzupassen und damit aktive Medienarbeit junger Menschen fördern zu können.

Welche Ziele verfolgt die Landesvorstands-Arbeitsgruppe Digitalisierung, die seit 2019 besteht?

Voss: So heterogen die Vorstellungen und Arbeitsfelder der Mitglieder auch sind, ein Ziel war schnell fassbar: Am Ende soll etwas stehen, das praktische Handlungsoptionen bietet. Damit sollen Forderungen verbunden sein sowie ein nach innen gerichteter Appell, der Veränderungsbedarf, etwa in der Kommunikationskultur, aufzeigt.

Wie schaffe ich soziale und politische Teilhabe? Was braucht es, um die Strukturen der Jugendarbeit gut digital aufzustellen?

Fack: Geld. Jugendorganisationen sind nicht in der Lage, sich immer wieder Technik auf dem neuesten Stand anzuschaffen. Seitens des BJR darf die auch gar nicht gefördert werden – für mich nicht nachvollziehbar. So wie Häuser gebaut werden, braucht es entsprechende Infrastruktur, denn: Junge Menschen lösen sich nicht auf, weil es einen digitalen Raum gibt. Sie wollen sich nach wie vor Face-to-Face treffen und in Beziehung zueinander sein. Warum also nicht darüber nachdenken, digitale Jugendzentren zu entwickeln? Für Jugendorganisationen muss dafür Equipment zur Verfügung stehen, damit sie sich im digitalen Raum aufhalten können. Dazu müsste sich der Staat Gedanken machen.

Voss: Der Staat ist auch anderweitig gefordert. Wenn ich mir den Regelsatz für einen jungen Menschen anschaue, der im Hartz-IV-Bezug in einer Bedarfsgemeinschaft mit den Eltern lebt, ist nicht um digital partizipieren zu können. Da geht die Schere auseinander: Die einen haben jedes Jahr das neueste Handy und den Mega-Volumen-Vertrag; ein junger Mensch mit knapper Kasse ist abgeschaltet. Es heißt: Sei medial super aufgestellt! Kenne dich mit Technik und Computersprachen gut aus! Was aber, wenn ich zu Hause keinen Computerhabe, um das bisschen Informatik aus der Schule weiter auszuprobieren?

Dirk von Gehlen plädiert für einen pragmatischen, gelassenen Umgang mit digitalen Medien. Was sind eure Tipps zur Bewältigung von gefühlter oder realer Überkomplexität?

Fack: Gelassenheit und nicht die eigenen Befürchtungen als Erwachsene_r auf die Lebenswirklichkeit von jungen Menschen überbügeln.

Voss: Und die Akzeptanz, dass Mediennutzung einen Sinn und Wert an sich hat, dass sie mit der Aneignung von Fähigkeiten und Kompetenzen verbunden ist.