Gemeinsam erinnern

von Aletta Beck

Trotz aller seit dem Jahrtausendbeginn unternommenen Bemühungen um eine gemeinsame europäische Erinnerung an die Shoa sind die Unterschiede in den nationalen Erinnerungskulturen der verschiedenen Länder nicht geringer geworden. Dass die Einführung eines gemeinsamen Gedenktages im Top-down-Prinzip in möglichst vielen Ländern aus einem gemeinsamen Datum eine gemeinsame Deutung machen könnte, ist auch nicht zu erwarten: Jede Erinnerungskultur ist immer Ergebnis und zugleich Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit einer spezifischen Vergangenheit. Diese Auseinandersetzungen spielen sich zumeist im nationalen Rahmen ab, innerhalb dessen Erinnerungskulturen immer auch eine identitätsstiftende Funktion in Bezug auf die Nation erfüllen und damit mehr zur Abgrenzung als zu einer Annäherung über Ländergrenzen hinweg beitragen. Um diesem Nebeneinander der Erinnerungen, das im Zweifelsfall schnell in ein Gegeneinander umschlagen kann, zu entgehen, muss die Auseinandersetzung um die gemeinsame Geschichte und die Erinnerung daran den nationalen Kontext überschreiten und gleichzeitig für Einzelne konkret erfahrbar werden. Dies kann notwendigerweise nur in kleinen Schritten geschehen. Jede einzelne Begegnung zwischen (jungen) Menschen aus verschiedenen Ländern, die eine gemeinsame Auseinandersetzung mit den verschiedenen Perspektiven auf die Geschichte ermöglicht, kann ein solcher Schritt sein.

 Aletta Beck ist Historikerin beim tschechischen Institut Theresienstädter Initiative, ein Partner des Museums der Roma-Kultur in Brno, mit dem der BJR seit 2017 kooperiert.