Freiräume für junge Menschen - ein Privileg der Jugendarbeit?

von Dr. Christian Lüders

Wenn es um Freiräume für junge Menschen geht, ruft als Erstes die Jugendarbeit: „Hier bei uns!“ – Den Pfad dazu legte der DBJR mit seinem einstimmigen Beschluss auf der Hauptversammlung im Mai 2010, der unter dem Titel „Selbstbestimmt und nicht verzweckt – Jugendpolitik neu gestalten“ als Position 73 veröffentlicht wurde. Nach von der fast anthropologisch anmutenden Feststellung, dass „junge Menschen neben der notwendigen Anregung und Erziehung Freiräume als Räume ohne staatliche oder gesellschaftliche Vordefinitionen (benötigen), in denen das Aufwachsen so wenig wie möglich von außen gesteuert oder normiert wird“, folgt erst mal die vertraute Programmatik der Jugendverbände als Orte der „Selbstorganisation junger Menschen“. Darauf aufbauend wird die Jugendpolitik aufgefordert, „im Spannungsfeld von Erziehung und Aneignung sowie Reproduktion und Transformation Rahmenbedingungen für die eigenständige Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen zu sichern. Der Erhalt und der Ausbau von Freiräumen ist dafür wesentlich. Gleichzeitig müssen Jugendverbände – Selbstorganisationen junger Menschen – in ihrer Wesensart und ihrem besonderen Wert für junge Menschen und für die Gesellschaft wieder stärker wahrgenommen und gefördert werden.“

RÄUME DER FREIHEIT

Dies ist eine in jeder Hinsicht elegante Argumentation. Zwar wird nirgends in dem Papier explizit behauptet, dass Jugendverbände die geforderten Freiräume bieten würden. Zugleich wird genau dies aber nahegelegt, und mittlerweile sind weite Teile der Jugendarbeit – nicht nur der verbandlichen – davon weitgehend überzeugt.

DIE VERZWECKTE GESELLSCHAFT

Das Modell ist im Kern einfach gestrickt: auf der einen Seite die weitgehend verzweckte Gesellschaft, auf der anderen Seite die Freiräume, die vonseiten der Jugendarbeit zur Verfügung gestellt werden. Dass dieses Modell einige paradoxe Elemente enthält, fällt nicht selten unter den Tisch. Wenn die Bedingungen des Aufwachsens in dieser Gesellschaft tatsächlich – so wie behauptet – weitestgehend verzweckt sind, wäre es klärungsbedürftig, warum diese Gesellschaft auf die Idee kommen sollte, ihre eigenen Gegenwelten in Form von Jugendarbeit zu ermöglichen, vulgo: öffentlich zu finanzieren. Hinzu kommt, dass die These von der nicht verzweckten Jugendarbeit bei genauer Hinsicht schnell brüchig wird – und dies gerade, wenn man sich die Jugendverbandsarbeit ansieht. In jeder Vereinssatzung finden sich von Erwachsenen formulierte Zwecke des Verbandes. Gravierender ist aber eine andere Überlegung, auf die der 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung kürzlich aufmerksam gemacht hat. Wenn man konsequent die Perspektiven junger Menschen einnimmt, zeigt sich, dass Freiräume ein relationales Konzept darstellen. Dabei ist zunächst die Vielfalt der unterschiedlichen Lebenslagen junger Menschen zu berücksichtigen. Daraus ergibt sich unvermeidlich, dass junge Menschen sehr heterogene „Vorstellungen darüber haben können, was für sie Freiräume sind oder sein könnten. Was für den einen als eine erstrebenswerte Idee von Freiraum erscheint, kann für den anderen Ausdruck der Fremdbestimmung sein.“

SELBSTKRITISCH BLEIBEN

Jugendarbeit tut also gut daran, an dieser Stelle selbstkritisch zu bleiben und nicht zu viel zu versprechen. Mit dem Ringen um Freiräume setzt sie an einer richtigen Stelle an, weil viele Menschen immer häufiger das Gefühl haben, dass die eigenen Gestaltungsräume enger werden und dass sie zunehmend unter Zeitnot, Druck, Rastlosigkeit und Verdichtung leiden. In dem Begriff Freiraum wird also eine über die Generationen hinweg anzutreffende Gegenwartserfahrung gespiegelt. Zugleich eröffnet Jugendarbeit nicht gleichsam als institutioneller Ort Freiräume, sondern sie ist gefordert, diese in der Auseinandersetzung mit den jungen Menschen immer wieder neu zu ermöglichen. Sie bietet dafür günstige Voraussetzungen – insofern hat der DBJR und alle, die ihm folgen, recht. Sie ist aber keineswegs dafür ein exklusiver und selbstverständlicher Ort. 

Der Autor

Dr. Christian Lüders ist Leiter der Abteilung "Jugend und Jugendhilfe" am Deutschen Jugendinstitut in München und Vorsitzender des Bayerischen Landesjugendhilfeausschusses.