Vernetzt Euch!

Die Kommission Mädchen- und Frauenarbeit war 1995 die allererste, die beim BJR gegründet wurde. Wir sprachen mit zwei engagierten Mitgliedern über Geschichte und Gegenwart der Kommission, über Feminismus, Frauenbilder und die Frage, was die Digitalisierung für Mädchen bedeutet.

Interview von Dominik Petzold
Illustrationen: Katrin Funcke

Was hat die BJR-Frauenkommission im Lauf der Jahre bewegt?

Simone Herold: Man kann inzwischen über den Begriff Geschlecht reden, ohne allzu große Verwunderung auszulösen. Die Kommission hat erreicht, dass in den Strukturen der Jugendverbandsarbeit viele Dinge selbstverständlicher geworden sind, dass etwa in Förderprogrammen geschlechtsspezifische Zielsetzungen abgefragt werden. Die Frauenkommission hat auch viel dazu beigetragen, Geschlechtsspezifik als Qualitätsstandard zu etablieren.

Worüber diskutieren Sie gerade in der Kommission?

Zahra Akhlaqi: Es gibt Dauerthemen wie Partizipation. Im Rahmen der Kommission gibt es außerdem Arbeitsgruppen, die sich öfter treffen und an verschiedenen Projekten und Themen arbeiten. Wir beide sind gerade in der AG „Frauen und Flucht“. Weitere wichtige Themen sind Europa, geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung, Digitalisierung und Medien.

Simone Herold: Wir greifen in der Kommission immer die aktuellen gesellschaftlichen Themen auf. Seit einigen Jahren entwickelt sich zum Beispiel die digitale Welt zusehends zu einem zentralen Thema. Es geht um Selbstdarstellung, Selbstvermarktung und Rollenbilder.

Wie groß ist in dieser Hinsicht der Druck auf Mädchen und junge Frauen?

Simone Herold: Mädchen hatten und haben immer Druck, sich darzustellen – jetzt eben auch im Internet. Informationen zur Person, Bilder, Daten – alles wird in Windeseile in einem breiten Rahmen publik, das kann sehr schnell negative Auswirkungen nach sich ziehen.

Wie nehmen Sie Frauenbilder in den Medien wahr?

Zahra Akhlaqi: Ich habe selbst einen Fluchthintergrund und deshalb  muss ich an Frauen mit Fluchterfahrung denken. Wenn man von „Flüchtlingen“ spricht, denkt man da an Frauen? An die 15-jährige Zahra, die mit ihrer Schwester auf der Flucht ist?

Simone Herold: Genügend Untersuchungen zeigen: Die Geschlechterstereotype der vergangenen Jahrzehnte setzen sich in den Medien fort. In den Darstellungen gehen die Jungs aufs Fußballfeld und präsentieren ihre Erfolge – die Mädels gehen Kleidung und Accessoires einkaufen und schminken sich.

Zahra Akhlaqi: Ja, wenn man auf YouTube scrollt, sieht man Jungs, die zocken oder lustige Challenges machen. Und für Mädchen sieht man Themen wie Diät, Work-out und Make-up-Tutorials.

Es wird also oft ein falsches, oberflächliches Rollenbild vermittelt?

Zahra Akhlaqi: Es kann sehr problematisch sein, wenn man das Dargestellte nicht reflektiert. Die meisten Eltern wissen gar nicht, was auf Plattformen wie YouTube für Jugendliche angeboten wird. Das kann schon gefährlich sein, etwa wenn es um ein Thema wie Diäten geht. Da gibt es ganz unnatürliche Vorbilder. Eltern sollten großen Wert darauf legen, ihren Kindern den richtigen Umgang mit sozialen Medien beizubringen.

Simone Herold: Wenn sich Menschen nur auf wenige Merkmale reduzieren und darüber kommunizieren, wird es schwierig. Dabei werden meist eher traditionelle Rollenbilder bestärkt als innovative, freiheitsliebende, fortschrittliche.

Mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit: Welche Defizite empfinden Sie am stärksten?

Simone Herold: Mich bewegen zwei Themen:

  • Frauen in Führungspositionen - hier ist noch sehr viel Luft nach oben 
  • und die Frage, wie Familienaufgaben und Kindererziehung aufgeteilt werden. Meine Wunschvorstellung ist: halbhalb. Ein Kind kann sich beim Vater genauso wohl fühlen wie bei der Mutter und kann in seiner Entwickung die gleiche Stärkung und Förderung erfahren. Die Frage ist auch nicht, ob schon genügend Hausarbeit getan ist, wenn der Müll herausgetragen und Staub gesaugt ist. Fünfzig-fünfzig sieht anders aus.

Zahra Akhlaqi: Ich kann nur zustimmen. Die Gleichberechtigung haben wir geschafft, aber die Gleichstellung muss noch folgen. In Zusammenhang mit dem Thema Flucht muss sich auch einiges ändern. Viele Menschen – vor allem Frauen – fliehen wegen einer geschlechtsspezifischen Ursache. Das wird von Behörden zum Teil nicht berücksichtigt. Und viele Frauen haben wegen ihrer finanziellen Situation nicht die Möglichkeit zu fliehen. Wir brauchen mehr legale Fluchtmöglichkeiten für sie. Außerdem werden Frauen auf der Flucht immer noch Opfer von Menschenhandel. Das muss sich ändern.

Dieses Thema wird wenig diskutiert. Kreist der deutsche Feminismus zu stark um die Probleme im eigenen Land?

Simone Herold: Ich würde das nicht gegeneinander aufrechnen. Es sind unterschiedliche Handlungsebenen. Wir bemühen uns mit Aktivitäten zum Weltmädchentag oder zum Internationalen Frauentag stark, internationale Perspektiven einzubeziehen. Wir haben in unseren Einrichtungen einen sehr hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, insofern sind die Lebenssituationen von Mädchen und Frauen in anderen Ländern, Kulturen oder religiösen Zusammenhängen schon präsent.

Zahra Akhlaqi: In einer globalisierten Welt kann man nicht nur lokal denken. Die Kommission bemüht sich um internationalen Austausch, man denke nur an den Israel-Austausch.

In der Kommission kommen verschiedene Generationen zusammen. Welche Konflikte gab es da im Lauf der Zeit?

Simone Herold: Ich kann mich nur an eine kurze Diskussionszeit erinnern, in der junge Frauen sagten: Wir sind völlig gleichberechtigt. Vielleicht empfinden das junge Frauen so, aber objektiv gesehen stimmt es nicht. Aus meiner Perspektive sind Gleichberechtigung und Gleichstellung noch nicht erreicht. Ansonsten kann ich mich in der Kommission an keine besonders kontroversen Diskussionen erinnern.

Zahra Akhlaqi: Ich denke, meine Generation ist da ziemlich entspannt. Als in meiner Klasse das Thema Frauenquote diskutiert wurde, war ich als Einzige dafür. In der Frauenkommission waren hingegen alle meiner Meinung – da habe ich mich sehr wohl gefühlt.

Wieso nehmen sich junge Frauen als gleichgestellt wahr?

Zahra Akhlaqi: In der Schule merkt man gar nicht so sehr, dass es Unterschiede gibt. Sehr viel passiert dann bei der Geburt des ersten Kindes. Um die 30 machen Männer ihren größten Karriereschritt. Erst beim Wiedereinstieg ins Berufsleben fallen Frauen ihre Nachteile auf.

Simone Herold: Die jungen Frauen sind top ausgebildet, können alles, dann bekommen sie ein Kind und in den nächsten Jahren verlieren sie dann gegebenenfalls den Anschluss und verpassen Weiterentwicklungen. Dadurch erfahren sie oftmals berufliche und finanzielle Nachteile, was sich in der Lebensunterhaltssicherung und später in der Rente auswirkt. Hier wären unterstützende und kompensierende gesetzliche Rahmenbedingungen und Sicherungssysteme gefragt.

Welche strukturellen Maßnahmen können die Situation der Frauen insgesamt verbessern?

Simone Herold: Die Quote ist ein wirkungsvolles Instrument. Keine Frau braucht sich Sorgen zu machen, ausschließlich wegen ihres Geschlechts eingestellt zu werden. Es werden sowieso nur qualifizierte Leute eingestellt, und niemand kommt nur wegen eines Merkmals in eine wichtige Position – außer persönliche Beziehungen spielen eine übergeordnete Rolle.

Zahra Akhlaqi: Führungspositionen sollten geteilt werden, sodass Familie und Karriere zu vereinbaren ist. Parité würde auch dabei helfen, mehr Frauen für politische Ämter zu gewinnen.

Wie wichtig sind weibliche Netzwerke, um mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen?

Simone Herold: Vernetzung ist eines der wichtigsten Instrumente, um Leben aktiv zu gestalten. Da geht es um die Teilung von Ressourcen und Know-how, um gegenseitige Unterstützung und Motivation. Wenn Sie sich anschauen, welche wirtschaftlichen und politischen Netzwerke Männer über viele Jahrhunderte kultiviert haben, dann wissen Sie, wie die Welt funktioniert. Weil ich schon länger in ähnlichen Kontexten arbeite, bin ich an verschiedenen Punkten vernetzt und merke, wie hilfreich das ist. Für Frauen ist das sehr wichtig, weil sie von der historischen Entwicklung her eben nicht die gleichen Netzwerke haben wie Männer.

Zahra Akhlaqi: Die Kommission ist ein gutes Beispiel hierfür. Die Frauen informieren sich dort gegenseitig über die aktuell relevanten Projekte der Mädchen- und Jugendarbeit. Auf diesem Weg haben zum Beispiel die Frauen von heimaten e.V. von der Aktion „Platz da für Mädchen* und junge Frauen*“ des KJR München-Stadt erfahren – und dann mitgemacht.

Die Digitalisierung revolutioniert die Welt – und die (technischen) Schaltstellen sind von Männern besetzt. Wird das die Gender-Ungerechtigkeit fortschreiben oder sogar verstärken?

Zahra Akhlaqi: Mein Bruder ist Informatiker. In seinem Jahrgang gab es zwei Studentinnen – und eine hat abgebrochen. In der Schule hatten wir das Fach Informatik, da hat man uns etwas Programmieren beigebracht, und die Mädels hatten so viel Spaß am PC! Da wurde Interesse geweckt, zwei Freundinnen von mir studieren jetzt Medieninformatik. Da könnte man also etwas bewegen, aber es wird noch zu wenig getan. Und allein die Spiele sind ja voll auf Jungs zugeschnitten.

Simone Herold: Das ist ein maßgebendes Zukunftsthema, bei dem ich mir denke: Mein Gott, wieso verändern sich die Dinge nicht? Wenn, wie Zahra beschrieben hat, in einem Studiengang zwei Studentinnen und 100 Studenten sitzen, wird der Unterricht auf die Mehrheit zugeschnitten sein. Die Mehrzahl gibt die Lernformate vor, die Atmosphäre im Seminar – da kann frau schon die Lust vergehen. Damit bekommen Männer die Macht, die digitale Entwicklung zu gestalten. Wir versuchen, mit Mädcheninformationstagen mehr Lust auf diese Berufsfelder zu machen. Denn es muss dringend etwas passieren.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass wir irgendwann in einer geschlechtergerechten Welt leben?

Simone Herold: Beruflich habe ich mit bestimmten Zielgruppen zu tun, und diese Gruppen stimmen mich verhalten optimistisch. In der öffentlichen Wahrnehmung treten diejenigen, die sich engagieren und Dinge verändern wollen, oftmals gegenüber jenen in den Hintergrund, die laut „Genderwahn“ und andere Reizworte proklamieren und alte Rollenbilder hochhalten. Aber insgesamt geht es gesellschaftlich schon ein wenig voran.

Zahra Akhlaqi: Wenn ich sehe, wie viel die Frauen in der Kommission schon geschafft haben und wie aktiv die Mädels in meinem Verein sind, wie sie sich wehren, dann bin ich berührt und sehr positiv gestimmt. Und Hoffnung habe ich auch, wenn ich an die Haltung der Jungs aus dem Verein denke, an die Gespräche mit ihnen – und an meine jüngeren Brüder: Sie verstehen sich als Feministen.

Die Interview_Partnerinnen:

Zahra Akhlaqi wurde in Afghanistan geboren und wuchs im Iran auf. Von hier flüchtete sie mit 14 Jahren allein mit ihrer Schwester. Über die Türkei und Griechenland kam sie nach Deutschland, wo sie 2013 ihre Familie wiedertraf, die zwei Jahre zuvor geflohen war. Sie lernte Deutsch und machte Abitur, heute studiert sie im dritten Semester Jura an der LMU München. Sie ist Vorstandsmitglied von heimaten Jugend e.V. und seit zwei Jahren Mitglied der Kommission.

Simone Herold ist Abteilungsleiterin für Kinder- und Jugendarbeit beim Jugendamt der Stadt Nürnberg. Sie ist seit über 20 Jahren Mitglied der Kommission Mädchen- und Frauenarbeit. Die fachliche Weiterentwicklung und Umsetzung von Mädchenarbeit ist Teil ihrer Stellenbeschreibung.