Die Zukunft der Jugendverbände

Werkstätten der Demokratie

von Benedikt Sturzenhecker

Die Existenz von Jugendverbänden ist kein Selbstzweck. Sie müssen zeigen, dass sie Kindern und Jugendlichen das bieten, was diese brauchen, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Wir wissen, dass es künftig Risiken gibt, die die heutigen Kinder und Jugendlichen vor erhebliche Probleme stellen werden

Zu den Herausforderungen der Zukunft gehören unter anderem die globale Erwärmung und ihre Folgen wie Migration und möglicherweise Gewalt und Krieg, der kapitalistische Raubbau von endlichen Ressourcen sowie der globale Finanzkapitalismus. Jedenfalls ist klar, dass Kinder und Jugendliche für die Zukunft Fähigkeiten benötigen, neue Lösungen für solche Probleme zu entwickeln, weil sich die alten Lösungen als katastrophal herausstellen. Zudem werden sie solche Problemlösungen mit Menschen entwickeln müssen, die ihnen zunächst nicht vertraut sind, sondern eher fremd. Wie immer bei Krisen, die auf unterschiedliche kulturelle Lebensweisen und Interessen treffen, wird es eine große Differenz geben, die zu Konflikten führt.

Ein Modus einer konstruktiven gesellschaftlichen Konfliktbearbeitung ist die Demokratie. Einige Vorteile von Demokratie im Umgang mit Konflikten und Krisen sind: Demokratie ist inklusiv, denn alle Beteiligten dürfen ohne Voraussetzungen mitentscheiden. In gemeinsamen Entscheidungen auf der Basis einer argumentativ abwägenden, verständigungsorientierten Beratschlagung werden Lösungen gefunden, die für die Beteiligten bindend sind. Dies gilt jedoch nur so lange, bis die Community sie wieder revidiert. Demokratie ist ein lernendes System und so in der Lage, flexibel angemessenere Lösungen zu finden. Das Recht auf Mitgliedschaft und Mitentscheidung verpflichtet auch, gemeinsam getroffene Entscheidungen einzuhalten. Die Urheber von Entscheidungen sind also auch deren Adressaten. So entsteht Legitimität der Entscheidungen und Mitverantwortung für ihre Umsetzung statt Politikdistanz und Egoismus. So weit das Potenzial.

DEMOKRATIE IN DER KRISE

Die Demokratierealität in den westlichen Gesellschaften lässt sich jedoch nur als Krise bezeichnen. Viele Menschen analysieren, dass Demokratie nur noch von den Herrschenden simuliert wird. Zwar ist immer noch eine große Mehrheit für die Idee der Demokratie, aber ihre aktuelle Umsetzung sehen immer mehr Menschen als ungenügend an. Sie entdecken für sich auch keine Beteiligungsmöglichkeiten. Das ist nicht verwunderlich, denn besonders im Alltag der meisten Menschen gibt es kaum Chancen und Erfahrungen demokratischer Mitentscheidung. In der Wirtschaft bestimmt das Prinzip  der Profitmaximierung und der Zwang des Verkaufs der eigenen Arbeitskraft. In der Schule, die auf diese Ökonomie vorbereitet, dominieren Leistungsprinzip und Konkurrenz. In der Konsumsphäre kann man sich nur durch Kaufentscheidungen „beteiligen“ – wenn man das Geld hat. In der Kommunalpolitik gäbe es Beteiligungspotenziale, aber Kinder und Jugendliche empfinden sich auch hier als außen vor. In den Familien mag es zunehmend das Muster der „Verhandlungsfamilie“ geben. Aber hier bleibt man privat und es gibt keinen Übergang zur Mitentscheidung in Öffentlichkeiten.

 ORTE DER ERFAHRUNG

Jugendverbände können ein solcher Ort der Demokratieerfahrungen sein, wenn sie denn ihre strukturelle Charakteristik als demokratischer Verein realisieren. Anders als in den oben genannten gesellschaftlichen Bereichen gibt es hier ein riesiges Potenzial, Demokratie zu praktizieren. In den Jugendvereinen sind Kinder und Jugendliche berechtigte Mitglieder der Entscheidungsgemeinschaft, zu der sie sich freiwillig zusammenschließen. Das Prinzip der Ehrenamtlichkeit besteht in der demokratischen Wahl von Funktionsträgern sowie in der Übernahme von Mitverantwortung. Jugendvereine sind lokal organisiert. In der sozialräumlichen Lebenswelt auf der Ebene der politischen Kommune können sie so vom Lokalen aus mitsprechen und mitentscheiden. Als lokale Öffentlichkeit haben sie ein das Private überschreitendes kommunikatives Potenzial zur Diskussion und Entscheidung über Angelegenheiten, die alle gemeinsam betreffen. Deshalb bezeichnen sich Jugendverbände mit einer gewissen Berechtigung als „Werkstätten der Demokratie“ (DBJR). Diese Chancen intensiver Demokratiepraxis von Kindern und Jugendlichen in den Verbänden sind jedoch gefährdet. Das Potenzial der Integration und Verortung in gemeinschaftsstiftenden Milieus kann degenerieren, wenn man sich in den eigenen soziokulturellen Milieus abschottet und sich wie eine familiäre Gemeinschaft gestaltet. Mit einer solchen Familiarisierung und emotionalen Verbundenheit entsteht das Problem, dass die Binnenverhältnisse in den Jugendvereinen nicht durch eine demokratische Auseinandersetzung über Interessen und unter Abwägung von Argumenten und Lösungswegen bestimmt sind.

KINDER ALS KUNDEN

Ein weiteres Risiko der Zerstörung des Demokratiepotenzials der Jugendverbände liegt in ihrer zunehmenden Verbetrieblichung, also der Veränderung zu im Wesentlichen ökonomisch strukturierten Organisationen. Gerade durch die staatlich-politische Inpflichtnahme der Verbände ist eine solche Ökonomisierung gefördert worden. Sie entsteht zum Beispiel durch Erbringung von Dienstleistungen für die Ganztagsschule, die Übernahme der Trägerschaft offener Jugendeinrichtungen sowie durch die generelle Dominanz von Projektstatt Strukturförderung. Man gründet dann Trägervereine, in denen die Kinder und Jugendlichen selber nicht mehr demokratisch berechtigtes Mitglied sind, sondern stattdessen in Kunden von Dienstleistungen verwandelt werden. Folgen: Statt demokratischer Basisentscheidungen dominiert eine Kosten- beziehungsweise Profitorientierung. Statt als demokratische Selbstorganisation von Kindern und Jugendlichen zu wirken, wird der Verband zum Erziehungsdienstleister im Staatsauftrag. Kein Wunder, dass die Zielgruppen ihre Engagementbereitschaft verlieren. Demokratiebildung geht so verloren.

ENGAGEMENT ERHALTEN

Die Zukunftsfähigkeit der Jugendverbände für das Empowerment der Kinder und Jugendlichen zur demokratischen Mitentscheidung und Mitverantwortung kann erhalten bleiben, wenn sie radikal Demokratiepraxis als ihren Kern bestimmen und umsetzen. Das bedeutet, statt sich an staatlichen Erziehungsaufträgen auszurichten, unbedingt an die tatsächlichen lebensweltlichen Themen und Interessen der Kinder und Jugendlichen anzuschließen und diesen eine starke lokale Selbstorganisation und Demokratieerfahrungen zu eröffnen. Aktuelle Jugendstudien zeigen, dass bei Kindern und Jugendlichen Bereitschaft zu einem demokratisch- gesellschaftlichen Engagement sehr wohl vorhanden ist. Wenn sich Jugendverbände ihren Zielgruppen nicht als Dienstleister, sondern als Ermöglicher von demokratischer Selbstorganisation gegenüberstellen, werden sie überleben. Und damit auch die Überlebensfähigkeit der demokratischen Gesellschaft in der Zukunft stärken.

DER AUTOR
Dr. Benedikt Sturzenhecker ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hamburg.
benedikt.sturzenhecker@uni-hamburg.de