"Jugendverbände sind unverzichtbar"

Ein großes Anliegen ist Emilia Müller der Einsatz für Inklusion und die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrations- und Fluchthintergrund. Die Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration (CSU) – und damit auch Jugendministerin – gehört seit 2003 der Bayerischen Staatsregierung ununterbrochen an. Als Mutter und zweifache Oma weiß sie, was dazu gehört, Familie und Karriere unter einen Hut zu bekommen.

Text: Marco Runge

Frau Staatsministerin, kennen Sie Jugendarbeit aus Ihrer Jugend? Wenn ja, haben Sie besondere Erinnerungen an diese Zeit?
Jugendarbeit in ihrer ganzen Vielfalt, wie wir sie heute kennen, gab es in meiner Jugend so noch nicht. Es gab die Pfarrjugend und Pfadfinder. Projek­te, wie sie heute angeboten werden, etwa Fahrten in den Landtag, Bundestag oder das Europäische Parlament, waren damals noch nicht gang und gäbe.

Sie haben nach der Geburt Ihrer Kinder 13 Jahre ein „kleines Familienunternehmen geleitet“ und dann den Wiedereinstieg ins Berufsleben geschafft. Heute scheint unsere Gesellschaft weniger durchlässig zu sein. Ist das Berufsleben härter geworden?
Die 13 Jahre mit meinen Kindern möchte ich auf keinen Fall missen. Aber klar ist auch: Heute herr­schen ganz andere Rahmenbedingungen, um Fami­lie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Für jeden Lebensentwurf ist etwas dabei. Es existieren Ganz­ tagsbetreuung, Horte und flexible Öffnungszeiten. Ergänzt wird dieses Angebot durch das Elterngeld und auch das bayerische Betreuungsgeld für diejenigen Eltern, die die Betreuung ihrer Kinder selbst organisieren wollen. Diese Wahlfreiheit zwischen unterschiedlichen Betreuungsformen haben wir in den letzten Jahren in einer großen Kraftanstren­ gung geschaffen und hierfür viel Geld in die Hand genommen. Der Freistaat Bayern hat hier vieles vor­ angebracht.

Nach der letztjährigen Fastenpredigt auf dem Nockherberg hagelte es Kritik über frauenfeindliche Äußerungen der Bavaria, auch Ihnen gegenüber. Werden Frauen auf der politischen Bühne, aber auch in Wirtschaft und Gesellschaft, schärfer kritisiert als Männer?
Das Politiker­Derblecken ist in Bayern gute Tradi­tion, dem ich immer mit gesundem Humor begegnet bin. Aber ein gewisses Niveau muss auch hier gewahrt sein. Was den Stand von Frauen angeht, stimmt es schon: Frauen müssen sich den Respekt für ihre Leistungen hart erarbeiten – härter als Männer. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen zusam­ menhalten und sich füreinander einsetzen.

Jungen Leuten muss vermittelt werden, dass Europa nichts Abstraktes ist, sondern für jeden Einzelnen konkret erlebbar

Populismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sind in den letzten Jahren leider mehr und mehr gesellschaftsfähig geworden. Was können wir gegen diese Tendenzen tun?
Wir müssen uns dem entschieden entgegenstellen und klare Positionen dagegen beziehen. Hasstira­den, Pöbeleien oder sogar Rassismus dürfen in unse­rer Gesellschaft keinen Platz haben. Unsere Aufgabe ist es, konsequente Aufklärung zu betreiben und radikale Tendenzen im Keim zu ersticken. Deshalb haben wir mit verschiedenen Partnern ein Netzwerk für Prävention und Deradikalisierung gegen Salafis­mus gegründet. Speziell junge Menschen finden auf unserem Internetportal „Antworten auf Salafismus“ wertvolle Informationen und Tipps. Aber auch im Kampf gegen Rechtsextremismus sind wir aktiv und arbeiten hier mit einer eigenen Landeskoor­dinierungsstelle, die beim BJR eingerichtet ist, eng zusammen. Wer als junger Mensch den Wert des Miteinanders erkennt, ist gegen Parolen und Popu­lismus gut gerüstet.

Welche Möglichkeiten gibt es für Kinder und Jugendliche, um sich in der Politik effektiv Gehör zu verschaffen? 
Der BJR bietet vielfältige Lösungen an, um sich aktiv in unsere Gesellschaft einzubringen. Eine tolle Akti­on ist es zum Beispiel, Jugendliche und Europa­ politiker zusammenzubringen und den Austausch zu ermöglichen. Dies schärft nicht nur das Ver­ständnis dafür, wie das Zusammenleben und die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg funktionieren, sondern ist auch eine gute Möglich­keit für Jugendliche, ihre Anliegen und Wünsche zu artikulieren. Ich kann nur an alle Jugendlichen appellieren, sich zu engagieren. Eine hervorragende Möglichkeit bieten die Kinder­ und Jugendparlamen­te, die zahlreiche Kommunen anbieten. 

Ich kann nur an alle Jugendlichen appellieren, sich zu engagieren

Wie schätzen Sie den Stellenwert von Jugendverbänden in Bayern ein
Die Jugendverbände sind unverzichtbar. Sie sind wichtige Anlaufstellen für Jugendliche, sind Orte des Meinungsaustauschs, sie wecken das Interesse an gesellschaftlichem Engagement und leben zen­trale Werte vor. 

Welche Schwerpunktsetzungen sehen Sie für die Jugendarbeit – für die nächste Zeit und langfristig? 
Die Stärkung der Jugendverbandsarbeit, die Ge­staltung des demografischen Wandels, die Wei­terentwicklung der Kooperation von Jugendarbeit und Schule sind nur einige Schwerpunkte, die ich nennen kann. Eine große Herausforderung stellt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Mi­grations­- und Fluchthintergrund dar. Viele von ih­nen stammen aus anderen Kulturkreisen und müs­ sen sich mit unserem Verständnis von Miteinander, Gleichberechtigung und Demokratie oftmals erst vertraut machen. Der Jugendarbeit kommt hierbei eine herausragende Rolle zu. 

Sie waren sieben Jahre lang Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, die europäische Idee ist Ihnen ein Anliegen. Nicht erst seit dem Brexit gibt es viele Menschen, die Skepsis zeigen. Was braucht es, um junge Leute wieder mehr für die Idee von Europa zu begeistern? 
Die Idee von Europa ist nichts Antiquiertes, sondern gerade in heutigen Zeiten der weltweiten Flücht­lingskrise und des grenzüberschreitenden Terrors hochaktuell. Nicht national, sondern nur gemein­sam als Europäer können wir diese Herausforde­rungen bewältigen. Jungen Leuten muss vermittelt werden, dass Europa nichts Abstraktes ist, sondern für jeden Einzelnen konkret erlebbar: Ohne Europa wäre zum Beispiel der Jugendaustausch mit den benachbarten Partnerländern nicht so einfach. Für junge Leute ist das Europa der offenen Grenzen eine Selbstverständlichkeit und so soll es auch bleiben. 

Das Thema Inklusion ist für den BJR mit seinem neuen Fachprogramm „SelbstVerständlich Inklusion“ ein wichtiges Anliegen. Welche Erwartungen und Wünsche haben Sie bei diesem Thema? 
Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung, muss eine Selbstverständlichkeit werden. Das ist unser erklär­tes Ziel. Daher haben wir das Programm „Bayern barrierefrei“ ins Leben gerufen mit dem wir Bayern bis 2023 komplett barrierefrei machen wollen. Aber auch der Abbau von Barrieren in der Arbeitswelt ist uns ein großes Anliegen: Durch gezielte Förderung wollen wir erreichen, dass möglichst viele Menschen mit Be­hinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen können. 

Der BJR feiert 2017 sein 70-jähriges Jubiläum. Aus seiner historischen Entwicklung heraus steht es unter dem Motto „Gemeinsam Haltung zeigen“ – und damit für ein weltoffenes Wertesystem, für Pluralität und Demokratie. Was wünschen Sie dem BJR? Was geben Sie der Jugendarbeit mit auf den Weg in die Zukunft? 
Zunächst meine Gratulation zum 70­jährigen Be­ stehen – zu sieben Jahrzehnten wertvoller Arbeit! Machen Sie weiter so, mit so viel Energie und Begeis­ terungsfähigkeit. Auch in Zukunft bleibt es wichtig, für unsere Demokratie, für unsere Wertvorstellungen und ein faires Miteinander einzutreten und junge Menschen hierzu zu inspirieren.

VITA

Emilia Müller wurde am 28.09.1951 in Schwandorf geboren. Nach ihrem Abschluss als staatlich geprüfte Chemotechnikerin arbeitete sie zunächst für das damalige Max-Planck-Institut für Zellchemie in München und das Institut für Biochemie der Universität Regensburg. Seit 1999 war sie Mitglied des EU-Parlaments, bis sie 2003 zur Staatssekretärin im Bayerischen Umweltministerium berufen wurde. Von 2005 bis 2007 und von 2008 bis 2013 war sie Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, dazwischen Wirtschaftsministerin. Seit Oktober 2013 ist sie Bayerische Jugendministerin. Emilia Müller ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie lebt in der Oberpfalz.