juna #2.25 Demokratie-Bildung
Die Demokratie steht unter Druck – durch gesellschaftliche Spaltung, Desinformation, politische
Radikalisierung.
Mitentscheiden leichter machen
Die Forderung nach mehr Demokratiebildung wird oft dann laut, wenn Krisen das Vertrauen in demokratische Prozesse erschüttern. Doch politische Bildung ist nicht nur eine Frage von Belehrung, sondern sollte als eine kontinuierliche Querschnittsaufgabe verstanden werden.
In Bayern besteht bei der Demokratiebildung vielerorts nach wie vor eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, obwohl aufgrund der beträchtlichen Investitionen in die Kinderund Jugendarbeit hier ein großes Potential vorhanden ist. Im fünften „Ranking Politische Bildung“ der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2022 landete der Freistaat erneut auf den hinteren Plätzen. Bayerische Schüler:innen haben nicht nur deutlich weniger entsprechende Unterrichtsstunden als der bundesweite Durchschnitt, sie erleben auch häufig, dass politische Bildung nicht weit oben auf der Prioritätenliste steht. Nun wurde mit der „Verfassungsviertelstunde“ in der Schule ein Format eingeführt, das in 15 Minuten pro Woche demokratische Werte vermitteln will. Doch ein echtes Demokratieverständnis entsteht nicht allein durch ein Kurzprogramm, sondern vor durch eigene Erfahrungen in Hinblick auf gelebte Mitbestimmung im Alltag.
DEMOKRATIE MUSS ERFAHRBAR SEIN
Wer nie erlebt, dass seine Meinung zählt, wird später kaum für Demokratie einstehen. Ohne echte Beteiligungsmöglichkeiten bleibt Demokratiebildung eine theoretische Fingerübung – und Kinder und Jugendliche können kein tiefes Vertrauen in demokratische Prozesse entwickeln. Doch während fast alle Bundesländer Kinder- und Jugendbeteiligung in den Gemeindeordnungen gesetzlich verankert haben, fehlt in Bayern bis heute eine verbindliche Verpflichtung zur kommunalen Mitbestimmung. Dass junge Menschen mitreden dürfen, ist hier bislang nicht durch explizite kommunalrechtliche Regelungen verankert, sondern hängt vom Wohlwollen einzelner Bürgermeister:innen und Gemeinderät:innen ab. Natürlich gibt es auch in Bayern viele äußerst engagierte Kommunalpolitiker:innen und Spitzen der Kommunalverwaltungen, die für frischen Wind gesorgt haben. Es gibt deutschlandweit bekannte erfolgreiche Beispiele kommunaler Kinder- und Jugendbeteiligung wie etwa in Regensburg oder in Nürnberg. Wir haben eine lebendige Jugendarbeit mit vielen engagierten Vereinen und Initiativen, die Demokratiebildung und Beteiligung leidenschaftlich fördern. Doch ohne verbindliche Strukturen hängt Mitbestimmung noch zu oft vom Engagement einzelner Personen ab oder bleibt privilegierten Gruppen vorbehalten.
ANSPRUCH UND REALITÄT ZUSAMMENBRINGEN
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und gelebter Realität ist oft groß. Eine Siebtklässlerin aus Oberbayern sagte kürzlich zum Autor dieses Textes: „Wir sollen Demokratie lernen, aber dürfen bei fast nichts in der Schule mitentscheiden. Was bringt mir das?“ Und ein Jugendlicher aus Schwaben berichtete: „Bei uns gab es eine Wahl für die Jugendvertretung, aber niemand hat es uns vorher gesagt. Okay, es gab ein Plakat, aber keinen Brief, keine Info im Jugendzentrum oder in der Schule – und am Schluss entscheidet der Gemeinderat, ob die Wahl überhaupt zählt. Was ist das für eine Demokratie?“ Das sind berechtigte Fragen, auf die selbst politische Bildner:innen keine gute Antwort haben. Wer politische Bildung fördern will, sollte daher zunächst darüber nachdenken, wie man die Rahmenbedingungen und demokratische Strukturen vor Ort verbessern kann. Demokratiebildung kann nicht nachhaltig wirken, wenn sie sich nur auf einzelne Angebote beschränkt. Sie muss tief in den Strukturen verwurzelt sein. Junge Menschen müssen erleben, dass ihre Stimme zählt – nicht nur in Projekten, sondern im täglichen Miteinander. Die Jugendarbeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie schafft Räume, in denen junge Menschen demokratische Prozesse erleben. Ihre Erfahrung mit selbstbestimmten Beteiligungsformen kann auch Schulen und Kommunen helfen, demokratische Strukturen weiterzuentwickeln. Doch das gelingt nur, wenn sie selbst aktiv Unterstützung anbietet – sei es durch Workshops, Beratung, Beteiligungsprojekte oder langfristige Kooperationen. Gleichzeitig müssen Schulen und Kommunen diese Impulse aufgreifen und strukturell absichern. Demokratiebildung ist besonders wirksam, wenn sie gemeinsam in starken Kooperationsbeziehungen gestaltet wird.
ERWACHSENE MÜSSEN IHRE HALTUNG ÜBERDENKEN
Wer mit jungen Menschen arbeitet, muss sich auf echte Beteiligung einlassen. Das bedeutet, Macht zu teilen, Verantwortung zu übergeben und neue Wege zu gehen. Doch oft überwiegt die Angst, dass Kinder und Jugendliche zu viel Einfluss bekommen könnten. Dabei geht es ihnen nicht um Kontrolle, sondern lediglich um echte Mitgestaltung und die Wahrnehmung ihrer Beteiligungsrechte. Demokratiebildung kann nur gelingen, wenn Erwachsene bereit sind, ihre eigene Haltung zu überdenken. Ohne einen Perspektivwechsel bei den Erwachsenen bleiben politische Bildung und Beteiligung Worthülsen – und Demokratie ein Anspruch, der nicht eingelöst wird. Denn nur wer Demokratie erlebt, wird sie später verteidigen und den Mut haben, sie weiterzuentwickeln. •
Mahir Gökbudak, Reinhold Hedtke, Udo Hagedorn: 5. Ranking Politische Bildung. Politische Bildung im Bundesländervergleich. Bielefeld: Universität, Fakultät für Soziologie 2022.
Deutsches Kinderhilfswerk e.V.: Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Eine Zusammenstellung der gesetzlichen Bestimmungen auf Bundesebene und ein Vergleich der Bestimmungen in den Bundesländern und auf kommunaler Ebene. Berlin 2019.
Der Autor
Reportage: Eine Portion Zusammenhalt
Im Intermezzo in Fürstenried, einer Jugendeinrichtung des KJR München-Stadt, gibt es jeden Dienstag ein „Mädchen*cafe“. Bei einem Treffen bringen die Mädchen* Speisen aus den Herkunftsländern ihrer Familien mit – und lernen Interessantes über andere Nationen
Text von Mia Speckmaier
Am Eingang zu den Räumen des Jugendtreffs hängt ein Schild: „Zum Café“. Drinnen, in der Küche, herrscht reger Betrieb, Mädchen* reden laut durcheinander, verteilen Essen. Die Stimmung ist aufgeregt im Intermezzo in Fürstenried, einer Jugendeinrichtung des KJR München-Stadt. Neben den Schwerpunkten der Einrichtung – offene Ganztagsschule, Schulsozialarbeit, Jugendkultur, Kreativ-Werkstatt und Jugendtreff – findet hier jeden Dienstag das Mädchen*café statt. Auch heute sind zehn Mädchen* zwischen zehn und 13 Jahren gekommen.
In einem großen offenen Raum spielt leise Musik. In einer gemütlichen Sitzecke sitzen drei Mädchen* und unterhalten sich angeregt. Der große Billardtisch in der Mitte des Raumes dient heute als Büffet für das internationale Dinner. Auf einer weißen Tischdecke stehen schon ein paar gefüllte Teller mit verschiedenen Spezialitäten, es duftet süß, salzig, buttrig und würzig.
Bunte Leinwände, die die Mädchen* selbst gestaltet haben, geben Auskunft über die Herkunft der Speisen: Tortilla aus Spanien, türkisches Baklava, Sandwiches aus England, Oblatne aus Kroatien, uigurische Samsas, Pancakes aus Amerika, Brezen und Obatzter aus Deutschland, Croissants aus Frankreich oder Italien. Die Gerichte haben die Mädchen* zuhause größtenteils allein zubereitet. Viele von ihnen haben ihre Wurzeln in einem dieser Länder. Darum geht es heute: ihre Nationalitäten vorzustellen, andere Nationalitäten kennenzulernen und gemeinsam zu feiern. Das haben sich die Mädchen* gewünscht.
Großer Appetit und viele Fragen
„Wie ist die Hungersituation?“, fragt Jula. Zurück kommt ein einstimmig lautes „Ja!“.
Jula ist eine der Pädagoginnen im Intermezzo, neben der Projektleitung der offenen Ganztagsschule und der Arbeit im Jugendtreff betreut sie seit vier Jahren das Projekt Mädchen*cafe.
Die Mädchen* stürzen sich aufgeregt auf das Büffet. Einige Speisen sind für manche neu und immer wieder wird nachgefragt. „Was ist eine Tortilla?“, fragt ein Mädchen Vittoria, die sie mitgebracht hat. Diese erklärt gern die Spezialität und überzeugt ihr Gegenüber: „Ich glaube, das probier‘ ich, sieht lecker aus“.
Jula fragt ein paar der Mädchen*, ob sie etwas über ihr Gericht erzählen wollen. Zum Beispiel Nazaket, die Samsas mitgebracht hat, uigurische Teigtaschen mit einer würzigen Fleischfüllung.
Jula möchte von Nazaket wissen, ob sie etwas über ihr Land erzählen möchte. Nazaket überlegt: „In unserem Land ist man bekannt wegen der Freundlichkeit und dem Essen.“ Jula erklärt die politische Situation der Uiguren. Die Mädchen* hören gespannt zu.
Währenddessen probieren sich die Mädchen* weiter durch das kulinarische Büffet. Sam kreiert immer wildere Kombinationen, als nächstes ist Nacho mit Obatzter dran, Sam verzieht das Gesicht: „Das passt nicht zusammen! “ Jula und die Mädchen* lachen.
Die Stimmung beim Essen ist ausgelassen, alle reden durcheinander. Plötzlich entsteht ein kleiner Streit, ein paar Mädchen* machen sich einen Spaß daraus, besonders viele der Chilli-Nachos zu essen. Ein anderes Mädchen findet sie zu scharf und fühlt sich nicht ernst genommen, Jula kann den Streit jedoch schnell klären.
Allmählich sind alle satt. Das Essen ist vorbei, der Abend im Mädchen*café noch nicht, jetzt steht die Planung der nächsten Treffen an. Die Mädchen* rufen aufgeregt durcheinander. Jula hat ein Notizbuch herausgeholt, um sich die Vorschläge zu notieren. Alle sind sich einig: Eine Übernachtung muss auf jeden Fall auf die Liste. Fast alle Mädchen* recken aufgeregt die Hand in die Luft. Der nächste Vorschlag: Schwimmbad, der Vorschlag erhält lauten Zuspruch, doch Jula hakt ein. Ein Ausflug ins Schwimmbad ist ohne eine weitere Begleitperson nicht möglich. Die Augen richten sich auf Melanie, sie ist Sozialarbeiterin und unterstützt Jula manchmal bei den Treffen. „Melanie bitte komm mit!“ Und nochmal: „Bitte!“, rufen die Mädchen*. Sie lächelt und sagt zu. Die Mädchen* jubeln.
Aufräumen wie die Rock-Roadies
Jetzt muss noch aufgeräumt werden. Die Mädchen* beeilen sich, denn in der restlichen Zeit wird zur Belohnung Verstecken gespielt. Jula und Melanie sind beeindruckt: „Ihr seid so schnell, ihr könntet mit Bands auf Tour gehen und für sie die Bühne aufbauen.“ Die Mädchen* lachen stolz.
Nach mehreren Runden Verstecken spielen sind alle erschöpft. Es ist spät geworden, morgen ist Schule. Die Mädchen* schultern ihre Rucksäcke, verabschieden sich voneinander und laufen in Grüppchen nach draußen.
Das Mädchen*café ist ein wichtiger Ort für sie geworden. Jula erlebt hier, wie sie aufblühen, wie sie sich öffnen und weiterentwickeln. Gemeinsam starten sie tolle Aktionen, auch politische. Den Mädchen* wird ein Stück Teilhabe ermöglicht und diese nutzen sie. Das zeigt sich in ihrer großen Beteiligung an der Organisation der Treffen, aber auch im größeren Rahmen: Zusammen waren sie schon auf der zweiten Münchner Mädchen*konferenz und mehrmals bei der Initiative One Billion Rising vertreten.
Die Mädchen* sind es, die hier etwas zusammen verändern: Für Qori ist der Mädchen*treff ein Platz zum Wohlfühlen, ein Ort des Miteinander, an dem man sich verstanden fühlt. Für Anhelina sind es die Freundinnen, die sie im Mädchen*cafe gefunden hat: „Sie beschützen dich, und wenn es dir schlecht geht, dann trösten sie dich“. Zusammen haben sie einen Ort der Gemeinschaft erschaffen. Ein Ort, wie jedes Mädchen* ihn haben sollte.