Ein Stapel mit der juna Ausgabe 04/2025

juna #4.25 Erinnerungsarbeit

Erinnerungsarbeit gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer demokratischen Gesellschaft – und sie ist zugleich einer der anspruchsvollsten.

Wichtige Erinnerung

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, ist Historiker und Lehrstuhlinhaber an der Friedrich Schiller-Universität Jena; er erläutert, wieso die Erinnerungskultur für unsere Gesellschaft zentral ist und bleiben muss. Gerade jetzt, wo sie von rechtsaußen unter Druck gerät.

Für jede Gesellschaftsordnung ist der Blick auf die Geschichte konstitutiv und identitätsstiftend. Traditionell geschieht das vor allem im affirmativen Sinne: Überall auf der Welt erinnern Heldenstatuen auf öffentlichen Plätzen an Generäle, Staatsoberhäupter oder auch bekannte Musiker oder Dichter (meistens handelt es sich um Männer). Der Blick auf tatsächliche oder vermeintliche historische Heldentaten suggeriert Größe und Bedeutung auch in der Gegenwart (insbesondere für die Denkmalsstifter), zudem soll er die aktuelle Staats- und Gesellschaftsordnung legitimieren und eine integrative und identitätsstiftende Wirkung auf die Bevölkerung haben.

Doch neben dem affirmativen Blick gibt es auch die kritische, reflexive Präsentation von Geschichte. Sie mündet in der Forderung, dass aus Geschichte zu lernen sei, und das heißt vor allem: aus Fehlern in der Geschichte. Das betrifft in erster Linie postdiktatorische Länder, die auf eine von Regime- und Gesellschaftsverbrechen geprägte Geschichte mit massiven Menschenrechtsverletzungen zurückblicken. Für Deutschland ist – neben der Auseinandersetzung mit dem SED-Unrecht und dem Kolonialismus – der Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen konstitutiv für die demokratische Selbstverständigung der Gesellschaft, und zwar über die Frage, in welcher Gesellschaftsordnung und Staatsform man leben möchte.

ORTE DES AUSTAUSCHS

Die kritische Auseinandersetzung mit den vor Ort begangenen Verbrechen soll zur Selbstverständigung in der Gesellschaft über den Wert von Demokratie und Menschenrechten beitragen, lehren doch Orte wie Buchenwald oder Auschwitz, in welcher Gesellschaft man nicht leben möchte. Eine wichtige Rolle nehmen in der Erinnerungskultur daher die rund 300 Gedenkstätten ein, die in Deutschland an die Opfer der NS-Verbrechen erinnern und zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte einladen.

Moderne Gedenkstätten verstehen sich als diskursive Orte des Austauschs, der Begegnung und des gemeinsamen Nachdenkens. Nicht um Überwältigung geht es hier oder darum, vorgegebene Narrative und Lehren zu konsumieren. Sondern es ist Aufgabe der Gedenkstätten, das Geschichtsbewusstsein der Besucher:innen und ihre historische Urteilskraft zu stärken – gerade auch der jungen Besucher:innen. Sie sollen ihre eigenen Schlüsse aus der Geschichte ziehen, sie sollen Geschichte begreifen, um für die Zukunft zu handeln.

ANGRIFFE VON RECHTS

Das gefällt nicht allen. Seit Jahren nehmen Angriffe auf die Gedenkstättenarbeit zu, insbesondere von rechts außen. Aus der AfD und ihrem Umfeld in der Neuen und Alten Rechten wird die Erinnerungskultur als „Schuldkult“ diskreditiert; Positionierungen, die den Holocaust verharmlosen und Geschichtsrevisionismus verbreiten, nehmen zu. Dahinter steht das Ziel, extrem rechtes Denken und Handeln von der Last der NS-Verbrechen zu befreien.  Das geschieht, indem die NS-Verbrechen kleingeredet oder gegen angebliche alliierte Verbrechen aufgerechnet werden, oder indem man – gegen jede historische Evidenz – behauptet, die Nazis seien links gewesen.

Dem müssen wir eine wissenschaftlich basierte, quellengestützte und aufgeklärte historisch politische Bildungsarbeit entgegensetzen und damit eine Erinnerungskultur stärken, die nicht nur um die Opfer trauert, sondern die danach fragt, warum sie zu Opfern wurden, wer sie zu Opfern machte und was Täter und Täterinnen antrieb. Vor allem aber geht es darum, nach der Funktionsweise der NS-Gesellschaft zu fragen, einer Gesellschaft, die radikal rassistisch und antisemitisch formiert war und auf Ideologien der Ungleichwertigkeit, Ordnungs Diskursen, Verheißungen der Ungleichheit und Kriminalisierungsdiskursen gegenüber den Ausgegrenzten und Verfolgten basierte. Und schließlich muss – jenseits falscher historischer Analogien – danach gefragt werden, welche Wirkung solche Ideologien heute entfalten.

Eine solchermaßen erneuerte Erinnerungskultur wird die Rechtsextremen und ihre menschenfeindlichen Ideologien nicht allein zurückdrängen können. Aber sie kann helfen, Geschichtsbewusstsein und historische Urteilskraft in der Gesellschaft zu stärken – und das Bewusstsein der Menschen dafür, welche Relevanz die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen für unsere demokratische Selbstverständigung und die Achtung von Demokratie und Menschenrechten hat. Es geht nicht um die Vererbung historischer Schuld, sondern darum, verantwortungsvoll mit der Geschichte der NS-Verbrechen umzugehen.
Das Grundgesetz regelt nicht nur das Zusammenleben der Menschen in Deutschland, sondern war 1949 auch eine Antwort auf die NS-Verbrechen. Nicht umsonst heißt es in Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Würde des Menschen, nicht nur des Deutschen.

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