Mit Mut und Haltung

Er ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die vor 70 Jahren an der Gründung des BJR mitgewirkt haben
– vielleicht sogar der einzige. Ulrich Kabitz war Jugendvertreter der Evangelischen Jugend beim BJR und Mitglied im Hauptausschuss. Als Lektor beim Christian Kaiser Verlag in München bearbeitete der heute 97-Jährige den Nachlass von Dietrich Bonhoeffer. Beruflich und ehrenamtlich beschäftigte er sich außerdem mit den Themen Seelsorge und Trauerarbeit.

Herr Kabitz, was war Ihre Aufgabe bei der Evangelischen Jugend?
Man könnte sagen, ich war eine Art Kulturreferent für Bayern. In den Sommermonaten habe ich zum Beispiel Sing- und Spielfreizeiten mit über 100 jungen Teilnehmern organisiert. Mit zwei Kollegen von katholischer Seite, Toni Budenz aus Bamberg, der dort das Laienspiel leitete, und Edmund Johannes Lutz, einem Salesianerpater in München, bildete ich eine kleine Landesarbeitsgemeinschaft Laienspiel beim BJR. In dieser Hinsicht war einiges los. Einmal organisierten wir in den Kammerspielen eine Aufführung von „Des Teufels General“ speziell für junge Leute. Der Autor, Carl Zuckmayer, kam extra aus Amerika und diskutierte mit den Jugendlichen, um zu hören, was sie bewegt. Das war eine Ver- anstaltung des BJR. Außerdem habe ich zwei Zeitschriften redigiert: eine Jugendzeitschrift, „Hand in Hand“, und eine Mitarbeiterhilfe, „Das Baugerüst“. Der Name für Letztere stammt von mir. Mein Chef mochte sich damit zuerst gar nicht anfreunden, aber er hat sich schnell daran gewöhnt. Und so ist „Das Baugerüst“ in den weiteren Jahren sogar weit über Bayern hinaus bekannt geworden

Wie kam es dazu?
Ursprünglich haben Sie Schreiner gelernt. Als Schreiner war ich ein Linkshänder. Aber mich interessierte das Theater. Als Soldat befand ich mich Ende 1944 in einer oberschlesischen Ortschaft und war im Pfarrhaus einquartiert. Die Pfarrfrau hatte mitbekommen, wie sich gelegentlich ein kleiner Freundeskreis bei mir traf, der hin und wieder ein bisschen Fronttheater und Kabarett zustande brachte, und dass ich vom Chefdramaturgen des Breslauer Stadttheaters Post bekam. So überraschte sie mich eines Tages mit der Bitte, ihr die Proben für das Krippenspiel in der Kirche mit 60 Schulkindern abzunehmen. Diese Tätigkeit hat mich derart beeindruckt, dass ich mir sagte: Wenn ich hier heil her- auskomme, möchte ich in dieser Richtung was mit Kindern machen! Und anderthalb Jahre nach Kriegsende arbeitete ich bereits bei der Evangelischen Jugend in Nürnberg. Ab 1952 habe ich dann die gleiche Arbeit von Stuttgart aus für ganz Deutschland gemacht.

Wie kamen Sie zur Evangelischen Jugend?
Nach einigen Wochen in Kriegsgefangenschaft bin ich bei Regensburg entlassen worden. Im Kreis Schrobenhausen geriet ich auf einen Hof, auf dem ich mich zur Erntearbeit betätigte. Als ich am Sonntag in Schrobenhausen nach der Kirche mit dem Pfarrer sprach, sagte er mir, ich müsse unbedingt nach Nürnberg. Und gab mir die Adresse des Landesjugendpfarrers Hans-Martin Helbich, meines späteren Chefs. Das war im Herbst 1946. Pfarrer Helbich überraschte mich mit dem Angebot, dass ich ihm als Mitarbeiter im Landesjugendpfarramt willkommen sei. Er zog mit seiner Familie zusammen und ich konnte in seinem bisherigen Zimmer unterkommen. So trat ich gleich im nächsten Monat meinen Dienst an.

Wenige Monate später waren Sie an der Gründung des BJR beteiligt.
Das war so: Herr Helbich bekam einen Brief vom Bayerischen Kultusministerium mit der Einladung zu zwei Tischrunden im Januar 1947. Wir sollten eine Satzung für ein Gremium ausarbeiten, das den Präsidenten wählen sollte, den späteren Hauptausschuss. Ich reiste an Pfarrer Helbichs Stelle nach München. Das war der Vorlauf zur offiziellen Gründung des BJR im April 1947.

Wie liefen diese Tischrunden ab? 
Das war etwas kurios! Wir waren höchstens acht Leute und ich war mit 26 Jahren der Jüngste. Es gab noch einen Dr. Hintermann von der Katholischen Jugend mit etwa 35 Jahren. Die anderen waren alles ältere Herren zwischen 50 und 60. Jeder sollte eine Persönlichkeit benennen, die später seinen Verband im neuen Hauptausschuss vertreten sollte. Dann war ich an der Reihe und dachte, da sollten junge Leute ran. Ich nannte einen jungen Schriftsteller, Klaus Müller-Gräffshagen. Er wurde später Chefre- dakteur der führenden Zeitschrift der Katholischen Jugend Deutschland, dem „Fährmann“. Die anderen nannten natürlich jeweils ihre Häuptlinge. In aller Unauffälligkeit hat dann der Vorsitzende Dr. Lades meinen Vorschlag korrigiert und meinen Chef Pfarrer Helbich eingesetzt. 

Warum waren Sie in München und nicht Ihr Chef ? 
Er hatte die Bedeutung zunächst unterschätzt. Dann merkte er auf einmal, was das doch für einen Rang darstellte und was die Kontakte hergaben. Bei der Gründungssitzung des BJR auf dem Haus am Sudelfeld im April war er dann zur Stelle. Als sein Vertreter habe ich bis 1952 gleichwohl noch öfter an den Tagungen des Hauptausschusses teilgenommen. 

Sie sind 1960 als Lektor zu einem Verlag gewechselt. Haben Sie sich danach noch ehrenamtlich in der Jugendarbeit betätigt? 
Da gab es immer wieder Kontakte. Ich war an der Gründung einer Jugendbildungsstätte in Josefstal beteiligt und natürlich habe ich aufmerksam verfolgt, wie die Dinge sich entwickelten. 

Sie haben sich auch für die Münchener Telefonseelsorge engagiert. 
Ja, es war förderlich, nicht nur mit lauter Papier zu tun zu haben, sondern auch mit Menschen. Die Telefonseelsorge war eine Beratungsstelle für jedermann, Alt und Jung, auch für Kinder. Meine Frau nahm an der ersten Ausbildungsstaffel teil, einem halbjährigen Lehrgang. Das bekam ich mit und beim nächsten Lehrgang war ich dann auch dabei. Das ist eine sehr produktive Sache geworden, auch für mich selbst. Ich habe regelmäßig Nachtdienste geschoben, das war die Schicht von halb zwölf bis halb acht. 

Jetzt sind Sie 97, das ist ein sehr hohes Alter. 
Das ist es in der Tat. Ich sehe links und rechts von mir andere, die längst noch nicht so alt und in einer sehr schlechten Verfassung sind, und das ist für mich einfach zum Staunen. Ich wache in der Früh auf und denke an mir entlang und alles ist in Ordnung. 

Blicken Sie bang in die Zukunft? 
Nein. Ich nehme einfach dankbar an, was auf mich zukommt. Und gerade die „Pulse of Europe“-Bewegung zu sehen, mitzuerleben, dass es da junge Leute gibt, die zu gestalten vermögen, finde ich ein großes Glück! Das ist so ermutigend, weiter so! 

Was wünschen Sie der Jugend? 
Das Wichtigste ist Bildung, damit lässt sich etwas verbessern. Außerdem brauchen wir Leute mit sozialer Fantasie. Und ich wünsche mir, dass so viele junge Leute wie möglich nachdenklich mit dem Schatz unserer Demokratie umgehen, aber auch mit Mut und Haltung. 

Interessant, denn das Motto des 70. Jubiläums des BJR lautet „Haltung zeigen“! 
Na bitte! Dass wir nun seit 70 Jahren in einer Periode des Friedens leben, ist fast verwöhnend. Dieses große Glück muss man sich immer wieder vor Augen führen und zu schätzen wissen. Das habe ich noch anders erlebt. 

VITA

Urich Kabitz wurde am 22. März 1920 in Witten an der Ruhr geboren. Eigentlich wollte er Innenarchitekt werden und absolvier te eine Schreinerlehre. Dann kam der Krieg dazwischen, der ihn bis zum Kaukasus und zurück führ te. Im Nürnberger Landesjugendpfarramt arbeitete er ab 1946 als eine Art Kulturreferent, kümmer te sich ums Amateur theater und redigier te Zeitschriften. 1960 ging er zum Christian Kaiser Verlag nach München und wechselte ganz in den Beruf des Lektors. Nebenbei ließ er sich zum ehrenamtlichen Telefonseel- sorger ausbilden, und daraus entstand ein neues Betätigungsfeld: Er ergänzte das Reper toire seines Verlags um das Themengebiet Therapeutische Literatur. Ulrich Kabitz hat vier Kinder und fünf Enkelkinder und wohnt in Gräfelfing.