Bildungschance Musik - Teil der Identität

Vom Zupfgeigenhansel, der ersten Liedsammlung des Wandervogels, bis zu modernem Sound: Die Musik hat sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert, aber ihre Funktionen für Jugendliche bleiben Geschmacksbildung, Miteinandersein und Abgrenzung von anderen Jugendgruppen.

Musik zu hören, sich dazu zu bewegen oder selbst zu spielen fördert die individuelle körperliche, geistige und soziale Entwicklung. Die Kreativität wird gesteigert, der Umgang mit anderen wird gelernt und man kann spezielle Erfolgsund damit Anerkennungseindrücke erleben. Im Jugendalter geht es vor allem um drei Bedürfnisdimensionen:

  • Sich selbst in der Musik wiederfinden und seinen Gefühlen Ausdruck verleihen können, Stimmungen regulieren
  • Mit Musik unter Gleichaltrigen sein, Orientierung gewinnen, sich stark fühlen können, ekstatische Gefühle erleben, Geschlechtspartner und -partnerinnen finden
  • Mit Musik etwas gestalten können, Anerkennung finden, Identitätsbildung, Fantasien und Gefühlen eine Form geben.

Frei nach dem Motto „Schock und Schöpfung“ haben die Jugendkulturen seit den 1970er-Jahren eine enorme kulturelle Dynamik entwickelt, die sich als bestimmendes Element in der Popkultur herausgebildet hat. Zunächst ging es um Abgrenzung zu einer als fade, beschönigend oder langweilig empfundenen Hoch- oder Volkskultur. Schon bald tauchten mehrdimensionale Bezüge auf: morgens Schulband, abends Bandprobe und am nächsten Tag Probe im Musikverein und am Wochenende auf einem Event unter Gleichgesinnten – und später ein Studium der Musik.

Solche Verbindungen sind für die Jugendlichen nicht mehr unvorstellbar.
Von Anfang an haben sich die Jugendmusikkulturen einer „glokalen“ Haltung verschrieben: global in Verbreitung und Anspruch, lokal in der Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden und Gemeinsamkeit zu erleben. Mit den Neuen Medien ist es für jeden Jugendlichen möglich, an Musik seines Geschmacks zu kommen und im hintersten Winkel der Welt Gleichgesinnte zu finden.

Eine lebensweltbezogene Jugendarbeit hat immer die Musik im Blick, sei es im Verband oder in den Einrichtungen. Das gemeinschaftliche Singen im Jugendverband drückt eine tief empfundene Gemeinschaft aus, die nicht digital stimuliert werden kann (wie etwa auch nicht die Fangesänge). Das jeweilige Liedgut war ein Kernelement der Jugendverbände, die damit nicht nur eine Zugehörigkeit ausdrückten, sondern auch eine Abgrenzung zu anderen Jugendverbänden – und damit Sicherheit und Orientierung vermittelte.

Viele Jugendzentren waren von Beginn an „musik-determiniert“, das heißt, hier wurde mit der jeweiligen Musik Gemeinschaft hergestellt. Aber nicht nur das: Viele Jugendliche, die sonst keinen Zugang zu kulturellen Ausdrucksformen hatten, kamen hier erstmals in Berührung mit Kunst und haben, ob rezeptiv oder aktiv, an und mit diesem Medium gelernt und sich neuartige Bildungschancen erschlossen.

Albert Fußmann

DER AUTOR:
Albert Fußmann, Diplom- und Kulturpädagoge, Direktor des Instituts für Jugendarbeit in Gauting mit dem Schwerpunkt "Kultur- und Medienpädagogik"