In den vergangenen beiden Jahren hat die psychische Gesundheit von Heranwachsenden deutlich gelitten. Vor allem Kinder aus benachteiligten Familien trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Psycholog:innen der LMU München geben einen Einblick in die Ergebnisse der Forschung

Text: von PD Dr. Ellen Greimel, Regine Primbs , Lucia Iglhaut und Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne

Mit Beginn der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Maßnahmen hat sich der Alltag von Kindern und Jugendlichen auf einschneidende Weise verändert. Kontaktbeschränkungen sowie Schutzmaßnahmen zogen nach sich, dass Freund:innen nicht mehr getroffen werden konnten und Zusammenkünfte mit Familienangehörigen, zum Beispiel Großeltern, lange nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt möglich waren. Zahlreiche Freizeitaktivitäten wie Vereinssport oder Kinobesuche mussten eingestellt werden. Bewegungsmangel und eine erhöhte Mediennutzung waren häufig die unmittelbare Folgen.
Eine besonders große Umstellung für Kinder und Jugendliche bedeuteten die Schulschließungen sowie neue Formen des Unterrichts wie Distanzlernen und Wechselunterricht. In diesem Kontext ist hervorzuheben: Die Schulen in Deutschland waren im Vergleich mit anderen europäischen Ländern wie Spanien, Frankreich oder Schweden besonders lange geschlossen. Und: Der Digitalisierungsstand deutscher Schulen als wichtige Ausgangslage für gelungenen digitalen Unterricht war besonders unzureichend (Freundl et al. 2021). Zu diesen alltäglichen Einschnitten hinzu kam bei vielen die Sorge, dass sie sich selbst oder auch ihre Familienangehörigen mit dem Coronavirus anstecken könnten, verbunden mit der Angst vor Stigmatisierung, zudem die Besorgnis um die berufliche und finanzielle Situation der Eltern angesichts pandemiebedingter Kurzarbeit und Entlassungen.
All diese Umstände sind konträr zu wichtigen Entwicklungsaufgaben gerade von Jugendlichen wie dem Autonomiestreben und der schrittweisen Ablösung vom Elternhaus, dem Austesten von Grenzen, dem Erforschen der eigenen Identität und der zunehmenden Bedeutung der Peergroup.
In dem Zusammenhang erscheint relevant, dass ein erheblicher Anteil der jungen Menschen während der aktuellen Krise den Eindruck hat, nicht gehört und mit den eigenen Interessen und Bedürfnissen nicht berücksichtigt zu werden (Andresen et al. 2020). In der Tat wurden die Belange Jugendlicher im öffentlichen Diskurs wenig beachtet; stattdessen wurden sie oftmals als Treiber der Pandemie stigmatisiert, verbunden mit dem globalen Vorwurf, die Schutzmaßnahmen zu ignorieren.

DAS GEFÜHL DER UNKONTROLLIERBARKEIT

Ein wichtiger Aspekt mit Blick auf die wahrgenommene Belastung ist, dass die Pandemie von vielen als unkontrollierbar und unvorhersehbar erlebt wird. Dazu tragen auch neue Virusmutationen sowie die oft kurzfristigen Änderungen und Anpassungen der Gegenmaßnahmen bei. Bei manchen Kindern und Jugendlichen steht vermehrt die Frage im Raum, ob die Pandemie jemals wieder endet und ihr altes Leben zurückkehrt. Aus der Stressforschung ist bekannt, dass gerade das Gefühl der Unkontrollierbarkeit einer Situation zu erhöhter Stressbelastung führt (Koolhaas et al. 2011). Dabei gilt Stress als wichtiger Risikofaktor für psychische Erkrankungen bei Heranwachsenden, beispielsweise die Depression (siehe hier zum Beispiel Piechaczek et al. 2019 und Piechaczek et al. 2020).

DIE DEUTLICHEN SPUREN DER PANDEMIE

Die psychischen Folgen der Pandemie und der assoziierten Maßnahmen sind bei Kindern und Jugendlichen besonders weitreichend. So verzeichnen Studien bei Heranwachsenden weltweit einen deutlichen Anstieg psychischer Auffälligkeiten, zum Beispiel Angst- und depressive Symptome (Racine et al. 2021). Die aktuell aussagekräftigste Untersuchung in Deutschland zu den psychischen Folgen der Corona-Pandemie bei Kindern und Jugendlichen ist die COPSY-Studie (Ravens-Sieberer et al. 2021), eine repräsentative Umfrage mit 7- bis 17-Jährigen und ihren Familien. Diese Studie zeigt, dass bis Winter 2020/21 der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit verminderter Lebensqualität, verglichen mit der Zeit vor der Pandemie, bedeutsam anstieg: von 15,3 auf 47,7 Prozent. Gleichzeitig nahm der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten deutlich zu (ein Anstieg auf 30,9 von 17,6 Prozent vor der Pandemie).
Zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten zählen beispielsweise emotionale Probleme (etwa Ängste und depressive Stimmung), Hyperaktivität sowie Verhaltensauffälligkeiten wie aggressives oder oppositionelles Verhalten. Zudem konnte die Studie belegen, dass von diesem Anstieg besonders Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, aus Familien mit Migrationshintergrund sowie mit psychisch erkrankten Eltern betroffen sind.

DER BEDARF NACH BEHANDLUNGEN WÄCHST

Neben der Zunahme psychischer Auffälligkeiten verzeichnen Studien mehr behandlungsbedürftige psychische Störungen bei jungen Menschen im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie. So weist zum Beispiel eine umfassende internationale Metastudie eine erhöhte Rate von Angststörungen und Depression nach, wobei der Anstieg bei jüngeren Altersgruppen sowie bei Mädchen und Frauen besonders stark ausgeprägt ist (COVID-19 Mental Disorders Collaborators 2021).
Die Ergebnisse spiegeln sich auch in Daten aus Deutschland wider, die beispielsweise zur Zunahme von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen erhoben wurden (Witte et al. 2021). Zudem decken sich die Daten mit Berichten von niedergelassenen Therapeut:innen sowie kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken – eingeschlossen der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LMU München –, die von einem deutlich gestiegenen und sehr dringlichen Bedarf nach Behandlungsplätzen einerseits und langen Wartelisten andererseits berichten. Kinder und Jugendliche, die bereits vor der Pandemie belastet waren und so über weniger Ressourcen verfügen, den andauernden Herausforderungen in der Krise zu begegnen, sind von den psychischen Auswirkungen besonders in Mitleidenschaft gezogen.

DAS INFOPORTAL „CORONA UND DU“

Angesichts der vielfältigen negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besteht seit Beginn der Krise dringender Handlungsbedarf, Ressourcen zu stärken, psychischen Folgen der Pandemie vorzubeugen und psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen sowie Unterstützung zu bieten. Ein Weg, diesen Bedarf zu adressieren, ist die Bereitstellung evidenzbasierter und einfach zugänglicher Informationen zum Umgang mit den alltäglichen Herausforderungen und den psychischen Belastungen während der Pandemie. Aus diesem Grund hat das Team der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gemeinsam mit der Beisheim Stiftung bereits im Mai 2020 das webbasierte Informationsportal „Corona und Du“ (www.corona-und-du.info) bereitgestellt. Dieses Portal klärt Kinder und Jugendliche in leicht verständlicher Sprache über die psychischen Belastungen durch die Pandemie auf und enthält evidenzbasierte Informationen, wie sie der Krise psychisch gestärkt begegnen können (Piechaczek et al. 2021). Das Portal hält alltagsnahe Tipps und im Corona-Alltag einfach umsetzbare Strategien zu den Themen positive Einstellung, Umgang mit Stress, gesunder Schlaf und gesunde Ernährung bereit. Zudem werden Kinder und Jugendliche über geeignete professionelle Anlaufstellen bei psychischen Problemen informiert. In einem separaten Bereich wendet sich das Portal auch an Eltern und klärt sie darüber auf, wie sie die psychische Gesundheit ihrer Kinder stärken und mit deren psychischen Problemen umgehen können. Besonderes Augenmerk wurde auf eine ansprechende Gestaltung des Portals gelegt, die zusammen mit Medienpartner:innen entwickelt wurde. Auch Kinder und Jugendliche wurden bei der Erstellung der Seite aktiv eingebunden, um ihre Perspektive und Bedarfe gut abzubilden.
Eine wissenschaftliche Evaluation des Infoportals, die bald veröffentlicht wird, zeigt, dass der Besuch der Website bei Kindern und Jugendlichen zu einem Wissenszuwachs hinsichtlich psychischer Gesundheit führt. Zudem belegen die Daten, dass die Hürde, sich bei psychischen Problemen Hilfe zu holen, nach einem Besuch der Website kleiner wird. Kinder und Jugendliche bewerteten die Gestaltung des Portals als sehr ansprechend. Diese Ergebnisse zeigen, dass zielgruppengerechte Informationsportale wie „Corona und Du“ ein effektiver und ansprechender Weg sein können, Kindern und Jugendlichen wirksame Strategien zum Umgang mit psychischer Belastung zu vermitteln und – wenn nötig – den Weg in die professionelle Behandlung zu bahnen.

LANG ANHALTENDE PSYCHISCHE FOLGEN ERWARTET

Bereits Ende 2020 berichteten 45 Prozent der jungen Menschen in Deutschland von Zukunftssorgen (Andresen et al. 2020). Expert:innen gehen davon aus, dass die psychischen Folgen der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen auch auf längere Sicht und nach Ende der Pandemie noch nachwirken werden. Sie berichten, dass sich Schüler:innen nach dem Übergang der Schulen in den Normalbetrieb einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt fühlten und viele die Sorge plage, schulisch den Anschluss verpasst zu haben. Während viele Kinder und Jugendliche (digitale) Möglichkeiten nutzten, um ihre Freundschaften aufrechtzuerhalten, haben bei einigen die Kontakte zu den Peers deutlich gelitten. Zudem werden die ökonomischen Folgen der Krise für einige Familien auf lange Sicht deutlich spürbar sein, was auch die Kinder belastet.

BELANGE VON KINDERN UND JUGENDLICHE BERÜCKSICHTIGEN

Vor dem Hintergrund der erwarteten langfristigen Folgen ist es entscheidend, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf lange Sicht nachhaltig zu stärken. Dafür sind unter anderem mehr Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten gefragt, um psychischen Problemen vorzubeugen und psychische Erkrankungen rechtzeitig zu behandeln. Ein wichtiger Baustein ist zudem die Aufklärung junger Menschen und ihrer Familien über effektive Möglichkeiten der Behandlung und Prävention häufiger psychischer Störungen. In diesem Kontext sei als Beispiel das neue digitale Informationsportal „ich-bin-alles“ (www.ich-bin-alles.de) genannt, das Mitarbeiter:innen der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie gemeinsam mit der Beisheim Stiftung entwickelt haben. Dieses Portal informiert über das Thema Depression, deren Prävention und psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. Aktuell wird es umfangreich evaluiert. Das Portal richtet sich an Kinder und Jugendliche mit Depression sowie an nicht erkrankte Kinder und Jugendliche, die sich über das Thema informieren möchten, zudem an Eltern. Auf der Website sowie auf sozialen Medien (wie Instagram) werden neben Erklärvideos auch Podcasts zielgruppengerecht dargeboten.
Fernab gezielter Maßnahmen sollten die Bedürfnisse und Belange von Kindern und Jugendlichen, die bisher in der Pandemie unzureichend berücksichtigt wurden, stärker in den Fokus gelangen. Wichtig ist, ihnen eine Stimme zu geben und Gehör zu verschaffen, um mit den Kindern und Jugendlichen statt über sie zu reden.
 


Die Autor:innen

Die Psychologinnen PD Dr. Ellen Greimel,
Regine Primbs und Lucia Iglhaut arbeiten
unter anderem an den Projekten
„Leitfaden Depression“ und „Corona und Du“
an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und
Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, LMU Klinikum, die Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne als Direktor leitet. ellen.greimel@med.uni-muenchen.de

Illustrationen: Sella Design