Sexuelle Bildung & Medien

Wie hat sich die Sexualität von Jugendlichen in den vergangenen Jahren verändert? Und welchen Einfluss hatte der grenzenlose Zugang zu Internet-Pornografie auf sie? Wer eine Verrohung befürchtet, wird von den Ergebnissen neuerer Studien überrascht sein – in vielerlei Hinsicht

Von Michael Kröger

Sieht man sich die aktuellen Studien zur Jugendsexualität an, so ist seit Jahren ein Trend zu beobachten: Der erste Sex findet durchschnittlich etwas später als in früheren Generationen und mehr in festen Beziehungen statt und die Initiative dafür geht gleichermaßen von Mädchen und Jungen aus. Der erste Sex ist in der Regel geplant und nicht unerwartet, die beidseitige Einvernehmlichkeit ist für die allermeisten Jugendlichen eine Selbstverständlichkeit. Dazu kommt ein relativ zuverlässiges Verhütungsverhalten, das sich im Rückgang von Teenager- Schwangerschaften niederschlägt. Die Pille ist dabei rückläufig, weil sich bei Mädchen und Jungen immer mehr die Überzeugung durchsetzt, dass Verhütung eine partnerschaftliche Aufgabe ist und keine, bei der das Mädchen allein die Risiken und Nebenwirkungen zu tragen hat. Sexualität ist demnach mehr und mehr partnerschaftlich ausgerichtet, selbstbestimmt sowie werteorientiert und entwickelt sich hin zu mehr Gleichberechtigung – und das steht im krassen Gegensatz zu dem Bild, das oft in der Öffentlichkeit von der Jugendsexualität gezeichnet wird.

VIELFALT IN DER SEXUELLEN BILDUNG

Wichtige Ansprechpartner:innen in sexuellen Fragen sind bei Jugendlichen an erster Stelle die beste Freundin und der beste Freund, gefolgt von den Eltern (vor allem der Mutter) und Lehrkräften. Die elektronischen Medien stehen in ihrer Bedeutung dicht hinter Gesprächen und Schulunterricht, sie haben sowohl für Mädchen als auch für Jungen eine wesentliche Bedeutung.

Die Entwicklung der letzten Jahre dürfte also auch durch das umfassende Angebot zu Themen der sexuellen Bildung unterstützt worden sein – mit der sexualpädagogischen Begleitung bereits ab der Kita bis hin zu immer differenzierteren und vielfältigen medialen Angeboten, die Jugendlichen heute zur Verfügung stehen.

Wenn es darum geht, die sexuelle Identität zu entdecken und zu entwickeln, geschieht dies immer selbstverständlicher auch abseits der heteronormativen, cisgeschlechtlichen, binär auf Mann/Frau ausgelegten Zweigeschlechtlichkeit. So wurden in der Studie „Bunt. Lieben. Leben“ der evangelischen Schulstiftung 472 Schüler:innen an drei Schulen in Berlin und Brandenburg aus den Jahrgangsstufen sieben bis 13 im Alter von zwölf bis 23 Jahren zu ihrer sexuellen Orientierung gefragt. 21 Prozent gaben an, nicht heterosexuell zu sein, viele von ihnen wollten sich nicht kategorisieren lassen. Auch die gestiegene Anzahl von trans*- sowie gender*diversen Jugendlichen passt ins Bild.

Der eine Erklärungsansatz für diese Ergebnisse zielt darauf ab, dass viele vor allem weiblich definierte Jugendliche nicht mehr bereit sind, die ihnen zugeschriebene Geschlechterrolle zu erfüllen. Der andere Ansatz betont, dass durch die – auch über die Medien transportierte – immer bessere sexuelle Bildung sexuelle Vielfalt sichtbarer wird. Durch die Enttabuisierung und Aufweichung von Stigmata stellen sich heute junge Menschen Fragen bezüglich ihrer sexuellen Identität, die früher vielleicht gar nicht erst aufgekommen wären, weil schlicht das Wissen dazu fehlte.

SEXUELLE SELBSTFINDUNG DURCH ELEKTRONISCHE MEDIEN

Positive und selbstermächtigende Nutzungseffekte können wir auch bei anderen Themen rund um die sexuelle Identitätsfindung sehen. Die Body-Positivity-Bewegung stärkt junge Menschen, die sich nicht den Schönheitsidealen entsprechend fühlen. Wir stießen auf Foren, in denen sich homo- oder asexuelle Jugendliche austauschen können, zudem erfahren sie hier, dass sie nicht allein sind. Wir fanden auch grundsätzlich sex-positive, seriöse, gut aufbereitete und lebensnahe YouTube-Channels wie „Fickt euch“ oder „Jungsfragen“. Wie die hohen Nutzer:innenzahlen belegen, werden elektronische Medien verstärkt zur sexuellen Selbstfindung genutzt, da sie wichtige Informationen bereitstellen, auch zu Hilfe- und Beratungsangeboten, Menschen in ähnlichen Problemlagen den Kontakt miteinander ermöglichen und dazu beitragen, dass Isolation aufbricht.

Elektronische Medien können aber auch Inhalte transportieren, die junge Menschen unter Umständen negativ beeinflussen. Beides, sowohl die positiven wie auch die negativen Seiten, finden wir beim Thema Pornokonsum. „Je nach individuellem Entwicklungsstand, Verständnisfähigkeit und Erfahrungshorizont sowie nach Inhalt und Gestaltung des pornografischen Materials kann der Umgang damit Kinder und Jugendliche informieren, anregen, erregen, belustigen, verunsichern, abstoßen oder nachhaltig beeinträchtigen bzw. in der Entwicklung (schwer) gefährden“ (BPjM 2019, S. 130). Auf welchen Boden mediale Darstellungen fallen, hängt wesentlich mit der sexuellen Sozialisation seit dem Kindesalter zusammen. Diese vollzieht sich „weitgehend und in erster Linie in nichtsexuellen Bereichen, also durch Erlebnisse und Erfahrungen, die im eigentlichen oder engeren Sinne nicht sexuell sind“ (Schmidt 2004, S. 319).

Gunter Schmidt unterscheidet zwischen der Bedürfnis-, der Körper-, der Beziehungs- sowie der Geschlechtsgeschichte. So sind wir alle dadurch geprägt, wie von klein auf unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden, wie sich unsere Körper entwickelten und wir sie genießen lernten, wie wir Beziehungen gestalten und Nähe erleben durften und wie wir in unserer Geschlechtlichkeit als Mädchen* oder Junge* von den anderen um uns herum angenommen wurden. Diese verschiedenen Geschichten, die im Lauf sehr individuell erlebter Kindheiten entstehen, sind auf den Festplatten unserer Gehirne gespeichert. Im Grunde sollten wir diese vier prägenden Geschichten noch um eine weitere ergänzen: die Mediengeschichte.

Wir alle hatten schon in der Kindheit Vorbilder in den Medien. Wir identifizierten uns mit Figuren, die unser Wertegerüst beeinflussten und unsere Geschlechterrollen prägten. Wir standen früh vor der Aufgabe, Realität und Fiktion auseinanderzuhalten – das ist uns mal besser, mal schlechter, aber mit der Zeit immer öfter gelungen.

Jugendliche kommen also nicht als weißes Blatt Papier in die Pubertät, sondern sind mehr oder weniger gut vorbereitet. Sie haben bereits eine umfassende Prägung erhalten, die einerseits ihr sexuelles Begehren beeinflusst, es ihnen aber auch erleichtert, fiktionale Darstellungen in den Medien als solche zu erkennen. Ab der Pubertät schreiben diese Prägungen dann unsere Love Map, auch Liebeslandkarte oder sexuelles Skript genannt. Dieses Skript prägt maßgeblich die Entwicklung der sexuellen Identität sowie sexuelles Begehren und erotische Fantasien.

Pornografie anzuschauen hat viele Gründe, darunter zum Beispiel sexuelle Erregung und Masturbation, sozialer Statusgewinn, Mutproben, Bestätigung des Erwachsenwerdens, Gruppendruck, Testen der eigenen sexuellen Orientierung. Unter anderem werden Pornos als Informationsquelle genommen. Die Studie der BZgA zur Jugendsexualität 2015 zeigte beispielsweise, dass 49 Prozent aller Jungen und 16 Prozent der Mädchen „Sexfilme“ im Internet als Aufklärungsmedium nutzen.

DAS SEXUELLE SKRIPT UND PORNOGRAFIE

Zu verschweigen ist an dieser Stelle aber auch nicht, welche jugendgefährdenden Potenziale Pornografie haben kann. Denn je nachdem, was sie anschauen, werden Jugendliche konfrontiert mit problematischen männlichen und weiblichen Rollenbildern, Dokumentationen sexuellen Missbrauchs von Kindern oder Jugendlichen (fälschlich Kinder- oder Jugendpornografie genannt), sowie Gewalt- und Tierpornografie – und sie machen sich als Kund:innen mitverantwortlich. Weitere mögliche Auswirkungen von Pornoclips sind (vor allem, wenn sie zu früh in der Entwicklung und zu häufig angeschaut werden): falsche Informationen zu sexualitätsbezogenen Themen, Performancedruck bei eigenen sexuellen Erfahrungen, eine Abstumpfung den eigenen sexuellen Fantasien und Bedürfnissen gegenüber sowie Verhaltensmuster, die in spätere Pornosucht bis hin zu Impotenz münden können.

Entscheidend dürfte hier aber auch sein, welche Medien in welchem Alter auf Jugendliche einwirken. Folgendes ist zu vermuten: Je weniger das oben beschriebene sexuelle Skript ausformuliert ist, je jünger die Jugendlichen bzw. Kinder sind, desto mehr Macht haben pornografische Darstellungen, einzelne Kapitel der Geschichten zu schreiben. Nichtsdestotrotz ist Alarmismus beim Thema Pornokonsum Jugendlicher nicht angebracht. Denn: Die meisten Jugendlichen können offenbar relativ gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden – mit Abstrichen, denn um Pornolügen zu erkennen, ist manchmal ein gewisses Hintergrundwissen nötig. Nach einer Studie zum Pornografiekonsum (Schmidt/Matthiesen 2011) sind die meisten Jungen und Mädchen auf der Suche nach Darstellungen von einvernehmlichem Sex unter Erwachsenen, der ohne besondere Fetische oder ausgefallene Praktiken auskommt.

Wenn wir dieser Quelle trauen wollen: Bei „Pornhub-Insights“ auf pornhub.com angegebene besonders beliebte Suchbegriffe auf der Pornografie-Website lauten „Amateur“, „POV“ (Point of View, die Kameraführung aus Sicht des meist männlichen Akteurs) und „Mature“, was die Suche nach „authentischem“ Sex belegt. Gleichzeitig zeigen beliebte Begriffe wie „Alien“ oder „Cosplay“ eine bewusste Abgrenzung zur Realität. Hier ist klar, dass es sich um eine Darstellung handeln muss, die offensichtlich nicht der Realität entspricht – das erleichtert die Einordnung (www.pornhub.com/insights/2019-year-in-review, letzter Abruf am 30. April 2021).

EIN QUERSCHNITTSTHEMA DER PÄDAGOGIK

Die sexuelle Bildung stellt zusammengefasst ein Querschnittsthema der Pädagogik dar. Sie ist nicht vermeidbar, setzt sie doch bereits in der frühen Kindheit ein und berührt alle Lebensbereiche – auch die, die im eigentlichen Sinne gar nicht sexuell sind. Bereits im Kindesalter entwickeln junge Menschen eine Prägung, die es ihnen später ab der Pubertät ermöglicht, ihren eigenen selbstbestimmten Weg zu ihrer sexuellen Identität zu finden. Sie wählen dabei ihre Quellen und Gesprächspartner:innen und können die Informationen gut einordnen. Doch die Bildungschancen sind ungleich verteilt, nicht alle Kinder und Jugendlichen haben gleichermaßen Zugang zu Bildungsangeboten, das betrifft auch die sexuelle Bildung. Daher ist es so wichtig, mit Jugendlichen über sexualitätsbezogene Themen ins Gespräch zu kommen und dafür einen geschützten Rahmen herzustellen. Die Vermittlung von kognitivem Wissen ist dabei wichtig, noch wertvoller ist aber der moderierte Austausch innerhalb der Peergroup, denn: Jugendliche sind sich selbst die wichtigsten Ansprechpartner:innen und fungieren untereinander als Korrektiv, sie entwickeln miteinander ein Wertegerüst und Regeln für den Sozialraum, den sie zusammen gestalten.

DER AUTOR

Michael Kröger ist Referent für Sexualpädagogik
und Prävention sexualisierter Gewalt bei Aktion Jugendschutz
Landesarbeitsstelle Bayern e. V., kroeger@aj-bayern.de