Philipp Seitz (BJR) überreicht Peter Nitschke (StMAS) die Infrastrukturstudie Jugendarbeit
BJR-Präsident Philipp Seitz beim Überreichen der neuen Infrastrukturstudie Jugendarbeit an Referatsleiter Peter Nitschke (r.) vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales
14.07.2026

Mehr Fachkräfte in der Jugendarbeit in Bayern, aber die Aufgaben wachsen noch schneller

Die Zahl der Fachkräfte in der Jugendarbeit ist seit 2017 zwar um 14 Prozent gestiegen – gleichzeitig nahmen die Zahl der jungen Menschen in Bayern um 6 Prozent und die gesetzlichen Aufgaben immer schneller zu. Das zeigt eine exklusive, jetzt veröffentlichte Infrastrukturstudie

Wie entwickelt sich die Jugendarbeit in Bayern in Zeiten der kommunalen Finanzkrise? Dazu konnte der Bayerische Jugendring (BJR) jetzt die Ergebnisse einer aktuellen Infrastrukturerhebung der Jugendarbeit vorstellen. Zum Stichtag 31.12.2025 wurde die Studie in Zusammenarbeit mit dem sozialwissenschaftlichen Fachinstitut SAGS Augsburg durchgeführt.

Erstmals erfasst die Statistik auch auf Gemeindeebene vergleichbare Daten aus ganz Bayern, sowohl was die Zahl der Einrichtungen angeht, als auch die Wochenstunden der Fachkräfte. Damit ist ein Blick auf Hochburgen einerseits und „weiße Flecken“ andererseits ebenso möglich wie Trends gegenüber den Vorjahren. Insgesamt ist die Zahl der Fachkräfte der Jugendarbeit in Bayern seit 2017 um 14 Prozent in Vollzeitstellen gestiegen.

BJR-Präsident Philipp Seitz: „Die Jugendarbeit steht insgesamt stabil da. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen schneller als die personellen Ressourcen. Neue gesetzliche Aufgaben wie Schutzkonzepte und Ganztagsförderungsgesetz dürfen nicht zulasten der eigentlichen Aufgaben der Jugendarbeit gehen. Deshalb müssen Kommunen die Fachkräfte weiter stärken. Ohne jugendpolitische Lobbyarbeit und das Gespräch mit der Jugend vor Ort wird das nicht gehen.“

Positives Beispiel für neue Einrichtungen: Töpen im Landkreis Hof

Positiv hob BJR-Präsident Seitz Gemeinden hervor, die trotz Finanzkrise in die Zukunft investieren: „Hier möchte ich die Gemeinde Töpen im Landkreis Hof nennen. Diese ist besonders positiv aufgefallen, denn sie hat als kleinste Gemeinde Bayerns eine hauptberufliche Fachkraft eingestellt. Bei 998 Einwohner:innen, davon 86 von 6-17 Jahren, gibt es seit 2024 das „Jugendhaus Bergla“ mit 13 Wochenstunden der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.“

Für den BJR ist Töpen ein Beispiel dafür, dass gute Jugendarbeit nicht von der Größe einer Kommune abhängt. Solche zeitgemäßen Einrichtungen, die eine feste Ansprechperson und einen offenen Raum für Kinder und Jugendliche bieten, haben nach Überzeugung des BJR-Präsidenten einen hohen Wert für jede Gemeinde – sowohl bei auftretenden Problemen mit jungen Menschen, als auch für deren Bleibeperspektive und Bindung an die Heimat in ländlichen Räumen.

Hochburgen nach Zahl der Fachkräfte pro jugendliche Einwohner:innen sind die großstadtnahen Landkreise Freising, München und Nürnberger Land sowie die kreisfreien Städten Kempten, Schweinfurt und Erlangen. Ihnen folgen die Großstädte München und Nürnberg, die mit 483 bzw. 163 Vollzeitstellen allein ein Drittel von bayernweit 1.943 Vollzeitstellen zählen.

„Weiße Flecken“ und Versäumnisse in der Jugendarbeit in Oberbayern

Neben zahlreichen Hochburgen identifiziert die BJR-Studie auch „weiße Flecken“ der Jugendarbeit; Kommunen, in denen die ehrenamtlich Engagierten auf Unterstützung durch hauptberufliche Kräfte verzichten müssen. Dr. Heiko Tammena, als Referent für Kommunale Jugendarbeit beim BJR zuständig für die Infrastrukturstudie: „Wir sehen nach wie vor große Stadt-Land-Unterschiede. Periphere ländliche Räume wie der Bayerische Wald oder das westliche Mittelfranken weisen keine gleichwertige soziale Infrastruktur auf. Sie sind auch in der Jugendarbeit ‚Räume mit besonderem Handlungsbedarf‘, wie es im bayerischen Landesentwicklungsprogramm heißt. Insgesamt haben nur 29 Prozent der Gemeinden in Bayern überhaupt Fachkräfte in der Jugendarbeit.“

Allerdings wächst die Infrastruktur der Jugendarbeit auch in einigen wirtschaftlich starken Regionen in Oberbayern nicht angemessen mit. Tammena: „Es gibt dort Landkreise, die bei Einrichtungen und Fachkraft-Wochenstunden weit hinten liegen, obwohl die Zahl junger Menschen durch hohe Zuwanderung stetig steigt und sich die Dorfstrukturen stark wandeln. Hier verlieren einige Landkreise den Anschluss bei der sozialen Infrastruktur der Daseinsvorsorge in punkto Jugendarbeit. Überhaupt erreichen nur wenige Landkreise in Oberbayern die bayerischen Durchschnittswerte. Hier ist noch einiges zu tun.“

Positiv fallen in der BJR-Studie Landkreise auf, die bei der letzten Erhebung 2017 zu den „weißen Flecken“ gehörten und zum Teil gar keine hauptberuflich betreuten Einrichtungen der Jugendarbeit meldeten. So hat sich der Landkreis Tirschenreuth von 0 auf 9 Einrichtungen zum 31.12.2025 verbessert und liegt bei den Fachkraft-Wochenstunden pro 10.000 junge Menschen von 6 bis 18 Jahren auf Platz 2 in der Oberpfalz.

BJR-Präsident Philipp Seitz: „Das Beispiel zeigt, dass sich jahrelange politische Lobbyarbeit und gute Jugendarbeit mit überzeugenden Argumenten vor Ort auszahlen. Dann reift vielerorts die Überzeugung, dass man Ehrenamtliche nicht allein lassen kann, sondern gemeinsam im Team gute Jugendarbeit für alle jungen Menschen und ihren Bedarf gelingt.“

Jugendpolitisches Fazit

Nach Überzeugung des BJR-Präsidenten besteht die Aufgabe der hauptberuflichen wie ehrenamtlichen Kräfte der Jugendarbeit vor Ort jetzt darin, die Politik zu beraten, zu informieren und zu vermitteln, dass Jugendarbeit eine kommunale Pflichtaufgabe ist: „Gerade in der Finanzkrise der Kommunen dürfen diese nicht beim ohnehin vergleichsweise geringen Etat für die Jugendarbeit kürzen. Sie bleibt eine Investition in die Zukunft, die jungen Menschen vor Ort dringend nötige Angebote macht und die Bleibeperspektive für junge Menschen im ländlichen Raum stärkt.“

Mit Blick auf die Amtsperiode der bayerischen Kommunen bis 2032 unterstreicht Philipp Seitz: "Bei unserer Arbeit für eine zukunftsfähige Jugendpolitik haben wir jetzt eine solide wissenschaftliche Datengrundlage, erstmals auch auf Ebene der einzelnen Gemeinden. Am Ende der Amtsperiode werden wir sehen, wer seine jugendpolitischen Hausaufgaben macht oder seine Chancen verpasst. Was benötigen junge Menschen für eine lebenswerte Zukunft in ihrer Gemeinde? Eine solche Bestandsaufnahme braucht jede Kommune."

Download der BJR-Studie mit Präsentationen für alle Landkreise in Bayern: https://www.bjr.de/strukturen/kommunale-jugendarbeit

Bei weiteren Fragen, z.B. zum Studiendesign

Kontakt:
Ellen Daniel
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daniel.ellen(at)bjr.de