Jung & Engagiert: Ideenwerkstatt Augsburg
Angeregte Diskussion und neue Ideen für freiwilliges Engagement gab es bei der Ideenwerkstatt Augsburg "Jung & Engagiert"
Bei der Ideenwerkstatt zu „Jung & Engagiert" in Augsburg ging es um die Frage, welche aktuellen Themen der Jugendverbandsarbeit besonderen Einfluss auf das Ehrenamt haben.
Unter dem Titel „Ist jetzt alles bunt, öko und vegan?" diskutierten Fachkräfte aus ganz Schwaben: Welchen Einfluss haben Nachhaltigkeit, Digitalisierung und aktuelle politische und gesellschaftliche Herausforderungen auf die Bereitschaft junger Menschen, sich freiwillig zu engagieren? Von der Ansprache junger Menschen via Social Media über den Anspruch, Nachhaltigkeit bei Angeboten der Jugendarbeit mitzudenken, bis hin zu Fragen nach Identität und dem Umgang mit Krisen war die Bandbreit der Themen breit gefächert.
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Zentrale Ergebnisse
1. Ausgangslage: Ehrenamt wird schwerer anschlussfähig
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Junge Menschen zu erreichen und für Verantwortung zu gewinnen, wird spürbar schwieriger – Ideen und Zugänge fehlen vielerorts.
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Zeit ist ein knappes Gut: Ganztag, Schule, Nebenjob, hohe Erwartungen – Engagement konkurriert mit vielen anderen Anforderungen.
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Themen wie Nachhaltigkeit, politische Polarisierung und Diskriminierung sorgen zusätzlich für Spannungen in Verbänden und Gruppen.
2. Ergebnisse aus der Jugendverbands-Erhebung
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Viele Verbände sind sehr stabil und „alt“ – nur ein Viertel jünger als 20 Jahre; zugleich sind über 30 % der Aktiven über 30.
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Postmigrantische Verbände engagieren sich stark, fühlen sich aber von der „klassischen“ Jugendarbeit oft nicht wahrgenommen.
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Beim Thema Migration sehen viele Verbände Einstiegshürden für junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte – ein Teil beschäftigt sich gar nicht damit oder will es auch nicht.
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Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind bei Mitgliedern und Ehrenamtlichen zunehmend vertreten, in Vorständen aber deutlich unterrepräsentiert.
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Zentral für Engagement: Zeitliche Begrenzung von Aufgaben wird als wichtiger Pull-Faktor gesehen, gleichzeitig gilt langfristige Bindung als entscheidend für das Gelingen.
3. Themen, die junge Menschen aktuell bewegen
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Weltlage, Krieg in Europa, Klimawandel, Zukunftsangst und psychische Gesundheit.
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Work-Life-Balance, sich nicht „kaputt machen“, Achtsamkeit und respektvoller Umgang.
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Gerechtigkeit, Rassismus, gesellschaftliche Erwartungen, Schönheitsideale, Anpassungsdruck.
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Wohlstand, „gutes Leben“, Rechtspopulismus, Meinungsfreiheit – Gesellschaft wird verhandelt: Wie wollen wir zusammenleben?
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Gaming, digitale Welten und Social Media als prägende Lebensräume.
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Über allem: „Jeder will etwas von mir“ – Überforderung und das Bedürfnis, Komplexes auf die eigene Bubble herunterzubrechen.
4. Einstieg ins Engagement: Selbstwirksamkeit & Themenanschluss
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Engagement entsteht, wenn junge Menschen spüren: „Mein Handeln bewirkt etwas“ – ab da sind Themen zweitrangig.
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Einstieg läuft über Themen, die persönlich interessieren („ich geh in den Verband, weil mich das inhaltlich anspricht“) – erst danach kommt die Frage, welche Aufgaben übernommen werden.
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Themen lassen sich altersgerecht aufbereiten; die Aufgabe muss zur jeweiligen Altersgruppe passen.
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Selbstwirksamkeit, nicht abstrakte Appelle, entscheidet: Je früher sie erlebt wird, desto eher entsteht Engagement.
5. Strukturen, Ämter & Überforderung
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Vorstände und Funktionsträger:innen tragen eine extreme Bandbreite an Aufgaben, Gremien, Wissen – das schreckt ab und führt zum „Durchreichen“ von einzelnen Personen durch alle Ebenen.
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Einstieg ins Amt bedeutet häufig automatisch zusätzliche Ausschuss- und Gremienarbeit – das verstärkt die Hürde.
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Hauptamtliche sind Schlüsselfiguren für die Gewinnung und Begleitung von Ehrenamtlichen – fällt Hauptamt weg, wird Ehrenamtsgewinnung deutlich schwieriger.
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Stadt-Land-Gefälle spielt eine Rolle (auf dem Land mehr „muss selbst was passieren“), aber Jugendverbandsengagement ist weniger stark davon geprägt als das allgemeine Engagement.
6. Digitaler Raum & Social Media
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Soziale Medien (v. a. Instagram) dienen vor allem zur Information („Was steht an?“) und Vernetzung, nicht als alleiniger Erlebnisraum.
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Rein digitale Angebote reichen nicht – Gemeinschaft und Beziehung müssen am Ende persönlich stattfinden.
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Gleichzeitig gibt es im Digitalen Chancen: In Online-Gruppenstunden oder Projekten (z. B. Minecraft-Juze) können Jugendliche glänzen, die sonst unsichtbar bleiben.
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Verbände brauchen digitale Strategien, Tools und Infrastruktur (Apps wie Klubraum, Spond etc.), um Arbeit zu erleichtern und Angebote sichtbar zu machen.
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Wunsch: Baukasten/Toolkit (Templates, Hashtags, Mediathek) und Schulung/Unterstützung durch eine Fachstelle, statt einer einmaligen großen Kampagne mit kurzer Wirkung.
7. Kampagnen, Reichweite & Rolle des BJR
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Konsens: Social Media wird als Einstiegskanal immer wichtiger – aber lokale, zielgruppenspezifische Umsetzung ist entscheidend.
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Idee: Eine große BJR-Kampagne mit einheitlichem Design als „Dach“, ergänzt durch modulare Bausteine, die Jugendgruppen vor Ort kreativ ausfüllen.
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Statt nur auf eine zentrale Kampagne zu setzen, braucht es eher dauerhafte Strukturen: Teams/Personen, die Medienkompetenz vermitteln, Verbände beraten und Wissen teilen helfen.
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Spannungsfeld: Öffentlichkeitsarbeit darf nicht komplett auf Jugendliche abgeschoben werden, weil Strategie und Verantwortung Ressourcen und Erfahrung brauchen.
8. Nachhaltigkeit, Diversität & innerverbandliche Kultur
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Für manche junge Menschen ist eine nachhaltige, diskriminierungsarme Ausrichtung Grundvoraussetzung, um sich zu engagieren; andere Milieus fühlen sich davon eher belehrt oder ausgeschlossen.
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Gefahr: Wenn Unwissenheit oder Unsicherheit über Sprache und Diversity sofort sanktioniert wird, entsteht Klassismus und Exklusion – statt Lernräumen.
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Gute Praxis: Junge Menschen gezielt stärker beteiligen, z. B. Rede-Vorrang für U27 bei Versammlungen, inhaltliche Ausrichtung (Ausbildungen, Themen) in die Hände der Jugend geben, rechtliche/finanzielle Verantwortung eher bei Älteren.
9. Psychische Gesundheit & veränderte Bedürfnisse
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Psychische Belastung, Überforderung und Zeitmanagement sind zentrale Themen vieler Jugendlicher.
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Jugendarbeit muss stärker auf Wertebildung, Beziehungsarbeit, Kontinuität und veränderte Prioritäten reagieren.
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Es braucht sensibilisierte Fachkräfte und Strukturen, die nicht nur Leistung und Verfügbarkeit erwarten, sondern auch Schutzräume bieten.