Jung & Engagiert: Ideenwerkstatt Rosenheim

Wie erreichen wir die Generationen Z, Y und Alpha und begeistern sie fürs Ehrenamt? Darum ging's in Rosenheim am 9. Juli 2025.

Im Mittelpunkt der Ideenwerkstatt Rosenheim stand der Generationendialog in der Jugendarbeit: Wie lassen sich junge Menschen aus den Generationen Y, Z und Alpha erreichen? Wie verändern sich ihre Lebenswelten – und was bedeutet das für die Ansprache, Begleitung und Beteiligung im Ehrenamt?

Impulse dazu lieferte NProf. Dr. Sebastian Rahn, Nachwuchsprofessor für Sozialisation, Erziehung und Bildung über die Lebensalter an der htw saar. In seinem Beitrag beleuchtete er gesellschaftliche und pädagogische Perspektiven auf den Wandel des Ehrenamts und die Notwendigkeit, Vielfalt und Lebenswirklichkeiten junger Menschen stärker in den Blick zu nehmen.

Zentrale Ergebnisse

1. Junge Menschen erreichen & gewinnen

  • Persönliche Ansprache ist entscheidend – Social Media allein reicht nicht, Bubble-Effekt.

  • Peer-to-Peer wirkt am stärksten: „Ich war da – geh da hin.“

  • Schnupperangebote ohne Verpflichtung deutlich erfolgreicher als Infoveranstaltungen.

  • Jugendliche bleiben eher, wenn bereits andere Jugendliche aktiv sind – „Altersklima“ zählt.

  • Niedrigschwellige Mitlauf- und Reinschnupper-Formate ab 15 Jahren funktionieren gut.

  • Engagementchancen müssen flexibel, punktuell und unverbindlich sein – klassische Langzeitstrukturen passen immer weniger.

2. Strukturen & Leitungsfunktionen

  • Schwere Besetzung von Vorstandsposten; Rückgang an jungen Menschen in Leitungsrollen.

  • Satzungsänderungen wie feste Jugendsprecher:innen können verjüngen – aber es braucht wirklich geeignete, ansprechbare junge Menschen.

  • Fehlende Bereitschaft zu Leitungsämtern hängt stark mit Bürokratie, Haftung und hoher Verantwortung zusammen (Datenschutz, Bonpflicht, Finanzthemen, Hygiene, Fotorechte etc.).

  • Klare Entlastungs- und Rücktrittsregeln notwendig: Engagement muss ohne schlechtes Gewissen beendet werden können.

3. Engagementbarrieren & soziale Faktoren

  • Viele Jugendliche haben nicht die Ressourcen, sich Ehrenamt „leisten“ zu können (Kosten, Zeit, Erwerbsdruck).

  • Hoher Schulstress und komplexe Lebensrealitäten erschweren kontinuierliches Engagement.

  • Soziale Einbettung (Freundeskreis, Bildung, Integration) wichtiger als Migrationshintergrund oder Herkunft.

  • Engagement in der Schulzeit hoch, bricht danach spürbar ein.

4. Gute Praxis & funktionierende Formate

  • Zeltlager, Straßenmusiktouren und Spielstadt funktionieren hervorragend – sterben aber, wenn Peer-Werbung wegbricht.

  • Offene Räume ohne große Auflagen (Pfarrheim mit „räumt’s halt wieder auf“) sind ein Erfolgsfaktor.

  • Beispiel Nightball: freie Hallennutzung bis spät in die Nacht – niedrigschwellig, selbstbestimmt.

  • „Tag der offenen Tür anders gedacht“: Erlebnis statt Informationsvermittlung.

5. Räume & Infrastruktur

  • Es fehlen frei nutzbare, kostengünstige Jugendräume ohne übertriebene Auflagen.

  • Leerstehende Räume könnten genutzt werden – Kommunen müssen pragmatischer werden.

  • Notwendig: Lobbyarbeit für kostenfreie Räume, Entlastung bei Brandschutz & Nutzungsauflagen.

  • Verleih von Materialien (z. B. Grill, Kletterwand) sollte für Vereine kostenlos oder sehr günstig sein.

  • Informationswege für Materialverleih unklar – Website reicht nicht, persönliche Kommunikation nötig.

6. Verbände, Vernetzung & kommunale Ebene

  • Fachkräfte sollen „Ermöglicher:innen“ sein: Jugendliche vernetzen, begleiten, stärken.

  • Verbände, Jugendringe und themenspezifische Gruppen sollten stärker zusammenarbeiten (z. B. Natur-/Umweltschutz).

  • Kommunale Strukturen sind teilweise schwerfällig (z. B. Postweg), aber erreichen breite Zielgruppen.

  • Jugendpolitik muss Freistellungen im Ehrenamt auch in kommunalen Einrichtungen ernst nehmen – Vorbildfunktion!

7. Kampagnen, Kommunikation & Reichweitenaufbau

  • Keine Parallelwelten bauen – vorhandene Kanäle der Zielgruppen nutzen.

  • Influencer können Reichweitenhebel sein, aber müssen lokal andocken und erklärt werden („Warum macht BJR was mit XY?“).

  • Kampagnen sollten bottom-up (von der Praxis) und top-down (vom BJR/Verbänden) zusammenspielen.

  • Formate müssen vor Ort Wirkung entfalten, nicht nur Sichtbarkeit erzeugen.

  • Erfolgreiche lokale Projekte können für die Landesebene adaptiert werden („Scaling local heroes“).

8. Demografie & Wandel

  • Demografischer Wandel verschärft Fachkräfte- und Ehrenamtsmangel – manche Strukturen werden ausdünnen oder verschwinden.

  • „Sterben“ von Gruppen kann auch Neugründung ermöglichen, wenn alte Hindernisse wegfallen.

  • Man darf Menschen gehen lassen – niemand sollte mit schlechtem Gewissen im Amt gehalten werden.

9. Arbeitgeber & gesellschaftliche Rahmenbedingungen

  • Freistellung fürs Ehrenamt sollte breiter gelten – nicht nur bei Feuerwehr & Rettungsdiensten.

  • Anerkennung von Engagement bei Bewerbungen & im Berufsleben wäre ein großer Hebel.

  • Politik & Wirtschaft bräuchten mehr belastbare Studien zur Wirksamkeit von Ehrenamt auf Arbeitsleistung.