Bericht Fachtag Antidiskriminierung und Dialog in Nürnberg

Der Fachtag Antidiskriminierung und Dialog  fand am 18.6.2016 in Nürnberg statt. Der Fachtag wurde von der Kommission Integration des BJR organisiert. Natürlich spielte das Thema Flucht in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle.

Arbion Gashi, Vorsitzender der Kommission Integration, stellte in seiner Begrüßung die Vielfalt von diskriminierenden Äußerungen in den Vordergrund: "Rassismus und Diskriminierung kommt nicht nur in Aussagen vor, sondern auch in Haltungen." Eine Aussage, die auch für die Jugendarbeit von großer Bedeutung ist.

Dass Diskriminierung und Rassismus und der Umgang damit immer noch und wieder ein wichtiges Thema für die Jugendarbeit sind, stellte Ansgar Drücker von IDA e.V. (Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.) in seinem Impulsvortrag heraus. Dafür differenzierte er verschiedene Begriffe wie Rassismus, Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Dabei machte er stark, dass das Thema interkulturelle Öffnung eine hohe Dialogbereitschaft erfordert – auch für den Dialog mit Skeptikern, wobei die Grenzen des Dialogs ausgelotet werden müssen. Denn gerade in diesem Bereich gibt es auch schutzbedürftige Gespräche, die den Ausschluss gewisser Gesprächspartner erfordern.
Ansgar Drücker beschrieb, dass Geflüchtete rassistischen und sexistischen Diskriminierungen ausgesetzt seien. Er verwies aber auch auf eine viel grundsätzlichere Ungleichbehandlung hin, nämlich den aufenthaltsrechtlichen Status. Es erscheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass Geflüchtete einen anderen Status haben. Ansgar Drücker bemerkte aber, dass vielleicht genau diese Selbstverständlichkeit eine Reflexion wert wäre. Er stellt die Frage: "Sind wir in der Jugendarbeit bereit, auf einer anderen Ebene zu agieren und unsere Etabliertenvorrechte in Frage zu stellen?“
Ansgar Drücker beschrieb die aktuelle gesellschaftliche Polarisierung der einzelnen Positionen, die sich etwa an der Frage "Flüchtlinge – ja oder nein?" manifestiert. Diese Polarisierung ist in seiner Wahrnehmung in Familien und Verbänden spürbar. Dies findet auch Ausdruck in der von ihm dargestellten Politisierung der Verbände, auch der vermeintlich unpolitischen Verbände und Gremien. Ein spannender Prozess, der auch auf Bundesebene spürbar sei. Ansgar Drücker betonte auch, dass gerade das Engagement der Menschen mit Migrationshintergrund und derer Verbände im Bereich der Flüchtlingsarbeit unterschätzt wird.
Ein weiterer interessanter Punkt in seinem Vortrag war die Feststellung, dass die Diskussion um Flucht und Asyl angstbesetzt ist, was u.a. zu einer Zurückhaltung in der Beteiligung an den Diskussionen führen kann. Dabei ist es gerade wichtig, sich zu beteiligen und auch auszuhandeln, wie weit wir in den Dialog mit Menschen gehen, die nicht offen sind für eine vielfältige Gesellschaft.
Ansgar Drücker schlägt vor, die diversifizierte Gesellschaft – also die Annahme einer von vornhinein vorhandenen Vielfalt – als positiven Gegenentwurf zur Einheitsgesellschaft anzunehmen. Interkulturelle Öffnung ist dann ein Teil von Diversitätsbewusstsein. Er plädiert für eine Mischung aus struktureller und persönlicher Kontaktaufnahme, die diese Einstellung vermittelt. Eine offene Haltung und persönliches Engagement seien dafür die wesentlichen Grundlagen, auch und gerade in der Jugendarbeit.

Anschließend an diesen Vortrag fand eine Podiumsdiskussion statt, die von Hamado Dipama vom Netzwerk Rassismus- und Diskriminierungsfreies Bayern/Bayerischer Flüchtlingsrat/AGABY  moderiert wurde. Auf dem Podium saßen Vertreter/-innen von Vereinigungen junger Menschen mit Migrationshintergrund (VJM): Kamer Güler, BDAJ, Sinem Tekin, DITIB-Landesjugendverband Nordbayern, Eugen Laukart, JunOst, Mohammed Hassani, heimaten e.V., Deniz Bahadir, DIDF-Jugend

Die Podiumsdiskussion war hochspannend und präsentierte viele persönliche Erfahrungen, politische Forderungen und Überlegungen zum Umgang mit Diskriminierung und Rassismus.
Da geht es z.B. um die Erfahrung, dass man trotz guter Noten keine Gymnasialempfehlung bekommt, da nach Meinung der Lehrer/-innen die Eltern das Kind nicht ausreichend unterstützen könnten. Erfahrungen von Alltagsrassimus und von struktureller Diskriminierung werden so am Beispiel deutlich. Kamer Güler (BDAJ) nimmt dies zum Anlass für die Forderung, dass gerade die Personen, die Einfluss haben, zum Reflektieren gebracht werden müssten. Denn wenn Lehrer/-innen, Politiker/-innen und auch Behörden nicht zum Umdenken bereit seien, wie solle es dann funktionieren.

Über die Entdeckung der eigenen vielfältigen Identität wird gesprochen, davon, dass Begegnung und Dialog zum Nachdenken und zum Verändern von Positionen führen kann, wie Mohammed Hasani von heimaten e.V. berichtet. Die Forderung nach dem sich gemeinsam gegen diskriminierende Positionen stellen, kommt auf, ebenso wie sich selbst aus der Rolle des Diskriminierten zu emanzipieren. Es wird auch der Wunsch formuliert, dass noch mehr Informationen bereitgestellt sowie Prävention und Bildungsarbeit durchgeführt werden. Das kommunale Wahlrecht für alle wird ebenso gefordert (Deniz Bahadir, DIDF-Jugend) wie eine differenziertere Berichterstattung in den Medien (Sinem Tekin, DITIB-Landesjugendverband Nordbayern).

In einem zweiten Teil der Podiumsdiskussion werden diese Sichtweisen um die Perspektive weiterer Akteure der Jugendarbeit ergänzt. Deniz Dadli, KJR München-Land, setzt sich für eine offene Haltung, ein offenes Zuhören ein. Patrick Wolf (EJB) fordert von der Politik die Jugendarbeit mit ihren integrativen Potentialen als Partner wahrzunehmen und zu nutzen. Stefan Kappeler vom Bayerischen Jugendrotkreuz beschreibt, dass Integration möglich ist und sie das in ihrem Verband bereits leben.

Die Diskussionsrunde mit dem Publikum ist sehr differenziert. Es wird auf den Bedarf an critical whiteness-Prozessen hingewiesen, darauf, dass Schutzräume in bestimmten Kontexten wichtig und richtig seien und dass ein Migrationshintergrund nicht bedeute, dass man nicht rassistisch sein könne. Das Podium spricht sich insgesamt dafür aus, dass die Möglichkeiten der Jugendarbeit noch stärker bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund vermittelt werden müssen. Denn wenn noch mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Strukturen der Jugendarbeit aktiv sind, können sie authentisch motivierend wirken.

Im letzten Teil der Veranstaltung wurden verschiedene konkrete Projekte aus der antidiskriminierenden Jugendarbeit vorgestellt. Die Diskussion wird differenziert moderiert von Naim Balikavlayan, Netzwerk Rassismus- und Diskriminierung-freies Bayern e.V.
Es stellen sich vor: die Janusz-Korczak-Akademie und ihre Zeitschrift "Jung-jüdisch-Bayerisch", die Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus mit einem Ausschnitt ihres Angebots, die DIDF-Jugend präsentiert das Straßenfest gegen Rassismus und Diskriminierung und ein Buch, das aus einem Schulprojekt entstanden ist. Außerdem stellt Esra Cöloglu (Islamische Jugend in Bayern) ihre Erfahrungen von der Leitung einer Mädchengruppen vor.
Auch hier führen die authentischen Erfahrungsberichte der Podiumsdiskussion zu vielfältigen und spannenden Diskussionen. Unter anderem wird über die Begriffe Inklusion und Integration diskutiert, wobei sich das Podium für die Verwendung des Begriffs Inklusion ausspricht. Bei Integration, sei immer die Erwartungshaltung des sich Anpassens mitgedacht. Inklusion hingegen spricht die Gesamtgesellschaft an und fordert ein Überdenken der Strukturen.
Es wird auch über die Strukturen der Jugendarbeit diskutiert, die immer noch sehr auf einer "Komm-Struktur" basieren. Die Entwicklung hin zu einer "Hol-Struktur" wird gefordert.

Nach der regen Beteiligung zu urteilen, war der Fachtag eine gelungene Veranstaltung. Und eine von hoher Relevanz für die Jugendarbeit an sich, aber insbesondere auch für die Jugendarbeit mit jungen Geflüchteten. Denn viele der Diskriminierungsmechanismen finden sich hier genauso wieder, in manchen Bereichen sogar noch viel stärker. Nach wie vor ist die Debatte um die Zuwanderung von Geflüchteten politisch aufgeladen und polarisiert, wie z.B. auch in der neuen Mitte-Studie belegt. Die hier gesamtgesellschaftlich festgestellten Haltungen, finden sich natürlich auch unter den Mitarbeitern der Jugendarbeit sowie bei den Jugendlichen selbst. Sich hier um Wissen und Haltung zu bemühen und auch von den bereits gemachten Erfahrungen, gerade der VJM zu lernen, erscheint eine wichtige Stellschraube einer verantwortungsvollen Jugendarbeit zu sein.

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht?  

Manina Ott
 

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