Interkulturelle Öffnung

Definition

Interkulturelle Öffnung ist ein Konzept, das auf den gleichberechtigten Zugang aller zu allen gesellschaftlichen Strukturen und Angeboten zielt. Interkulturelle Öffnungsprozesse können mit dem Anspruch der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit angestoßen werden oder Reaktionen auf sich verändernde Rahmenbedingungen sein. Sie haben das Ziel,  Zugangsbarrieren abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Interkulturelle Öffnung setzt sich mit der Pluralität von lebensweltlichen Konzepten auseinander. Sie ist nicht wertneutral, sondern setzt einen Selbstreflexionsprozess in Gang, der auch eine Auseinandersetzung mit den Themen Diskriminierung, Rassismus und Machtstrukturen beinhaltet.

Allgemeines Verständnis/Kritik

1. Der Begriff Interkulturelle Öffnung suggeriert eine bestimmte feststehende „Kultur“ sowohl der Aufnahmegesellschaft als auch der „Dazukommenden“. Diesem Verständnis liegt ein  essentialistischer und unveränderlicher Kulturbegriff zugrunde, der den gesellschaftlichen Realitäten nicht gerecht wird.

2. Das Konzept basiert auf der Annahme der Existenz einer „deutschen Kultur“: Meist wird Interkulturelle Öffnung so verwendet, dass sie auf ein intensiviertes und chancengleiches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen in Migrationskontexten abzielt. Eine Interkulturelle Öffnung kann aber nur dann funktionieren, wenn es auch etwas gibt, was geöffnet werden kann und muss. In diesem Fall wäre dazu die Existenz einer deutschen Mehrheitskultur, die mehr oder weniger in Reinform weiterexistiert, erforderlich. Diese Annahme ist aber – entweder schon immer oder schon längst – nichts als eine Illusion. Stattdessen ist ein internationales und ein interkulturelles Zusammenleben, in dem auch vielfältige kulturelle Identitäten nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind, für den weitaus größten Teil der (beispielsweise) in Deutschland lebenden Menschen inzwischen selbstverständlich. Demnach gäbe es nichts zu öffnen, sondern höchstens etwas weiterzuentwickeln.

3. Das Konzept folgt veralteten Vorstellungen von Integration: Mit dem vorangegangenen Argument geht weiterhin die Kritik einher, dass eine Interkulturelle Öffnung von einem Primat einer deutschen Kultur ausgeht. Stattdessen wird erwartet, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich an die angenommene deutsche Mehrheitsgesellschaft anpassen.

4. Das Konzept ist zu schwammig: Aktivitäten, die zur interkulturellen Öffnung von Strukturen führen können, lassen sich kaum eingrenzen. Letztlich kann alles und jedes dazu beitragen – oder auch nicht. Umgekehrt lässt sich kaum sagen, welche Strategien und Aktivitäten mit Sicherheit und verlässlich zu einer Interkulturellen Öffnung führen. Und letztlich lässt sich der Erfolg einer Interkulturellen Öffnung kaum messen. Das Konzept der Interkulturellen Öffnung kann als eine übergeordnete Idee verstanden werden, die immer situativ und kontextabhängig unterschiedlich umgesetzt und realisiert werden muss. Somit fehlt dem Konzept der konkrete Gehalt.

5. Das Konzept reicht nicht weit genug: Wenn eine Interkulturelle Öffnung darauf abzielt, Migrant_innen in bestehende einheimische Strukturen einer Mehrheitskultur zu integrieren, ist demnach niemandem geholfen. Vielmehr müssen auch die Strukturen selbst so verändert und transformiert werden, dass sie in ihrer Arbeitsweise und Funktionen den Bedürfnissen einer sich verändernden Gesellschaft gerecht werden. Weiterhin ist zu bemängeln, dass zahlreiche Maßnahmen zur Interkulturellen Öffnung lediglich die Existenz tatsächlicher kultureller Unterschiede unterstellen, die die Angehörigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft zwecks Interkultureller Öffnung kennenlernen und erlernen sollten. Dieses pauschalisierende Kulturverständnis verstärkt jedoch nur die Vorurteile zwischen den unterschiedlichen Gruppen. Probleme der Diskriminierung und der tagtäglichen Ausgrenzung, die der wirklichen Interkulturellen Öffnung weitaus mehr im Wege stehen, werden demgegenüber häufig ignoriert und gar nicht erst bearbeitet

(in Anlehnung an: Mayer/Vanderheiden (Hg.), Handbuch Interkulturelle Öffnung, 2014)

Empfehlungen für die Jugendarbeit

Ebenso vielfältig wie die gesellschaftliche Wirklichkeit soll auch die Jugendarbeit sein, da Jugendarbeit den Anspruch hat, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein. Das oben beschriebene Konzept der Interkulturellen Öffnung ist somit eigentlich für die Jugendarbeit nicht praktikabel. Jugendarbeit setzt sich nach seinem Selbstverständnis dafür ein, alle Kinder und Jugendlichen zu beteiligen und sich gegen jegliche Form von Diskriminierung zu wenden. Das inhaltliche Ziel der Jugendarbeit sollte demnach eine diversitätsbewusste Jugendarbeit in allen Dimensionen sein, also strukturell und inhaltlich.

Dennoch wird der Begriff Interkulturelle Öffnung derzeit gerne verwendet, gerade auch im politischen/jugendpolitischen Kontext. Er hat auch seine Berechtigung, denn er leistet etwas in zweierlei Hinsicht: Interkulturelle Öffnung bezieht sich erstens konkret auf den Kontext gleichberechtigter Teilhabe von Migrant_innen an den gesellschaftlichen Strukturen, während „diskriminierungsfreie Jugendarbeit“ von dem konkreten Merkmal „Migrationshintergrund“ abstrahiert. Zweitens ist der Begriff der Interkulturellen Öffnung dann hilfreich, wenn man ihn im Kontext von Verbandskultur verwendet. Jeder Jugendverband, jeder Jugendring, jedes Jugendzentrum hat im Laufe seiner Geschichte eine eigene Kultur entwickelt, die mit dem Konzept der Interkulturellen Öffnung auf den Prüfstein gestellt werden kann.

Dennoch sollte sich die Jugendarbeit perspektivisch davon lösen und ihn durch das Ziel/Konzept einer „diversitätsbewussten/ inklusiven Jugendarbeit“ ersetzen, die alle jungen Menschen unserer Gesellschaft gleichberechtigt einschließt und beteiligt.

Internationaler Kontext

Das Konzept der Interkulturellen Öffnung ist ein deutscher Ansatz, der so in anderen Ländern nicht zu finden ist. Das Thema Migration wird dort eher unter sozialpolitischen Herausforderungen oder ökonomischen Kriterien betrachtet.

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