Trilaterales Seminar zu Erinnerungskulturen in Bayern, Russland und Israel

Vom 23. bis zum 27. Juni 2016 fand in München ein trilaterales Explorationsseminar unter dem Titel „Reflecting Memories“ statt. Vierzehn Teilnehmer_innen aus Bayern, Russland und Israel setzten sich an den drei Projekttagen intensiv mit den nationalen Erinnerungskulturen zum Zweiten Weltkrieg, Nationalsozialismus und der Vernichtung der europäischen Juden auseinander. Konzipiert und geleitet wurde die Veranstaltung durch Juliane Niklas (Bayerischer Jugendring) und Ingolf Seidel (Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V.). Zu den Zielen des Seminars gehörte es zu erkunden, ob es einen Bedarf für Praktiker_innen im internationalen Jugendaustausch gibt, sich vertiefend mit Fragen der Erinnerung an die Folgen nationalsozialistischer Herrschaft und deren Terror zu beschäftigen. Darüber hinaus wollten wir herausfinden, ob ein selbstreflexives Gespräch über die höchst unterschiedlichen Erinnerungskulturen und –formen sowie die dahinterstehenden Narrative in einer derart heterogenen Konstellation überhaupt möglich ist.

Ablauf und Themen des Seminars

Für die Veranstaltung hatten sich je fünf Teilnehmer_innen aus drei Ländern angemeldet, bzw. wurden die Partnerorganisationen aus Russland und Israel im Vorfeld gebeten, eine je fünfköpfige Delegation aufzustellen. Eine russische Teilnehmerin musste wegen Erkrankung leider kurzfristig absagen. Die russischen Teilnehmer_innen kamen vom Zentrum für deutsche Sprache und Kultur der Moskauer Staatlichen Landesuniversität sowie deren Fakultät für Psychologie in den Erziehungsfragen. Alle russischen Teilnehmenden waren deutschsprachig. Die israelische Gruppe bestand aus zwei Jugendarbeiter_innen der Jugendbewegung „Hanoar haoved vehalomed“, einer Geschichtslehrerin sowie zwei Kolleg_innen der Abteilung Jugendaustausch der Stadt Jerusalem, bzw. der Direktorin der Jugendarbeitsabteilung der Stadt. Zu der Gruppe aus Bayern gehörten drei Personen, die im Jugendzentrum „Mosaik“ beschäftigt sind, eine Kollegin des Kreisjugendrings der Stadt München sowie eine russischstämmige Studentin. Ein Teilnehmer von Mosaik absolviert dort momentan sein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur (FSJ Kultur).

Der inhaltliche Einstieg am ersten Tag des Seminars begann nach einer Begrüßungs- und Vorstellungsrunde mit einer Barometerübung. Dafür wurden die Einzelnen gebeten, sich entlang einer Skala von null bis einhundert Prozent zu positionieren. Die Fragen drehten sich um Themen wie die Beschäftigung mit Antisemitismus, Antiziganismus, Nationalsozialismus und Erinnerungsarbeit.

Im Anschluss wurden von allen drei Gruppen Zugänge zu den jeweiligen nationalen Erinnerungskulturen präsentiert. Im Vorlauf des Seminars waren alle Gruppen gebeten worden, eine solche Präsentation vorzubereiten. Die Vorstellung war so geplant, dass eine Gruppe ihren Input vorträgt oder zeigt. Danach bestand jeweils Raum für eine ausführliche Reflexion in drei gemischten Gruppen im Rahmen einer Placemat Activity. Dieses Verfahren stammt aus dem Kooperativen Lernen und ist dazu geeignet mittels einer grafischen Struktur Arbeitsergebnisse sowohl individuell, als auch gemeinsam darzustellen. Im Mittelpunkt steht dabei ein Diskussions- und Aushandlungsprozess, bei dem die Teilnehmenden sich auf gemeinsame Ergebnisse einigen, die später dem Plenum auf einem Plakat vorgestellt werden. Die Diskussionsergebnisse werden im Folgenden an ausgewählten Beispielen dargestellt. Dieses Verfahren wurde analog zu den Ländergruppen dreimal durchgeführt und nahm den restlichen Teil des Tagesprogramms ein.

Der Einstieg erfolgte durch die Teilnehmenden aus dem Jugendzentrum Mosaik. Der junge Teilnehmer, der im FSJ Kultur arbeitet, hatte für die Präsentation einen zwanzigminütigen Kurzfilm gedreht, für den er jugendliche Besucher_innen und Mitarbeiter_innen des Jugendzentrums über ihre Zugänge zu Erinnerungskultur interviewte. Der Film war mit englischen Untertiteln versehen. Die Diskussion der Kleingruppen während der Placemat Activiy bezog sich in dieser ersten Runde stark auf Gegenwartsbezüge. So wurde die Frage, ob und was sich aus der Geschichte lernen ließe, angesprochen. Zur Sprache kam die Gefahr und Problematik von extrem rechten Gruppierungen wie Pegida, es wurde darauf hingewiesen, dass in die Arbeit mit Jugendlichen eigene biografische Zugänge einfließen sollte, angesprochen wurde auf den Präsentationsplakaten auch der Themenkomplex Deutschlands als Einwanderungsgesellschaft, die Berücksichtigung von Fluchthintergründen, Antirassismus und von Menschenrechten im Umgang mit Erinnerungskulturen. Herausgehoben wurde hier und in späteren Beiträgen die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Geschichte für die Gestaltung der Zukunft.

Aus der israelischen Gruppe gaben die Teilnehmer_innen einen Input zur Entwicklung der israelischen Erinnerung an die Shoah und zur Arbeit der Hanoar haoved vehalomed-Jugendbewegung. Die initialisierende Wirkung des Eichmann-Prozesses für die Auseinandersetzung mit der Shoah in Israel und die zuvor bestehende Zeit des Schweigens zu den Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik war für viele Teilnehmende sichtlich unbekannt. Betont wurde in dieser Präsentation durch Bezugnahme auf den jüdischen Partisanen Abba Kovner auch der jüdische Widerstand gegen die NS-Politik. Abba Kovner war auch an den folgenden Tagen an einzelnen Stellen immer wieder ein Referenzpunkt in Diskussionen. Anhand des Yom haShoah und dessen Integration ins gesellschaftliche Leben Israels konnten Unterschiede zur Bedeutung des 27. Januars als Gedenktag ausgemacht werden. In der Gruppenauswertung wurde anschließend akzentuiert, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Komplexität historischer und aktueller Erfahrung ist. Dazu kam ein starker Impuls seitens der israelischen und russischen Teilnehmer_innen, sich mit der Geschichte nicht ausschließlich aus der Opferperspektive, sondern auch mit den heroischen Aspekten von Gegenwehr auseinanderzusetzen. Ein deutschsprachiger Teilnehmer stellte auf einem der Plakate seine universalistische Haltung heraus, dass Nationalität unwichtig wäre und es auf die persönlichen Eigenschaften ankäme. Als ein in Deutsch aufgeschriebenes Gruppenergebnis wurde festgehalten, dass Geschichte Geschichte sei, die uns helfen würde zu lernen. Aber wir seien nicht weiter Akteure und Täter.

Als dritte Gruppe kamen die russischen Kolleg_innen mit ihrer Präsentation an die Reihe. Im Mittelpunkt stand dabei der erinnerungskulturelle Umgang mit dem 9. Mai als Tag des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“. Dazu gehört die jährliche Siegesparade, aber auch der Marsch „Unsterbliches Regiment“, bei dem die Teilnehmer_innen vergrößerte Fotografien von verwandten Kriegsteilnehmer_innen tragen, oder die Aktion „Briefe von der Front“,  bei der Briefe von Soldat_innen der Roten Armee, die sie den Verwandten im Hinterland gesendet haben, verlesen werden. Aber auch die Aktivitäten der Moskauer Staatlichen Landesuniversität um Gedenken an Soldat_innen der Roten Armee in Form von Kranzniederlegungen, Konzerten und der Beteiligung an der Aktion „Unsterbliches Regiment“ waren Thema des kurzen Vortrages. Dieser wurde mitunter pathetisch durch Gedichtrezitationen und Lieder, sodass die Stimmung bei vielen Teilnehmer_innen emotional aufgeladen war. In der folgenden Reflexionsrunde fand sich eine Kleingruppe mit Teilnehmenden aus Israel und Russland, die ihre aktuellen Gefühle gegenüber Deutschen diskutierte – für die daran Beteiligten eine erste und bisher einmalige Gelegenheit, sich in einer solchen Konstellation auszutauschen. Andere Teilnehmende bezogen sich auf die naheliegende Möglichkeit semantischen und symbolischen Bedeutungen von Denkmälern, Gedichten und anderen Erinnerungsorten zu entschlüsseln und dies für den Jugendaustausch zu nutzen. Kritisiert wurde, dass im Bereich der formalen Bildung in der Praxis Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg endet, also die für die Erinnerungskultur ebenfalls wichtige Nachgeschichte, kaum zur Sprache kommt. Dazu wurde betont, es sei heute noch wichtig Namen von bisher unbekannten sowjetischen Soldaten in Erfahrung zu bringen.

Am Ende dieses ersten Tages war durch die Kleingruppenarbeit in wechselnden bereits ein Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gelegt. Durch die intensiven Diskussionen waren alle Teilnehmenden zugleich motiviert, als auch erschöpft.

Der zweite Seminartag beinhaltete eine Führung durch die KZ-Gedenkstätte Dachau, angeboten von zwei Kolleg_innen des Max-Mannheimer-Studienzentrums (MMSZ) mit anschließendem Workshop zur Geschichte des Ortes des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau nach 1945 und zur Entstehung der Gedenkstätte. Die Führung fand in zwei Gruppen deutsch- und englischsprachig statt. Ein spannender Aspekt, der in der nachfolgenden Workshopphase zum Tragen kommen sollte, war, dass eine Kollegin aus dem MMSZ in Dachau aufgewachsen ist, was spezielle Eindrücke in den lokalen Umgang mit der Geschichte des Ortes, bzw. deren Verdrängung ermöglichte.

Zum Abschluss der Führung hatte Teilnehmende aus der israelischen Gruppe angeregt, eine kurze Gedenkzeremonie im jüdischen Gedenkort auf dem Gedenkstättengelände abzuhalten; ein Wunsch, auf den wir gerne eingegangen sind. In diesem Rahmen wurde eine Kerze entzündet und das Gedicht Yizkor von Abba Kovner auf Hebräisch und Deutsch vorgelesen sowie das bekannte Zitat Martin Niemöllers „Als sie die Kommunisten holten, ...“.

Die Führung über das Gedenkstättengelände hinterließ bei Teilnehmer_innen der russischen Gruppe sichtliche Spuren der emotionalen Berührung und Überwältigung durch die Atmosphäre am historischen Ort. Zwei Teilnehmer_innen zogen sich daher zeitweise vom Geschehen zurück.

Für die Workshophase blieb die Trennung in zwei Sprachgruppen bestehen. In beiden Gruppen wurde u.a. mit Dokumenten und Fotos aus der Entstehungszeit der Gedenkstätte gearbeitet. Dabei wurde die Nachnutzung des Geländes als Flüchtlingslager für Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten, aber auch der lange Weg hin zu einer Gedenkstätte gegen Widerstände und Vergessen deutlich.

Im Abendprogramm dieses Tages war ein Vortrag über die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen am Beispiel der frühen Sobibór-Prozesse von 1950 in Frankfurt am Main und in Berlin vorgesehen. Der Vortrag hielt die Erziehungswissenschaftlerin Dagi Knellessen die am Leipziger Simon Dubnow Institut zu dieser Thematik forscht. Der Berliner Prozess richtete sich gegen Erich Bauer, im Vernichtungslager Sobibór unter dem Namen „der Gasmann“ bekannt, weil er für die Vergasungen zuständig war. Bauer wurde auf der Basis des Alliierten Kontrollratsgesetzes von deutschen Richtern verurteilt, eine Besonderheit des Verfahrens. Die Todesstrafe wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Im Frankfurter Verfahren wurde der ehemalige SS-Unterscharführer Hubert Gomerski zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Vortrag beleuchtete in erster Linie die Aussagen der jüdischen Zeug_innen in den Strafverfahren. Alle überlebten nur dadurch, dass sie während des Aufstandes am 14. Oktober 1943 entfliehen konnten. Im Vergleich zu späteren großen Verfahren gegen NS-Täter wie dem Eichmann-Prozess in Jerusalem oder den Frankfurter Auschwitz-Prozessen waren die Zeug_innen darum bemüht, ihre Aussagen so zu tätigen, dass sie möglichst entpersonalisiert und abstrahiert von den eigenen Schicksalen waren. So wollten die Überlebenden den Eindruck vermeiden, es könnte sich bei den Aussagen um Racheakte handeln.

Der dritte und letzte Seminartag verlief an zwei Programmpunkten anders als geplant. Für den Vormittag standen drei Inputs zu unterschiedlichen Aspekten von Erinnerungskulturen auf dem Programm. Am Anfang stand ein eher theoretischer Impuls von Ingolf Seidel zu Gedächtnistheorien, der anschließend überleitete zu Denkmalsformen der Erinnerung in der DDR unter dem Blickwinkel, dass mit dem stalinistisch geprägten Antifaschismusbegriff die ostdeutsche Bevölkerung im Ganzen von Schuld und Verantwortung für den NS freigesprochen wurde. Juliane Niklas bezog sich daran anschließend auf aktuelle Beispiele von Erinnerung in den postsowjetischen Staaten Belarus und Ukraine. Sie zeigte an Bildbeispielen auf, dass eine spezifische Erinnerung an die Shoah in beiden Staaten immer noch weitgehend fehlt, beziehungsweise jüdische Opfer eingeebnet werden in das generelle Opfergedenken an ermordete „Bürger und Zivilisten“. Dies wird besonders deutlich in Babi Jar, wo das Narrativ, dass dort ganz allgemein  „Bürger Kiews“ ermordet wurden (so auch in drei Sprachen – Ukrainisch, Russisch und Jiddisch auf der Gedenktafel zu lesen), dominant ist. An diese Einlassungen anschließend entspann sich eine lebhafte Diskussion anhand der Frage, ob Opfer posthum gewertet können und sollen. Wie kann die Singularität der Shoah und das Wissen darüber, dass die Deutschen Jüdinnen und Juden als einzige Gruppe (neben Sinti und Roma?) komplett eliminieren wollten im Erinnern gleichberechtigt neben dem Gedenken an die zweitgrößte Opfergruppe, die sowjetischen Kriegsgefangenen, stehen?

Durch den etwas in die Länge gezogenen ersten Input und infolge der Diskussion musste der Impulsvortrag von Prof. Dr. Gabriele Fischer entfallen.

Die für den Nachmittag geplante Fotorallye fiel schließlich der unsicheren Wetterlage und der Überlegung zum Opfer, dass die Auswertung des Seminars ein Bestandteil ist, der unter Umständen mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als ursprünglich geplant. Ursprünglich sollten die Teilnehmer_innen ausgerüstet mit Smartphones, Stadtplänen und einer Adressliste Orte in München auffinden, an denen in unterschiedlicher Weise Erinnerungsbezüge zum NS-Terror hergestellt werden. Diese wären fotografisch dokumentiert worden, um zu diskutieren, an welche (Opfer-)Gruppen und Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft jeweils erinnert wird. Stattdessen unternahm die Gruppe einen gemeinsamen Spaziergang zu ausgewählten Erinnerungsorten, an denen Juliane Niklas jeweils einen kurzen Überblick zur Bedeutung der Orte und der Gedenktafeln gab. Unter anderem gehörte dazu das Denkmal am Platz der Opfer des Nationalsozialismus. Hier gibt es zwei Besonderheiten. Erstens ist der Ort zwar mit „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ ausgeschildert und auch Stadtplänen so benannt. Das entspricht jedoch nicht der Postadresse der angrenzenden Häuser. Die lautet Maximiliansplatz. Bei der Umbenennung 1946  wollte man Anwohner_innen und Geschäftsleuten die vermeintliche Zumutung ersparen, eine Adresse mit NS-Bezug auf ihrem Briefkopf zu haben. Irritierend fanden die israelischen Kolleg_innen zudem die Beschriftung des Denkmals. Dort wird allgemein den Opfern gedacht, die aus rassistischen oder politischen Gründen, wegen ihrer Religion, Sexualität oder Behinderung Orientierung verfolgt wurden.  Die universalistische Aufhebung des spezifischen Charakters der Shoah legt Vergleiche mit der sowjetischen Erinnerungskultur nahe. Immerhin befindet sich, wenn auch nicht leicht zu finden, auf dem Platz ein liegender Gedenkstein für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma.

Evaluation und Rückmeldungen der Teilnehmer_innen

Die an das Tagesprogramm anschließende Auswertung ergab für uns ein in dieser Form überwältigend positives Resümee durch die Teilnehmenden. In einer ersten Runde wurden sie gebeten sich in wechselnden Kleingruppen auf Flipchartbögen zu folgenden Punkten zu äußern: Was nehme ich aus dem Seminar mit? Anregungen für Änderungen und Verbesserungen sowie dazu warum es weitere solcher Veranstaltungen geben sollte. Die Übung lehnte sich an das Prinzip eines World Cafés an.

Bei der Frage, was die Teilnehmer_innen für sich mitnehmen, wurde mehrfach positiv die Möglichkeit hervorgehoben sich mit anderen Formen der Erinnerung auseinanderzusetzen und dies als Horizonterweiterung betrachtet, die nicht normativen Vorgaben einer bestimmten Form von Gedenken folgt. Auch die eigenen Zugänge zur Erinnerung an die Shoah wurden reflektiert und betont, dass für jüngere Menschen in solchen Diskussionen die Möglichkeit bestünde eigene Zugänge zur jeweiligen Erinnerungskultur zu finden. Auch der Wunsch nach weiteren Seminaren kam hier auf.

Die Verbesserungsvorschläge und Kritiken bezogen sich auf unterschiedliche Details. Der Wunsch nach einem zusätzlichen Seminartag kam auf, auch um mehr Möglichkeiten zur Verarbeitung von Diskussionen zu haben. Ein_e Teilnehmer_in wünschte sich noch mehr Kleingruppenarbeit. Außerdem sollten die inhaltlichen Inputs vom dritten Tag am Anfang des Seminars stehen. Der lange Tag in der Gedenkstätte Dachau wurde als zu intensiv empfunden. Der Seminarteil im Anschluss an die Führung war Teilnehmenden zu viel, da die Möglichkeit zur Verarbeitung zu gering war.

Unter der Fragestellung, warum es weitere Seminare geben solle, wurde unter anderem der Wunsch nach einem gemeinsamen Positionspapier oder einer Dokumentation geäußert, damit Inhalte und Perspektiven in den jeweils eigenen Ländern weitergetragen werden. Hinzu kam eine mögliche Perspektive zur Vertiefung und Weiterarbeit in derselben Konstellation, um auf das allseitig gewonnene Vertrauen aufbauen zu können. Der allgemeine Wunsch nach Kontinuität wurde mehrfach aufgeschrieben. Auch die Möglichkeit zum gegenseitigen Lernen voneinander wurde positiv hervorgehoben. Dazu kam die Anmerkung, dass der Austausch von Jugendgruppen durch die persönlichen Kontakte erleichtert würde.

Nachdem die Gruppenplakate präsentiert waren, gab es für die Teilnehmer_innen noch die Möglichkeit, sich in einer Runde freiwillig zu den Inhalten und der Form des Seminars zu äußern. Dabei herrschte der teils nahezu euphorisch geäußerte Wunsch vor, zwei Follow ups in Israel und Russland durchzuführen. Eine israelische Teilnehmerin erzählte, dass das Seminar ihre zukünftige Planung von Gedenkveranstaltungen beeinflussen würde. Dem Schicksal der fünf Millionen ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen könnte Raum gegeben werden. Großes Lob bekam der junge Dolmetscher Maximillian Längsfeld, der die schwierige Aufgabe der deutsch-englischen Konsekutivübersetzung mit Bravour löste.

Mehrfach wurde der aus einer englischen Redewendung entnommene „Elefant im Raum“ erwähnt, den viele befürchtet hatten: Ein Problem oder eine Wahrheit steht so offensichtlich im Raum, wie ein Elefant dort stehen würde, aber niemand wagt, ihn zu thematisieren. Alle waren sich einig, dass es sehr gut gelungen war, offen alle Probleme anzusprechen.

Fazit

Aus unserer Sicht kann das Seminar als großer Erfolg gewertet werden. Nach Äußerungen von langjährig erfahrenen Teilnehmenden während der Veranstaltung fehlte bisher eine solche Art des Austauschs und des gegenseitigen Lernens für Multiplikator_innen in einem trilateralen Kontext. Die Kritik, dass der Tag des Gedenkstättenbesuches zu intensiv war, können wir gut annehmen. Es war für uns allerdings überraschend, wie stark sich hier die emotionale Überforderung Einzelner zeigte; vielleicht ein Hinweis darauf, wie sehr man sich an das Grauen für das ein Ort wie eine KZ-Gedenkstätte steht, gewöhnen kann. Für die russischen Teilnehmenden, die besonders emotional reagierten, war es der erste Besuch einer KZ-Gedenkstätte, die bayerischen und israelischen Teilnehmenden kannten Dachau bereits. Für weitere Veranstaltungen würden wir sicherlich mehr Raum für innere Entspannung und Distanzierung schaffen. Methodisch hat sich gezeigt, dass es gut möglich ist, Übungen aus dem Bereich des kooperativen Lernens für die Auseinandersetzung um unterschiedliche Erinnerungsnarrative zu adaptieren. Für die Teilnehmenden der israelischen Gruppe war es eine wichtige Erfahrung, sich mit der Wichtigkeit der Erinnerung an die ermordeten Kriegsgefangenen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig führte das Fehlen einer spezifischen Erinnerung an die Shoah in Russland zwar zu Irritationen, die jedoch nicht in einer Abwehr des „Anderen“ mündete. Die russische Delegation fühlte sich wertgeschätzt und war offen für die israelische Perspektive. Ein praktisches Resultat für die Teilnehmer_innen des Jugendzentrums Mosaik waren Verabredungen von Jugendbegegnungen mit Russland und Israel.

04.07.2016

Ingolf Seidel und Juliane Niklas

Die Förderung des Seminars erfolgt durch die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch – eine Initiative des BMFSFJ, der Freien und Hansestadt Hamburg, der Robert Bosch Stiftung und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.