22.03.2025

Für eine diversitätssensible Gesellschaft in Bayern

Der BJR fordert mehr Schutz, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung für queere Jugendliche

Der Zweck des BJR ist es, sich durch Jugendarbeit und Jugendpolitik für die Belange aller jungen Menschen in Bayern einzusetzen. Auf der Grundlage von §9 SGB VIII[1] tritt sich der BJR „für eine vielfältige, demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaft“ ein und bietet „insbesondere benachteiligten oder von Benachteiligungen bedrohten Kindern und Jugendlichen Unterstützung an“ (BJR-Satzung) an.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der BJR-Jugendstudie „How are you?“ [HAY][2] deutlich, dass queere Jugendliche, vor allem mit nicht-binärer Geschlechtsidentität, in Bayern zunehmend soziale, aber auch strukturelle Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren, die das Wohlbefinden und die Resilienz von LSBTIQA*[3] Jugendlichen und jungen Erwachsenen in vielen Lebensbereichen beeinträchtigen. Bedeutsam ist, dass sowohl Wohlbefinden als auch Resilienz ohnehin deutlich niedriger sind als die Werte Gleichaltriger in der Allgemeinbevölkerung. Dazu kommt, dass 9 von 10 Befragten (93,9 %) angaben, mindestens einmal Diskriminierung in der letzten Zeit erlebt zu haben. Insbesondere im Zusammenwirken mit weiteren Diskriminierungsdimensionen (Intersektionalität) sind die Werte für Wohlbefinden und Resilienz nochmal niedriger. Mehr als die Hälfte der Befragten (55,9 %) wählten mehr als eine weitere Dimension, davon fast drei Viertel (70,7 %) Sexismus und knapp zwei Drittel Lookismus (63,1 %). Die deutliche Zunahme von Diskriminierungserfahrungen, Hasskriminalität und Gewaltverbrechen gegen LSBTIQA* Personen bestätigen auch das Bundesministerium des Innern und für Heimat[4] und Strong!, die LGBTIQ* Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt in Bayern[5].

Die 2.043 befragten LSBTIQA* Jugendlichen wünschen sich in vielen zentralen Lebensbereichen eine Sensibilisierung zu queeren Themen, um mehr Akzeptanz, Offenheit und Unterstützung bzw. weniger Diskriminierung zu erfahren. Die große Mehrheit der Befragten hält eine Sensibilisierung z.B. durch Fortbildungen u.a. im Kontext von (Hoch-)Schule, Arbeit und Behörden sowie bei medizinischem und psychologischen Fachpersonal für sinnvoll.

Deshalb fordert der BJR die Bayerische Staatsregierung auf, im Rahmen des Bayerische Aktionsplans QUEER als Teil der Agenda für Vielfalt und gegen Ausgrenzung ein klares Signal an LSBTIQ-Personen und die gesamte Gesellschaft zu senden – für ein starkes Miteinander, gegen Ausgrenzung, Vorurteile und Diskriminierung. Im Einzelnen fordert der BJR für eine diversitätssensible Gesellschaft in Bayern:

  • die konsequente Verankerung von queeren Themen in der Aus- und Fortbildung von bayerischen Lehrkräften und dem Personal bei Polizei, in Justiz und Behörden
  • die Sensibilisierung von Fachkräften für TIN*-Lebenslagen, wie sie bspw. die Landeshauptstadt München in ihrem TIN-Leitfaden[6] für die städtischen Schulen zur Verfügung stellt
  • die ausführliche und gleichberechtigte Thematisierung queerer Lebensrealitäten in der Familien- und Sexualerziehung an bayerischen Schulen
  • eine regelmäßige Überarbeitung der Handreichung für die Familien- und Sexualerziehung unter Beteiligung von queeren Fach- und Beratungsstellen und in Erfüllung der empfohlenen Standards der BzGA und WHO
  • die Sichtbarkeit queerer Menschen in Schulbüchern und Ausbildungsmaterialien
  • die Gleichberechtigung nicht-binärer Kinder und Jugendlicher in den Strukturen von Schulen und Behörden (Sportunterricht, Toiletten, Formulare, Anschreiben, …)
  • die Erweiterung der Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern (AGO), dass mehrgeschlechtliche Schreibweisen durch Wortbinnenzeichen wie Genderstern, Doppelpunkt, Gender-Gap oder Mediopunkt zulässig sind
  • die Herausgabe gendersensibler Empfehlungen zu geschlechtergerechten Schreibweisen für bayerische Schulen und Behörden, die auch Menschen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ gleichberechtigt einbezieht. Schließlich ist die aktuelle Schreibweise durch Paarformeln wie „Schülerinnen und Schüler“ nicht geschlechtergerecht und gehört im Sinne der Gleichberechtigung der Geschlechter (GG Art. 3,3) ersetzt
  • die bedarfsgerechte Förderung und Unterstützung der LSBTIQA*-Projekte im Freistaat Bayern, insbesondere des Queeren Netzwerks Bayern, der Strong! LGBTIQ* Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt sowie der regionalen Beratungsstellen[7]
  • die Einrichtung einer Meldestelle gegen Diskriminierung an bayerischen Schulen wie z. B. das Projekt der Fachstelle für Demokratie der Landeshauptstadt München[8]
  • die Unterstützung der Anpassung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetztes und dessen Anwendung auch auf staatliche Einrichtungen und Behörden
  • die uneingeschränkte Berücksichtigung und Umsetzung bundespolitischer Gesetze und Regelungen (z. B. Selbstbestimmungsgesetz)

 

Zum Hintergrund:

Die HAY-Studie zeigt alarmierenderweise, dass die Orte, die bei den Befragten der Studie am stärksten mit Diskriminierung assoziiert sind, gleichzeitig diejenigen sind, an denen sich junge Menschen in der Regel aufhalten „müssen“. Von den 2.043 Teilnehmenden in der HAY-Studie wurde am häufigsten die Schule (55,7 %) als Ort der Diskriminierung genannt. 12,2 % nannten außerdem Polizei/Justiz/Behörden. Dort sind im Vergleich vor allem TNQ* Personen[9] spezifischen Diskriminierungsformen ausgesetzt (cis*: 6,2% vs. TNQ*: 17,8%).

Als wesentliche Diskriminierungserfahrung wurden fehlende Sichtbarkeit von LSBTIQA* in Schulbüchern/im Unterricht mit 78,8 % (1.512) und fehlendes Bewusstsein für LSBTIQA*, z. B. bei Polizei oder Behörden mit 41,0 % (787) genannt. Die Erfahrung „Ignorieren, dass ich queer bin, z.B. Verwendung falscher Begriffe/Namen“ wählten im Vergleich der Gruppen 71,5% (n=688) der TNQ* Personen sowie 26,4% (n=252) der cis* Personen.

Die Diskriminierungserfahrungen sind bei TNQ* Befragten allgemein höher als bei queeren cis* Personen: TNQ* Teilnehmende berichteten über alle Kategorien hinweg von einem höheren Ausmaß an Diskriminierung. Hier spielt die Geschlechtsidentität in vielen Fällen eine andere Rolle als die sexuelle Identität (z.B. bei der Notwendigkeit des Ausweisens mit Dokumenten, die den alten Namen bzw. „Deadname“ enthalten). Diese Ergebnisse decken sich mit weiteren Studien im Feld (z. B. Timmermanns et al., 2022).

In den HAY-Studienergebnissen ist zudem ein negativer Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Diskriminierung und dem persönlichen Wohlbefinden bzw. Resilienz der Jugendlichen beobachtbar. Queere Kinder und Jugendliche leiden also auch gesundheitlich unter den oben genannten strukturellen Bedingungen.

 

Quellen:

[1] „Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern.“

[2] www.howareyou.bayern

[3] Mit dem Akronym LSBTIQA* sind in diesem Text lesbische, schwule, bi+, trans*, inter*, queere, a_sexuelle und a_romantische Menschen gemeint. Der Asterisk steht zudem für eine Bandbreite von weiteren queeren Identitäten, wie z. B. pan, nicht-binär oder agender. Alternativ wird auch das Adjektiv queer als Sammelbegriff für alle nicht-hetero- sexuellen, nicht-cis- und/oder nicht-endogeschlechtlichen Personen verwendet.

[4] Anstieg der Hasskriminalität gegen LSBTIQ*: Im Jahr 2023 wurden insgesamt 17.007 Fälle von Hasskriminalität im Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK) erfasst. Davon richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen (im Jahr 2022: 1.188). https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2024/12/lagebildlgbtqiplus.html

[5] 2023 verzeichnete Strong! […] 230 Vorfälle. Sie reichen von Beleidigungen, Schikane und Mobbing bis zu Bedrohungen und tätlichen Angriffen. Das waren 71 mehr als im Vorjahr. Auch Zahlen des Landeskriminalamtes vom April 2024 belegen, dass sich die erfassten queerfeindlichen Delikte in Bayern von 2022 auf 2023 verdoppelt haben. https://subonline.org/ueber-uns/verein/pressestelle/#

[6] https://www.pi-muenchen.de/wp-content/uploads/2024/12/TIN-Leitfaden_20241113.pdf

[7] https://www.stmas.bayern.de/lsbtiq-geschlechtliche-vielfalt/index.php

[8] https://www.melden-gegen-diskriminierung.de

[9] TNQ* = trans* u./o. nicht-binär/ u./o. questioning