Geschlechtsbewusste Jungenarbeit
Die Arbeitsgruppe „Jungen und junge Männer“ des Landesvorstands legt hiermit die Leitlinien vor, die der zukünftigen Kommission eine Grundlage bieten sollen.
Exemplarisch werden hier einige Themenbereiche aufgegriffen, die in der Sozialisation von Jungen wichtig sind. Diese Leitlinien sollen als Orientierungshilfe und Motivation dienen, dass die Arbeit mit Jungen in der Jugendarbeit in Bayern einen angemessenen Stellenwert bekommen kann.
Vorwort
„Mein Papa ist am Abend nie da. Den sehe ich nur am Wochenende.“ (Moritz, 8 Jahre)
„Wie meine Freunde heißen, weiß mein Vater nicht.“ (Konstantin, 12 Jahre)
„Die wichtigen Fragen konnte ich mit meinem Vater nicht besprechen.“ (Christoph, 16 Jahre)
„Schade, dass wir nur Erzieherinnen im Kindergarten haben.“ (Julian, 5 Jahre)
„Mit Frauen konnte ich über Themen, die mich bewegt haben, immer besser reden, als mit Männern.“ (Stefan, 20 Jahre)
Diese Selbstaussagen von Jungen bzw. dem einen jungen Mann sind nur eine Facette zu den heutigen Sozialisationsbedingungen von Jungen, nämlich welche Rolle die Väter bzw. Männer darin (nicht) spielen. Die Arbeitsgruppe „Jungen und junge Männer“ des Landesvorstands legt hiermit die Leitlinien vor, die der zukünftigen Kommission eine Grundlage bieten sollen.
Exemplarisch werden hier einige Themenbereiche aufgegriffen, die in der Sozialisation von Jungen wichtig sind. Diese Leitlinien sollen als Orientierungshilfe und Motivation dienen, dass die Arbeit mit Jungen in der Jugendarbeit in Bayern einen angemessenen Stellenwert bekommen kann. Bewusst konzentrieren sich die Leitlinien auf die „Jungenarbeit“ als die bewusste, geschlechtsbezogene, pädagogische Arbeit eines Mannes oder mehrerer Männer mit Jungen. Insofern ist nicht jede Arbeit mit Jungen auch Jungenarbeit.
Geschlechtsbezogene, pädagogische Jungenarbeit findet im geschlechtshomogenen Rahmen statt. Dies sollte zunächst der Focus sein. Aber natürlich wird man dabei nicht stehen bleiben können, da aufgrund der (ehrenamtlichen oder hauptberuflichen) Personalsituation nicht immer nur Männer mit Jungen arbeiten können. Mit der Zeit wird es auch Ableitungen geben müssen für die Arbeit mit Jungen im koedukativen Rahmen und wenn Frauen geschlechtsbewusste Angebote für Jungen gestalten.
Ebenso bewusst hat sich die Arbeitsgruppe entschieden, kein eigenes Kapitel für die Jungen mit Migrationshintergrund aufzunehmen, sondern sie jeweils unter den Bereichen aufzunehmen. In der Regel kann davon ausgegangen werden, dass ihre Sozialisationsbedingungen aufgrund der sozialen Lage oder des kultureLlen Hintergrunds zusätzlich erschwert sind.
Adressat der Leitlinien ist zunächst die Kommission selbst, im Weiteren die hauptberuflich und ehrenamtlich Tätigen in der Jugendarbeit und letztlich alle männlichen Kinder und Jugendlichen, die in den im BJR vertretenen Verbänden und Gliederungen, der Jugendpflege und der offenen Jugendarbeit an Angeboten teilnehmen.
Zudem ist eine erste Datenlage zur Jungenarbeit erhoben, die eine weitere Grundlage für die beginnende Kommissionsarbeit sein wird. Und nicht zuletzt ist die Arbeitsgruppe der Auffassung, dass ein gezieltes Förderprogramm für die Jungenarbeit im weiteren Sinne nötig wäre.
Soweit diese Auffassung im Landesvorstand geteilt wird, könnte das über den Kulturfonds ab Mitte 2009 geschehen. Ich danke allen Mitglieder der Arbeitgruppe und Frank Schallenberg aus der BJR-Geschäftsstelle für die konzentrierte und fachliche Arbeit und wünsche der zukünftigen Kommission viel Elan.
Christof Bär
2. Präsident Vorsitzender der Landesvorstandsarbeitsgruppe „Jungen und junge Männer"
Sie sind Helden, Deppen, Freunde, Liebhaber, Nervensägen. Größtes Glück oder schrecklichster Fehler. Ein einziges, großes RÄTSEL. Der eine mehr, der andere weniger, und manche alles zusammen.
(aus: MAX – das Magazin für Popkultur und Style)
Aber wie wird man das bloß alles?
1. Ausgangslage
Jungen und junge Männer sind ein Teil der Kinder und Jugendlichen in der Jugendarbeit. Die derzeitige Situation für Jungen und junge Männer in unserer Gesellschaft spiegelt sich in unterschiedlichen Ausgangslagen wieder.
1.1 Gesellschaftliche Situation
Interessanter Weise ist das Thema Jungen und Männer gesellschaftlich und in der Populärkultur (TV, Werbung, Zeitung, u.a.) mittlerweile sehr präsent, aber fast ausschließlich defizitär und negativ besetzt (z. B. Jungen, das schwache Geschlecht; Schlaue Mädchen – dumme Jungen). Jungen nehmen dies wahr, zudem erleben sie vielfach erfolgreiche Männervorbilder als unerreichbar. In dieser Widersprüchlichkeit wachsen sie auf. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und Folgen für das Mann-Werden und Mann-Sein und im weiteren Sinn auch für das Zusammenleben der Geschlechter sollten nicht unterschätzt werden. Die traditionellen häufig noch vorherrschenden Männlichkeitsbilder stimmen vielfach nicht mehr mit den aktuellen gesellschaftlichen Realitäten, sowie den Anforderungen die sich aus den Bereichen Beruf und Familie ergeben, überein. In wirtschaftlichen wie sozialen Lebensbereichen sind zunehmend Teamfähigkeit, Kompromissbereitschaft und Verantwortungsübernahme gefragt, insbesondere auch für die Erziehung der eigenen Kinder.
1.2 Sozialisation von Jungen
Das Aufwachsen von Jungen ist in den ersten Lebensjahr stark geprägt durch das Fehlen von Männern in ihrem sozialen Nahbereich wie Kindergarten, Schule und auch der Familie. So kommen viele Jungen, mit Ausnahme der Wochenenden, in den ersten zehn Lebensjahre häufig ‚nur’ mit Frauen in Kontakt: Mütter, Tagesmütter, Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen. Dies beschreibt die alltägliche Situation, dass Jungen in diesem Alter wenig bzw. gar nicht in Kontakt stehen zu Männern und ihren Vätern, und hiermit die notwendigen Orientierungen nur bedingt möglich sind. Auch die vielfach auftretende Lücke innerhalb der Familie durch die mangelnde Präsenz der Väter erweist sich als zusätzliche Schwierigkeit. Zudem ist Erziehung in unserer Gesellschaft nach wie vor „Frauensache“, was vielfach dazu beiträgt, dass auch hier ein eher traditionelles Bild vom Junge-Sein bzw. Mann-Sein bei den Jungen selber entwickelt. Gleichzeitig gibt es veränderte oder sich auflösende gesellschaftliche Rollenzuschreibungen für Jungen und Männer, die hierzu im Kontrast stehen. So erleben Jungen ihre Rollenfindung eher als Umwegidentifikation, aufgrund mangelnder Identifikationsmöglichkeiten an männlichen Vorbildern. Sie werden gezwungen sich früher abzulösen und sich zu externalisieren. In der Sozialisation von Jungen spielen Peer-Groups und SubkuLturen eine weitere zentrale Rolle. Dabei können sie gleichermaßen Erfahrungs- und Schutzraum darstellen, andererseits sind die Vorbilder innerhalb der Gruppen sehr different. Zudem wird erkennbar, dass die Medien in der Sozialisation von Jungen eine deutlich stärkere, positiv wie negativ, Rolle einnehmen: Einerseits werden Bilder von Männern wie Helden oder Karrieristen transportiert, die der Lebenswelt der Jungen vielfach ebenso wenig entsprechen, wie die ‚modernen’ reflektierten Männer, die mit der Realität im sozialen Umfeld der Jungen auch nicht überein stimmen.
1.3 Wahrnehmung von Jungen
Jungen finden sich in Spannungsverhältnissen zwischen Stärke und Schwäche, „Probleme haben“ und „Probleme machen“ und zwischen Opfer- und Tätersein wieder. Vor diesem Hintergrund müssen Jungen ihre Geschlechtsidentität, ihre sexuelle Orientierung und ihre Lebenspläne entwickeln. Daraus ergeben sich für Jungen folgende Entwicklungsrisiken: Schulversagen, Delinquenz, psychosomatische Erkrankungen, Risikoverhalten bezüglich der eigenen körperlichen Gesundheit, spezifisches Suchtverhalten und Suizid. Der geschlechtsbewusste Blick auf Jungen muss an den Bedürfnissen und Problemen, an den Stärken und Schwächen, sowie an den Lebenswelten der Jungen und jungen Männer ansetzen.
1.4 Rechtliche und pädagogische Grundlagen
1.4.1 KJHG / SGB VIII
Grundsätzlich müssen die unterschiedlichen Lebenslagen junger Menschen immer mit dem geschlechtsspezifischen Blick gesehen werden. Dies ergibt sich aus den rechtlichen Grundlagen, die für geschlechtsbewusste Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gefunden werden können. Das 1990 in Kraft getretene Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG – bzw. SGB VIII) legt in § 9, Abs. 3 (Grundrichtung der Erziehung, Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen) folgendes fest: „Bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben sind die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern.“
1.4.2 KJP Richtlinien
Mit dem seit dem 1. Januar 2001 geltenden Kinder- und Jugendplan-Richtlinien ist Gender Mainstreaming (GM) als Leitprinzip verpflichtend vorgegeben. GM bedeutet in der Kinder- und Jugendhilfe grundsätzlich danach zu fragen, wie sich Maßnahmen jeweils auf Frauen und Männer, Mädchen und Jungen auswirken und ob und wie sie zum Ziel der Chancengleichheit der Geschlechter beitragen können. Auf dieser Grundlage sind die Maßnahmen und Vorhaben entsprechend zu steuern.
1.4.3 Selbstverständnis des BJR
Der Bayerische Jugendring folgt dem Leitgedanken sich durch Jugendarbeit und Jugendpolitik für die Belange aller jungen Menschen in Bayern einzusetzen. In den Grundsätzen des BJR wird im § 3 Absatz 1h der Satzung explizit der Abbau geschlechtsspezifischer Benachteiligungen als Aufgabe benannt. Um diesem Auftrag gerecht zu werden und ihn für Jungen und junge Männer zu erfüllen, benötigen wir Angebote der Jungenarbeit – verstanden als eine neue, positive Sichtweise auf Jungen und junge Männer und als durch Mitarbeiter geschaffene Freiräume, mit dem Ziel, das sich ihr Leben mit seiner ganzen Männlichkeit entfalten kann.
2. Pädagogische Grundhaltungen und Qualitätskriterien von Jungenarbeit
2.1 Definition von Jungenarbeit
Jungenarbeit ist die bewusste, geschlechtsbezogene pädagogische Arbeit eines Mannes oder mehrerer Männer mit Jungen. Insofern ist nicht jede Arbeit mit Jungen auch Jungenarbeit. Geschlechtsbezogene, pädagogische Jungenarbeit findet im geschlechtshomogenen Rahmen statt. Die Arbeit mit Jungen kann auch im koedukativen Rahmen stattfinden, wenn dabei die verschiedenen Lebenslagen von Jungen und Mädchen berücksichtigt und/oder bearbeitet werden. Dies geschieht auch dann, wenn Frauen geschlechtsbewusst mit Jungen arbeiten.
2.2 Jungenarbeit ist eine Haltung
Geschlechtsbewusste Jungenarbeit ist eine positive und parteiliche Haltung zu und Sichtweise auf Jungen und junge Männer innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit. Im Alltag bedeutet dies, die Jungen in ihrer ganzen Entwicklung wahrzunehmen, zu entdecken und sie unterstützend zu begleiten, aber auch dort, wo es notwendig ist ihnen Grenzen zu setzen, die transparent und begründbar sind.
2.3 Der Jungenarbeiter als Person
Eine besonders wichtige Rolle spielen erleb- und erfahrbare Männer in Kontakt mit Jungen, welche fassbaren Facetten und Rollenbilder als Vorbild und Gegenüber zur Annäherung und Abgrenzung anbieten. Männer in der Jungenarbeit sind kritische solidarische Begleiter der Jungen in der Entwicklung zum Mann-Sein.
2.4 Jungenarbeit ist Beziehungsarbeit
Sie braucht Freiwilligkeit, Zeit, Raum, muss konzeptionell gewollt sein und steht für Kontinuität in Beziehungen. Es geht in Beziehung zu den Jungen darum Befindlichkeiten, Gefühle, Bedürfnisse wirklich zu thematisieren und Verhaltensalternativen ausprobieren zu können.
2.5 Jungenarbeit nimmt Ressourcen von Jungen wahr
Jungenarbeit nimmt differenziert die Ressourcen, also die Stärken und Schwächen von Jungen wahr. Die Arbeit mit den einzelnen Jungen ist emanzipatorisch, empathisch, wertschätzend und ganzheitlich.
2.6 Jungenarbeit schafft Freiräume
In einem solchen Schonraum haben Jungs im wahrsten Sinne des Wortes „Zeit zum Durchatmen“, können sich auf Fragen, Unsicherheiten aber auch verborgene Stärken konzentrieren und sich ihrer selbst vergewissern. Sie erweitert den Handlungs- und Vorstellungsspielraum gegenüber hierarchischen oder einengenden Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis.
3. Spezifische Themenbereiche aus der Perspektive des BJR
3.1 Bildung
Die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit in der Bildung darf sich nicht allein auf die Gewährleistung gleicher Chancen in der Schule beschränken. Allerdings sind die Ergebnisse der aktuellen Befunde ernst zu nehmen, die darauf verweisen, dass Jungen im gegenwärtigen Bildungssystem benachteiligt sind. Den Ursachen für das schlechtere Abschneiden der Jungen muss nachgegangen werden. Hervorzuheben ist: Nicht alle Jungen sind im Bildungskontext gleichermaßen benachteiligt, sondern vor allem solche, die aus bildungsfernen Schichten oder Migrationsfamilien stammen.
Der Grad des Bildungsabschlusses spielt weiterhin eine entscheidende Rolle für die weiteren Möglichkeiten von Jugendlichen in Ausbildung, Beruf und Lebensplanung. Es dürfen nicht nur empirische Daten wie Abschlussquoten und Schulleistungen betrachtet werden, sondern auch die oft unbeabsichtigten Auswirkungen schulischer Sozialisation in den Blick genommen werden. Schule ist auch ein Ort an dem auf der Grundlage von geschlechtsneutralen Regeln, Geschlechterstrukturen traditionellen Formen abgebildet und weitergegeben werden. Die Geschlechterunterschiede zwischen Jungen und Mädchen müssen differenziert wahrgenommen werden. Jungen haben Schwierigkeiten mit den Bedingungen in der Schule umzugehen. Sie lernen und äußern sich anders, haben einen größeren Bewegungsbedarf.
Es ist nicht das primäre Ziel von Jungen Ärger zu machen und zu stören. Wenn sie jedoch keine Möglichkeiten haben ihre Interessen und Bedürfnisse einzubringen suchen sie andere Ventile, die vielfach als störend empfunden werden. Die Frage ist also: Wo und wie gibt es Möglichkeiten jungenspezifische Fähigkeiten einzubringen? Eine fachliche Anforderung ist z. B. einen höheren Anteil von Männern für die Erzieher- und Lehrerausbildung (Kindergärten, Horte, Grundschulen) zu erreichen. Hier muss über die Einführung einer Quote und die Aufwertung der gesellschaftlichen Anerkennung dringend nachgedacht werden. Jungen brauchen männliche Vorbilder als Alternative zu traditionellen Rollenmustern und durch Medien und Peergroups vermittelte Männlichkeitsbilder.
Dies gilt auch für den Bereich der Außerschulischen Bildung und deren Angebote. Zur Persönlich-keitsentwicklung gehört nicht nur die Schule und die Familie, sondern auch die Möglichkeit anderen Angeboten, wie z. B. Sport, Musik usw., nachgehen zu können. Generell ist offensichtlich eine Verunsicherung und Überforderung in Erziehung und Bildung bei Eltern und Schule festzustellen. Diese Situation darf nicht zum Stillstand oder gar einer Erziehungsverweigerung führen, sondern muss als Chance begriffen werden zu konkreten Einsichten und Veränderungen im Bildungssystem.
3.2 Übergang Schule – Ausbildung – Beruf
Die aufgrund der strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarkts sich auflösende klassische Erwerbsbiographie bewirkt einen starken Wandel der beruflichen Tätigkeit und hat dabei Einfluss auf die Lebensplanung und Identitätsbildung junger Männer. Im Arbeitsleben erwartet man von den Männern Fähigkeiten wie kommunikative Kompetenz, Kreativität und Rollenflexibilität. Dieses Muster stellt gerade für junge Migranten eine besondere Schwierigkeit dar: Trotz häufig niedrigem Bildungsniveau und Schulabschluss, sind sie gefordert, ihre Erwerbsbiographie selbst zu gestalten und einen Beruf zu finden, der sie zu einem „Familienoberhaupt mit hohem Einkommen“ macht. „Feminine“ Berufe aus dem sozialen Bereich zu ergreifen, kommt für sie noch weniger in Frage. Für Jungen und junge Männer gibt es derzeit – trotz anderer Erwartungen – in der Regel nur eine Option bei der Zukunftsplanung. Obwohl die Bedeutung von Partnerschaft und Familien bei beiden Geschlechtern in den letzten Jahren einen Spitzenwert belegen, sind die geschlechtsspezifischen Differenzen bei der Ausgestaltung dieser nach wie vor extrem unterschiedlich. Das Ausfüllen der Rolle des Familienernährers wird von den Männern erwartet und auch die Bestimmung von männlicher Identität und gesellschaftlichem Status ist eng an den ausgeübten Beruf – und der damit verbundenen finanziellen Honorierung – verbunden. So verbinden Jungen eine Vaterschaft weniger mit Pflege, Fürsorge und Freude, sondern vielmehr mit der finanziellen Verpflichtung, eine Familie ernähren zu können und zu müssen. Jungen erleben bei ihren Vätern, dass sie sich in ihren männlichen Rollen in Arbeit und Privatleben oft unwohl und fremdbestimmt fühlen. Diese fühlen sich in die Rolle gedrückt, müssen ihren Mann stehen und alles beherrschen und alles unter Kontrolle haben und dabei keinen Schwäche zeigen. So wird die Entwicklung neuer männlicher Rollenbilder in Berufs- und Privatleben und deren eigene und gesellschaftliche Anerkennung eine zentrale Aufgabe für zukünftige Generationen werden. In diesem Kontext sind Projekte wie „Neue Wege für Jungs“ – ein bundesweites Netzwerk von Initiativen zur Berufswahl und Lebensplanung von Jungen, welches sich mit Berufsorientierung, Rollenbildern und Sozialkompetenz von Jungen beschäftigt und neue Wege in Richtung soziale Berufsfelder gehen will – ein wichtiger und wertvoller Anfang. Um mit solchen Initiativen die gewünschten Erfolge erreichen zu können, bedarf es darüber hinaus einer gesamtgesellschaftlichen Weiterentwicklung im Umgang mit der männlichen Geschlechterrolle.
3.3 Erscheinungsformen von Konflikten – Aggression – Gewalt
Meist bilden verschiedene Faktoren die Ursachen für Gewalttaten von Jungen. Hierzu gehören die Sozialisation, das familiäre Umfeld, die Peer-Group, Zukunftsperspektiven, Konfliktlösungsstrategien und körperliche Anlagen. Prinzipiell ist körperliche Gewalt bei Jungen und Männern auch heute noch gesellschaftlich eher geduldet als bei Frauen, wenngleich dies einem gesellschaftlichen Wandel unterworfen ist. Aufgrund ihrer Rolle haben Jungen häufig Handlungsdefizite hinsichtlich von Konfliktlösungsstrategien. In diesem Zusammenhang stellt Gewalt eine jungen-adäquate Möglichkeit dar, die eigenen Ziele zu erreichen und damit Aufmerksamkeit zu erlangen, auch wenn diese negativ ist. Gewalt bei Jungen erfolgt oft aus einer Situation der Ohnmacht heraus. Junge Migranten sind häufiger in Gewalttaten involviert und könnten somit auf den ersten Blick als besondere „Problemgruppe“ angesehen werden, was sich in Wirklichkeit als Ansammlung vielfältiger Benachteiligungen wie z.B. Bildungsabschlüsse, berufliche Perspektiven und politischer Teilhabe darstellt. Häufig bietet es Jungen, die aufgrund ihrer Sozialisation und ihrer Zukunftsaussichten „in der Luft hängen“, die Möglichkeit durch körperliche Gewalt den Kontakt zu sich und zur Umwelt herzustellen, und sich selber damit aufzuwerten. Zitat eines 14jährigen Jungen: „In dem Moment, wo ich dem anderen eine reinhaue spüre ich ihn und mich selbst, das ist geil“.
Nach dem Ansatz der Hegemonialen Männlichkeit nach Connel, im deutsprachigen Raum ebenfalls vertreten durch Kersten, greifen statusniedrige ungebundene Männer in der männlichen Adoleszenz häufig u.a. auf traditionelle Rollenmuster sowie auf das archaische Grundmuster einer risikoorientierten und aggressiv-wachsamen Dauerbereitschaft zurück welches wiederum häufig die Erklärung für körperliche Auseinandersetzungen darstellt.
3.4 Gesundheit und Körperlichkeit
Die aktuelle Shell Jugendstudie zeigt und belegt eindrucksvoll die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen im Gesundheitsbewusstsein und fordert, dass Jungen in Deutschland im Bereich der Gesundheitsförderung einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Jungen sind z.B. doppelt so übergewichtig, trinken, rauchen und konsumieren Drogen viel häufiger und achten generell weniger auf ihre Gesundheit und ihren Körper. Weiterhin ist die Gesundheit von Jungen auch deshalb besonders gefährdet, da sie deutlich häufiger in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt sind als Mädchen.
Besonders von Gesundheitsrisiken gefährdet sind Jungen aus niedrigen sozialen Schichten. Ihr Gesundheitszustand ist besonders schlecht und sie rauchen besonders häufig. Ein weiterer Aspekt im Bereich der Gesundheit und Körperlichkeit ist der Umgang der Jungen mit der eigenen Sexualität. Es zeigt sich deutlich, dass auch hier ein höheres Risikoverhalten auftritt, unabhängig von der sexuellen Orientierung der Jungen. Sexualität drückt sich bei Jungen immer noch häufig rein durch die sexuelle Handlung als solches aus, nicht aber durch Äußerung von Gefühlslagen oder Zärtlichkeit und Zuneigungsbekundungen. Zudem ist der Umgang mit Homosexualität, als eine heute weitgehend akzeptierte Form der sexuellen Orientierung, für viele Jungen immer noch eine besondere Hürde, da sie sich in ihrer eigenen Männlichkeit bedroht fühlen. Als Konsequenz für die gesundheitspädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen muss also festgehalten werden, dass auf Probleme von Jungen spezifisch eingegangen werden muss. Dies stellt angesichts des eher niedrigen Gesundheitsbewusstseins der Jungen eine besondere Herausforderung dar. In der jugendpolitischen Arbeit muss ein Ziel sein, ein differenziertes und ausgewogenes Bild der Gesundheit von Jungen und Mädchen in der Öffentlichkeit zu schaffen, z.B. dort, wo lediglich Krankheiten wie Magersucht oder Depressionen als typische Mädchenkrankheiten einseitig benannt werden. Weiterhin ist es erstrebenswert, dass bestehende und zukünftige Gesundheitsprogramme so konzipiert werden, dass sie geschlechtsspezifische Besonderheiten dezidiert in den Blick nehmen.
4. Zielsetzungen
4.1 Übergeordnete Ziele
Die Leitlinien für geschlechtsbewusste Jungenarbeit sollen eine fundierte Basis von pädagogischer geschlechtsbewusster Arbeit mit Jungen sein, die Orientierung geben und die Jungenarbeit innerhalb des BJR verbindet. Die Lebenslagen und Bedürfnisse werden in allen Bereichen der Arbeit mit Jungen aufgegriffen und diese Arbeit im Sinne der handlungsbezogenen Ziele gestaltet.
4.2 Handlungsbezogene Ziele
Jungen in ihren Unterschiedlichkeiten wahrnehmen und in ihrer Entwicklung fördern sowie Akzeptanz, Toleranz, Interesse und Neugier gegenüber vielfältigen Männlichkeitsentwürfen wecken und festigen. Eröffnen von Wegen zu Kommunikation und Selbstausdruck sowie die Achtsamkeit in Bezug auf Gefühle, Fähigkeiten und den eigenen Körper fördern. Eigene und fremde Grenzen wahrnehmen und respektieren lernen. Die Angebote sollen attraktiv und relevant sein und sich an den Lebenswelten von Jungen orientieren.
4.3 Strukturelle Ziele
Jungenarbeit findet als Querschnittsaufgabe statt. Durch den Aufbau von entsprechenden Rahmenbedingungen mit Qualifizierung, Kooperation und Vernetzung werden bewusste und reflektierte Angebote in der pädagogischen Arbeit implementiert. Dies stellt eine Herausforderung für alle Strukturen der bayerischen Jugendarbeit dar, denn männliche Mitarbeiter erhalten einen klaren Arbeitsauftrag für Jungenarbeit, der auch in Stellenbeschreibungen benannt wird. Vom Träger werden hierzu entsprechende inhaltliche, personelle, räumliche und organisatorische Voraussetzungen und Mittel geschaffen.
5. Notwendigkeiten und (Handlungs-)Perspektiven zur Umsetzung
5.1 Umsetzung innerhalb des BJR
Der Bayrische Jugendring ist, sowohl durch seine Bestimmung sich an den Lebenswelten von Jugendlichen zu orientieren, als auch durch seine Bestrebungen, gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufzunehmen und gegen sie anzugehen, deutlich aufgefordert, sich Jungen und jungen Männern mit einer spezifischen Sichtweise anzunehmen. Hierin besteht eine Notwendigkeit für Jungen- und Männerarbeit, verstanden als Unterstützung bei der Lebensbewältigung, Anbieten von Orientierungspunkten und vor allem als Beitrag zu einem positiven Bild von Jungen und Männern.
5.2 Jugendpolitische Ausrichtung
Grundsätzlich ist es nötig, die Pflichtaufgaben der geschlechtsspezifisch reflektierten Jugendarbeit im Bayrischen Jugendring in der Praxis umsetzen. Umso wichtiger ist es, dass sich der BJR nun auf den Weg macht diesen Bereich fachlich zu qualifizieren und politisch dazu Stellung zu beziehen. Es müssen deutliche Akzente gegen die Negativ-Orientierung und Negativ-Wahrnehmung von Jungen gesetzt und positive Alternativen entwickelt und aufgezeigt werden.
5.3 Bereitstellung von Mitteln und Möglichkeiten
Um Maßnahmen der Jungenarbeit durchzuführen bedarf es zeitlicher, räumlicher und finanzieller Mittel. Es sollen auch bereits vorhandene, geschlechtsneutral verwendete Ressourcen eingesetzt werden. Jungenarbeit soll in der inhaltlichen und strukturellen Planung und in der Planung der Arbeitsabläufe berücksichtigt werden. Dazu gehört zudem die Ermöglichung der Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen und die konzeptionelle (Weiter-)Entwicklung von Angeboten. Darüber hinaus soll den Mitarbeitern die Teilnahme an Arbeitskreisen und -gruppen sowie entsprechenden Fachforen bzw. Fachveranstaltungen ermöglicht werden. Für die Qualifizierung braucht es Mittel und Zeit (Evaluation, Reflexion, Supervision, Fachberatung).
5.4 Vernetzung, Kooperation und Öffentlichkeitsarbeit
Um die Ziele der Jungenarbeit voranzutreiben, ist der Auf- und Ausbau eines Netzwerks Jungenarbeit unbedingt notwendig. Die Vernetzung und Kooperation der Jungenarbeit mit der Mädchenarbeit ist weiter auszubauen, um in gemeinsamer Diskussion und Aktion die geschlechtsspezifisch differenzierte Jugendarbeit weiter zu entwickeln.
Beschlossen vom 133. Hauptausschuss des Bayerischen Jugendrings vom 17.10. bis 19.10.2008