Jugendliche formen mit ihren Fingern in V-Haltung einen Stern

Queere Jugendarbeit

Informationen, Beratung und Vernetzung

Als Zusammenschluss von jungen Menschen steht der BJR für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft, in der sich alle Kinder, Jugendlichen und jungen Menschen frei entwickeln sowie sich selbst verwirklichen können. Daher nehmen wir „Vielfalt“ in der Jugendarbeit in jeder Hinsicht als Bereicherung wahr, auch in Anlehnung an die fortgeschriebene Präambel der Satzung des BJR.

Diese Seite soll einen Überblick über die jugendpolitischen Forderungen des BJR, die Aufgaben des Queer-Beauftragten sowie wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema liefern. Informationen über queere Jugendgruppen in Bayern, sowie eine kompakte Vorstellung von Methoden sowie Best Practice Ideen vervollständigen die Seite.

Jugendpolitische Forderungen

Im März 2018 beschlossen die Delegierten der 152. BJR-Vollversammlung einstimmig die jugendpolitische Position zu "Sexuelle Vielfalt". Im wesentlichen fordert der BJR,

  • einen offenen und ehrlichen Diskurs zum Thema sexuelle Vielfalt und queere Lebensweisen,
  • einen Ausbau der Strukturen und die Anerkennung von zivilgesellschaftlichem Engagement in diesem Themenfeld, v.a. durch den Ausbau bisher fehlender Beratungsangebote in ländlichen Räumen,
  • eine Einrichtung eines Aktionsplans für Bayern nach dem Vorschlag des LSVD
  • einen Beitritt Bayerns zur „Koalition gegen Diskriminierung“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, um für das Thema Diskriminierungsschutz zu sensibilisieren und es als Querschnittsaufgabe politisch zu verankern,
  • eine Klärung einer Zuständigkeit für eine ressortübergreifende Antidiskriminierungspolitik innerhalb der Bayerischen Staatsregierung, z. B. durch eine_n bei der Bayerischen Staatsregierung angesiedelten Queer Beauftragte_n mit dem Ziel, den Dialog von Politik und Verwaltung mit Vertreter_innen außerschulischer Organisationen, zivilgesellschaftliche_n Akteur_innen, Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften und kulturellen Institutionen zu fördern und damit die Akzeptanz queerer Lebensweisen zu stärken,
  • die Einrichtung einer Koordinierungsstelle auf Landesebene, um die bestehenden Angebote in der Jugendarbeit zu vernetzen, Akteur_innen zu begleiten und Qualifizierungen für Multiplikator_innen anzubieten bzw. zu vermitteln.

Jugendgruppen in Bayern

Jugendnetzwerk Lambda
www.lambda-bayern.de
bayernweit

Diversity München
www.diversity-muenchen.de
München (Oberbayern)

Fliederlich e.V. c/o WuF-Zentrum
www.fliederlich.de
Nürnberg (Mittelfranken)

DejaWÜ
www.deja-wue.de
Würzburg (Unterfranken)

Queerbeet Augsburg e.V.
www.queerbeet-augsburg.de
Augsburg (Schwaben)

notINrange e. V.
www.notinrange.de
Ingolstadt (Oberbayern)

Rainbows Aschaffenburg
www.rainbows-ab.de
Aschaffenburg (Unterfranken)

Young und Queer Ulm e. V.
www.facebook.com/youngandqueerulm
Neu-Ulm (Schwaben)

Queer in Niederbayern
www.queer-niederbayern.de
Niederbayern

Kunterbunt Amberg
www.kunterbunt-amberg.de
Amberg (Oberpfalz)

JDAV Sektion Gay Outdoor Club
www.gocmuenchen.de/jugend
München (Oberbayern)

Bonito Allgäu
www.bonito-allgaeu.de
Kempten (Schwaben)

queerdenker Erlangen - Nürnberg
www.qen.lgbt
Erlangen - Nürnberg (Mittelfranken)

Jung und Gleich Regensburg
www.jungundgleich.blogspot.com
Regensburg (Oberpfalz)

Romeo + Julian
www.romeojulian.de
Schongau (Oberbayern)

Diversity - Diversität – Vielfalt

„Vielfalt“ und „Diversität“ werden in der Jugendarbeit in jeder Hinsicht als Bereicherung wahr-genommen, jedoch ergeben sich genauerer Betrachtung Differenzierungen. Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V. beschreibt in der Publikation „Was heißt eigentlich… Diversität? Vielfalt?“1, dass der Begriff Vielfalt meist positiv besetzt und mit Zuschreibungen verbunden sei, die Menschen auf ihre vermeintliche ‚Andersheit‘ festlegen. Er beschreibe stärker das Nebeneinander oder die Gleichzeitigkeit verschiedener Differenzlinien wie Herkunft und Geschlecht. Der Begriff Diversität (oder englisch „Diversity“) betone hingegen die gesellschaftlichen Folgen, die bestimmte Merkmale und tatsächliche oder vermeintliche Zugehörigkeiten für Menschen haben.

Wie auch immer Vielgestaltigkeit thematisiert wird in der Jugendarbeit und darüber hinaus, die gesellschaftliche Relevanz ist jedenfalls durch sozialwissenschaftliche Erkenntnisse aus Forschungen unbestritten. So kommt beispielsweise die Dalia-Studie2 zum Ergebnis, dass sich 7,4 % der Menschen in Deutschland als lesbisch, schwul, transgeschlechtlich oder bisexuell verstehen. Für die Stadt München hat die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen die Studie „Da bleibt noch viel zu tun“ erstellt, in der u.a. von ca. 15.000 bis 35.000 junge Lesben und Schwulen bei 344.412 jungen Menschen im Alter bis 25 Jahre (Stand 31.12.2011) in der Landeshauptstadt geschrieben wird.


1 https://www.idaev.de/fileadmin/user_upload/pdf/publikationen/Flyer/2016_IDA_Flyer_Diversitaet.pdf
2 https://daliaresearch.com/counting-the-lgbt-population-6-of-europeans-identify-as-lgbt
3 Die Studie befragte Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen und transgender Kindern, Jugendlichen und Eltern in München. Die Studie machte den Handlungsbedarf der Kinder- und Jugendarbeit deutlich. https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Koordinierungsstelle-fuer-gleichgeschlechtliche-Lebensweisen/Jugendliche-Lesben-und-Schwule/Jugendstudie/Befragung.html

Wenn die Welt Kopf steht - Coming-out

"Coming-out beschreibt einen persönlichen und selbstbestimmten Prozess, in dem Menschen ihr eigenes romantisches und/oder sexuelles Begehren und/oder geschlechtliche Identität wahr- und annehmen."1 Anders als bei heterosexuellen cis Personen2, die kein Coming-out benötigen, da ihre Lebensweise und geschlechtliche Identität der gesellschaftlichen Norm entspricht, setzen sich queere3 Personen nach einer DJI Jugendstudie im Großteil im Alter zwischen 13 und 16 Jahren mit der Bewusstwerdung auseinander. Dieser Schritt wird als einer von zweien definiert: Neben der Bewusstwerdung (auch inneres Coming-out) – also der Fragestellung nach der eigenen sexuellen Orientierung und/oder geschlechtlichen Identität – gibt es auch das äußere Coming-out oder going public. In dieser Phase stehen Überlegungen im Vordergrund, ob überhaupt und wenn ja, wann und wem man sich anvertrauen möchte. Insbesondere bei Trans Jugendlichen können in dieser Zeit ein neuer, gewünschter Name oder ein anderes Pronomen bei der Ansprache sowie Überlegungen für eine rechtliche Personenstandsänderung oder medizinische Transitionsprozesse eine große Rolle spielen.

Die Spanne zwischen innerem und äußerem Coming-out umfasst für die meisten Jugendlichen mehrere Jahre und ist niemals abgeschlossen, da sich bei verändertem sozialem Umfeld bzw. neuen Bekanntschaften wieder die eigene Identifizierung erläutert werden muss. Darüber hinaus ist auch wichtig zu betonen, dass ein Fremd-Outing – also ein Outing gegen den eigenen Willen – unbedingt vermieden werden sollte. Häufig kann es für die Person sehr gewaltvoll sein und unvorhersehbare Nachwirkungen haben.

Insgesamt kann dieser Prozess, die eigene nonkonforme sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identifizierung zu akzeptieren, teils zwischen mehreren Monaten und Jahren dauern, in manchen Fällen führt er sogar zu psychischen Belastungen, Sucht und Suizid. Deshalb werden gerade junge LSBTIQAP+6 als besonders vulnerabel bezeichnet.

Jugendtypische Orte und Familien

Vor allem in Bildungseinrichtungen erfahren nicht wenige Diskriminierung durch Lehrkräfte oder Mitschüler:innen, so die Jugendstudie, die sich den Interviews der Jugendlichen deckt. Eine Münchner Umfrage4 an Fachkräfte, attestiert mit 90% den Schulen, dass dort ein „unfreundliches soziales Klima für schwule und lesbische Jugendliche“ herrsche. Darüber hinaus gaben 82% an, dass an den in Jugendfreizeitstätten homophobe Ereignisse verbreitet sind. Und fast 80% der Fachkräfte gehen davon aus, dass Homosexualität in den Familien nach wie vor nicht problemlos akzeptiert wird. Die DJI-Jugendstudie5 beschreibt das Outing im familiären Kontext zwar etwas geringer, aber im Vergleich zu den Kontexten Bildungs- und Arbeitsorte und Freundeskreis als am schwierigsten. Letzter nimmt fast schon eine Ausnahmestellung ein: zwei Drittel der queeren Jugendlichen wenden sich an den besten Freund oder die beste Freundin. Da die Reaktionen der selbst gewählten Vertrauenspersonen meist keine Überraschung ist und im Vorfeld gut eingeschätzt werden kann, versprechen sich viele Verständnis und Unterstützung – eine wahre Ressource im Coming-out-Prozess.

Ressourcen und Vorbilder

Die Suche nach emotionalem Rückhalt findet neben dem schulischen, familiären oder freundschaftlichen Kontext auch in der Jugendarbeit oder in Vereinen statt, in denen sich junge Menschen in ihrer Freizeit bewegen. Insbesondere für die gesellschaftliche Teilhabe, vor allem in ländlichen Räumen, sind derartige unverzweckte Gruppenkontexte und Vorbilder jenseits von Lehrer:innen oder Eltern wichtig. Die Jugendarbeit erhebt häufig selbst den Anspruch, niedrigschwellige Anlaufmöglichkeiten zu bieten, insbesondere bei Diskriminierungen, und Räume, in denen Jugendliche sich und ihre Persönlichkeit frei entfalten und entwickeln können. Dieser Verantwortung müssen sich Fachkräfte bewusst sein, ihre Regenbogenkompetenz weiterentwickeln und diversitätssensible Angebote bereithalten. Dadurch kann es Fachkräften in der Jugendarbeit gelingen, die Auswahl an alternativen Vorbildern zu ergänzen, an denen sich Jugendliche zwangsläufig orientieren. Nicht selten werden bekannte queere Persönlichkeiten wie Künstler Thomas Neuwirth (alias Conchita Wurst), Ex-Profisportler Balian Buschbaum oder Komikerin Hella von Sinnen aufgelistet, ergänzt um Musiker:innen, Weltstars oder YouTu-ber:innen, die sich mit der Community solidarisieren. Das kann sicherlich für einen gewissen Teil zur Orientierung beitragen, jedoch profitieren Jugendliche von lebensnahen Modellen und Erfahrungen dann am meisten, wenn die Individualität und Entscheidungsfreiheit des:der Einzelnen im Mittelpunkt steht. Daher können Fachkräfte in der non-formalen und informellen Bildung für die Jugendlichen wichtige Vorbilder und Identifikationsmöglichkeiten sowie vertrauenswürdige Ansprechpersonen sein.

Begleitung durch Jugendarbeiter:innen

Aus den vorangegangenen Ausführungen klingt bereits durch, dass es der Jugendarbeit seit jeher ein wichtiges Anliegen ist, sich für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft zu engagieren, in der auch queere Lebensweisen und geschlechtliche wie sexuelle Vielfalt selbstverständlich sind. Dies bedarf allerdings der grundsätzlichen Sensibilisierung und noch stärkeren Sichtbarkeit für das Thema, sowie einem sachlich gesellschaftlichen Diskurs, der durch Hintergrund- und Fachwissen gestützt ist. Die angeführten Studien und deren Ergebnisse ermöglichen dies bereits in Ansätzen, wenngleich manche Forschung noch ausbaufähig ist. Für eine akzep-tierende und offene Atmosphäre in Einrichtungen der Jugendarbeit gegenüber LSBTIQAP+ Jugendlichen ist nicht nur die Haltung der Fachkräfte entscheidend, sondern auch das Leitbild des Trägers. Schließlich bieten Jugendgruppen sehr viel Raum für Entwicklung, Potenzial und Unterstützung. Daher sollte in der Konzeption, Satzung oder im Leitbild eine klare Positionierung pro Vielfalt sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten verankert sein. Meist ist es empfehlenswert, sich auf das Thema Vielfalt insgesamt zu beziehen – und damit die verschiedenen Ebenen möglicher Ungleichheiten wie Religion, Migration, sexuelle Orientierung, ge-schlechtliche Zugehörigkeit oder Behinderung zu berücksichtigen. Darüber hinaus ist im thematischen Bezug auch eine wertschätzende Sprache wichtig: klare Regeln für den Umgang mit Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt sowie insbesondere mit homo- oder transphoben Schimpfwörtern sollten allgemein vereinbart sein und kommuniziert werden. Weitere Möglichkeiten wie Mitarbeitende den Coming-out-Prozess gut begleiten können: 

  • Internetangebote als Informationsquelle und Beratungsangebot ausbauen und sichtbar machen: neben dem Ausprobieren in selbstbestimmten Tempo bietet die anonyme, niedrigschwellige und ständige Verfügbarkeit große Vorteile auch in ländlichen Räumen
  • Expert:innen aus Community einladen, z. B. für Aufklärungsprojekte oder themenbezogene Workshops
  • Konzeptionelle Ausrichtung von Angeboten: diversitätssensibel konzeptionieren, individuelle Bedarfe berücksichtigen (z. B. geschützte Räume für Jugendliche) und sichtbar machen (über Label, Plakate oder Flyer und Aufkleber an Eingangstüren bzw. -bereichen)
  • Netzwerke zu Angeboten (Jugendgruppen, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, …) ausbauen

1 Vielfalt verstehen - eine kleine Einführung in queere Begriffe vom Hessischen Jugendring, www.queere-jugendarbeit.de
2 Die Vorsilbe „cis“ verweist auf die Übereinstimmung der eigenen Geschlechtsidentität mit dem zugteilten Geschlecht.
3 Mit queer sind in diesem Kontext alle nicht-heteronormativen und cisgeschlechtlichen Lebensweisen und Identitäten gemeint.
4 https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/Koordinierungsstelle-fuer-gleichgeschlechtliche-Lebensweisen/Jugendliche-Lesben-und-Schwule/Jugendstudie/Befragung.html
5 https://www.dji.de/ueber-uns/projekte/projekte/coming-out-und-dann.html
6 vgl. Glossar zu Begriffen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt von Katharina Debus und Vivien Laumann, Stand 07.10.2020
Die Kurzbezeichnung LSBTIQAP+ steht für lesbisch, schwul (oder englisch: gay), bisexuell/ biromantisch, trans*, inter*, queer, asexuell/ aromantisch, pansexuell/ panromantisch. In den Begriffsdiskussionen werden auch kürzere Formen verwendet, die sexuelle Formen ausklammer oder um die Differenzierung zwischen transsexuell und transgender erweitern. Der ‚*‘ soll gelegentlich hinter einzelnen Buchstaben deutlich machen, dass das entsprechende Wort unterschiedlich enden kann (z.B. transgeschlechtlich, transsexuell etc.) oder dass die Grenzen zwischen den Kategorien fließend sind.

Diskriminierung im Alltag

Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle (LSBTI) sind in ihrem Alltag nach wie vor mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt konfrontiert, wie die Studie „Queeres Leben in Bayern“ von Bündnis90/Die Grünen in Kooperation mit der Hochschule Landshut zeigt. Von den knapp 900 Teilnehmer_innen ab 16 Jahren hat demnach jede_r zweite (48%) in den letzten drei Jahren Diskriminierung erlebt, knapp 42% seien beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht und 20% sogar sexuell belästigt worden. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Wenigsten entsprechende Vorfälle bei der Polizei melden oder Beratungsstellen aufsu-chen: nur insgesamt 20 Personen (davon 15 schwule Männer) haben Anzeige erstattet, 46 queere Menschen suchten eine Beratungsstelle auf.

Einen konstanten Anstieg seit 2016 ist auch bei den Strafanzeigen wegen Hasskriminalität in Berlin gegen LSBTI-Personen zu verzeichnen: demnach habe sich die Zahl von anfangs 153 auf 331 im Jahr 2019 gesteigert. Berlin ist seit 2012 das einzige Bundesland mit einer Spezialisierung innerhalb der Staatsanwaltschaften, die homo- und transfeindliche Kriminalität gesondert verfolgt. Hingegen weist die bundespolizeiliche Statistik gegen die sexuelle Orientierung 351 Delikte (2018) aus.

Ängste und Befürchtungen beim Coming-out

In Bezug auf ein Coming-out geben Studien wie „Dass sich etwas ändert und sich was ändern kann“ des Hessischen Jugendrings oder „Jugendarbeit im Que(e)rschnitt“ des Landesjugendrings Niedersachsen detaillierte Einblicke in die unterschiedlichen Lebenslagen junger Menschen. In qualitativen Interviews wurden Coming-out-Verläufe von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans- und inter-Personen dokumentiert, die häufig von Befürchtungen und Diskriminierungserfahrungen geprägt sind. Eindrucksvoll belegt das auch die die Jugendstudie „Coming-out – und dann…?!“ (2017) vom Deutschen Jugendinstitut. Danach fürchten sich

  • 74 Prozent vor einer Ablehnung durch Freund:innen,
  • 69 Prozent vor einer Ablehnung durch Familie und
  • 20 Prozent vor körperlicher Gewalt.

Methoden und Best Practice

Ihr habt weitere Ideen zu Literatur, Tipps und Methoden, dann schreibt hier.

Begriffe, Schreibweisen und Wording

Um die gleichberechtigte Teilhabe junger Menschen unabhängig von geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung zu gewährleisten, ist die Verwendung einer gendersensiblen Sprache ein Mittel. Der BJR verwendet seit September 2020 nun den Gender-Doppelpunkt.

Mit dem Beschluss „Sexuelle Vielfalt“ der BJR-Vollversammlung sowie einer Skizze zur Umsetzung des Beschlusses wurden wichtige Meilensteine geschaffen. Die Schreibweise mit dem gender_gap setzte seit 2017 regelmäßig ein Zeichen im Sinne der BJR-Beschlusslagen und wird auf jegliche Kommunikation (Pressemitteilungen, social media, Publikationen, …) angewendet. Zweifelsohne steht im Sinne des Leseflusses im Vordergrund – wie das bei traditionellen Medienhäusern nach wie vor gängige Praxis ist – möglichst geschlechtergerechte Texte ohne gendersensible Schreibweisen zu veröffentlichen. Dabei helfen kreative Formulierungen und dezent eingesetzte Beidnennung sowie die Vermeidung von Allgemeinplätzen und Klischees.

Stilistisch und sprachwissenschaftlich lässt sich über den „richtigen“ Einsatz einer Gender-Schreibweise diskutieren. Es gibt viele Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Schreibweisen, rein orthografisch betrachtet sind viele von ihnen falsch. Da sich die deutsche Sprache um eine diverse Endung allerdings nicht verändern lässt, braucht es eine Verständigung auf eine gendersensible Schreibweise, die zum Leitbild, den Werten und der Haltung des BJR passt. Nachdem die offizielle Wahlmöglichkeit zwischen mehr Geschlechtern als Mann und Frau erst seit Anfang 2019 existiert, wäre es vermessen anzunehmen, dass sich die eine Schreibweise in wenigen Jahren bereits durchsetzt und etabliert. Im Diskussionsprozess gilt es in regelmäßigen Abständen die Entwicklungen hinsichtlich einer Schreibweise zu überprüfen und ggf. anzupassen.

Gendermöglichkeiten

Der Gender-Gap (Lehrer_innen) fand ab 2003 Verbreitung als Alternative zum Binnen-I; der Unterstrich soll „einen Ort“ zwischen der männlichen und der weiblichen Wortform schaffen für weitere Geschlechter und Geschlechtsidentitäten. Seit 2010 verbreitet sich das Gendersternchen (Lehrer*innen), das wie eine Wildcard eingesetzt wird, um alle Geschlechter anzusprechen und einzuschließen. Eine Weiterentwicklung ist ab 2019 der Gender-Doppelpunkt: Lehrer:innen.

Welche Schreibweise verwenden andere?

Das Forschungsprojekt „Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis“ untersuchte 2017 die 80 deutschen Sprachleitfäden, die Universitäten und Fachhochschulen bis dahin veröffentlicht hatten (30 bis 40 % aller Hochschulen). In der Regel hatten die Leitfäden nicht den Charakter einer verbindlichen Dienstanordnung, sondern waren Ratgeber zu gendergerechten Formulierungsmöglichkeiten.

  • Genderstern: Mitarbeiter*innen 24 = 80 % von 30 Leitfäden
  • Doppelpunkt: Mitarbeiter:innen 2 = 7 %
  • Gender Gap: Mitarbeiter_innen 16 = 53 %
  • Schrägstrich: Mitarbeiter/innen 9 = 30 %
  • Binnen-I: MitarbeiterInnen 5 = 17 %

Warum der Gender-Doppelpunkt?

Der Doppelpunkt ist weitestgehend barrierefrei. Auch für Menschen mit Behinderungen, zum Beispiel einer Sehbehinderung, sind Texte mit dem Gender-Doppelpunkt gut verständlich. Denn Sprachausgabeprogramme machen an der Stelle des Doppelpunkts lediglich eine kleine Pause. Sternchen dagegen werden von den Programmen mitgelesen, was den Textfluss tatsächlich etwas stören kann. In der deutschen Schriftsprache weist der Doppelpunkt als Satzzeichen auf eine folgende Aufzählung hin, er leitet wörtliche Rede, Erklärungen oder Zusammenfassungen des vorher Gesagten ein und dient als Geteiltzeichen. Damit ist der Doppelpunkt in seiner Funktion zugleich trennend wie auch betonend, was widerrum der vielseitigen Verwendbarkeit als gendergerechtes Zeichen impliziert.

Mehr Informationen

Am 12. August 2020 erschien das Standardwerk „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“ in der 28., umfassend bearbeiteten und erweiterten Auflage. Darin enthalten sind zwei neue Wörter: gendergerecht und Gendersternchen. Außerdem enthält der neuen Rechtschreibduden erstmals Hinweise zum gendergerechten Sprachgebrauch. Darüber hinaus erschien 2020 auch das "Handbuch geschlechtergerechte Sprache – Wie Sie angemessen und verständlich gendern" vom Duden-Verlag.

Eine umfangreiche Sammlung unterschiedllicher Begriffe ist im Glossar zu Begriffen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt zu finden.

Aufgaben des Queer-Beauftragten

Auf der Grundlage des Beschlusses der BJR-Vollversammlung "Sexuelle Vielfalt" installierte die BJR-Geschäftsleitung einen Queer-Beauftragten, seit Oktober 2019 ist Patrick Wolf damit Ansprechperson für queere Jugendarbeit im BJR und hat u.a. folgende Aufgaben:

  • klarer und transparenter Ansprechpartner innerhalb der BJR-Geschäftsstelle mit koordinierender, bündelnder Funktion für Kundengruppen
  • Entwicklung von Strategien zur Positionierung des BJRs in den aktuellen (politischen und gesellschaftlichen) Entwicklungen
  • Konzeption für die Implementierung bzw. Bearbeitung des Themas in der Jugendarbeit in Bayern weiter entwickeln (unter Einbezug vorliegender empirisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse)
  • Koordinierung, Vernetzung und Entwicklung von Maßnahmen innerhalb der Fachcommunity und Akteur_innen mit Angeboten für junge Menschen und den Strukturen/Gliederungen zur nachhaltigen Verortung des Themas
  • Sensibilisierung, Entwicklung von Ideen und Maßnahmen für das Thema innerhalb der BJR-Geschäftsstelle: Aktive Umsetzung der Leitsätze in der BJR-Geschäftsstelle für einen offenen und unvoreingenommenen Umgang mit dem Thema LGBTIQ+ sowie den Abbau von Hemmschwellen bei Kolleg_innen und Kundengruppen
  • BJR als attraktiven, vielfältigen und offenen Arbeitgeber mit Diversitätskompetenz nach außen repräsentieren

Medien- und Literaturhinweise

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